NZZ: Leben mit dem Virus: Viel Vergnügen!
Vorbei ist es mit der Solidarität. Die Leute wollen wieder Spass. Manche stilisieren ihren Leichtsinn gar zum Akt des zivilen Widerstands.
Konrad Paul Liessmann
14.07.2020, 05.30 Uhr
Wenn der Eindruck nicht täuscht, ändern wir gerade wieder einmal unsere Einstellung zu Leben und Tod. Waren angesichts der ausbrechenden Corona-Pandemie vor wenigen Monaten Angst und Panik die vorherrschenden Emotionen, scheint sich nun eine neue Sorglosigkeit breitzumachen. Obwohl die Gefahr nicht gebannt ist, weder Medikamente noch Impfungen bereitstehen, stossen die ohnehin nur mehr rudimentär empfohlenen Vorsichtsmassnahmen zunehmend auf Unverständnis. Die Deutungshoheit ist von den Virologen auf die Psychologen und Verhaltensökonomen übergegangen, die uns eindringlich darauf hinweisen, dass der Mensch keinesfalls längere Zeit ohne Partys, Feste, Alkoholexzesse, kollektive Ekstasen, Reisen und Ferien am Meer auskommen kann.
Eine neue Kaltschnäuzigkeit
Natürlich versteht man die Sorgen der Tourismusindustrien und Gaststätten, und eine ernsthafte Debatte, wie den sozialen und ökonomischen Folgen der Krise zu begegnen sei, ist notwendig. Deshalb den Konsum zur ersten Menschenpflicht zu erklären, scheint doch etwas übertrieben zu sein. Immerhin wird uns dadurch klargemacht, worin wir den eigentlichen Sinn unseres Lebens zu sehen haben: Verbrauchen sollst du! Sollst verbrauchen!
Der mentale Sinneswandel, der sich nun abzeichnet, ist dennoch erstaunlich. Unsere Präferenzen ändern sich rascher, als es sich Friedrich Nietzsche, der grosse Umwerter aller Werte, je hatte träumen lassen. Aus der vielbeschworenen Solidarität der ersten Stunden, aus der gegenseitigen Rücksichtnahme im Dienste der Gesundheit aller ist eine neue Kaltschnäuzigkeit geworden, die das Recht auf uneingeschränkten Spass gegen die Beachtung noch der simpelsten hygienischen Standards auszuspielen weiss.
Dass nach allem, was wir mittlerweile wissen, die hartnäckigen, ja gehässigen Diskussionen über die Wirksamkeit des Nasen-Mund-Schutzes fortgesetzt werden, dass die Aufforderung, in bestimmten Räumen und Situationen Masken zu tragen, als Eingriff in die persönliche Freiheit gilt und vorsichtige Menschen als Feiglinge betrachtet werden, ist irritierend. Im vollen Wissen eines positiven Befundes eine Bar oder eine fröhliche Gesellschaft aufzusuchen und dabei ein potenziell gefährliches Virus zu verbreiten, ist auf dem besten Wege, zu einem sozial akzeptierten Verhalten zu werden. Leben mit dem Virus, lautet die dazugehörige Parole. Manche stilisieren solchen Leichtsinn sogar zu Akten des zivilen Widerstands. Wer hechelnd drängelt, darf sich als Freiheitskämpfer fühlen. Weit haben wir es gebracht. Einige Unannehmlichkeiten in Kauf zu nehmen, die vielleicht lästig sein mögen, aber niemanden wirklich einschränken, scheint uns schon zu viel verlangt. Von der wortreich beschworenen Selbstverantwortung bleibt in der Realität nichts übrig als das Selbst.
Resilienz ist nur ein Schlagwort
Man kann das durchaus verstehen. Die moderne Gesellschaft ist nicht für längere Phasen der Unsicherheit geschaffen. Resilienz ist nur ein Schlagwort, mehr nicht. Krisen machen uns, im Gegensatz zu einer verbreiteten Ideologie, nicht innovativ, sondern konservativ. Trotzig fordern wir die sofortige Rückkehr zum Status quo ante! Das Ansinnen, auf etwas, und sei es nur für eine begrenzte Zeit, zu verzichten, kollidiert mit einem seit langem propagierten Anspruchsdenken. Goethes «Entbehren sollst du! Sollst entbehren!» überlassen wir gerne seinem frustrierten Faust, mit uns hat das nichts mehr zu tun. Also dann: Hinein ins Menschengewühl, für prickelnde Spannung ist jedenfalls gesorgt. Risikosportarten erübrigen sich in diesem Sommer, es genügen die biederen Strandferien, um sich als Held zu fühlen. Manche werden vielleicht auf der Strecke bleiben, aber das darf die Stimmung nicht mehr trüben. Viel Vergnügen!

