Rikard Grönborg vs. John Fust
«Kopfjäger!» – diese Fehde begann bereits vor sechs Jahren
Die Trainer der ZSC Lions und des Lausanne HC gerieten am Sonntag heftig aneinander – schon wieder. Ihre Geschichte reicht zurück bis auf die U-20-WM in Finnland.

Kristian Kapp

Hätten Sie ihn erkannt? Rikard Grönborg vor fast sechs Jahren, damals noch in Diensten des schwedischen Eishockeyverbands.
Foto: Stuart Franklin (Getty Images)
Ein Trainerstab mit Headcoach Rikard Grönborg, der Zeter und Mordio schreit wegen eines gegnerischen Staffs mit Chef John Fust an der Bande: Das sahen wir am Sonntag nach ZSC - Lausanne, dem neuesten «Hassduell» im Schweizer Eishockey. Die Playoff-Serie zwischen den beiden Teams war schon im April aus dem Ruder gelaufen, nachdem Lausannes Mark Barberio Sven Andrighetto kopfvoran in die Bande befördert hatte, dafür sechs Spielsperren kassierte und auch der ZSC-Stürmer für einen Crosscheck gegen den Kopf von LHC-Stürmer Charles Hudon für ein Spiel aussetzen musste.
Nun stand am Sonntag beim 1:0-Sieg der Lions in Zürich erneut Barberio im Mittelpunkt. Sein Crosscheck ins Gesicht von ZSC-Stürmer Garrett Roe hatte doppelt Folgen: Roe wird wegen eines Kieferbruchs wochenlang ausfallen, gegen Lausannes Captain wurde ein Verfahren eingeleitet. Für noch mehr Wirbel sorgte indes ZSC-Headcoach Grönborg, der nach dem Spiel zusammen mit seinem Assistenten Peter Popovic Fust und dessen Staff sowie den LHC als Ganzes beschimpfte und auch später in Interviews, als er sich wieder beruhigt hatte, zum verbalen Rundumschlag gegen die Waadtländer ansetzte.
Tatort U-20-WM in Helsinki
Und damit zurück zum Trainerstab mit Headcoach Rikard Grönborg, der Zeter und Mordio schreit wegen eines gegnerischen Staffs mit Chef John Fust an der Bande. Am 26. Dezember 2015 war da schon mal was, und das zog noch viel weitere Kreise als der aktuelle Vorfall. An der U-20-WM in Helsinki geriet das Duell zwischen Schweden und der Schweiz (8:3) aus den Fugen. Headcoach der Schweden? Grönborg. Cheftrainer der Schweiz? Na klar: Fust.
Das Politikum: William Nylander, kommender Superstar der Schweden und vor allem der Toronto Maple Leafs. Die Tat: ein Check des Schweizers Chris Egli, bei dem Nylander k. o. ging. Als würde das nicht reichen, kamen noch mehr Vergehen dazu: jene von Fabian Heldner und Calvin Thürkauf, die zwei weitere verletzte Schweden sowie ebenfalls Restausschlüsse für die beiden Schweizer zur Folge hatten.

Ebenfalls sechs Jahre her, aber unverkennbar: Der heutige Lausanne-Trainer John Fust an der Schweizer Bande.
Foto: Alexander Hassenstein (Getty Images)
Schweizer und Schweden logierten während der WM im selben Hotel, man lief sich also noch gleichentags und für den Rest des Turniers über den Weg. Wie damalige Teilnehmer der Schweizer Delegation belegen können, konnten zumindest dort die Wogen sehr schnell wieder geglättet werden. Doch via Zeitungen und soziale Medien liessen der schwedische Staff und auch die Fans die Schweizer klar und deutlich wissen, was sie von ihnen hielten: «Kopfjäger» seien Fust und sein Team.
Das brachte die Eishockeywelten Schwedens und von Toronto auf die Palme: Der Check von Chris Egli gegen William Nylander.
Video: TSN/Youtube
Das mediale Interesse am Turnier war enorm in Kanada, dem Mutterland des Eishockeys, denn es war eine unfassbar gut besetzte U-20-WM: Jesse Puljujärvi, Sebastian Aho, Mikko Rantanen, Patrik Laine, Auston Matthews, Mitch Marner, Matt Barzal, Brock Boeser, Matthew Tkachuk, Zach Werenski, Kirill Kaprizov, Thomas Chabot, Joel Eriksson Ek, Ilja Samsonow, Mackenzie Blackwood und noch einige weitere heutige NHL-Topspieler waren nebst Nylander dabei. Im Schweizer Kader standen zudem der damals erst 16-jährige Nico Hischier und der heutige ZSC-Stürmer Denis Malgin.
Aus kanadischer und schwedischer Sicht spielte aber vor allem dies eine grosse Rolle: Der kommende Superstar Nylander wird von einem unbekannten und ungedrafteten Schweizer ins Spital gecheckt. Vorwürfe an Egli und die Schweizer kamen auch vom kanadischen TV-Sender TSN.
Teenager Egli am Pranger
Was folgte, war vor allem für Egli ein riesengrosser Shitstorm via soziale Medien, der damals 19-Jährige wurde von kanadischen und schwedischen «Fans» rund um die Uhr übelst beschimpft. Egli wurde für drei Spiele gesperrt, für Nylander war das Turnier nach dem ersten Spiel vorbei, seine Karriere als Junioren-Nationalspieler Schwedens ebenfalls, nie mehr lief er für die U-20 auf.
Wenn also Grönborg am Sonntag gegenüber Fust die Contenance verlor und ihm auch die grundsätzliche Berechtigung als Coach absprach, weil er seine Spieler nicht im Griff habe, dürften tief im Innern des Schweden auch Erinnerungen an 2015 wach geworden sein.