us de hütige nzz:
folgender satz aus dem artikel steht für mich stellvertretend für die momentane situation:
"Aber genügt für einen Fussballtrainer «die richtige Mentalität» als Konzept, um eine Mannschaft voranzubringen?"
meine antwort: nein! und mehr hat sämi nicht anzubieten...leider nicht!
Einmal kurz Luft holen
Nach dem Cup-Erfolg muss der FCZ wieder gegen YB zeigen, ob die Wende gelingt. Von Stephan Ramming
Jubel, Trubel, Discokugel. Aus der Calvados-Bar im Zürcher Kreis 3 brandet Freudengeschrei in die kühle Oktobernacht. Der FCZ hat im fernen Bern gegen YB gerade das dritte Tor geschossen. Noch ein paar heisse Minuten Bangen und Hoffen, dann ist die Qualifikation für die Cup-Viertelfinals geschafft. Wer hätte das gedacht? Nur die wenigsten. Die meist schon älteren FCZ-Fans am Zürcher Idaplatz scheuen unterdessen umständliche Auswärtsfahrten, dafür treffen sie sich jeweils in der Bar, wenn ihr Verein nicht im Letzigrund spielt. Am Donnerstag hat sich der Gang an den Tresen gelohnt. Der Lärm ist gross, die Freude auch.
Rumpel-Fussball, Langeweile
Zu lärmiger Freude hat es zuletzt wenig Anlass gegeben. Eher zu lautem Unmut. Der FCZ ist Tabellenletzter, mit 9 Punkten nach 13 Spielen, seit über einem Jahr gewann der Klub nur ein einziges Heimspiel in der Meisterschaft. Das liegt hinter den Erwartungen des Anhangs und ist weit weg vom Selbstverständnis des FCZ. Nach der Entlassung von Urs Meier Ende August ist es nicht besser geworden. Unter der Leitung des neuen Trainers Sami Hyypiä gelang nur im Cup gegen Wohlen und eben am Donnerstag in Bern ein Sieg. Ein Sieg, der heute Sonntag, abermals in Bern gegen YB, nun die Wende einleiten soll.
Das ist zumindest die Hoffnung. Auch die von Hyypiä? Der Finne verschwindet zuerst einmal im Wald. Durchatmen, kurz Luft holen. Zusammen mit seinem Assistenten Massimo Rizzo macht er sich am Morgen nach dem 3:1 auf zu seiner Jogging-Runde. Von der Saalsporthalle über die Hündeler-Wiesen auf der Allmend, der Sihl entlang hinauf nach Adliswil und wieder zurück. Zeit zum Reden, Zeit zum Überlegen. «Ich denke nicht, dass dies der Wendepunkt war», sagt Hyypiä, «ich denke nur, dass wir das nächste Spiel gewinnen wollen.» Abstiegskampf? Europacup-Plätze? «Im Mai sehen wir dann, wie viele Punkte wir haben.»
Hyypiä sitzt nun in einem schmucklosen Raum in der Saalsporthalle. Er gibt sich locker und spricht freimütig. Aber sagen will er eigentlich wenig. Mit Daumen und Zeigfinger fasst er sich wiederholt an die Schläfen. Es gehe um «die Mentalität» seiner Spieler; jene Mentalität, in jeder Sekunde mit jeder Faser an die Aufgabe des Gewinnens im nächsten Spiel zu denken. So hat er es selber gemacht, als er noch Spieler war. So macht er es jetzt, wenn er als Trainer arbeitet. Aber genügt für einen Fussballtrainer «die richtige Mentalität» als Konzept, um eine Mannschaft voranzubringen?
Gegen YB hat es einmal genügt. Wenn das FCZ-Spiel gegen YB Hyypiäs Konzeption der Mentalität zur Anschauung gebracht haben sollte, bot das zumindest in der ersten Halbzeit keinen schönen Anblick. Zerstörung, Rumpel-Fussball, Kampf, Krampf, Langeweile. Hyypiä schaute zerknautscht auf den Plastic-Rasen, rief «Bewegung» oder «schneller». Die Führung gelang, weil Bua eine Flanke missriet, der Siegtreffer, weil YB-Goalie Mvogo die nahe Torecke vernachlässigte.
«Wir wollten in Bern nicht schön spielen, aber gewinnen», sagt Hyypiä, denn «gegen St.?Gallen haben wir gut gespielt, aber nicht gesiegt.» Zwar begann der FCZ abgesehen vom Goalie zum ersten Mal unter Hyypiä mit der gleichen Formation, doch der Trainer misst dem keine Bedeutung zu. Er spricht von jenen «fünfzehn, sechzehn Spielern, die alle bereit sein müssen». Das ist dann doch eher wenig, um eine Idee ableiten zu können, wie der FCZ auf längere Sicht zu spielen gedenkt.
Was auf dem Rasen zu sehen sein soll, muss vorher im Kopf der Verantwortlichen durchdacht worden sein. Lucien Favre war es, der dies im FCZ vor zehn Jahren am eindrücklichsten vorgemacht hat. Seither war es immer so, dass der FCZ sein Selbstverständnis im Grundsatz aus dem Bewusstsein bezogen hat, dass ein wichtiger Teil der Arbeit des Cheftrainers von der Entwicklung junger Spieler bestimmt wird. Favres Nachfolger Bernard Challandes, Urs Fischer und Urs Meier hatten alle Erfahrungen im Nachwuchs. Hyypiä hat keinerlei Erfahrung in der Ausbildung. Aber er weiss, wie man als Spieler die Champions League gewinnt.
Ancillo Canepa hat nach bald zehn Jahren als FCZ-Präsident offenbar wieder mehr Lust auf Champions League als auf Ausbildung. Junge wie Francisco Rodríguez, Nico Elvedi, Dimitri Oberlin und andere gingen im Sommer oder wurden weggegeben, bald soll das Kader auf unter zwanzig Spieler reduziert werden, auf ein Ensemble von bestandenen, fertig ausgebildeten Profis, die sich wie in der Bundesliga oder in der Premier League statt mit Passübungen mit der «richtigen Mentalität» zu beschäftigen haben. Diese Neuausrichtung hat bis jetzt weder Resultate gezeitigt, noch war sie in der Spielweise zu erkennen.
Stromstoss für die Mannschaft
«Es gibt noch vieles, was wir besser machen müssen», sagt Hyypiä. Der Finne lässt immerhin durchblicken, dass der Weg aus dem Tabellen-Keller lang und steinig werden könnte. Den Segen von Canepa hat er, diesen Weg zu gehen. Das Weiterkommen im Cup soll wie ein Stromstoss für die Mannschaft wirken, damit sich gegen den gleichen Gegner wie am Donnerstag ein zweiter Erfolg einstellt. Die Lautstärke in der Calvados-Bar am Sonntagnachmittag wird ein guter Gradmesser dafür sein, ob das gelingt.