Hochinteressant!
Hat die Maske eine ähnliche Wirkung wie die Impfung?
Eine geringere Menge an Virenpartikeln, die jemand einatmet, könnte zu milderen Sars-CoV-2-Verläufen führen. Einige Indizien sprechen für diese These.
«Allein die Dosis machts, dass ein Ding kein Gift ist.» Diese rund 500 Jahre alte Weisheit des Schweizer Arztes, Naturphilosophen und Alchemisten Paracelsus könnte auch auf die Corona-Pandemie zutreffen. Denn es mehren sich die Hinweise – wohlgemerkt Hinweise und nicht Beweise –, dass es für den Verlauf einer Covid-19-Erkrankung darauf ankommt, mit welcher Virusmenge sich jemand infiziert. Demnach könnte eine geringe Virusdosis, die jemand abbekommt, zu einem milderen oder gar asymptomatischen Verlauf führen, glauben einige Epidemiologen. Und die Masken könnten dabei eine wichtige Rolle spielen.
Doch der Reihe nach. Im September publizierten zwei Professoren der University of California in San Francisco einen viel beachteten Essay im renommierten Ärzteblatt «New England Journal of Medicine». Sie stellten darin die Hypothese auf, dass eine generelle Maskenpflicht zwar nicht hundertprozentig vor Infektionen schützen kann, dass diese aber dazu führt, dass man im Fall einer Ansteckung weniger Viren einatmet. Dies habe zur Folge, schreiben Monica Gandhi und George Rutherford, dass ein grösserer Anteil der Infektionen asymptomatisch verlaufen würde. «Stimmt unsere Hypothese, könnte das Maskentragen wie eine Art Impfung wirken, die zu Immunität führen und die Ausbreitung des Virus verlangsamen kann.»
«Interessant, plausibel, aber auch hochspekulativ»
Der Essay löste in der Fachwelt ein grosses Echo aus, die Reaktionen darauf kann man so zusammenfassen: «Interessant, durchaus plausibel, aber auch hochspekulativ und unbewiesen». In der Tat: Bislang gibt es bei Sars-CoV-2 noch keine Belege dafür, dass eine geringere eingeatmete Virusdosis weniger starke Krankheitssymptome auslöst. Und ob ein asymptomatischer Krankheitsverlauf einen langlebigen Immunschutz auslöst, ist ebenfalls noch unklar. «Diese Geschichte ist wahnsinnig schwierig zu beweisen», sagt der Infektiologe Huldrych Günthard vom Universitätsspital Zürich. Man könne ja aus ethischen Gründen keine Studie machen, bei der man Probanden absichtlich mit unterschiedlichen Dosen an Sars-CoV-2-Viren infiziere.
Beweise für die Hypothese von Gandhi und Rutherford fehlen also, aber Indizien, die dafür sprechen, gibt es durchaus. Da wäre ganz zuvorderst die Armee-Studie aus Airolo, in der die Masken-Hypothese bereits im Juli zum ersten Mal formuliert wurde, noch vor dem Essay der US-Professoren. Gemäss der im Fachblatt «Clinical Infectious Diseases» publizierten Studie infizierten sich Mitte März in der Kaserne Bedrina mehrere Rekruten und Soldaten mit dem Virus. In den Tagen nach der ersten Infektion führte man in der Armee strikte Regelungen ein wie zum Beispiel zwei Meter Distanz zu halten und Maskenpflicht, wenn die Distanz nicht eingehalten werden konnte. Und vor allem: Man schottete die zweite Kaserne, Motto Bartola, die geografisch von der ersten entfernt steht und wo es noch keine Fälle gab, so gut es ging, ab. Und tatsächlich: In der abgeschotteten Kaserne erkrankte niemand an Covid-19, in der Kaserne Bedrina hingegen waren es 30 Prozent der Belegschaft, die sich alle noch vor dem Beginn der Social-Distancing-Massnahmen am 20. März angesteckt hatten.
Die Überraschung folgte einen Monat nach Beginn des Ausbruchs. Die Truppenärzte um Michel Bielecki und Jeremy Deuel entschieden im Rahmen der Studie, bei allen Truppenangehörigen sowohl einen PCR- als auch einen Antikörpertest zu machen. Bei der Auswertung zeigte sich, dass 15 Prozent der Belegschaft der «nicht betroffenen» Kaserne Motto Bartola Kontakt mit dem Virus hatten. Bielecki ist überzeugt, dass dort nur dank der Schutzmassnahmen wie Social Distancing niemand erkrankt ist. «Wenn ich weniger abbekomme, habe ich eine mildere Krankheit, als wenn ich ganz viel abbekomme. Das macht doch Sinn!», sagt er.
Airolo ist nicht das einzige Indiz, das für die These von Gandhi und Rutherford spricht. Da wäre zum Beispiel noch das Kreuzfahrtschiff, das Mitte März von Argentinien aus auf den Spuren des Entdeckers Ernest Shackleton in die Antarktis aufbrach. Von den 217 Personen an Bord infizierten sich 128 mit dem Virus, aber nur gerade 24 entwickelten Symptome, 80 Prozent blieben symptomfrei, möglicherweise weil alle Passagiere und Crewmitglieder nach dem ersten Fall sofort mit Masken versorgt wurden. Zum Vergleich: Auf dem Kreuzfahrtschiff Diamond Princess, das zu Beginn der Pandemie wochenlang im Hafen von Yokohama unter Quarantäne festlag, waren nur 20 Prozent der Infizierten symptomfrei.
Ähnliche Berichte gibt es aus der Lebensmittelbranche. So blieben sowohl in einem Fisch verarbeitenden Betrieb in Oregon wie auch in einem Geflügelschlachthof in Arkansas, wo alle Mitarbeiter Masken trugen, nach einem Ausbruch jeweils 95 Prozent der Belegschaft asymptomatisch. Zwei weitere Indizien also, dass an der These, dass Masken vor schweren Verläufen schützen, etwas dran ist. Allerdings könnte es auch sein, dass dort vor allem junge Menschen arbeiten, die sowieso viel weniger schwer erkranken. «Was wir gelernt haben: Das Alter ist der wichtigste Risikofaktor», sagt Günthard. Deshalb ist der letzte hier erwähnte Fall denn auch besonders überraschend. In einem Pflegeheim in Elgg ZH infizierten sich ab Mitte August 56 Personen mit Sars-CoV-2, darunter 25 Hochbetagte. Aber niemand starb. Die Medien sprachen vom «Wunder von Elgg». Bis heute ist nicht klar, warum die Menschen dort vom schlimmsten Ausgang verschont blieben. Möglicherweise könnten aber auch hier Masken die entscheidende Rolle gespielt haben, kann man nun spekulieren. «In diesem Fall würde ich die These ein wenig unterstützen», sagt Günthard. «Es ist schon aussergewöhnlich, dass dort niemand gestorben ist.» Bislang war nur von der anfänglichen Dosis die Rede, die eine Person abbekommt und in der Folge möglicherweise erkrankt. Fachleute sprechen vom «Inokulum». Dabei weiss man nicht, welche Menge nötig ist, um die Krankheit auszulösen, weil man diese Dosis nicht messen kann. Zudem unterscheidet sich die «infektiöse Dosis», also die Menge an Viren, die es braucht, damit die Krankheit ausbricht, von Person zu Person.
Hohe Viruslast im Blut erhöht Mortalität
Anders als das Inokulum kann man aber die Virusmenge im Verlauf der Infektion im Körper durchaus messen. Hier spricht man dann von der «Viruslast». Und da weiss man wiederum aus Studien mit anderen Viren wie Ebola oder HIV, aber auch aus Tierversuchen mit Sars-CoV-2, dass es durchaus einen Zusammenhang gibt zwischen der Viruslast im Körper und der Schwere der Erkrankung. Nun belegt auch eine aktuelle Studie mit Covid-19-Patienten diesen Zusammenhang. Wie ein Forscherkonsortium aus Boston im Fachblatt «Nature Communications» berichtet, korreliert die Viruslast im Blut der Patienten tatsächlich mit der Schwere des Verlaufs und der Mortalität. Einen Zusammenhang fanden die Forscher auch zwischen der Viruslast im Nasen-Mund-Rachen-Raum und der Schwere der Erkrankung, aber der war weniger bedeutsam als beim Blutplasma. Die Studie sei gut gemacht, sagt Günthard, sie zeige vor allem auch, dass «etwas schon nicht gut ist, wenn man Viren im Blut hat».
Ob und wie stark Inokulum und Viruslast nun miteinander korrelieren, ist aber nicht klar. Es könnte sein, dass es diesen Zusammenhang gibt, aber individuelle Faktoren spielen laut Günthard auch eine Rolle. So kann das Immunsystem einer Person problemlos mit einer niedrigen Inokulum-Dosis zurechtkommen, während bei einer anderen Person die gleiche niedrige Dosis zum Ausbruch der Krankheit und zur Vermehrung der Viren im Körper führt.
Trotzdem: Der Infektiologe Peter Katona von der University of California in Los Angeles glaubt an den Zusammenhang: «Wir wissen, dass eine höhere Inokulum-Dosis eines Erregers die Menschen in der Regel kränker macht», sagte dieser gegenüber dem Branchenportal «Medpage Today». Es könnte also durchaus sein, dass Social-Distancing-Massnahmen wie Maskentragen, die zu einer Reduktion der Viruspartikel führen (vor allem in geschlossenen Räumen), tatsächlich auch dazu beitragen, dass die Krankheit weniger schwer verläuft.
Einig sind sich fast alle Experten, dass der Mund-Nasen-Schutz sowieso sinnvoll ist. «Das Tragen einer Maske und Social Distancing ist unser bester Schutz», sagt etwa Truppenarzt Bielecki. «Damit kann man einerseits den Verlauf mildern und andererseits die Ausbreitung des Virus verlangsamen.»