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Die Trainerikone Claude Julien traut Ambri den Meistertitel zu – und erklärt, wieso sich Wayne Gretzky als Coach so schwertat
Nur 15 Trainer haben in der NHL mehr Partien gewonnen als der Kanadier Claude Julien. Dieser Tage berät der ehemalige Meistercoach der Boston Bruins den HC Ambri-Piotta. Er sagt, Ambris Trainer Luca Cereda habe das Potenzial für die NHL.
Nicola Berger, Ambri 26.09.2022, 16.30 Uhr

Unerschöpflicher Erfahrungsschatz: Claude Julien, der zuletzt an den Olympischen Spielen und der WM sein Heimatland Kanada coachte.
Annegret Hilse / Reuters
Claude Julien hat schlechte Erinnerungen an die Schweiz: Als er sich mit dem kanadischen Nationalteam im Januar in Davos auf die Olympischen Spiele vorbereitete, stürzte er beim Schlitteln so schwer, dass er mit einer durchstochenen Lunge per Ambulanz nach Chur gefahren werden musste und dort operiert wurde. Beinahe hätte ihn der Unfall die Reise nach Peking gekostet, erst im letzten Moment gaben die Ärzte grünes Licht.
Doch Julien, 62, weiss etwas darüber, wie man sich wieder aufrichtet, nachdem man gefallen ist. Zwar brachte er es auf 14 NHL-Einsätze, aber er war kein übermässig talentierter Verteidiger und tingelte mehrheitlich durch die Unterligen Nordamerikas. 1987 erhielt er in der Organisation der Quebec Nordiques keinen neuen Vertrag mehr, weil der Klub das Geld brauchte, um einer Sowjet-Auswahl die Gage für das Exhibitionspiel «Rendez-vous 87» zu bezahlen.
Julien wich nach Paris aus, wo er sich mit dem Laissez-faire allerdings schwertat. Er sagt: «Um Weihnachten herum gab es zwei Wochen Ferien. Ich dachte: Macht ihr Witze? Maximal zwei Tage frei – und danach geht es wieder an die Arbeit. Aber die haben das ein bisschen anders gesehen.»
Er trainierte selber, weil er nicht stillsitzen konnte – der Fleiss war immer grösser als das Talent: «Mir wurde als Spieler nichts geschenkt. Das bildet den Charakter schon. Und es hat mir als Trainer sehr geholfen. Wayne Gretzky zum Beispiel hatte Mühe, zu verstehen, dass nicht alle über ein so hohes Spielverständnis verfügen wie er. Darum war es für ihn als Coach schwierig.»
Julien hat es an der Bande weit gebracht, er ist einer der erfolgreichsten Trainer der NHL-Geschichte, mit 665 Siegen in 1274 Spielen liegt er in der «ewigen» Bestenliste auf Platz 16. 2011 gewann er mit den Boston Bruins den Stanley-Cup.
Der ZSC-Coach Marc Crawford war der letzte Stanley-Cup-Sieger in der National League
Seit seiner Entlassung in Montreal im Februar 2021 hat Julien nicht mehr im Klubeishockey gearbeitet, gerade befindet er sich auf Visite im HC Ambri-Piotta – er ist dem Assistenztrainer René Matte freundschaftlich verbunden. Zwei Wochen lang stand er Matte und dem Cheftrainer Luca Cereda zur Seite, nach dem Tessiner Derby vom Dienstag wird er zurück nach Kanada reisen.
Es kommt selten vor, dass sich Trainer, die den Stanley-Cup gewonnen haben, in die Schweiz verirren, der letzte war der 2012 eingestellte ZSC-Coach Marc Crawford. Doch Julien sagt: «Ich finde es problematisch, wie schnell man überhöht wird. Ich bin nur ein Mensch wie jeder andere auch. Wissen Sie: In meiner perfekten Welt wäre ich NHL-Coach, aber wenn ich aus der Eishalle trete, kennt mich keiner. Ich liebe das Eishockey. Und weniger das ganze Drumherum.»
Mit dieser Einstellung passt er gut nach Ambri, dem sagenumwobenen Refugium der Sportromantiker. Julien steht mit neugierigem Blick im Ambri-Shirt in den Katakomben der Gottardo Arena und scheint sich aufrichtig darüber zu freuen, dass man sich hier an ihn erinnert hat und sein Rat gefragt ist.
Was hat er Cereda und Matte weitergegeben? Er lächelt und sagt: «Na ja, ich kann ihnen jetzt schlecht alles verraten. Vor allem sollen sie sich nicht ändern, das wäre der schlimmste Fehler, den sie machen können. Hier wird sehr, sehr gute Arbeit verrichtet. Luca strotzt vor positiver Energie, es ist eindrücklich, zu sehen, wie er einen Raum für sich vereinnahmen kann.» Dann fügt er an: «Mich fasziniert Ambri. Die Leidenschaft der Menschen hier. Es ist eine reizvolle Aufgabe, wenn man fast immer der Underdog ist und andere Lösungen finden muss, um Erfolg zu haben, weil die Konkurrenz mehr Geld ausgeben kann. Mit Einstellung, Herz und Kampfgeist lässt sich vieles kompensieren.»
Er erwähnt die Baseballer der New York Yankees, die zwar oft das kostspieligste Team stellen. Und doch nicht jedes Jahr den Titel gewinnen. Julien will doch nicht etwa suggerieren, Ambri sei ein Kandidat für den Meistertitel? Dieser ewige Aussenseiter, der seit 22 Jahren keine Play-off-Serie mehr gewonnen hat. Und es nur 1999 in den Final schaffte. Doch, sagt Julien, das werde passieren, früher oder später, er glaube an einen Schweizer Meister, den niemand auf der Rechnung habe: «Man sollte die Unberechenbarkeit des Sports nicht unterschätzen. Ich habe in den zwei Wochen hier viele ausgeglichene Teams gesehen.»
Ein Überraschungsmeister, das wäre aufregend in einer Liga, in der zuverlässig die reichsten Klubs siegen. Aber wahrscheinlicher dürfte sein, dass erst ein anderes eisernes Gesetz des Welteishockeys fällt: dass in der NHL ausschliesslich nordamerikanische Trainer angestellt werden. Alpo Suhonen und Ivan Hlinka sind die einzigen beiden europäischen Coachs der NHL-Geschichte. Und ihre Anstellungen liegen bereits 22 Jahre zurück.
Julien sagt, ihn verwundere das auch: «Ich sehe keinen Grund, weshalb ein Europäer in der NHL nicht Erfolg haben sollte. Nehmen wir Cereda – er ist jung, dynamisch und voller Wissen. Ich traue ihm absolut zu, ein NHL-Team zu führen. Es kann sein, dass sich die Entscheidungsträger im europäischen Markt nicht wirklich auskennen. Klar, es gibt Scouts. Aber die schauen auf die Spieler. Vielleicht müssten sie damit beginnen, auch die Trainer zu beobachten.» Und er sagt auch: «Es braucht jemanden, der den Stein ins Rollen bringt. Sobald ein europäischer Coach in der NHL einsteigt, werden sich auch andere Teams ausserhalb Nordamerikas umschauen.»
Kehrt Julien im Dezember an den Spengler-Cup zurück?
Wenn die Barriere tatsächlich fällt, könnte das zur Konsequenz haben, dass es für Julien schwieriger wird, NHL-Jobs zu finden. Doch er winkt ab und sagt: «Ich bin 62 und mache nur noch, worauf ich Lust habe. Wenn es irgendwo passt, dann ist das schön. Aber wenn nicht, ist das auch völlig okay. Ich renne keinem Job hinterher.» Mit Darryl Sutter in Calgary (64), Bruce Boudreau in Vancouver und Rick Bowness in Winnipeg (beide 67) gibt es in der NHL derzeit drei ältere Trainer als Julien.
Sie alle haben sich über Jahrzehnte im Geschäft gehalten und die enorme Entwicklung dieses Sports vom Nischenprodukt zum Milliardengeschäft mitgemacht. Julien sagt, kürzlich sei ihm ein Brief aus den 1960er Jahren in die Hände geraten. Darin stand, man solle bitte nicht mit mehr als fünf Kilo Übergewicht ins Trainingscamp einrücken. «Ich bin fast vom Stuhl gefallen. Das Eishockey hat sich konstant entwickelt. Wenn du nicht mit der Zeit gehst, bist du weg vom Fenster. In meiner Spielergeneration wäre es undenkbar gewesen, den Trainer zu fragen, weshalb man nicht spielt. Heute wollen die Spieler auf alles eine Antwort haben. Wenn du heute nicht mit den Spielern kommunizieren kannst, wirst du keine zwei Wochen im Amt überleben.»
Noch ist nicht klar, wo Julien seine Weisheiten als Nächstes einbringt. 2021 hätte er das Team Canada am Spengler-Cup betreut, wäre das Turnier nicht abgesagt worden. Holt er das nun nach, dieses Mal vielleicht ohne Schlittelabfahrt? «Keine Ahnung», sagt Julien, «aber die Leute dort haben ja meine Telefonnummer.»