us de nzz am sunntig:
«Mir ist nie etwas einfach zugefallen»
Hans Kossmann war lange Assistent von Chris McSorley und wurde von dessen Stil geprägt. Man nannte ihn «den harten Hans». Mit den ZSC Lions zeigt der Coach, wie viele Qualitäten in ihm stecken. Interview: Daniel Germann und Philipp Bärtsch
NZZ am Sonntag: Vor fünf Jahren, als Sie den Final mit Gottéron gegen den SCB verloren, sagten Sie: Verlieren stinkt mir gewaltig. Wie fühlen Sie sich heute?
Hans Kossmann: Viel besser. Und dass wir in einem siebenten Spiel und nach einer so harten Serie Meister geworden sind, macht das Ganze noch spezieller.
Offensichtlich muss Ihre Mannschaft mit dem Rücken zur Wand stehen, um das beste Eishockey zu spielen.
Wir standen von Beginn der Play-offs an unter Druck. Die Spieler wussten, dass man es nicht verzeihen würde, wenn sie ein drittes Mal in Folge in den Viertelfinals scheitern würden. Sie haben realisiert, dass sie etwas erreichen können, wenn sie hart arbeiten und entschlossen auftreten.
Was für eine Mannschaft haben Sie Ende Dezember in Zürich angetroffen?
Man spürte, dass die Spieler ihren Weg verloren hatten. Sie wussten nicht mehr, was sie machen mussten. Ich versuchte, unser Spiel einfacher und gradliniger zu machen. Mit Talent allein kann man nicht gewinnen.
Es ist keine einfache Aufgabe, ein talentiertes Team vom einfachen Spiel zu überzeugen.
Es wäre schwieriger gewesen, den Spielern das vor dem Saisonstart klar zu machen. Nachdem der ganze Herbst schlecht gelaufen war, waren sie bereit, mir zuzuhören.
Sie wussten von Beginn an, dass Sie Ende Saison unabhängig von den Resultaten einem anderen Coach weichen müssen. Verändert das die Art, wie Sie arbeiteten?
Nein, als Trainer lebt man für den Moment, den Erfolg im nächsten Spiel. Wer einen Job mit einem Dreijahresplan antritt, ist spätestens nach sechs Monaten entlassen.
Sie haben während den Play-offs gesagt, der Einfluss des Trainers werde überschätzt.
Das ist so. Ich habe kein Geheimnis, keine Strategie, die die Trainer der anderen elf Teams nicht kennen. Letztlich entscheiden die Spieler und ihre Leidenschaft auf dem Eis. Da haben wir enorme Fortschritte gemacht. Ohne die Opferbereitschaft der letzten Spiele hätten wir die erste Runde der Play-offs nie überstanden.
Was zeichnet Hans Kossmann als Trainer aus?
Ich glaube, ich habe ein gutes Gespür für Menschen und was ihnen fehlt, um Erfolg zu haben. Ich untersuche jeden Gegner auf seine Schwächen hin und versuche, diese zu nutzen. Das musste ich auch als Spieler tun. Ich war nicht sehr talentiert und musste das mit Leidenschaft und einer Prise Schlitzohrigkeit kompensieren.
Ihr Start in der Schweiz war nicht einfach. Sie kamen 1985 zu Genf/Servette und verliessen den Klub, weil Sie vergeblich auf Ihren Lohn warteten.
Ich habe in drei Monaten in Genf mit einem Probevertrag pro Woche 250 Franken erhalten. Als ich den ersten richtigen Lohn erhalten sollte, ging der Klub Konkurs. Ich kam dann dank Andy Murray im zweiten Anlauf nach Zug, begann dort in der zweiten Liga bei Küssnacht und arbeitete daneben in einer Gewürzfabrik. Es war für ich der perfekte Einstieg.
Später hat man Sie in der Nationalliga B in Bülach als «Messier der Hirslen» bezeichnet.
Als ich in die Schweiz kam, dachte ich: «Mein Gott, wie soll ich mich da behaupten.» Alle liefen besser Schlittschuh als ich. Voraus hatte ich ihnen nur das Toreschiessen. So habe ich meinen Platz gefunden.
Man hat Sie in Ihrer Karriere immer wieder unterschätzt. Als Sie in Freiburg begannen, fragte man: Weshalb holt Gottéron einen Assistenten als Headcoach?
Mir ist nie etwas einfach zugefallen. Ich habe mir alles erarbeiten müssen. Andererseits gibt es heute in der National League keinen schlechten Trainer mehr. Letztlich hängt jeder von den Spielern ab, die ihm zur Verfügung stehen. Es ist sehr schwierig, mit einer Mannschaft wie Langnau oder Ambri Meister zu werden.
Ist dieser Titelgewinn der Triumph eines Aussenseiters im Eishockeygeschäft?
Ja, absolut. Ich habe mit 23 Jahren als Spieler in der zweiten Liga angefangen. Normalerweise wird man da nicht mehr Meister.
Sie waren 15 Jahre lang Assistent, ehe Sie Ihren ersten Job als Headcoach in der National League erhielten. War das nicht frustrierend?
Eigentlich nicht. Ich war sieben Jahre in Genf. Die Arbeit dort mit Chris McSorley hat mir sehr viel Spass gemacht. Ich habe ihm nicht nur auf dem Eis, sondern auch im Management geholfen. Um erfolgreich zu sein, muss man auch mit guten Lehrern arbeiten. In dieser Hinsicht hatte ich Glück.
Wieviel McSorley steckt in Hans Kossmann?
Wir sind uns sehr ähnlich, wir können beide schlecht verlieren. Wir haben oft Squash gegeneinander gespielt. Da ging es emotional zu und her. Chris hat immer ein wenig geschummelt. Eigentlich hätten wir uns dort entspannen sollen. Doch einer von uns ging regelmässig wütend nach Hause.
Wer hat jeweils gewonnen?
Meistens ich. Ich hatte mehr Ballgefühl.
Was ist der grösste Unterschied, wenn Sie sich mit dem Hans Kossmann vergleichen, der vor fünf Jahren mit Gottéron erstmals als Headcoach in einem Play-off-Final stand?
Man muss immer vorsichtiger sein, wie man Kritik äussert, die heutige Generation kann nicht sehr gut damit umgehen. Es ist ein Kantengang. Früher konnte man immer den harten Hund markieren, heute muss man mit den Spielern zusammenarbeiten.
Aus Ihrer Zeit in Freiburg ist ein kurzes Video mit einer Brandrede in der Garderobe in Erinnerung geblieben, während der Sie unzählige Male das englische Fluchwort, das mit F beginnt, verwendeten.
Ich fluchte in jenen Momenten ja nicht einfach nur wild drauflos, ich sagte, dass wir aufwachen müssen und dieses Spiel noch wenden können. Ich habe das Wort benutzt, jeder in diesem Sport benutzt es fast täglich. Doch ich beleidigte niemanden. Die Boulevardmedien machen es sich zu einfach, wenn sie einfach immer wieder mit dieser Szene kommen und sagen: Der ist verrückt.
Das Video hat Ihr Image negativ geprägt.
Ja, das nervt mich bis heute. Seither wird geschrieben, ich sei in Freiburg zu hart gewesen. Aber wir erreichten in drei Jahren die Qualifikationsränge 1, 2 und 3, in den Play-offs einmal den Final und zweimal den Halbfinal. Seither ist Gottéron nicht einmal in die Nähe solcher Erfolge gekommen.
Am Freitagabend waren Sie noch total fokussiert auf Ihre Mission, jetzt ist alles vorbei, Sie verlassen den Klub und haben noch keinen neuen Job. Wie fühlt sich das an?
Noch fühlt es sich sehr gut an, ich bin Meister, und das werde ich nun wochenlang geniessen. Ich gehe jetzt mit meiner Frau in die Ferien und dann zurück nach Kanada. Ich mache mir keine Sorgen. Ich arbeite jetzt seit 33 Jahren in der Schweiz, ich habe mich schon mehrmals nach Kanada zurückgezogen – und immer wieder gute Jobs bekommen. Spätestens vor Weihnachten hat das Telefon in der Regel geklingelt.
Wie werden Sie nun in Kanada Ihre Zeit verbringen?
Wir müssen mit dem Umbau unseres Hauses beginnen. Wir hatten die ganzen Pläne gemacht und wollten gerade loslegen, als ich diesen Job hier bekam.
Sie sind ein leidenschaftlicher Heimwerker. Ist die Leidenschaft ähnlich gross wie für den Trainerberuf?
Man kann beides leidenschaftlich machen, aber beim Umbauen fliesst kein Adrenalin, und Adrenalin fühlt sich extrem gut an – jedenfalls wenn man Erfolg hat.