Die ZSC Lions sind nach fünf Siegen in Serie souveräner Leader – auch weil sie einen verblüffenden Topskorer haben, der in der NHL ein Zerstörer war
Eher treten die ZSC-Verwaltungsräte Walter Frey und Rolf Dörig, zwei SVP-Politiker, der Partei der Arbeit bei, als dass die Lions die direkte Play-off-Qualifikation noch verspielen. Es zahlt sich für sie aus, dass der Trainer einst in Kanada mit elfjährigen Junioren übers Eis kurvte.
Nicola Berger (NZZ)
Vor 35 Jahren hat die Trainerkarriere von Marc Crawford begonnen, und der Kanadier hat zu viel erlebt, als dass er sich von der Journaille mit billigen Tricks aus der Reserve locken würde. Aber versuchen kann man es ja.
Zwölf Minuten nur benötigten die ZSC Lions am Samstagabend, um ihren fünften Sieg in Serie sicherzustellen. Der 4:2-Erfolg gegen den jäh abgestürzten Champion Genf/Servette war so ungefährdet, dass man sich fragen darf, ob da nicht gerade der alte gegen den neuen Meister angetreten ist. Doch dieses Gedankenspiel liess den ZSC-Coach Crawford bloss milde lächeln. Er entgegnete, dass es nicht ratsam sei, so weit vorauszuschauen, das habe ihn das Leben gelehrt.
Trotzdem: Es spricht vieles dafür, dass der ZSC im Frühling seinen zehnten Meistertitel wird feiern dürfen; nicht nur das üppige Budget, um welches die Konkurrenz die Zürcher Organisation beneidet. In erster Linie steht Crawford ein Team zur Verfügung, das keine Schwäche kennt. Das hat gute Gründe; der vielleicht wichtigste ist, dass die Kadertiefe, die der ZSC zurzeit hat, in der fast 40-jährigen Historie der Play-off-Ära möglicherweise unerreicht ist.
Am Samstag sassen mit Simon Bodenmann, Chris Baltisberger und Phil Baltisberger gestandene National-League-Profis überzählig auf der Tribüne. Es sind Spieler, welche die Trainer aus Kloten oder Ajoie im Huckepack und mit Tränen der Dankbarkeit in den Augen aus der Swiss-Life-Arena abtransportieren würden, um sie bei sich einzusetzen.
Zudem gilt zu bedenken, dass der ZSC mit Jérôme Bachofner (Biel), Kyen Sopa (Ajoie) und Enzo Guebey (Davos) bereits drei Spieler an andere Klubs abgegeben hat. Und dass sich erstaunlicherweise im Kader des Farmteams GCK Lions immer noch etliche Akteure finden, die das Format für die National League haben und die zukünftig für die Nationalmannschaft spielen könnten, wie der Center Joel Henry zum Beispiel. Marc Crawford sagt: «Konkurrenzkampf ist schwierig zu verkaufen, weil jeder spielen will. Aber er ist eine gute Sache, er erhöht die Intensität.»
Die Lions haben so viel Feuerkraft, dass der Trainer Crawford die Einsatzzeiten dosieren kann
Eindrücklich in der ersten Saisonhälfte ist auch die Balance der ZSC-Equipe in der Offensive: Mit Derek Grant, Juho Lammikko, Denis Malgin, Jesper Frödén und Dean Kukan haben schon fünf Spieler 20 oder mehr Skorerpunkte produziert. Das ist ein einsamer Spitzenwert, in Kloten und in Rapperswil-Jona etwa hat noch niemand dieses Plateau erreicht. Crawford bietet sich über vier Linien hinweg so viel Feuerkraft, dass er die Einsatzzeiten dosieren kann. Das wird sich auszahlen, wenn die wichtigsten Kräfte im Play-off nicht hoffnungslos überspielt sind.
Grant, am Samstag mit zwei Toren der Matchwinner, ist eine der positiven Überraschungen im Saisonverlauf. Der 33-Jährige, der 446 NHL-Partien bestritten hat, ist 191 Zentimeter gross und 95 Kilogramm schwer. Im Eishockey waren solche Gardemasse lange ein Vorteil, aber das Spiel ist so teuflisch schnell geworden, dass sich die massigen Hünen immer häufiger schwer tun. Doch Grant ist verblüffenderweise gegenwärtig der ZSC-Topskorer. Wenn das jemanden nicht überrascht, dann Crawford.
Denn Crawford und Grant kennen sich seit mehr als zwanzig Jahren. Grant spielte als Heranwachsender in Langley, Kanada, mit Crawfords Sohn Dylan im gleichen Team. Crawford, damals Cheftrainer der Vancouver Canucks, besuchte regelmässig ihre Spiele und half hin und wieder im Training aus. Für einen Haufen Elfjährige muss das eine grosse Sache gewesen sein: Mit dem Stanley-Cup-Sieger Crawford übers Eis zu kurven. Im vergangenen Sommer bat Crawford seinen Sohn, unterdessen Videocoach bei den Canucks, beim alten Freund Derek zu sondieren, ob dieser sich einen Wechsel nach Zürich vorstellen könne.
Und so steht er nun also da, Derek Grant, schweissüberströmt vor der ZSC-Kabine, und sagt: «Ich wusste, dass meine Zeit in der NHL zu Ende geht. Es wurde Juli, und es gab keine Angebote. Der ZSC hat einen so guten Ruf, dass es mir leicht fiel, zuzusagen.»
Arger Play-off-Kater in Biel und Genf
In der NHL war Grant ein Zerstörer, ein Spezialist fürs Boxplay. Im ZSC hat er sein Flair für die Offensive wiedergefunden: 11 Tore und 11 Assists sind ihm in 26 Partien gelungen. Und Crawford sagt, der Wert seines einstigen Zöglings reiche weit über die Statistiken hinaus. «Ich kann seinen Charakter gut einschätzen. Derek ist ein Leader, der vorangeht, den man in jeder Situation bringen kann, auch in den letzten Minuten einer engen Partie. Er ist sehr wertvoll für uns.» Steigerungspotenzial hat Grant eigentlich nur in einem Statistikteil: bei den Bullys. Ein Center mit seiner Vita sollte eine bessere Erfolgsquote als liederliche 46 Prozent aufweisen.
Es ist Jammern auf hohem Niveau – aber so ist das beim ZSC in diesen Tagen: Er kann sich der Detailpflege widmen. Der Vorsprung auf Platz 7 beträgt bereits mehr als 15 Punkte. Eher treten die ZSC-Verwaltungsräte Walter Frey und Rolf Dörig, zwei SVP-Politiker, der Partei der Arbeit bei, als dass die Lions die direkte Play-off-Qualifikation noch verspielen.
Crawford warnt dennoch vor zu viel Sorglosigkeit: «Wir dürfen nicht nachlassen, die Liga ist extrem ausgeglichen. Schauen Sie nur nach Genf oder Biel.» Die Play-off-Finalisten des Frühlings kämpfen mit einem argen Kater und befinden sich auf den Plätzen 10 und 11. Beide Teams haben personelle Probleme, Servette scheint die Abgänge der Künstler Linus Omark und Henrik Tömmernes nicht verkraftet zu haben. Ein langjähriger Beobachter von Servette sagt, der schwächelnde Starstürmer Teemu Hartikainen wirke ohne den kongenialen Partner Omark auf ihn, «wie ein Fisch an Land».
Es sind Sorgen, die Marc Crawford nicht kennt: Wer im ZSC seiner Form hinterherläuft, nimmt auf der Tribüne Platz. So funktioniert gesunde Leistungskultur.