us der sonntag vom 16.3:
Wer ist Yassine Chikhaoui?
Auf den Spuren eins Phänomens und der Schönheit des Fussballs
VON ETIENNE WUILLEMIN
Yassine Chikhaoui ist der Fussballer, dem Dribblings mühelos gelingen, wo normale Fussballer über die eigenen Füsse stolpern. Der Fussballer, der Pässe spielt, die sich normale Fussballer gar nicht vorstellen können. Der Fussballer, der normale Fussballer allein mit seiner Präsenz besser macht.
Yassine Chikhaoui ist der Fussballer, der lustlos über den Rasen schreitet. Der Fussballer, der schmerzgeplagt von der Tribüne zuschaut. Der Fussballer, der Mitspieler übersieht, den Ball verliert und stehen bleibt.
Yassine Chikhaoui ist manchmal Fussballgott. Manchmal Ärgernis. Häufig verletzt. Immer faszinierend.
Es ist Mittwochmorgen. Kurz nach
10 Uhr. Konditionstraining in Zürich. Die Sonne scheint. Die Spieler laufen um die Saalsporthalle. Der Parcours führt zu den Treppen der Tribüne. Dann: hoch und runter, hoch und runter. Mitten drin: Yassine Chikhaoui. Es ist, als würde dieser eine Konditionslauf ein Bild seiner gesamten Zeit beim FCZ zeichnen. Hoch und runter.
Es ist Mittwochnachmittag. Kurz nach 15 Uhr. Fussballtraining in Zürich. Die Sonne scheint. Eine Ballbesitz-Übung. Plötzlich läuft Yassine Chikhaoui durch zwei Gegenspieler hindurch, als würden sie nicht existieren. Der Ball klebt ihm immer am Fuss. Genuss. Wenige Minuten zuvor. Torschusstraining. Der Ball kommt zur Mitte. Chikhaoui steht sieben Meter vor dem Tor. Er drischt den Ball übers Tor, übers Absperrgitter, bis zur nahegelegenen Autobahn. Rätsel.
Vielleicht gibt es zwei Fussballer mit Namen Yassine Chikhaoui. Und welcher Mensch steckt dahinter?
Yassine Chikhaoui ist ein Mensch, der seine Gedanken gerne für sich behält. Seit er 2008 von der deutschen «Bild»-Zeitung in die Nähe radikaler Muslime gestellt wurde, ist sein Verhältnis mit Medien angespannt. Interviews gibt er ganz selten. Auch diese Woche hat er die Anfrage für ein Gespräch abgelehnt.
Am Rande des Trainings ergibt sich die Gelegenheit für eine einzige Frage: Yassine, worin besteht für Sie die Schönheit des Fussballs? «Schwierige Frage. Fussball ist Eleganz. Und gleichzeitig stetige Konkurrenz, jeder will immer gewinnen. Diese Wechselwirkung ist faszinierend.»
Geboren wird Chikhaoui am 22. September 1986 im tunesischen Radès. Dort spielt er bis kurz vor seiner Volljährigkeit Fussball. Über Etoile Sportive du Sahel wechselt er im Sommer 2007 zum FCZ. Mit seiner Frau und den beiden Buben (2 und 4) wohnt er in Kilchberg – die Nachbarn heissen Amine Chermiti und Pedro Henrique. Mit Chermiti verbindet ihn ein freundschaftliches Verhältnis, das über den Fussball hinausgeht. «Ich möchte nicht über Yassine sprechen, wenn er sähe, dass ich öffentlich Aussagen über ihn mache, würde er mir zurecht sagen: ‹Mein Leben ist doch nicht dein Problem!›»
Abseits des Rasens verbringt Chikhaoui viel Zeit mit seiner Familie. Zeit für andere Dinge bleibt dennoch. Video-Spiele zum Beispiel. «Wir gamen eigentlich fast jeden Tag zusammen», sagt Marco Schönbächler, «Call of Duty, übers Internet.» Es hört sich an wie eine Leidenschaft. Für beide.
Mit wem man auch immer über Chikhaoui spricht, ein Wort kommt ziemlich schnell: Respekt. Nichts ist für ihn wichtiger, als zu erkennen, dass sein Gegenüber ehrliches Interesse an ihm zeigt. Fredy Bickel, heute YB-Sportchef, damals beim FCZ zusammen mit Präsident Ancillo Canepa für den Transfer zuständig, erinnert sich: «Zuerst wollte Chikhaoui nicht einmal mit uns sprechen. Aber dann hat er gemerkt, dass wir uns für ihn, für seine Familie und auch für seine Kultur interessieren. Weil ihm das Gespräch nur an einem Samstag ging, haben wir einen Flug gechartert – das hat ihn beeindruckt. Am Schluss entschied er sich nach nur einem Tag für den FCZ.»
In all seinen Zürcher Jahren ist Chikhaoui aber eines immer geblieben: fragil. Immer wieder und vor allem lange war Chikhaoui verletzt. Häufig am Knie. Zuletzt plagte er sich im vergangenen Sommer mit einer rätselhaften Magen-Erkrankung herum. Der FCZ liess ihm alle Zeit, sich in Tunesien, bei seinen Vertrauensleuten, zu erholen. Sportdirektor Marco Bernet fragt: «Was nützt es, in so einer Situation zu sagen: ‹Hey, in zehn Tagen bist du wieder zurück und bringst Leistung!›?» Und gibt gleich die Antwort: «Wir denken, es ist besser, zu sagen: ‹Wir sehen, es geht dir nicht gut. Nimm dir die Zeit zur Erholung und komm zurück, wenn du dich wieder wohlfühlst.›»
Der FCZ hat Chikhaoui stets führsorglich behandelt. Hat ihm Freiheiten gelassen. Dazu gehört auch, dass der gläubige Muslim kurz für zehn Minuten diskret in einen abgeschlossenen Raum gehen kann, um zu beten. «Es sollte selbstverständlich sein, dass ein Mensch so leben darf, wie er möchte. Wir möchten unsere Werte in fremden Ländern auch behalten dürfen», sagt Bernet.
Der FCZ hat viel für Chikhaoui gemacht. Hat dafür glanzvolle Momente geniessen dürfen. Gerade jetzt ist wieder so eine Phase. Chikhaoui, der im Derby plötzlich einen 45-Meter-Sprint zurück zeigt. Chikhaoui, der nach einer Grätsche von hinten einfach wieder aufsteht. Chikhaoui, der seine Mitspieler an seiner Kreativität teilhaben lässt. Es ist eine Phase, in der man denkt, dass Chikhaoui immer noch zum Weltstar tauge.
Aber der FCZ musste auch leiden. Mit einem verletzten Spieler, physisch wie psychisch. Mit einem Spieler, der viel verdient und weiter viel verdienen möchte. Auch deshalb ist im Sommer die Liaison FCZ und Chikhaoui zu Ende. Wie der Spieler darauf reagiert, auf diese Entscheidung, die ihm im Herzen wehtat, verdient Respekt. «Er arbeitet daran, einen guten letzten Eindruck zu hinterlassen», sagt Trainer Urs Meier, «wenn ein Kapitel mit guten Gefühlen zu Ende geht, bringt das beide weiter.»
Trennung also. Aller Voraussicht nach. Was, wenn der FCB weiter strauchelt? Der FCZ weiter von Sieg zu Sieg fliegt? In die Champions League einzieht, Millionen einnimmt. «Dieses Szenario stellen wir uns nicht vor», sagt Bernet, «trotzdem ist klar: Eine neue Situation erfordert immer neue Gedanken.»
Wohin Chikhaoui auch immer geht, oder ob er doch noch bleibt, Fredy Bickel ahnt, was es braucht, damit der Fussballer und Mensch Chikhaoui Freude bereiten kann: «Er muss in irgendeiner Art persönlich berührt werden.»
Wahrscheinlich ist das nicht in der Schweiz. Bis es so weit ist, heisst es: Staunen! Geniessen! Träumen! Vielleicht.