Andrighetto im 20Min-Interview:
KÖNIGSTRANSFER SVEN ANDRIGHETTO:
«Für Discobesuche und solches Zeugs bin ich langsam zu alt»
Beim Eishockey-Saisonstart werden die Augen auf Sven Andrighetto (27) gerichtet sein. Die ZSC-Neuverpflichtung über Druck, die Covid-19-Regeln und sein bevorstehendes National-League-Debüt.
Sven Andrighetto, Sie werden als der Königstransfer im Hinblick auf die neue Saison bezeichnet. Fühlen Sie sich auch wie der neue König der National League?
Nein, überhaupt nicht, für mich ist es einfach ein Heimkommen. Ich habe ja noch gar nie in der National League gespielt und einen Vergleich zwischen der NHL, der KHL und der National League kann ich momentan noch nicht ziehen.
Königstransfer – ist dieses Wort eher Last oder Motivation?
Ich habe dieses Wort in meinem Zusammenhang ehrlich gesagt noch nie gehört oder gelesen. Das liegt aber vielleicht auch daran, dass ich nicht viel über mich lese. Ich kann aber sagen, dass ich solche Dinge stets so umsetze, dass ich sie als Motivation sehe. Druck gibt mir das keinen, diesen setzte ich mir selber, um die bestmögliche Leistung abrufen zu können.
Die Erwartungen sind hoch. Wie gehen Sie persönlich mit diesen und dem erwähnten Druck, den Sie sich selbst auferlegen, um?
Erwartungen sehe ich als etwas Positives. Die Leute haben gesehen, dass ich in der NHL und auch an der WM spielte, und wissen, wie ich Eishockey spielen kann. Deshalb ist es auch mein Ziel, noch besser zu sein für die ZSC Lions. Das Hauptziel ist aber letztendlich nicht, dass ich 20 Tore schiesse, sondern, dass wir Meister werden. Wer wie viele Tore schiesst, ist so was von egal, die Hauptsache ist, dass wir den Titel holen.
In der Nati waren die Erwartungen an Sie als NHL-Spieler auch immer gross, und Sie haben diese stets erfüllt und begeistert. War das schwierig?
Ich bin immer sehr gern in die Nati eingerückt, und das ist bis zum heutigen Tag so, denn wir haben da ein tolles Umfeld, mit Trainer Patrick Fischer, der das gut macht und all den Jungs. Wir verbringen immer eine gute Zeit miteinander. Ich habe einfach immer versucht, mein Hockey und meine Rolle zu spielen und der Mannschaft zu helfen, so gut ich kann. Wenn man es so sehen will, dann hatte ich auch dort Druck. Aber das sah ich selbst nicht so an, sondern vielmehr als Motivation, die ich verwenden kann.
Die letzten zwei Saisons in der NHL und der KHL waren für Sie nicht immer nur einfach. Leidet da das Selbstvertrauen?
Nein, das denke ich nicht. Es besteht die Möglichkeit, diese Zeit als negativ oder positiv zu betrachten. Gerade letzte Saison in Russland konnte ich nochmals sehr viel lernen, vor allem in defensiver Hinsicht bin ich viel stärker geworden, als ich das zuvor war. Ich habe mich zu einem solideren Zweiweg-Spieler entwickelt, und dies sehe ich als sehr positiv an. Natürlich hätte ich mehr Tore schiessen können und auch wollen und so weiter. Aber ich versuche immer, das Positive mitzunehmen. Und mit Selbstvertrauen hat das bei mir ohnehin nichts zu tun. Selbstvertrauen erarbeite ich mir in der Vorbereitung, dadurch, wie ich mich da fühle im Training und auf dem Eis, und dann kommt es von allein.
Sie haben Ihren NHL-Traum vorerst begraben und sind zurück in der Schweiz, während andere wie Pius Suter oder Damien Riat sich nun anschicken wollen, sich ebendiesen zu erfüllen. Wenn Sie das sehen, fühlt sich Ihre Rückkehr für Sie nicht wie ein Scheitern an, denn Sie sind ja erst 27-Jährig?
Wenn Sie dies so betrachten wollen, dann dürfen Sie das, aber ich sehe es nicht so. Ich konnte als 20-Jähriger bereits NHL spielen. Wo waren denn diese Spieler in diesem Alter? Sind sie ebenfalls gescheitert? Sind sie nicht! Sie kommen einfach später und versuchen es später. Es gibt verschiedene Wege. Ich konnte über 200 Partien in der NHL spielen, es gibt nicht so viele Spieler, die das von sich behaupten können. Daher sehe ich mich auch nicht als gescheitert an. Die erwähnten Spieler sind auch um einige Jahre jünger als ich. Sie sollen diese Chance unbedingt wahrnehmen und es versuchen.
Sie kehren wegen Covid-19 in einer für alle sehr speziellen Zeit ins Schweizer Eishockey zurück. Wie empfinden Sie all das, was gerade um Sie herum geschieht?
Es ist komisch für alle und auf der ganzen Welt so, da niemand wirklich weiss, wie wir genau damit umgehen sollen und was noch auf uns zukommt. Alles, was wir machen können, ist, uns auf das zu fokussieren, was wir selbst kontrollieren können. Für uns Spieler bedeutet dies, sich an die Regeln zu halten, wie alle anderen auch, im Training immer das Beste zu geben und hoffen, dass wir mit der Saison starten können, was nun der Fall sein sollte. Und dann geht hoffentlich alles so rasch wie möglich vorbei und wir können auch als Eishockeyspieler in die Normalität zurückkehren.
Was ist schwieriger zu erlernen? Das für Sie neue System von ZSC-Trainer Rikard Grönborg oder all die Covid-19-Regeln, welche für die Spieler nun gelten?
Die Covid-19-Regeln sind bekannt und sollten inzwischen alle kennen. Sich daran zu halten, ist nicht schwierig, sondern hat allein mit Willen zu tun. Ähnlich ist es mit dem neuen System, das ich nun lernen musste. Am Anfang waren es sehr viele Informationen. Je mehr man das System trainiert, mit den Leuten darüber spricht und es in den Testspielen umsetzt, desto besser und sicherer wird man damit. Zu Beginn brauchte es seine Zeit, was normal ist, doch inzwischen ist es fast schon eingebrannt, sodass ich eigentlich nicht mehr gross nachdenken muss, sondern alles ganz normal geworden ist.
Nochmals zurück zur Coronavirus-Pandemie. Ihr habt als Mannschaft bei den ZSC Lions ein Commitment abgegeben, auf Discobesuche und Ähnliches als Schutzmassnahme zu verzichten. Ist das nicht brutal, schliesslich ist man nur einmal jung?
Nein, das ist überhaupt kein Problem, es halten sich alle daran. Diese Abmachung haben wir untereinander getroffen, weil wir es als zu hohes Risiko betrachten, sich zu infizieren und das Virus anschliessend in die Garderobe zu tragen, wenn man sich an einen Ort begibt, an dem sich viele Leute gleichzeitig auf einem Haufen befinden. Ich habe mit dieser Regelung nicht das geringste Problem, ich habe ohnehin das Gefühl, dass ich langsam zu alt bin für Discobesuche und solches Zeugs.
Am 1. Oktober bestreiten Sie gegen den HC Lugano ihr erstes Spiel in der National League und ihr erstes Pflichtspiel für ihren Heimatverein ZSC. Das muss ein sehr spezieller Moment sein.
Ja, das wird es, ich freue mich riesig, vielleicht werde ich auch etwas nervös sein. Es wird mein erstes Spiel in der National League sein, und dieses für den ZSC bestreiten zu dürfen, ist eine grosse Ehre für mich. Ich habe die ganze Juniorenabteilung bis zu den GCK Lions in der Swiss League hier durchlaufen, ehe ich 2011 nach Nordamerika ging. Wie schon gesagt, es ist ein Nach-Hause-Kommen für mich. Ich bin ein stolzer Zürcher und freue mich auch enorm darauf, vor den eigenen Fans im Hallenstadion auflaufen zu können.
Wie haben Sie die Vorbereitungsphase bei den ZSC Lions und die Stärke der Mannschaft erlebt?
Sehr gut. Wir hatten sehr intensive Trainings, vor allem zu Beginn für längere Zeit. Zunächst war es für mich ein Kennenlernen der Mannschaft, der Trainer, des Spielsystems und wie die gesamte Organisation funktioniert. Dies fiel mir leicht, wir haben eine super Mannschaft mit tollen Jungs und eine coole Stimmung in der Garderobe. Es kommen alle auch immer sehr gern ins Training. Auch in den Spielen lief es bislang gut, wir haben alle Vorbereitungsmatches gewonnen. Zu hoch hängen wollen wir dies natürlich nicht, aber es gibt einem auf jeden Fall ein gutes Gefühl. Ich denke, wir haben eine sehr starke Mannschaft. Das Hauptziel für mich persönlich und auch die ganze Mannschaft ist es, den Titel zu holen. Darauf müssen wir hinarbeiten und alles dafür geben.
Die Top-10-Transfers
1. Sven Andrighetto – von Omsk zu den ZSC Lions.
2. Joël Vermin – von Lausanne zu Servette.
3. Calvin Thürkauf – von den Columbus Blue Jackets zu Zug.
4. Robert Meyer – von Servette zu Davos.
5. Joren van Pottelberghe – von Davos zu Biel.
6. Fabio Hofer – von Ambri zu Biel.
7. Yannick Herren – von Lausanne zu Fribourg.
8. Damiano Ciaccio – von den SCL Tigers zu Ambri.
9. Jeremy Wick – von Servette zu den Lakers.
10. Miro Zryd – von Zug zu Bern.
Nur Schweizer Spieler oder Spieler mit Schweizer Lizenz. Spieler, die in Nordamerika unter Vertrag stehen und nur vorübergehend in der Schweiz spielen, wurden nicht berücksichtigt.