Zitat von Mushu
Was meint ihr eigentlich zu der Entwicklung in Neuenburg?
Kommt da (erstmals) ein verlässlicher (seriös will ich nicht sagen) Investor in den CH-Fussball und wird Xamax eine neue Macht; oder ist das auch eine (weitere) Seifenblase die eher kurz als lang platzt, und einem Verein seine Existensgrundlagen entzieht?
us de hütige "nzz am sonntag":
tönt schwer nach 1. liga...i spöteschtens 2 jahr!
gruess roli c.
Die Tschetschenisierung von Xamax
Seit einem Monat ist der Neuenburger Verein in der Hand von Bulat Tschagajew. Es herrscht Verwirrung. Noch nie war ein Klubbesitzer im Schweizer Fussball politisch so umstritten. Von Flurin Clalüna
Die tschetschenische Revolution dauerte 23 Minuten, dann war die
Machtübernahme vorbei und Xamax nicht mehr Xamax. Niemand wagte es, seine Stimme zu erheben, als Bulat Tschagajew vor einem Monat zum neuen Besitzer des Neuenburger Fussballvereins wurde. Die Generalversammlung stimmte ohnmächtig zu, ohne zu wissen, wer dieser Mann genau ist und was er vorhat. Ein Anwalt, der Xamax nahesteht, sagt: «Ein Schiffbrüchiger auf hoher See fragt den Captain des Schiffs, das ihn retten will, auch nicht nach seinen Ausweispapieren.» 51 Prozent der Aktien gehören nun Tschagajew, einem offenbar steinreichen Exiltschetschenen, der in Genf Immobilien- und Rohstoff-Firmen besitzt. Der ehemalige Präsident Sylvio Bernasconi hat Tschagajew Xamax verkauft, «für mehr als einen Franken und für weniger als zwei Millionen Franken.»
Opposition gab es, aber sie war klein. Draussen vor dem Stadion, der Maladière, hielt ein Widerstandsgrüppchen selber gemalte Transparente in die Höhe. Angeführt von einem Neuenburger Uniprofessor, der Flugblätter verteilte, auf denen stand, die Übernahme sei «unmoralisch und gefährlich für die Republik».
Gefährlich? Xenophob?
Aber gegen Tschagajew liegt offiziell nichts vor, keine Anklage, keine Beschuldigung. Sein Anwalt sagt, man müsse endlich aufhören, ihn zu «verteufeln». Bürgerliche Lokalpolitiker, die ihm vorurteilsfrei gegenübertreten, halten die Angst vor ihm für «xenophob und rassistisch», weil Tschagajew wegen seiner Herkunft unter Generalverdacht gestellt werde. Es sind die gleichen Politiker, die sagen, sie hätten Vertrauen in die Schweizer Bankenaufsicht, die die Herkunft des tschetschenischen Geldes schon überprüfen werde. In diesem Sinn hatte sich auch der ehemalige Trainer Bernard Challandes geäussert, der während 17 Tagen Xamax-Coach war und sich dann verabschiedete, «weil mir die neue Philosophie nicht passte». Selbst Bundesrat Didier Burkhalter, der früher als Junior bei Xamax Fussball gespielt hatte, musste zur Übernahme Stellung nehmen. Burkhalter äusserte sich ziemlich unbesorgt.
Dennoch war noch nie eine Übernahme im Schweizer Fussball politisch so umstritten wie jetzt diese. Zwielichtige ausländische Besitzer gab es zwar schon oft, aber noch nie wurde die Politgesinnung eines Eigentümers verhandelt. Das Misstrauen gegen Tschagajew sitzt tief. Das liegt an seiner Distanzlosigkeit zu Ramsan Kadyrow, dem despotischen Machthaber Tschetscheniens. Kadyrow sei für ihn «wie ein Bruder», sagte Tschagajew in einem Fernsehinterview. Menschenrechtsorganisationen werfen Kadyrows Regime Gesinnungsterror, Folter, Mord und Erpressung vor. Tschagajew ist einer von vier Vizepräsidenten des tschetschenischen Klubs Terek Grosny, den sich Präsident Kadyrow als Propagandainstrument hält.
Seit der Machtergreifung in Neuenburg vor einem Monat hat Tschagajew nichts dafür getan, das Misstrauen ihm gegenüber auszuräumen. Xamax war schon vorher ein seelenloser Plastic-Verein mit Kunstrasen, Zuschauerschwund und dem zuweilen rüden Präsidenten Sylvio Bernasconi. Aber jetzt entfremdet sich Xamax von allem, was dem Klub Identität gegeben hatte. Der 75-jährige Ehrenpräsident Gilbert Facchinetti hatte Xamax während Jahrzehnten wie einen Familienbetrieb geführt und sagt: «Ich erkenne mein Xamax kaum wieder. Ich sorge mich.» Es gibt die Episode, wonach Tschagajew im Cup-Final in der Pause in die Kabine gestürmt sei und die Spieler mit dem Tod bedroht habe. Mit dem Goalie Jean-François Bédénik sei es zu Handgreiflichkeiten gekommen. Tschagajew bestreitet alles. Er habe lediglich gesagt, die Spieler müssten «kämpfen und sterben» für einen Xamax-Fan, der im Spital liege und mit dem Tod ringe.
Tschagajew spricht nicht Französisch und kaum Englisch. Bei Xamax hat er eine Präsidenten-Marionette, Andrei Rudakow, installiert, die für ihn spricht und ohne seinen Segen gar nichts sagt. Rudakow lebt seit zwanzig Jahren in der Schweiz, er spielte Fussball bei Spartak Moskau, Bulle und Freiburg; er ist Tschagajews Nachrichtensprecher, aber kaum ein Präsident. Tschagajew versuchte, Sympathien zu kaufen, er liess die Zuschauer gratis ins Stadion und veranstaltete ein Fest, das fast niemand besuchte. Er redete von viel Geld, von der Champions League, die Namen des Stürmers David Trézéguet und des Trainers Diego Maradona kursierten. Tschagajew personifiziert beides: die Angst vor der Zersetzung des Klubs und den Traum von einer mit viel Geld erkauften, glorreichen Zukunft. So wie früher, in den goldenen achtziger Jahren von Xamax. Der Verteidiger Frédéric Page sagt: «Wir sind an einer Kreuzung. Ich weiss nicht, wohin es geht. Vielleicht hat Herr Tschagajew eine Vision wie Roman Abramowitsch mit Chelsea und baut bei Xamax etwas Unglaubliches auf.» Angekündigt hat Tschagajew, dass der Kunstrasen in der Maladière entfernt werden soll. Falls die Behörden dem nicht entsprächen, drohte er mit dem Auszug. Ausserdem könne er sich vorstellen, das Stadion zu kaufen, das der Stadt Neuenburg gehört.
Die Angst und der Traum
Bisher gab es nur die rücksichtslose Demontage von Xamax, zuletzt den Versuch, den Verein in «Xamax Wainach» umzutaufen, benannt nach einer im Nordkaukasus beheimateten ethnischen Gruppe. «Ausgeschlossen» sei das, sagt Facchinetti, der aber auf die Klubpolitik keinen Einfluss mehr hat. Den Antrag auf Umbenennung hat der Schweizer Verband abgelehnt - aus formalen Gründen, weil er zu spät eingereicht worden war. Das bestätigt der Liga-Direktor Edmond Isoz.
Die neuen Besitzer haben ein Loch in die operative Führung des Vereins geschlagen; mehrere Mitglieder der Administration, unter ihnen der Sportchef Paolo Urfer und der ehemalige Internationale Alexandre Rey, sind Anfang Juni entlassen worden, «weil ich entdeckt habe, dass die Geschäfte nicht professionell erledigt wurden und dass gewisse finanzielle Aspekte nicht geregelt waren», wie Tschagajew in einem Interview sagte. Die Beschuldigten bestreiten die Vorwürfe und haben einen Anwalt genommen, «um unsere Rechte zu verteidigen», wie Rey sagt. Page bekam eine SMS von einer Sekretärin, worin sie schrieb: «Das Abenteuer Xamax ist für mich vorbei.» So erfuhr der Verteidiger auch, dass der Trainingsstart um fünf Tage verschoben wurde. Es gibt Gerüchte, dass die halbe Mannschaft ausgetauscht werden soll, obwohl nur zwei Spieler auslaufende Verträge haben. Auch Page hat davon gehört. Abklären, was an dem Gemunkel dran ist, kann er nicht. Er sagt: «Ich wüsste gar nicht, an wen ich mich wenden sollte.» Urfer hatte ihm vor den Ferien geraten, das Natel nicht auszuschalten. Aber Urfer ist nicht mehr da.
Vor kurzem gab Xamax bekannt, dass Sonny Anderson, der ehemalige Servette-, Barcelona- und Lyon-Stürmer, neuer Trainer werden soll. Aber Anderson, als Profitrainer unerfahren, hat keine gültigen Diplome. Also machte man ihn kurzerhand zum «Manager». Und jetzt, wo der Franzose François Ciccolini Chefcoach werden soll, heisst es, Anderson sei auch sein Assistent. Die Vermutung liegt nahe, dass Ciccolini, zuletzt Juniorentrainer in Monaco, ihm die Ausweise «leiht», Anderson aber der Chef ist. Wobei diesen Titel bei Xamax eigentlich nur einer tragen darf: Tschagajew.