Kann eine Lohnobergrenze den Profisport retten?
Zumindest in der Schweiz lautet die Antwort: Ja
Im Schweizer Eishockey steht die Einführung eines sogenannten Salary-Cap kurz bevor, auch im europäischen Fussball ist sie ein Thema. Kann der Mechanismus eine schwer angeschlagene Branche retten? Ein Blick nach Nordamerika zeigt, dass das möglich ist.
Vergangene Woche hat sich ein Kapitalist demaskiert: John J. Fisher, der Erbe von Donald Fisher, dem Gründer der Modemarke Gap. Fisher ist der Besitzer der Oakland Athletics, einer traditionsreichen Baseball-Organisation. Fisher übernahm die Athletics 2005 für 180 Millionen Dollar, heute ist das Unternehmen 1,1 Milliarden wert; das Privatvermögen Fishers wird auf über 2 Milliarden geschätzt.
Und doch gaben die Athletics bekannt, dass sie aufgrund der Corona-Krise ihren Farmteam-Spielern ab dem 1. Juni den Mindestlohn von 400 Dollar pro Woche nicht mehr zahlen können, ein Betrag, mit dem sich der Lebensunterhalt in Nordkalifornien kaum bestreiten lässt. Die Athletics, eine Organisation mit einem Jahresumsatz von 225 Millionen Dollar, hätte die Entschädigung ihrer Zukunftshoffnungen bis zum Saisonende knapp 4 Millionen Dollar gekostet. Zu viel, entschied Fisher – und erlebte ein eindrückliches PR-Debakel.
Es ist eine Episode, die aufzeigt, dass etwas im Argen liegt in Nordamerika, wo sich superreiche Teambesitzer seit vielen Jahren ihre Taschen häufig nach Belieben füllen und sich von moralischen Verpflichtungen weitgehend verabschiedet haben. Ihre Franchises sind Gelddruckmaschinen und so populär, dass die Kosten für sündhaft teure Stadien praktischerweise oft von der hochverschuldeten öffentlichen Hand übernommen werden, weil die Teams sonst plump mit einem Wegzug drohen.
Der Profisport hatte nicht immer diesen Glamour, und er war nicht immer so rentabel. Eines der wirksamsten Werkzeuge der Besitzer auf dem Weg zur heutigen Profitabilität ist der Salary-Cap, die Obergrenze für Spielerlöhne. Von Europa aus betrachtet wirkt die Methodik sonderbar: Ausgerechnet in den USA, der Nation des Turbokapitalismus, existiert eine fast sozialistisch anmutende Lohngrenze? Damit Parität gewährleistet werden kann zwischen einem Team aus Wisconsin und jenen aus den Metropolen von New York oder Los Angeles?
Es ist einer der grossen Irrtümer unserer Zeit, dass dem Salary-Cap ein sozialer Gedanke zugrunde liegt. Vielmehr haben sich die Besitzer die Regeln mittels Gesamtarbeitsverträgen so zurechtgebogen, dass sie die grossen Profiteure einer beispiellos boomenden Branche sind. Seit die Basketballer der NBA 1984/85 als Erste eine Gehaltsobergrenze festlegten, zogen alle wichtigen US-Profiligen nach; sie ist mal weich (Baseball), mal hart (Basketball, Eishockey, American Football, Fussball), aber immer praktisch. Der Weg war steinig, es gab erbitterte Fehden mit Spielergewerkschaften, denen wegen Streiks teilweise ganze Spielzeiten zum Opfer gefallen sind. Zuletzt fielen in der Saison 2012/13 34 Partien der NHL aus.
Goldenes Zeitalter für Investoren
So schmerzhaft die Dispute manchmal waren, für die Besitzer waren es Grundsteine für ein goldenes Zeitalter. Heute lässt sich festhalten: Die Elite ist am Ziel; die Einnahmen aus TV-Verträgen, Tickets und Merchandising schiessen in den Himmel. Die Wertvermehrung ist atemberaubend: Die Familie Steinbrenner etwa zahlte für die New York Yankees 1973 8,8 Millionen Dollar. Inzwischen ist das Unternehmen 5 Milliarden wert. Und natürlich ist es den Inhabern kommod, dass sie die Spieler an ihren Einkünften nur begrenzt partizipieren lassen müssen.
Es ist der Kollateralschaden dieses Systems, dass es die Milliardäre überproportional bevorteilt und den Status derjenigen schwächt, die den Sport tatsächlich ausüben und dafür mitunter ihre Gesundheit riskieren: die Spieler. Auf den ersten Blick mag es deshalb überraschen, wenn Gehaltsobergrenzen als Heilmittel für den europäischen Sport verhandelt werden, so wie es dieser Tage gerade wieder geschieht.
Die Idee ist nicht neu, kurz nach dem Jahrtausendwechsel gab es eine Absichtserklärung der inzwischen längst aufgelösten G-14-Vereinigung von Europas wichtigsten Fussballklubs, maximal 70 Prozent des Umsatzes in Spielerlöhne zu investieren. Der Plan scheiterte, der Salärexzess nahm seinen Lauf. Allein im FC Barcelona sollen die jährlichen Lohnkosten laut der Sportzeitung «AS» fast 400 Millionen Euro betragen.
Nun wurde in Deutschland im Mai abermals eine Debatte über eine Einführung in der Bundesliga losgetreten; unter anderem sprach sich der Fussball-Verbands-Präsident Fritz Keller für einen Salary-Cap aus. So wie ihn neben der Major League Soccer (MLS) beispielsweise auch die australische A-League kennt.
Es gibt Zweifel an der wettbewerbsrechtlichen Durchführbarkeit, aber grundsätzlich ist das Votum populär. Es wirkt charmant, weil in der Gesellschaft schon länger eine Art Konsens darüber zu bestehen scheint, dass Fussballer zu viel verdienen und sich der Sport von der Basis zunehmend entfremdet hat. Doch der Neid auf die Spieler greift zu kurz, sie sind bei weitem nicht die Einzigen, die sich bereichern. Die wahre Magie der Salary-Cap-Idee ist entsprechend eine andere: das Ideal der Parität.
Wenn alle Teams über vergleichbare Mittel verfügen, schafft das eine Chancengleichheit, wie sie der moderne Sport schon vor langer Zeit verloren hat. Es hat etwas Ermüdendes, wenn der deutsche Meister unablässig Bayern heisst und sich in der Schweiz eine Dekade lang YB und Basel abwechseln. Das Faszinosum Sport lebt von Emotionen, von Überraschungen, von Hoffnung und Aussenseiterromantik. Die neuen wirtschaftlichen Kräfteverhältnisse haben die Branche dieser Ingredienzien weitgehend beraubt. Die deutsche Trainerlegende Otto Rehhagel hat einmal gesagt: «Geld schiesst keine Tore.» Aber das war 1995 und ist seither eindrücklich widerlegt worden. Es gibt zahllose Begegnungen, bei denen vor dem Anpfiff kein Zweifel am Ausgang der Partie besteht.
Die Frage ist, ob ein Salary-Cap daran etwas ändern könnte, Parität ist eines der grossen Schlagworte der nordamerikanischen Lösung. Doch die Voraussetzungen dort sind andere: Die Ligen sind geschlossen, sie kennen keine Absteiger. Und das brillante Draft-System, wonach die schwächsten Teams nach dem Saisonende als Erstes die Talente des Draft-Jahrgangs aussuchen dürften, ist in Europa nicht umsetzbar, der Unterbau ist hier völlig anders strukturiert. Die Einführung eines Salary-Cap mag den Sport darum nicht revolutionieren können, die Attraktivität und die Schlagkraft von Bayern und Dortmund werden grösser bleiben als jene von Paderborn. Aber als erste Massnahme gegen die sich rasant vergrössernde Kluft zwischen Arm und Reich ist er allemal eine verlockende Massnahme.
Die Schweiz als Labor
Die Chancen stehen gut, dass die Schweiz den Vordenkern in Europa ein Versuchslabor, ein Biotop liefert. In diesem Sommer wird im Schweizer Eishockey über die Einführung eines Salary-Cap ab der Saison 2022/23 abgestimmt werden. Das Begehren, zuvor jahrelang chancenlos, dürfte angenommen werden; im Raum steht eine Salärsumme von 7 Millionen Franken pro Saison und Team. Es ist eine späte, auch der Not der Corona-Krise geschuldete Einsicht. Denn trotz einer funktionierenden, attraktiven Liga mit mehr als zwei Millionen Besuchern ist praktisch jeder Verein auf Zuwendungen aus dem Mäzenatentum oder betriebsfremde Einnahmen angewiesen, weil die Manager bei der Kostenkontrolle überfordert sind und sich die Spirale bei den Spielerlöhnen seit Jahren ungebremst dreht. Das hat etwas Bizarres, weil es in dieser Liga keine Akteure gibt, die mit ihrem Namen individuell Zuschauer- oder nennenswerte Merchandising-Einnahmen generieren.
Es spricht nicht für die Disziplin der Entscheidungsträger, dass ein Salary-Cap nun als Ultima Ratio die Geschäftsbilanzen verbessern muss. Ein bisschen wirkt es wie die Einsicht eines Spielsüchtigen, der nach Jahren der Sorglosigkeit sein Konto beim Wettanbieter auf einen fixen Betrag limitiert, weil sonst seine Existenzgrundlage gefährdet ist. Sollte die nötige Mehrheit gefunden werden, hat das den angenehmen Nebeneffekt, dass die Liga ausgeglichener werden wird. Endlich, ist man versucht zu sagen, weil seit 1999 mit Zürich, Bern, Davos und Lugano stets die gleichen vier Teams Meister wurden.
In der Branche sind derzeit kaum Gegenstimmen zu vernehmen – einzig der Spielergewerkschaft missfällt die Entwicklung selbstredend, weil die Löhne sinken werden. Sie können sich damit trösten, dass es den zweiten nordamerikanischen Kollateralschaden in der Schweiz nicht geben wird. Zwar tummeln sich auch im hiesigen Eishockey Milliardäre unter den Besitzern, in Zürich, Zug, Lugano und Lausanne. Aber bis jemand substanziellen Gewinn aus einem Klub abschöpfen kann, ist der Weg weit; die Geldgeber suchen nicht Kapitalwerte, sondern Prestige und Ruhm. Es hat etwas Rührendes, dass sich diese erfahrenen, erfolgreichen Wirtschaftskapitäne mit einem Salary-Cap selber bevormunden müssen. Wenn das der Preis ist, um die Liga zu gesunden, muss er nach den Kapriolen der letzten Jahre bezahlt werden.