Das ist Vaterliebe!! Ganz geil geschrieben, toll!
Aus dem Niemandsland in den Mittelpunkt Olympias
Der Eishockeyfinal zwischen Kanada und Schweden ist ein Duell der Torhüter. Carey Price hat eine aussergewöhnliche Geschichte.
Das olympische Eishockeyturnier ist noch nicht zu Ende. Es fehlt der wichtigste Match, das Spiel zwischen Kanada und Schweden um Gold. Doch bereits jetzt lässt sich sagen: Sotschi wird nicht zum Turnier der Stürmer werden. Die russischen Künstler sind gescheitert, die amerikanischen Scharfschützen gestoppt. Selbst ein Ausnahmekönner wie Sidney Crosby, der vor vier Jahren dem Turnier in Vancouver den Stempel aufdrückt hat, isst am Schwarzen Meer hartes Brot. Der Kanadier wartet vor dem letzten Match noch auf sein erstes Tor.
Crosby kann heute Sonntag nachholen, was er bisher verpasst hat, und erneut zum kanadischen Helden werden. Doch näher liegt die Vermutung, dass der Star des Eishockeyturniers diesmal ein Spieler aus der Defensive wird. Ein Verteidiger oder noch wahrscheinlicher ein Torhüter. Beispielsweise der Kanadier Carey Price.
Schon vor dem Beginn des Turniers hatte der ehemalige SCB-Trainer Antti Törmänen gesagt, Olympiasieger könne nur werden, wer einen herausragenden Torhüter habe. Das allein genügt aber kaum. Im Prinzip sind alle Goalies, die da sind, herausragend. Die Partien haben ihn recht gegeben. Noch nie zuvor gab es so viele knappe Resultate. Fünf Spiele endeten 1:0, 20-mal erzielte das Verliererteam ein Tor oder weniger. Jonas Hiller, der Tor hüter der glücklosen Schweizer, ist mit einer Abwehrquote von 97,06 Prozent noch jetzt die Nummer 1. Er wehrte 66 von 68 Schüssen ab und musste mit seinem Team doch bereits vor den Viertelfinals die Heimreise antreten.
Das mag verdeutlichen, wie hoch das Niveau im olympischen Eishockeyturnier all gemein und unter den Torhütern speziell ist. Nun reduziert sich der Kampf um Gold zum Showdown zwischen Kanada und Schweden, aber auch zum Duell von deren Torhütern Carey Price und Henrik Lundqvist. Price spielt normalerweise bei den Montreal Canadiens, Lundqvist für die New York Rangers. Beide sind in ihren Klubteams Schlüsselspieler, die auch schon kontroverse Reaktionen provoziert haben.
Price steht wie kein anderer für den typisch kanadischen Eishockeyspieler. Wer ihn nach seinem Hintergrund fragt, der erhält als Antwort: Ich bin in einer Kleinstadt aufgewachsen, wie die meisten Kanadier. Das aber ist eine Untertreibung. Denn Price stammt aus einem Nest namens Anahim Lake, das irgendwo im äussersten Nordwesten des Landes in den Bergen von British Columbia liegt. Bei der letzten Volkszählung 2011 zählte Anahim Lake noch 81 Einwohner, die Eltern des Goalies eingeschlossen. Sein Vater ist Lehrer für Erwachsene, seine Mutter das Stammesoberhaupt der Ulkatcho-Indianer. Sie haben ihren Sohn in das zwölf Zeitzonen entfernte Sotschi begleitet.
Auch sein Vater Jerry machte eine kurze, wenn auch nicht wahnsinnig erfolgreiche Karriere als Torhüter. Er spielte kurz für die Organisation der Philadelphia Flyers. Zu NHL-Einsätzen aber kam er nie. Stattdessen stellte er seinen Sohn schon früh auf Schlittschuhe. Hinter dem Haus legte er ihm seinen eigenen Eisrink an. Dort trainierten Vater und Sohn von Dezember bis April oder solange das Eis im klimatisch ungastlichen Nordwesten eben hielt. Er habe seinem Sohn einfach die Gelegenheit geben wollen, das Spiel zu spielen, das er selber so geliebt habe, sagte Vater Price im vergangenen Herbst zu der New York Times .
Früh war das Talent des Torhüters zu erkennen. Der Vater rief in Williams Lake an, wo das nächste Team existiert, in dem organisiert Eishockey gespielt wird und das eine kleine Eishalle besitzt. Trotz der anfänglichen Skepsis der Frau, die das Team führt, durfte Carey zum Probetraining und überzeugte sie. Woche für Woche fuhr der Vater seinen Sohn den Columbia Highway die 320 Autokilometer nach Williams Lake hoch und nach dem Training wieder herunter. Vier Stunden hin, vier zurück. Auf dem Hinweg machte der Schüler seine Hausaufgaben, auf dem Rückweg schlief er vor, damit er am nächsten Tag wieder wach genug für die Schule war.
Als Carey älter wurde und öfter trainieren und spielen musste, kaufte sich sein Vater, der den Flugschein besitzt, eine alte, vierplätzige Piper Cherokee, mit der er seinen Sohn nach Williams Lake flog allerdings nur bei Tageslicht und gutem Wetter, die Landepiste in Ana him Lake besitzt keine Beleuchtung.
Carey Price Karriere zeugt von Opferbereitschaft, nicht nur der eigenen, sondern vor allem auch jener seiner Eltern. Mit 16 Jahren stand er im Team der Tri-City Americans, einer Nachwuchsmannschaft aus der Western Hockey League. Sein Aufstieg in die NHL war danach nur noch eine Frage der Zeit. Mit 18 Jahren drafteten ihn die Montreal Canadiens mit ihrem ersten Pick bereits als Nummer 5.
Ausgerechnet die Montreal Canadiens. In keiner anderen Stadt Kanadas ist Eishockey wichtiger, keine andere Region pflegt seine französischen Wurzeln intensiver. Patrick Roy, der charismatische Goalie, der die Canadiens 1993 zu ihrem bisher letzten Stanley-Cup-Sieg führte, ist der Massstab, an dem sich alle messen lassen müssen. Von den Spielern wird erwartet, dass sie Französisch sprechen.
Price stiess in Montreal auf Skepsis bis Ablehnung. Als er seinen Platz im Tor während der Play-offs 2010 an den Slowaken Jaroslav Halak verlor, schien seine Zeit in der Eis hockey-verrückten Stadt abgelaufen. Doch die Canadiens transferierten Halak im Sommer darauf nach St.Louis und machten damit klar, dass sie weiter auf Price bauen. Das Signal löste in Montreal eine Kontroverse aus, die während mehrerer Tage die Talkshows in Fern sehen und Radio und die Leserbriefspalten der Zeitungen füllte.
Carey Price liess das alles unbeeindruckt, sein Background aus Anahim Lake hatte ihn Härteres gelehrt. Als die Zuschauer ihn nach einem verlorenen Vorbereitungsspiel gegen die Boston Bruins auspfiffen, sagte er vor Reportern, das Publikum solle sich entspannen: Wir werden den Stanley-Cup nicht im ersten Testspiel der Saison gewinnen.
Nun, auf einen Stanley-Cup mit Carey Price warten sie in Montreal weiterhin. Doch möglicherweise führt er Kanada heute Sonntag zum Olympiasieg. Seit dem Beginn des Turniers hat er Roberto Luongo, der vor vier Jahren in Vancouver im Tor stand, als Nummer 1 abgelöst. Er rechtfertigt den Entscheid mit tadellosen Leistungen. Ein Goldmedaille würde ihn im Rest von Kanada zum Volkshelden machen. In Montreal wäre es zumindest ein Anfang.