Alles anzeigenKommentar zu Raffainers Abwerbung
Was für eine Doppelmoral des SC Bern!
Als Treiber der Ligareformen beschwören die Berner das Wohl aller. Nun jagen sie dem HC Davos den Sportchef ab. Das zeigt: Solidarität ist nur eine Floskel.
MEINUNGSimon Graf (TA)
Der erfolgsgewohnte Berner CEO Marc Lüthi hatte sich in eine verzwickte Situation manövriert. Er brauchte dringend sportliches Know-how für seinen kriselnden SCB, doch er wollte Sportchefin Florence Schelling nicht brüskieren. Schliesslich hatten die Berner im vergangenen Frühjahr weltweit Schlagzeilen und Lob geerntet, weil sie den Mut hatten, eine Frau in diese Position zu hieven. Und das Zusammenspiel mit Chris McSorley, einem Kanadier alter Schule, mit dessen Engagement die Berner liebäugelten, wäre für Schelling wohl eher schwierig geworden.
Mit der Verpflichtung von Raeto Raffainer, der die nötige Sensibilität für diese Situation mitbringt, ist Lüthi nun der Befreiungsschlag gelungen. Schelling bleibt in Amt und Würden, Lüthi wahrt sein Gesicht, für Raffainer wurde eine neue Position geschaffen (Chief Sport Officer). Bald ist er Schellings neuer Chef. Der Engadiner, der den Davoser Assistenzcoach Johan Lundskog nach Bern mitnehmen wird, hat sich innert Kürze zu einem der profiliertesten Techniker im Schweizer Eishockey entwickelt. Zuerst bewährte er sich als Direktor des Schweizer Nationalteams in einer schwierigen Zeit, danach orchestrierte er den Neuaufbau beim HC Davos nach der Ära Arno Del Curtos.
Nach eineinhalb Jahren zieht Raffainer nun weiter – und hinterlässt beim Rekordmeister eine klaffende Lücke. Denn der 39-Jährige ist nicht nur fachlich sehr kompetent, sondern auch ein guter Kommunikator. Er war das Gesicht des neuen HCD, zumal er aus St. Moritz stammt und Bündner Dialekt spricht. Doch Raffainer ist eben auch ein Karrierist, und als der SC Bern anklopfte, witterte er die Chance, die nächste Sprosse zu erklimmen. Es ist attraktiver, bei einem Grossclub zu wirken, der vor 17’000 Zuschauern spielt, wenn nicht gerade eine Pandemie ist, als in den Bergen, wo die Corona-Krise noch lange nachhallen wird.
Dieser fliegende Wechsel – Raffainer dürfte die Saison in Davos trotz sechs Monaten Kündigungsfrist nicht abschliessen – zeigt, wie das Schweizer Eishockey funktioniert: Jeder versucht, für sich den grössten Vorteil herauszuholen, ohne Rücksicht auf Verluste des anderen. Das ist nicht neu, aber in Zeiten, da Solidarität und das Gesamtwohl der Liga beschworen werden, doch wieder einmal erwähnenswert. Zumal der SC Bern der Treiber der geplanten Ligareform ist, bei der die angestrebte Ausländererhöhung hohe Wellen schlägt.
2018 wurde die von Lüthi propagierte Anhebung von vier auf sechs Ausländer mit 9:3 Stimmen abgelehnt, nun hat sein Vorschlag, der viel weiter geht, eine grosse Mehrheit in der neu gegründeten National League gefunden. Das Reformpaket umfasst so viele Punkte, dass man leicht den Überblick verliert – was wohl nicht ganz unbeabsichtigt ist. Jeder scheint darin etwas zu finden, von dem er sich künftig Vorteile verspricht.
Der Treiber des Schweizer Eishockeys ist nicht Solidarität, sondern Konkurrenz. Auf wie neben dem Eis. Man will den anderen übertreffen, austricksen, sucht Schlupflöcher. Das ist auch okay so, entspricht auch unserer föderalistischen Struktur. Ein kollektives Miteinander, wie das im schwedischen Eishockey gelebt wird, ist hier schlicht nicht denkbar. Die Schweizer Rivalitäten schaffen auch Interesse bei Zuschauern und Sponsoren, steigern das Niveau – und als unerwünschten Nebeneffekt eben auch die Spielerlöhne.
Dieses Gegeneinander hat sich über Jahre bewährt. Und nun reden plötzlich alle von Solidarität und Miteinander und begründen damit eine umfassende Ligareform. Das ist sehr gefährlich. Im alten System hatte sich das gegenseitige Wetteifern eingespielt, eben mit dem bekannten Nachteil der Lohntreiberei. Doch wenn die Rahmenbedingungen plötzlich grundlegend verändert werden, wird auch innerhalb dieser wieder jeder alle erdenklichen Möglichkeiten ausloten, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Das birgt neue Gefahren, deren Folgen nicht abzuschätzen sind.
Suche nach Schlupflöchern
Wenn acht oder zehn Ausländer auf dem Matchblatt erlaubt sind, wird sicher ein Club, der sich unbedingt einmal einen Meistertitel kaufen möchte, diese Kontingente ausschöpfen. Dann müssten andere nachziehen. Würde das ein Financial Fairplay verhindern? Auch da wird es Schlupflöcher geben. Und lohnt sich Nachwuchsförderung dann überhaupt noch?
Der Fall SCB versus HCD, die in der Sache der Ligareform auf der gleichen Seite und profilierte Wortführer sind, zeigt, wie viel von der Floskel der Solidarität zu halten ist. Im Interview sagt Marc Lüthi: «Ach, Davos hat zuvor dem Verband den Sportchef auch ausgespannt. Solche Sachen gehören in unserem Geschäft dazu.» Das ist entwaffnend ehrlich. Es soll nur niemand mehr behaupten, man strebe die Ligareform zum Wohle der anderen an
Voilà - dem gibt's eigentlich nichts mehr hinzu zu fügen! All das Bla-bla-bla von wegen "wir müssen unser Produkt schützen" ...... Bullshit! Wie sehr viele
von Anfang an realisiert haben: Es geht nur darum sich selber zu schützen, nicht "das Produkt Eishockey"! Weil: Das wird es auch in X Jahren noch geben,
auch wenn diese zumeist unsinnigen Reformen nicht eingeführt würden.
Okay, vielleicht kann diese Sch..ss Pandemie den Profisport stürzen - aber daran würden diese zumeist absurden neuen Regeln auch nichts ändern.