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Eine Schlittschuhbahn für zu Hause? Das Plastik-Eis machts möglich
Eis aus Kunststoff ermöglicht Eisbahn laufen bei über dreissig Grad und ohne Energiekosten. Doch wie nachhaltig ist der Plastik? Und kann der Stoff herkömmliches Eis ersetzen?

Bianca Lüthy
Publiziert heute um 16:45 Uhr
Mehr Verkäufe und Vermietungen: Kunststoffeisbahn-Hersteller Glice profitiert von der drohenden Energiekrise. Diesen Winter vermietet die Firma erstmals die Schlittschuhbahn auf dem Bundesplatz in Bern. Im Bild Chef Viktor Meier.
Foto: Adrian Moser (Tamedia AG)
Im dicken Faserpelzpullover steht Glice-Chef Viktor Meier auf dem Bundesplatz. Er blickt auf das Eisfeld, wo bereits einige Kinder mit ihren Eltern die ersten Runden drehen. Es ist das erste Mal, dass er und sein Team ein ökologisches Eisfeld auf dem Bundesplatz vermieten. «Trotz der warmen Temperaturen muss niemand befürchten, dass die Bahn schmilzt», schmunzelt Meier.
Vom Aussehen her würde man es gar nicht bemerken, dass das Eisfeld auf dem Bundesplatz kein echtes ist, sondern aus Kunststoff hergestellt wurde. Was den Stromverbrauch aber angeht, schon: So braucht ein klassisches Eisfeld olympischer Grösse schätzungsweise so viel Strom und Wasser wie 1800 Schweizer Haushalte. Bei den Glice-Kunststoffplatten braucht es abgesehen von der Herstellung und dem Transport keinen Strom mehr. Angesichts der Energiekrise ist das für den Hersteller aus Luzern ein einträgliches Geschäft: «Wir haben den Umsatz im Vergleich zum Winter 2019 verdoppelt», erklärt Meier, der das Geschäft 2012 gegründet hat.
Die letzten beiden Winter waren aufgrund der Corona-Pandemie nicht so ertragreich. «Anstatt still zu sitzen und dem Ganzen zuzusehen, haben wir in den letzten zwei Jahren unser Geschäftsmodell weiterentwickelt und vom Eventbereich zum privaten Gebrauch erweitert.»
Vor Corona machte Glice 90 Prozent des Umsatzes mit Events und im Veranstaltungsbereich. «Wir wussten, dass Covid unseren Umsatz zum Einbruch bringen würde. Darum haben wir entschieden, ein Produkt zu gestalten, das dünner und leichter ist für den Heimbereich, damit die Leute zu Hause Eishockey spielen und trainieren können.» Entlassen mussten sie von den rund 120 Arbeitskräften und Agenten, die von überall auf der Welt arbeiten können, niemanden.
Schweizer Hockeyspieler mussten zuerst warm werden
Die Rechnung ist für Glice aufgegangen, und auch das Geschäft mit den Weihnachtsmärkten hat dieses Jahr wieder angezogen: «Seit Anfang Dezember sind wir ausverkauft.» Ganz einfach hatte es Glice mit der nachhaltigen Kunststoffeislösung nicht. «Es war eine Zangengeburt.» Von den Schweizer Hockeyleuten sei Glice zu Beginn abgeblockt worden. «Ich hatte durch meine Studienzeit in den USA aber einige Kontakte, einer davon zu einer National-Hockey-League-Legende. Der Mann war gerade dabei, sein eigenes Trainingszentrum zu bauen», erzählt der Unternehmer.
Bei ihm fand das Kunsteis Anklang, und das sprach sich in der Branche herum. Heute produziert die Luzerner Firma komplette Eishockey-Trainingscenter-Ausstattungen inklusive Laufband fürs Konditionstraining und Schussanlagen. Auch der HC Davos ist ein Kunde.
In Mexiko-Stadt hat Glice 2019 die weltgrösste Eislaufbahn installiert. Auf den Malediven, umgeben vom Indischen Ozean und von feinem Sand, steht ebenfalls eine Kunststoffeisbahn. «Unsere Hauptmärkte befinden sich aber nicht etwa in warmen Ländern, sondern in Europa und Nordamerika», sagt der 44-Jährige. Insgesamt beliefere man neunzig Länder. In Deutschland habe das Geschäft bereits stark angezogen, da viele öffentliche Institutionen von den Behörden wegen des hohen Stromverbrauchs keine Bewilligungen mehr für Eisbahnen erhielten.
Eis, das bei 30 Grad plus nicht schmilzt: Auf den Malediven hat Glice eine seiner Kunststoffeisbahnen installiert.
Foto: PD
Wie nachhaltig ist das Eis aus Plastik?
In einem Bericht der Umweltschutzorganisation WWF wurde das Modell von Glice kritisiert, weil es aus Plastik gemacht ist. Der WWF begrüsst zwar, dass es langlebige Alternativen zu energieintensiven Eisbahnen gibt. Doch er bemängelt, dass es bislang kaum Studien gibt, in denen die Klimabilanz der verschiedenen Systeme, also zwischen Echteis-, Kunsteis- und Kunststoffbahnen, konkret verglichen wird.
Zudem komme es beim Schlittschuhfahren auf den Kunststoffplatten zu einem Abrieb. Die scharfen Schlittschuhkufen würden feine Plastikfäden unterschiedlicher Grösse abreiben. «Das so freigesetzte Plastikmaterial gelangt in Böden, Luft und Meer und richtet verheerenden Schaden an», zitiert der WWF die Mikroplastik-Expertin Caroline Kraas.
Für die Einwände des WWF zeigt Meier Verständnis: «Ich finde es wichtig, dass auch nachhaltige Lösungen hinterfragt werden. Schliesslich ist es ja so, dass man jeglichen Konsum unterbinden müsste, um richtig ökologisch zu leben, aber das ist unrealistisch.» Man könne die Gewohnheiten der Menschen nicht ändern, aber man könne versuchen, sie nachhaltig zu gestalten. «Kunststoff ist nicht grundsätzlich schlecht, es wäre vor allem umweltschädigend, wenn man jetzt die Eisbahn nicht rezyklieren und verbrennen würde.» Die Glice-Platten halten laut Unternehmen zwanzig bis dreissig Jahre lang. Danach können sie rezykliert werden.
Auch die Bedenken wegen des Abriebs habe man ernst genommen: «Wir konnten den Abrieb um 90 Prozent reduzieren. Bei einer Stunde Schlittschuhlaufen auf einer Glice-Bahn entsteht etwa ein Fünftel so viel Abrieb, wie wenn man den ganzen Tag auf einer Gummischuhsohle herumläuft. Und beim Autofahren entsteht 21-mal so viel Abrieb wie auf unseren Eisfeldern.» Ob Kunsteis oder Kunststoffeis, auf dem Bundesplatz scheint sich niemand daran zu stören, weder wegen des Abriebs noch wegen des Materials der Bahn.