Meistergoalies
«Im Büro bist du dafür nicht dreimal die Woche der Depp»
Lukas Flüeler führte die ZSC Lions zu drei Titeln und stieg im Frühjahr mit 33 ins Berufsleben um. Nun spricht er über die schwierigen Momente im Rampenlicht – und was er am meisten vermisst.
Danke, dass Sie sich in Ihrer Mittagspause Zeit nehmen. Sie sind nach Ihrem Rücktritt nahtlos ins Berufsleben eingestiegen, arbeiten bereits zu 100 Prozent bei der Swiss Life. Wie kam es dazu?
Früher hätten wir uns um zwei, drei Uhr nachmittags getroffen, als Hockeyprofi hatte ich am Nachmittag frei. Nun bin ich acht, neun Stunden am Arbeiten. Wie es dazu kam? Ich studierte neben dem Eishockey Wirtschaft, machte zuerst den Bachelor, dann den Master. Vor zwei Jahren begann ich bei der Swiss Life zu 30 Prozent im Projektcontrolling. Als ich merkte, dass sich meine Karriere langsam dem Ende zuneigte, bekam ich eine Stelle in der Unternehmensstrategie angeboten. Da arbeite ich nun seit Juni.
Für eine Weltreise nach der Karriere blieb also keine Zeit mehr?
Nein, es ging alles Schlag auf Schlag. Im April bekamen wir unsere Tochter, unser erstes Kind, dann war ja noch der Final gegen Zug. Auch wenn ich nicht mitspielte, war ich mit dem Herzen dabei. Danach verreisten wir kurz in die Berge, mit dem Team hatten wir noch die Abschlussreise nach Mallorca, dann ging es schon los im neuen Job.
Ist es härter, im Büro zu arbeiten denn als Hockeyprofi?
Es ist anders. Ich würde nicht sagen härter. Mein Job macht mir grossen Spass. Der Tag ist ein paar Stunden länger, dafür habe ich am Wochenende frei. Wir waren gerade in den Bergen im Berner Oberland. Bald kommt der Winter, ich freue mich aufs Skifahren.
Durften Sie während Ihrer Karriere Ski fahren?
Nein. Im Vertrag stand, dass wir keine Risikosportarten ausüben dürfen. Ich war nun erstmals seit Ewigkeiten wieder in einem Skiladen und machte mich schlau. Seit 15 Jahren bin ich nicht mehr auf den Ski gestanden.
Wenn Sie im Hallenstadion eine starke Parade machten, jubelten Ihnen 10’000 zu. Fehlt Ihnen das im Büro?
Im Eishockey gehen die Emotionen hoch, du spielst dreimal pro Woche. Im Büro dauert alles etwas länger, aber auch hier hast du Erfolgsmomente. Wenn du eine gute Präsentation machst, gibt es ein Kompliment vom Chef. Aber klar, nicht dreimal die Woche. Dafür bist du auch nicht dreimal die Woche der Depp, wenn du keinen Puck stoppst.
Wie half Ihnen Ihre Hockeykarriere für das Berufsleben danach?
Unser Vorteil als Sportler ist: Wir müssen von jung auf sehr diszipliniert sein, damit wir unsere Ziele erreichen. Wir können nicht die ganze Zeit in den Ausgang gehen …
… Eishockeyaner gehen nicht in den Ausgang?
Wenn man es zum Profi geschafft hat, vielleicht eher einmal. Aber mit 16, 17, wenn meine Kollegen in den Ausgang gingen, hatte ich immer Match. Diese Disziplin hilft mir nun im Beruf. Ich bleibe dran und auch ein paar Stunden länger, wenn es sein muss.
«Ich empfehle allen, neben dem Eishockey früh mit etwas anderem zu beginnen. Man kann auch ein Instrument lernen oder eine Sprache.»
Sie studierten während der Karriere zusammen mit Leonardo Genoni und Simon Bodenmann. Würden Sie das anderen Sportlern empfehlen?
Auf jeden Fall. Ich würde allen empfehlen, neben dem Eishockey schon früh mit etwas anderem zu beginnen. Das muss kein Studium sein, man kann auch ein Instrument lernen oder eine Sprache. Das Schweizer Eishockey ist eine kleine Welt. Es tut gut, da auszubrechen, auch gedanklich. Sicher brauchst du ein gutes Zeitmanagement, aber als Eishockeyprofi hat man immer mal wieder Zeit. Man hat Busfahrten, in denen man lernen kann, freie Nachmittage. Und wir drei haben uns im Studium immer unterstützt. Wenn einer mal nicht kommen konnte, schrieb ein anderer eine Zusammenfassung.
Wer war der Fleissigste von Ihnen dreien?
Leo (Genoni) war mit Abstand der Beste, er schrieb immer Sechser. Bodenmann und ich waren auf einem ähnlichen Level. Am Schluss hat er mich bei der Masternote noch leicht überholt. Es war eine schöne Zeit, wir halfen uns gegenseitig und gingen nach der Schule auch einmal auf ein Bier zusammen, oder assen zu Abend. Meistens war das am Montag, und es konnte gut sein, dass wir uns dann am Dienstag auf dem Eis gegenüberstanden.
«Die Garderobe ist etwas Magisches im Sport.»
Was fehlt Ihnen aus dem Eishockey?
Die Garderobe. Die Garderobe ist etwas Magisches im Sport. 16-, 17-Jährige bis 42-Jährige sitzen dort zusammen. Man ist den ganzen Tag zusammen, geht auf Champions-League-Reisen, hat hohe Ziele, muss Niederlagen gemeinsam verarbeiten. Im normalen Arbeitsalltag gibt es das nicht.
Und man darf Kind sein bis ins hohe Alter.
Es ist genau das. Segi (Mathias Seger) sagte immer zu mir, es tue ihm so gut, mit Jungen zu spielen. Das halte ihn selber auch jung. Die Jungen reden anders, sie haben andere Interessen, man lernt viele Dinge von ihnen.
Was fehlt Ihnen gar nicht?
Dass ich täglich den Rücken und die Adduktoren spüre. Die Verletzungshexe besuchte mich vor ein paar Jahren, danach liess sie mich nicht mehr los. Wenn ich mit meinen 100 Kilo hundert-, zweihundertmal auf die Knie pralle, ist das für meinen Rücken nicht ideal. Es ist schön, morgens aufzustehen ohne Rückenweh.
Sie hatten täglich Rückenweh, wenn Sie aufstanden?
Wenn die Entzündung mal da ist, beginnst du zu spritzen oder nimmst eine Tablette. Es heilt nie richtig aus. Du willst spielen, gönnst dir keine längere Pause. Nun merke ich: Es heilt schon, wenn man es ruhiger angehen lässt.
«Ich machte zuerst mal eine Pause und nahm gleich fünf Kilo zu. Die habe ich jetzt wieder weggebracht.»
Sind Sie sportlich noch aktiv?
Ich machte zuerst mal eine Pause und nahm gleich fünf Kilo zu. Die habe ich jetzt wieder weggebracht. Durch die Ernährung, nicht durch den Sport. Vorher konnte ich mir alles erlauben, jetzt passe ich mehr auf, etwa bei den Kohlenhydraten. Und ich beginne nun, in einer Plauschmannschaft zu spielen. Ich ging vorher noch auf den freien Eislauf mit den Spielerschlittschuhen, damit ich mich nicht blamiere. Es sah nicht gut aus. Hoffentlich hat mich niemand erkannt.
Sie spielen nicht als Goalie?
Nein, als Verteidiger. Goalie werde ich nie mehr sein. Da weiss ich, was möglich ist. Ich hätte keinen Spass, das so halbbatzig zu machen.
Es war für Sie ein Abschied auf Raten. Sie bestritten Ihr letztes Spiel am 7. Dezember 2021, im neuen Jahr waren Sie nicht einmal mehr auf der Bank. Wie gingen Sie damit um?
Vorletzte Saison hatte ich gar kein gutes Jahr. Ich verlor meinen Platz an Ludovic Waeber, ich war der schlechtere Goalie. Das kann man so sagen. Im Sommer (2021) arbeitete ich dann sehr hart, probierte Neues und hatte einen guten Saisonstart. Ich zeigte einige gute Spiele, doch ich kam nie richtig ins Tor zurück, für zwei, drei Spiele nacheinander. Irgendwann wurde mit Jakub Kovar ein ausländischer Goalie geholt, und der machte einen super Job. Klar hätte ich gern im Playoff gespielt. Aber es sollte nicht sein.
Bereits Anfang November 2021 entschieden Sie, per Ende Saison zurückzutreten. Wie viele schlaflose Nächte hatten Sie vorher?
Keine. Ich hatte immer gewusst, dass ich mit 33, 34 aufhören würde. Das war kein Entscheid aus dem Buch heraus. Es lief also alles nach Plan. Ich hätte mir natürlich gewünscht, dass ich am Schluss noch den Pokal hätte hochstemmen können. Aber so etwas kann man nicht planen.
«Wenn ich als junger Goalie ein faules Tor kassierte, riefen die Leute: ‹Sulo, Sulo.› Das nahm ich damals oft mit ins Bett.»
Wie war es für Sie, in Zürich einst als junger Goalie in die grossen Fussstapfen von Ari Sulander zu treten?
Nicht einfach. Sulo ist eine Riesenlegende, er holte 2000, 2001 die ersten Meistertitel wieder nach Zürich. Wenn ich als junger Goalie ein faules Tor kassierte, riefen die Leute: «Sulo, Sulo.» Im Nachhinein kann ich sagen: Das hat mich mental stärker gemacht. Aber damals nahm ich es oft mit ins Bett.
Wie begegnete er Ihnen? Sah er Sie als Konkurrent?
Sie kennen Sulo ja auch. Was er sicher nicht tut: gross mit einem reden. Aber er war immer sehr fair im Training. Er sagte: «Du musst dir deine Einsätze erarbeiten.» Er war auch kein Trainingsweltmeister, aber er wollte jedes Spielchen, jedes Penaltyschiessen gewinnen. Die ersten zwei Jahre habe ich kein Spielchen gegen ihn gewonnen.
Sulander ist inzwischen Tierkremator in Oulu. Haben Sie mit ihm über sein neues Leben gesprochen?
Gerade kürzlich, beim ersten Spiel in der Swiss-Life-Arena. Da sah ich ihn erstmals wieder. Er machte einen sehr zufriedenen Eindruck. Er führt eine Einmannbetrieb. Ein Tierarzt sagte ihm, das sei eine gute Business-Idee. Diese Chance hat er genutzt.
Hätte Sie das auch gereizt?
(schmunzelt) Tierkremator? Ich glaube, das hätte nicht meinen Stärken entsprochen. Ich wäre viel zu traurig, wenn ich täglich Tiere einäschern müsste.
2012 führten Sie die ZSC Lions erstmals zum Meistertitel, in der legendären Finalserie gegen den SC Bern, als Sie schon 1:3 zurücklagen. Damals kam ein Kaminfeger und verteilte Glücksräppler. Braucht es solche besonderen Geschichten, um ein Team speziell zu inspirieren?
Im Playoff geht es sehr schnell. Du spielst jeden zweiten Tag, wenn du verlierst, bist du völlig am Boden, und 48 Stunden später musst du wieder einen Sieg holen. Da hilft es, wenn man Impulse von aussen bekommt. Unser damaliger Trainer Bob Hartley ist Meister darin, solche Dinge aufzunehmen. Darum hat er in jeder Liga gewonnen, in der NHL, in Russland, in der Schweiz. Er hat wirklich alles getan für den Sieg. Alles. Ich hörte einmal, dass er einen kleinen Bub anstellte, um nach Davos zu fahren und ein Autogramm von Reto von Arx zu holen, um zu wissen, welche Hand bei ihm angeschlagen war.
Hartley war nicht besonders beliebt bei den Spielern. Bei ihm heisst es: 364 Tage im Jahr hassen sie ihn, am 365. feiern sie den Meistertitel. Wie haben Sie das erlebt?
Hartley und auch Marc Crawford haben die Geschichte vieler Spieler bei den ZSC Lions geprägt. Wenn man schaut: Die Gebrüder Baltisberger, Schäppi, Geering, ich, wir bekamen alle die Chance unter ihnen. Das half dem Club sehr. Trainer, die mit den Jungen arbeiten und ihnen die Chance geben, sind extrem wichtig. So prägen sie ganze Jahrgänge.
Aber sie waren auch hart?
Ja, sehr hart. Extrem hart. Aber das braucht es. Man sagt immer: Die Spieler sind selber verantwortlich, die verdienen ja auch genug. Das stimmt schon. Du musst selber schauen, dass du Leistungen erbringst. Trotzdem: Ein Trainer hat viele Werkzeuge in der Hand, die er einsetzen kann, damit die Spieler vorwärtskommen.
Als Typen waren sie unterschiedlich: Hartley war sehr detailversessen, Crawford konnte auch einmal laut werden.
Beide konnten laut werden. Ich war bei beiden im Büro, und es wurde bei beiden sehr laut. Das können Sie mir glauben. (lacht) Aber beide sind fair. Hartley ist noch extremer, wenn es um den Erfolg geht. Das ist vielleicht keine so langfristige Methode, deshalb blieb er auch nur ein Jahr. Crawford war neben dem Eis viel menschlicher.
Sie führten die ZSC Lions dreimal zum Titel: 2012, 2014 und 2018. Was war Ihr Highlight?
Sicher 2012. Ich erlebte mit fünf mit meinem Vater das erste Spiel in Kloten und hatte nur Augen für Reto Pavoni. Mein Vater sagte: «Der Puck ist dort vorne!» Aber ich schaute immer nur auf den Goalie. Ich durfte mit Denis Hollenstein auch in die Garderobe, als Kloten Meister wurde. Für mich war da klar: Das möchte ich auch einmal erleben. Wenn du es dann geschafft hast, ist das schon sehr speziell. Das Gefühl, das ich damals hatte, ist immer noch in mir drin.
Sie waren ein Meister der siebten Spiele: Sie gewannen alle sechs. Woher kam diese mentale Stärke?
Das hat nicht nur mit mir zu tun, das war Teamwork. Ich schaute mir diese Spiele alle nochmals an. Wie wir da jeweils als Mannschaft auftraten, das war eindrücklich. Wir wussten: Wir schaffen es. Das spürten wir in dieser Garderobe einfach. Das steckt an. Es ist kein Zufall, dass auch der HCD so viele dieser Spiele gewann.
Was war Ihr Rezept vor so grossen Spielen, um ruhig zu bleiben?
Mir half immer die Routine. Durch Routinen kannst du dich beruhigen. Deshalb hatte ich vor den Spielen immer den gleichen Ablauf. Ich redete selten am Matchtag. Ab Mittag nahm ich keinen Anruf mehr an und sprach nicht mehr mit den Jungs.
Sie redeten gar nicht mehr?
Nein, ab Mittag redete ich mit niemandem mehr. Bis nach dem Match. Ich bin einer, der sonst sehr gern plaudert. Über jeden Blödsinn. Aber ich wusste: Wenn ich am Matchtag mit den Jungs über Fernsehserien rede oder darüber, was im Ausgang gelaufen ist, bringt mich das nur durcheinander.
«Du hasst deinen Gegner im Playoff. Du willst nichts mit ihm zu tun haben.»
Mit Simon Bodenmann bildeten Sie lange Jahre eine Wohngemeinschaft, noch bevor Sie bei den ZSC Lions zusammenspielten. Wie war das, als Sie sich 2014 im Zürcher Playoff-Final duellierten?
Gut, er musste ausziehen. (lacht) So hatte ich meine Ruhe. Wir sagten immer: Wenn wir im Playoff gegeneinander spielen, können wir nicht miteinander wohnen. Journalisten fragten uns ein paarmal: Wieso nicht? Das ist doch nicht so schlimm? Aber das geht nicht. Du hasst deinen Gegner im Playoff. Du willst nichts mit ihm zu tun haben.
Sie redeten auch nicht mehr miteinander in dieser Zeit?
Nein, wir hatten keinen Kontakt. Erst zwei, drei Wochen später wieder.
Sie sind Vater geworden, haben einen Bürojob. Kann man sagen: Nun haben Sie ein geregeltes Leben?
Ich habe mehr Freiheiten als vorher. Als Hockeyprofi wurde mir vorgegeben, was ich zu Mittag esse, wann der Bus abfährt. Anfang Woche bekamen wir von unserem Teammanager André ein Mail, worauf wir alles achten müssen. Du weisst auf die Minute, was du anziehen, wo du essen, wo du wann sein musst. Das ist tubelisicher. Ich geniesse es, dass ich nach 20 Jahren selber entscheiden kann, was ich esse oder wie ich das Wochenende verbringe. Mein heutiger Job ist zwar stundenmässig aufwendiger. Ich stehe um sechs Uhr morgens auf und komme manchmal spät nach Hause, wenn wir noch Events haben. Trotzdem fühle ich mich freier.