Minus 35 Grad – für viele spielt er am schlimmsten Ort
Dem Schweizer NHL-Stürmer gefällt es trotz der extremen Kälte in Manitoba immer besser. Und er ist im sportlichen Hoch, auch dank einer zufälligen Begegnung mit Kult-Trainer Arno Del Curto.

Kristian Kapp
Publiziert heute um 06:00 Uhr

Die kälteste NHL-Stadt: Nino Niederreiter wärmt sich in Winnipeg vor dem Heimspiel gegen die Buffalo Sabres auf.
Foto: Sven Thomann (Blick/Freshfocus)
Auf dem Eis ist Nino Niederreiter eine imposante Erscheinung. Als knapp 100 Kilogramm schwerer und 1,88 Meter grosser Powerstürmer entspricht der Bündner mit seinem wuchtigen Spiel nicht dem Prototyp des Schweizer Eishockeyaners. Daneben ist der 31-Jährige aber auch ein Denker und Tüftler. Einerseits manövrierte er sich früher auch schon in persönliche Flauten, wenn er sich eben zu viele Gedanken über mögliche Gründe machte. Andererseits hat ihm sein ständiges Hinterfragen womöglich auch die Karriere in der besten Eishockeyliga verlängert.
Das Spiel wird immer schneller, die Stars auf allen Positionen immer wendiger. Niederreiter weiss, dass sein Spielertyp es immer schwieriger hat. Er setzte bereits vor zwei Jahren auf Yoga, um leichter und agiler zu werden. Er montierte kleinere Kufen am Schlittschuh, veränderte erstmals in seiner Karriere die Biegung der Stockschaufel.
Seit dieser Saison spielt er mit einzigartigen Kufen aus einer Carbon-Stahl-Mischung, die vom Schweizer Riccardo Signorell entwickelt wurden. Der frühere Spieler und heutige Filmemacher sowie Unternehmer ist ebenfalls ein Tüftler. Was mit der Arbeit an Niederreiters Kufen begann, endete mit den Shark-Blades und seinem Oceanice-Projekt. Dabei handelt es sich um ein neues Kunsteisfeld mit speziellen Schlittschuhen, die in der Kombination ein fast gleiches Erlebnis wie auf richtigem Eis bieten.
Das Zufallstreffen in Montreal
Eigentlich wäre diesen Herbst also alles bereit gewesen für einen guten Saisonstart Niederreiters. Zu seinem Club, den Winnipeg Jets, war er mitten in der letzten Spielzeit gestossen – es war ein typischer NHL-Trade, ein Transfer, bei dem der Spieler kein Mitspracherecht hat. Im Sommer 2022 hatte er für zwei Jahre bei den Nashville Predators unterschrieben, auch, um mit Roman Josi spielen zu können. Doch dann kam alles anders und landete Niederreiter an jenem Ort, der für viele NHL-Spieler der schlimmste der Liga ist – vor allem auch der extrem tiefen Temperaturen wegen.
Ausgerechnet letzten Februar, in der bislang kältesten Woche des Jahres, wurde Niederreiter nach Winnipeg transferiert, das Thermometer zeigte da bis zu rund minus 35 Grad an. Was dem Bündner hilft, dass er sich mittlerweile wohlfühlt: Winnipeg ist eine klassische kanadische Eishockeystadt mit begeisterungsfähigen Fans, die Jets sind zudem in einer äusserst ausgeglichenen Meisterschaft auf Playoff-Kurs.
Sportlich reagierte Niederreiter bereits im Februar gut auf den Wechsel: In den letzten 27 Spielen bis zum Playoff-Out in Runde 1 sammelte er 17 Skorerpunkte. Der Stürmer reiste diesen Herbst also auch noch mit dem Schwung der Vorsaison nach Winnipeg. Doch dann lief es harzig, in den ersten sieben Spielen gelang Niederreiter nur ein Tor. Trotz aller Tüftelei, Veränderungen und guten Vorzeiten deutete vieles auf ein Tief des Schweizers hin – wie den Erfolg kennt er auch diese, immer wieder fand er aber Wege nach oben zurück. Das erste erlebte er früh: Als er 2011 als junger hoffnungsvoller Erstrunden-Draft der New York Islanders seine erste volle NHL-Saison spielte, gelang ihm in 55 Spielen nur ein Tor.
Zitat
«Du kannst nicht das Gefühl haben, dass du als NHL-Rückkehrer in der Schweiz einfach so dominierst.»
Nino Niederreiter
So weit würde es diesmal natürlich nicht kommen, am Anfang des Turnarounds stand aber ein zufälliges Treffen mit Arno Del Curto – ausgerechnet der frühere Davoser Trainer, der dem damals erst 16-jährigen Niederreiter beim HCD in einem Playoff-Spiel das Debüt im Profieishockey bescherte. Del Curto weilte nun an diesem Oktobersonntag auf Einladung Marco Torrianis, Hotelier und Sohn der Schweizer Eishockeylegende Bibi Torriani, in Montreal – genauso wie Niederreiter, der mit seinen Winnipeg Jets für das Auswärtsspiel gegen die Canadiens am Folgetag angereist war.
Die Jets und Del Curto logierten zufällig im selben Hotel, beim Frühstücksbuffet kam es zur Begegnung. Die beiden verbrachten danach den Tag gemeinsam, Gespräche über Eishockey sowie Gott und die Welt inklusive. «Er bot mir eine Wette für 100 Dollar an, wenn mir gegen Montreal je ein Tor und ein Assist gelingen würden – was dann tatsächlich auch eintraf.» Seither hat Niederreiter in 13 Spielen neun Skorerpunkte gesammelt, obwohl er mit Mason Appleton und Adam Lowry «bloss» die dritte Linie der Jets bildet, die als erste Priorität nicht nur offensive Aufgaben hat.
Aufgaben beim Jugendclub – und beim Padelsport
Niederreiter wirbelt aber nicht nur in Kanada, er ist auch in zwei Projekte in der Schweiz involviert. So gehört er dem Vorstand seines Jugendclubs Chur an. «Ich bin Botschafter und versuche, Türen zu öffnen», beschreibt er seine Rolle beim in der dritthöchsten Liga spielenden EHC. Einerseits habe er schnell eingesehen, dass von Nordamerika aus eine operative Rolle nicht funktioniere, andererseits wolle er nicht aus der grossen Ferne reinreden: «Ich weiss, dass dies gerade bei den Nachwuchstrainern von ausserhalb bereits genug andere tun …»
Nach der Spielerkarriere wolle er sich mehr in den Verein einbringen – eine Zeit, die hoffentlich noch ein paar Jahre in der Zukunft liege. Sicher sei, dass er in die Schweiz zurückkehren werde. Hier spielen werde er aber nur noch, wenn er auch Akzente setzen und ein Wort um den Titel mitreden könne, sagt Niederreiter: «Die National League ist eine gute Liga, du kannst nicht das Gefühl haben, dass du nach der Rückkehr aus der NHL einfach so dominierst.» Einfach so die Karriere in der Heimat ausklingen lassen, das wolle er nicht tun.
Niederreiter ist zudem Mitbesitzer der Schweizer Firma Padelta. Diese investiert in die Trendsportart Padel, eine Mischung aus Tennis und Squash. Padelta eröffnet Anlagen in der Schweiz – die neuste befindet sich in Greifensee und ist in den Milandia-Sportpark integriert. Plant er hier bereits die Karriere nach der Karriere?

Zweite sportliche Leidenschaft: Nino Niederreiter beim Padelspiel.
«Jein», sagt Niederreiter. Er sei begeistert vom Padelspiel, glaube an seine Zukunft und hoffe, dass es dereinst olympisch werde. Einerseits sei sein Einstieg bei Padelta mit dem Ziel verbunden gewesen, die Sportart in seine Heimat Chur bringen zu können, dies ist für 2024 geplant. «Und andererseits ist es für mich eine Chance, in die Business-Seite eines Unternehmens hineinzuschauen.»