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Poker um das Stadion
GC, der FCZ und die Firma Halter wollen in Zürich ein Stadion bauen. Sie sind auf das Wohlwollen von Stadt und Credit Suisse angewiesen. Diese reagieren reserviert. Von Christine Steffen und Flurin Clalüna
Ancillo Canepa sitzt in seinem Büro und stopft die Pfeife. Es ist der Tag nach der Niederlage gegen die Grasshoppers, und vielleicht würde sich der Präsident des FC Zürich gerne darüber Gedanken machen, wie er seine Mannschaft verstärken kann. Aber er tut, was ihn sein Jahren beschäftigt: weibeln für ein Stadionprojekt.
Vor acht Jahren wurde Canepa Präsident im FCZ. «Damals hat man mir in aller Ernsthaftigkeit versprochen, dass wir 2008 ein neues Fussballstadion haben werden», sagt er. Seither sind zwei Projekte gescheitert: das Fünfeck mit Mantelnutzung der Credit Suisse am Widerstand der Anwohner und das von der Stadt finanzierte Stadion an der Urne. Jetzt zieht Canepa an seiner Pfeife und sagt: «Ich erwarte, dass alle Beteiligten unser Projekt unterstützen.» Kaum zwei Monate sind vergangen, seit die Stadtzürcher Bevölkerung Nein gesagt hat zu den 216 Millionen Franken, mit denen ein Stadion und Wohnungen auf dem Hardturmareal hätten gebaut werden sollen. Und schon kämpft Canepa wieder für ein Projekt. Das ist etwas irritierend, weil die beiden Klubs im Wahlkampf vermittelt hatten, dass bei einer Ablehnung der Vorlage Spitzenfussball in Zürich kaum eine Zukunft habe. Canepa sagt, dieses Risiko bestehe weiterhin - offensichtlich hat man sich aber sehr wohl Gedanken um einen Plan B gemacht.
Namensrecht für die CS?
Die neue Idee knüpft an das Modell einer privat finanzierten Arena mit Mantelnutzung an; im Unterschied zum Projekt der Credit Suisse sind Mantelnutzung und Sportstätte aber örtlich getrennt. Der Stadionbau soll aus den Erträgen aus Wohnungen und Büros auf dem Hardturmareal querfinanziert werden und auf einem Areal entstehen, das die Stadt im Baurecht zu einem symbolischen Zins abgibt. Als Vorbild dient das Stadion-Konstrukt in Luzern (siehe Text rechts).
Im Boot mit dem FCZ und GC ist die Immobilienunternehmung Halter, die bereits in Luzern gebaut hat. Zurzeit werden zwei Standorte favorisiert (siehe Grafik); eine von den Initianten in Auftrag gegebene Studie hat jedoch 18 weitere mögliche Standorte in- und ausserhalb der Stadt eruiert - etwa auf dem Kasernenareal und der Allmend Brunau. Vorgesehen ist, dass die Stadt dem Konsortium das Land beim Hardturm für 50 Millionen Franken verkauft; zum Preis also, zu dem sie es 2010 von der CS erworben hat. Allerdings hat die CS bis 2035 ein Rückkaufsrecht zum gleichen Preis, falls auf dem Land kein Stadion entsteht - am Tag der verlorenen Abstimmung hat der Stadtrat André Odermatt darauf hingewiesen, dass der Hardturm für die Stadt als Stadion-Standort kein Thema mehr sei. Zudem handelte es sich bei den 50 Millionen um einen Vorzugspreis. Weil die Überbauung beim Hardturm den Bau des Stadion finanzieren soll, geht das Konsortium davon aus, dass die Credit Suisse das Projekt unterstützen wird (siehe Interview). Das ist eine gewagte Annahme. Eingehen mag die CS auf die Offensive nicht. «Wir prüfen zusammen mit der Stadt Zürich die Alternativen und besprechen das weitere Vorgehen» - den dürren Satz hat sie nach dem Nein zum Stadion am 22. September verlauten lassen, an ihm hält sie fest.
Der GC-Präsident André Dosé lädt ins Restaurant «Heugümper». Er sagt: «Das Land beim Hardturm hat einen höheren Wert als 50 Millionen. Da braucht es ein Entgegenkommen der CS.» Er räumt ein, dass im Gegenzug wohl ein Entgegenkommen des Konsortiums gefragt sei, damit das Projekt für die CS attraktiver werde. Dass es dabei etwa um die Namensrechte für das Stadion gehen könnte, will er weder bestätigen noch ausschliessen.
Man kann davon ausgehen, dass die Credit Suisse nicht zuletzt vom Tempo der Initianten überrascht wurde - wie auch die Stadt. Am 1. Oktober, neun Tage nach der verlorenen Abstimmung, hatte André Dosé vor den GC-Fans auf der Hardturm-Brache bereits angekündigt, es sei realistisch, dass man in vier, fünf Jahren ein privat finanziertes Stadion habe. Am 25. Oktober fanden sich um 7 Uhr die beiden Klubpräsidenten und eine Delegation der Firma Halter bei den Stadträten André Odermatt, Gerold Lauber und Daniel Leupi ein. Sie präsentierten ihren Vorschlag und gingen fünf Stunden später damit an die Öffentlichkeit. Der Finanzvorstand Daniel Leupi erklärt auf Anfrage, weder die Klubs noch die Halter AG hätten den Stadtrat vorher informiert.
«Schnelle Antworten»
Mit der raschen Bekanntgabe setzen die Initianten Druck auf. Für sie ist es unabdingbar, schnell Hoffnung auf einen Auszug aus dem Letzigrund zu schaffen, um das Umfeld von Geldgebern, Sponsoren und Fans im Fall von GC bei Laune zu halten. Dosé sagt: «Wir brauchen schnelle Antworten. Weder die Stadt noch die CS brauchen ein Jahr, um unseren Vorschlag abzuklären.» Das Konsortium forciert aber nicht nur das Tempo, sondern baut forsch auf ein Wohlwollen der anderen Parteien. Dosé erkennt sogar eine «Verpflichtung der Stadt, Hand zu bieten für eine Lösung». Diese leitet er aus dem knappen Abstimmungsresultat ab: «Wenn es bei einer Abstimmung fast 50:50 steht, ist ein gewisser Handlungsbedarf da. Ich sehe das weniger als Entgegenkommen der Stadt denn als Lösung, wie man das Bedürfnis von fast 50 Prozent der Stimmbürger befriedigen kann.» Und Canepa sagt: «Dieses Projekt zu torpedieren, wäre nur noch böswillig.» Den Profit für die Stadt sehen sie darin, dass diese auf dem Gebiet des Hardturm-Parkhauses die Sozialwohnungen bauen könnte, die bei der kombinierten Abstimmung im September angenommen wurden.
Der Stadtrat lässt sich durch die entschiedenen Ansagen nicht aus der Reserve locken. Daniel Leupi lässt nüchtern verlauten: Der Stadtrat mache eine Auslegeordnung und prüfe alle denkbaren Varianten und privaten Initiativen. Er schreibt: «Nach zwei gescheiterten Projekten und insbesondere nach dem Nein der Stimmberechtigten ist ein Beitrag der Stadt - in welcher Form auch immer - höchstens in einem bescheidenen Rahmen denkbar.» Man kann sich auch fragen, warum die Stadt einer privaten Firma wie Halter Land zu einem Dumpingpreis überlassen soll - selbst wenn die lange Leidensgeschichte um ein Fussballstadion in Zürich als angenehme Begleiterscheinung gelöst würde.
Die Dringlichkeit begründen die Präsidenten mit der Situation im Letzigrund. Dosé spricht davon, dass das wirtschaftliche Überleben der Klubs «schwer bis unmöglich» sei, bekämen sie kein Stadion. Kurzfristig möchten der FCZ und GC der Misere mit baulichen Massnahmen begegnen. Denkbar sei etwa, das Stadion mit Glas zu umhüllen. «Das gäbe Wetterschutz und wäre gut für die Stimmung und die Sicherheit, weil kein Pyro-Material mehr ins Stadion geworfen werden könnte», sagt Canepa. Zudem wünschten sich die Klubs eine Vergrösserung der Restaurationsmöglichkeiten von 329 auf 1000 Plätze.
Längerfristig muss für die Klubs ein neues Stadion entstehen. Die Energie, mit der sie vorpreschen, spricht für ihre Not. Ihre Strategie hat überfallartigen Charakter. Entsprechend zurückhaltend präsentieren sich diejenigen, die grosszügig Hand bieten müssten für die vorgeschlagene Lösung. Ancillo Canepa sagt: «Das ist eine mehrfache Win-win-Situation.» Stadt und CS werden sich sehr genau überlegen, was sie zu gewinnen haben.
Plan der Initianten
«Kann es sich die CS wirklich erlauben, hier nicht mitzumachen?»
NZZ am Sonntag: Das neue Stadionprojekt kam für viele überraschend schnell auf den Tisch. Wie lange existiert die Idee schon?
Markus Mettler: Fünf Tage nach der Abstimmung sind wir auf die Präsidenten André Dosé und Ancillo Canepa zugegangen. Hinter dem Projekt steht eine längere Geschichte. Schon 2009, als sich die CS aus ihrem Stadionprojekt zurückzog, hatten wir eine ähnliche Idee. Sie sah ebenfalls vor, das Stadion und die Mantelnutzung zu trennen. Wir haben das Projekt damals auch der Stadt präsentiert, aber sie hatte die Absicht, das Stadion selber zu bauen. Heute glaube ich, dass unser Projekt die einzige Möglichkeit darstellt, ein privatwirtschaftlich finanziertes Stadion zu erstellen.
Schon in der Volksabstimmung hatten die Befürworter den Eindruck erweckt: entweder dieses Stadion oder keines. Wenn Sie sagen, das sei die einzige Möglichkeit, wird man stutzig.
Das ist mir klar. Natürlich kann man darauf hoffen, dass ein privater Investor kommt und für 100 Millionen Franken ein Stadion hinstellt. Auch die Klubs könnten das theoretisch tun, aber das ist aus finanziellen Gründen undenkbar. Oder ein Gönner wie Roman Abramowitsch könnte uneigennützig ein Stadion finanzieren. Daran kann man glauben. Aber es ist nicht realistisch. Auch die Finanzierung durch die öffentliche Hand ist gescheitert. Dann bleibt nicht mehr viel übrig - eigentlich nur noch unser Modell.
Sie möchten das Hardturm-Areal für 50 Millionen Franken kaufen, obwohl das Land mehr wert ist.
Natürlich ist das nicht der Marktpreis. Die 50 Millionen entsprechen jedoch exakt dem Preis, den die Stadt der CS 2010 für das Grundstück bezahlt hat, um darauf ein Stadion zu bauen. Da unsere Zielnutzung dieselbe bleibt - eine Sportstätte zu realisieren -, sind wir der Ansicht, dass der Fussball einen historisch legitimen Anspruch auf dieses Land erheben darf.
Wie meinen Sie das?
Unser Vorschlag an die Stadt und die CS ist: Verwendet die Grundstücke im Hardturm, die immer schon für den Fussball genutzt wurden, zur Finanzierung eines Stadions.
Die CS hat ein Rückkaufsrecht auf das Hardturm-Areal, wenn dort kein Stadion entsteht. Weshalb soll sie es nicht selber nutzen?
Die Frage ist: Ist die CS wirklich nicht bereit, im Sinne des Fussballs einer solchen Lösung zuzustimmen? Aufgrund ihrer historischen Tradition müsste sie dafür sein. Kann es sich die CS wirklich erlauben, hier nicht mitzumachen?
Sie setzen die CS unter Druck.
Ja, das ist so. Klar haben wir die CS auch etwas überrascht mit unserem Vorschlag, aber am Ende des Tages wird es auch für sie eine Win-win-Situation sein.
Was ist der Gewinn für die CS?
Sie kann ihr langfristiges Versprechen verwirklichen, ein Stadion für Zürich zu realisieren. Was es ihr wirtschaftlich bringt, wird sie sich überlegen müssen.
Wie sieht jetzt Ihr Zeitplan aus?
Sobald wir die Bewilligungen haben, sollen institutionelle Anleger eintreten - zum Beispiel auch die CS. Wir bieten eine marktadäquate Rendite. Das Einzige, das passieren kann, ist, dass die Stadt oder die CS sagen, sie wollten nicht mitmachen - aus einem Grund, den wir uns nicht vorstellen können.
Was soll auf dem Areal gebaut werden?
Wir wollen 600, 700 Wohnungen zu marktüblichen Preisen erstellen. Die Rendite kommt aus den Wohnungen und aus 14 000 m2 Bürofläche. Der Ertrag aus den Liegenschaften dient der Querfinanzierung des Stadions.
Also tragen die Investoren das Stadion nur mit, um von anderen Liegenschaften zu profitieren.
Das ist böse gesagt, aber die Wahrheit. Die Investoren haben ein Portfolio mit Wohnungen Büros, Gastroflächen und 2 Millionen Erträgen von den Klubs.
Um noch einmal böse zu sein: Für Ihre Firma war es doch gut, dass das Stadion abgelehnt wurde.
Der VR-Präsident Balz Halter ist eingefleischter GC-Fan. Nach der Abstimmung war er sehr enttäuscht. Doch dann haben wir gesagt: Wir gehen bewusst raus mit einem neuen Projekt. Interview: Flurin Clalüna, Christine Steffen