Beiträge von Ouimet

    Wenn 133 Millionen Dollar zu wenig sind

    Die Baltimore Ravens und ihr Quarterback-Star Lamar Jackson können sich nicht auf einen neuen Vertrag einigen – das ist nachvollziehbar. Der Fehler liegt im System.

    Manchem Betrachter dieser Zahlen dürfte der Mund offenstehen: Die Baltimore Ravens haben Lamar Jackson vor der aktuellen Spielzeit einen neuen Vertrag angeboten, der ihm 274 Millionen Dollar über sechs Spielzeiten hinweg in Aussicht stellte. Der Quarterback lehnte ab, weil nur 133 Millionen Dollar dieser Summe bei Unterschrift garantiert wären. Verrückt, mag man denken, das wirklich Verrückte jedoch ist: Beide Seiten handeln richtig, der Fehler liegt im System.

    Anders als im europäischen Fussball zum Beispiel werden NFL-Gehälter nicht frei verhandelt. Die US-Footballliga ist ein Franchise-System, dessen Regeln zumindest mittelfristig allen 32 Vereinen die gleiche Chance auf Erfolg ermöglichen sollen, Auf- und Abstieg gibt es nicht. Die Grundpfeiler des Tarifvertrags sind Gehaltsobergrenzen für Franchises, die Struktur von Verträgen je nach Dienstalter sowie Restriktionen beim Verlängern von Verträgen. Dazu gehört auch, dass Verträge nicht per Monat, sondern per Spieltag bezahlt werden, das bedeutet häufig eben auch: Wer nicht auflaufen kann, auch wegen einer Verletzung, kriegt kein Geld.

    Im konkreten Fall also bekommt Jackson, 25, in seinem fünften Profijahr die 23,016 Millionen Dollar, die ihm laut Vertrag zustehen – die Summe ist nicht verhandelt worden, sondern genau so im ersten Profivertrag vermerkt. Die Ravens haben für diese Saison eine Option gezogen, und nach dieser Spielzeit können sie ihn mit einem so genannten Franchise Tag belegen. Sie müssten ihm, damit er nicht mit anderen Vereinen verhandeln darf, das Durchschnittsgehalt der fünf bestbezahlten Quarterbacks zahlen – also geschätzte 46 Millionen Dollar nur für die Saison 2023. Das ist in etwa das jährliche Durchschnittsgehalt des Angebots inklusive aller Boni: 45,6 Millionen Dollar.

    Jackson spielt im Grunde zwei Positionen gleichzeitig – das macht ihn anfällig für Verletzungen

    Es gibt Varianten dieses Franchise Tags: Die Ravens könnten demnach auch nur 32 Millionen bieten – mit der Option, bei einem höheren Angebot eines anderen Vereins gleichzuziehen oder bei Weggang von Jackson mit zwei Erstrunden-Picks der Talentbörse kompensiert zu werden. Oder nur 29 Millionen, dafür hätten sie nur das Recht des Gleichziehens ohne den Anspruch auf Draft Picks.

    Für die Ravens könnte sich eine Franchise Tag-Variante heuer lohnen, weil sie Zeit gewinnen und weiterhin selbst bestimmen könnten – danach wird es teuer, das Exclusive Tag (bei dem Jackson mit keinem anderen Verein verhandeln darf) würde das Gehalt auf 55,2 (2024) und 80 Millionen in der Spielzeit danach festlegen, also deutlich mehr als bei einer langfristigen Lösung.

    Das Zögern der Ravens ist Risiko-Aversion aufgrund der Spielweise von Jackson, die er an den ersten drei Spieltagen dieser Saison eindrucksvoll unter Beweis gestellt hat. Im Grunde spielt er zwei Positionen gleichzeitig: Als Werfer schaffte er am vergangenen Wochenende beim 37:26 gegen die New England Patriots 218 Yards Raumgewinn und vier Touchdown-Pässe, er erlief aber auch 107 Yards selbst und erreichte ein Mal die gegnerische Endzone. Deshalb sind die Fans, aber auch die Verantwortlichen der Ravens bei jedem Lauf-Versuch verblüfft: aus Verzückung über das Spektakel, aber auch aus Sorge um die Gesundheit von Jackson.

    Verletzungen sind keine Seltenheit bei Laufspielern. Es geht also nicht um die Gesamtsumme und damit um den Vergleich mit Russell Wilson (Denver Broncos, 242,5 Millionen Dollar, davon 161 garantiert) oder Kyler Murray (Arizona Cardinals, 230,5 Millionen, 160 Millionen garantiert), sondern einzig um den Vergleich mit Deshaun Watson, der bei den Cleveland Browns vor der Saison die Garantiesumme von 230 Millionen über fünf Spielzeiten ausgehandelt hat.

    In den Vertragsverhandlungen wettet Jackson quasi darauf, dass ihm nichts passieren wird

    Jackson war 2018 im Alter von 21 der jüngste Quarterback, der je bei einer Playoff-Partie von Beginn an auf dem Feld stand, ein Jahr später wurde er zum wertvollsten Spieler der Liga gewählt, in dieser Saison gilt er nach diesen spektakulären Auftritten in den ersten Partien erneut als Favorit. Er beschäftigt keinen Berater, er verhandelt gemeinsam mit Mutter Felicia für sich selbst. Er will verständlicherweise eine möglichst hohe Garantiesumme, und er wettet quasi darauf, dass ihm nichts passieren wird: «Risiko gibt es immer; ich spiele Football, da kann immer was passieren. Hoffen wir, dass nicht das Falsche passiert.»

    Sowohl Jackson als auch die Ravens handeln nachvollziehbar den Regeln entsprechend, und daran dürfte sich so schnell nichts ändern; der Tarifvertrag gilt bis 2030. Am Sonntag spielen die Ravens bei den Buffalo Bills, deren Spielmacher Josh Allen gilt als grösster Konkurrent für die Wahl zum MVP. Den Zuschauern dürfte also häufig die Kinnlade herunterkippen bei dieser Partie – meist wegen Begeisterung, hin und wieder aber auch aus Sorge, wenn Jackson mal wieder hart zu Fall gebracht wird.

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    Recherche zur Fussball-WM in Katar – Er ist gestorben, damit wir Fussball schauen können
    Am 20. November beginnt die WM in Katar. Die Stadien wurden von Wanderarbeitern gebaut. Tausende von ihnen sind nun tot. Zum Beispiel Ranjit Chaudhari. Unser…
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    Er ist gestorben, damit wir Fussball schauen können

    Am 20. November beginnt die WM in Katar. Die Stadien wurden von Wanderarbeitern gebaut. Tausende von ihnen sind nun tot. Zum Beispiel Ranjit Chaudhari. Unser Autor ist nach Nepal gereist und hat die Angehörigen getroffen.

    Die beiden Brüder sind in dieser Nacht gemeinsam in die Heimat geflogen. Der eine schlief die meiste Zeit auf seinem Sitz zwischen vielen anderen Wanderarbeitern, der andere lag in einer Holzkiste im Frachtraum des Flugzeugs von Qatar Airways, Flugnummer QR 644 von Doha nach Kathmandu. Nun ist es 3.30 Uhr, nepalesische Zeit, und der eine, der noch lebt, wartet vor einem drei Meter hohen Metalltor am Flughafen in Kathmandu auf die Holzkiste mit dem toten Körper seines Bruders darin.

    Es ist noch dunkel, irgendwo bellen Hunde. Neonstrahler tauchen den lebenden Bruder in fahles Licht. Er trägt Jeans, ein blaues Oberhemd und auf dem Rücken einen neongelben Rucksack: sein einziges Gepäck nach neun Monaten in Katar. Die beiden Brüder haben dort auf Baustellen gearbeitet. Der eine hat Fahrstühle installiert, der andere Feuermelder. In Katar wird viel gebaut, denn im November 2022 beginnt dort die Fussball-Weltmeisterschaft.

    Ein Soldat öffnet das Tor. Der Bruder eilt in den dahinterliegenden Hof. Ein Bekannter, der aus ihrem Heimatdorf zur Unterstützung gekommen ist, begleitet ihn zu der Holzkiste, die auf einer Bahre liegt. Die beiden Männer schieben die Bahre aus dem Tor hinaus zu einem verbeulten Geländewagen mit offener Ladefläche.

    Zwei Mitarbeiter des Foreign Employment Board, einer nepalesischen Behörde, die sich um die Anliegen der Wanderarbeiter kümmert, helfen dabei, die Kiste auf die Ladefläche zu wuchten. Einer der Mitarbeiter schiebt sie mit dem Fuss noch ein paar Zentimeter weiter. Der andere mahnt, die Kiste auf der Ladefläche gut festzubinden, weil der Weg sehr kurvig sei.

    Dann steigen die vier Männer in die Fahrerkabine, die eigentlich nur für zwei Personen ausgelegt ist. Der Bekannte sitzt auf dem Schoss des Bruders, den man in der Enge kaum noch sieht. Die Fahrt in ihr Heimatdorf, in dem der Leichnam noch an diesem Tag verbrannt werden soll, wird etwa sechs Stunden dauern.

    In Nepal leben 40 Prozent der Menschen in Armut. Am Flughafen in Kathmandu beginnt für viele von ihnen ein Traum, der für manche in einer Holzkiste endet.

    Während der Geländewagen in der Nacht verschwindet, warten vor dem sogenannten Wanderarbeiter-Gate die ersten Reisenden dieses Tages darauf, dass die Check-in-Schalter geöffnet werden. Die meisten internationalen Flüge gehen heute in die Länder am Persischen Golf: nach Saudi-Arabien, Kuwait, Dubai und allein vier nach Doha, Katar.

    Am Flughafen in Kathmandu beginnt für viele ein Traum, der für manche in einer Holzkiste endet. Mindestens vier Millionen Nepalesinnen und Nepalesen sind zwischen 2009 und 2019 von hier ins Ausland geflogen, um dort als Putzkräfte oder Nachtwächter oder auf dem Bau zu arbeiten.

    Wegen der Corona-Pandemie sanken die Zahlen dann, seit 2022 steigen sie wieder. Zwischen dem 15. Mai und dem 15. Juni dieses Jahres wurden mehr als 62’000 Arbeitsgenehmigungen für Wanderarbeiter ausgestellt. Das bedeutet durchschnittlich rund 2000 Wanderarbeiter am Tag, die sich am Flughafen in Kathmandu von ihren Familien verabschieden. Letzte Fotos werden geschossen, weisse Stofftücher um Hälse gelegt, um den Reisenden Glück zu wünschen.

    Fachleute schätzen, dass etwa ebenso viele Nepalesinnen und Nepalesen ohne Genehmigung zum Arbeiten ins Ausland gehen. In Nepal leben etwa 30 Millionen Menschen, davon rund 40 Prozent in Armut, wenn man der Definition der Weltbank folgt, das heisst von 3.20 US-Dollar oder weniger am Tag.

    Das Land am Himalaja, das für viele Trekkingtouristen ein Sehnsuchtsort ist, zählt zu den ärmsten der Welt. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf lag 2021 bei etwa 1100 Franken. Deshalb ist der Flughafen in Kathmandu einer der bedeutendsten Startpunkte einer Massenbewegung, die von den Ländern Südostasiens in die am Persischen Golf führt.

    Für Nepalesinnen und Nepalesen führt sie vor allem nach Katar. In dem Land, das dank seiner Erdöl- und Erdgasvorkommen zu den reichsten der Welt gehört, leben mittlerweile rund 2,7 Millionen Menschen. Vor zehn Jahren waren es nur 1,7 Millionen, vor zwanzig Jahren 0,6 Millionen. Allerdings besitzt nur jeder Zehnte der 2,7 Millionen Einwohner einen katarischen Pass. Mehr als doppelt so viele, rund 22 Prozent der Einwohner, sind Inder, je 12,5 Prozent Nepalesen und Bangladesher. Katar ist ein Land der Wanderarbeiter, insbesondere seit der Vergabe der Fussball-WM an das Land im Jahr 2010.

    Lohndiebstahl, Zwangsarbeit: Amnesty International und Human Rights Watch haben Hunderte Belege gesammelt, die dokumentieren, wie Wanderarbeiter in Katar ausgebeutet werden.

    Wenn am 20. November das Eröffnungsspiel der WM angepfiffen wird – Katar gegen Ecuador–, werden Hunderte Millionen Fernsehzuschauer Stadien sehen, die von diesen Wanderarbeitern errichtet wurden. Von den acht WM-Stadien in Katar wurden sieben neu gebaut und eines saniert und vergrössert, denn es gab und gibt in dem Land keine bedeutende Fussballkultur. Katar hat sich noch nie für eine WM qualifiziert. Mehr als hundert Hotels wurden gebaut, ausserdem Strassen und ein neues U-Bahn-System. Der Flughafen wurde erweitert.

    Die Finanznachrichtenagentur Bloomberg schätzt die Gesamtkosten für die WM-Infrastruktur auf 250 Milliarden Franken. Vertreter Katars sprechen von 190 Milliarden Franken.

    So oder so: Es wird klar die teuerste WM der Fussballgeschichte. Die vorangegangene WM in Russland soll laut offiziellen Angaben rund zehn Milliarden Franken gekostet haben.

    Die Entscheidung, die WM nach Katar zu vergeben, wurde von Anfang an heftig kritisiert: von Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch, aber auch von Fussballfunktionären wie dem früheren Präsidenten des Deutschen Fussball-Bundes, Theo Zwanziger, der Katar als «Krebsgeschwür des Fussballs» bezeichnete.

    Die Gründe für die Kritik liegen auf der Hand: Vertreter Katars sollen Wahlmänner des Weltfussballverbandes Fifa bestochen haben; Meinungsfreiheit und Frauenrechte sind in dem Land, das von der Herrscherfamilie Al Thani autoritär regiert wird, stark eingeschränkt; offen gelebte Homosexualität kann mit mehreren Jahren Haft bestraft werden; und für viele der Millionen Wanderarbeiter sind die Arbeitsbedingungen eigentlich unerträglich.

    Amnesty International und Human Rights Watch haben Hunderte Belege gesammelt, die dokumentieren, wie die Wanderarbeiter in Katar ausgebeutet wurden und immer noch werden. Es geht unter anderem um Lohndiebstahl, Zwangsarbeit, verdreckte Massenunterkünfte, das Verbot, sich in Gewerkschaften zu organisieren, und um das berüchtigte Kafala-System, das im Kern eine menschenunwürdige Abhängigkeit der Wanderarbeiter von ihren Arbeitgebern schafft, weil diese zustimmen müssen, wenn ein Arbeiter den Job wechseln will.

    Politisch brisanteste WM der Fussballgeschichte

    Das Kafala-System, das Arbeiter quasi zu Leibeigenen macht und in unterschiedlicher Form in vielen Ländern der Golfregion existiert, wurde in Katar 2020 reformiert und damit ausser Kraft gesetzt, zumindest auf dem Papier. Dieser Schritt war Teil eines Versprechens der katarischen Regierung, die Arbeitsbedingungen im Land grundlegend zu verbessern. 2021 wurde zum Beispiel der monatliche Mindestlohn von umgerechnet 198 Franken auf 263 Franken erhöht. Für den Fall, dass Arbeitgeber Löhne nicht auszahlen, wurde ein Hilfsfonds aufgelegt.

    «Die Fortschritte bei den Menschenrechten, insbesondere bei den Arbeitnehmerrechten, sind unglaublich», sagte der Fifa-Präsident Gianni Infantino in einem Interview mit dem Sportsender Sky. Amnesty International beklagt hingegen, dass sich innerhalb der katarischen Wirtschaft zunehmend Widerstand gegen die Reformen bilde und erste Fortschritte rückgängig gemacht worden seien.

    «Wir vom SFV haben uns für den Dialog und gegen einen Boykott entschieden und wollen uns aktiv in dieses Thema einbringen.»
    Dominique Blanc, Präsident des Schweizerischen Fussballverbands

    Die WM in Katar wird wohl auch eine der politisch brisantesten der Fussballgeschichte werden. In Norwegen zum Beispiel gab es eine ernsthafte Debatte, die WM zu boykottieren (allerdings qualifizierte sich die Nationalmannschaft dann nicht). Ein niederländisches Unternehmen, das den Rasen für die WM-Stadien liefern sollte, lehnte den Auftrag mit Verweis auf die Ausbeutung der Arbeiter in Katar ab – und wurde so, für kurze Zeit, weltbekannt.

    Dominique Blanc, Präsident des Schweizerischen Fussballverbandes (SFV) kommentierte einen möglichen Boykott der WM 2022 auf Anfrage: «Wir vom SFV haben uns für den Dialog und gegen einen Boykott entschieden und wollen uns aktiv in dieses Thema einbringen. Wir haben uns den Austragungsort nicht ausgesucht, wollen aber die Zeit vor, während und nach der WM unter dem Brennglas der Öffentlichkeit nutzen, um uns für die nachhaltige Einhaltung der Menschen- und Arbeiterrechte in Katar einzusetzen. Der SFV setzt sich im Bereich seiner Möglichkeiten als Sportverband und in der Arbeitsgruppe Menschenrechte für die Arbeiterrechte in Katar ein. Das Schweizer Nationalteam unterstützt die Position des Verbandes. Im März 2021 wurde der Mannschaftsrat der Nati in die Debatte miteinbezogen.»

    Ständig geht es vor dieser WM um Symbole und deren Wert. Auch die Verantwortlichen des FC Bayern München können sich dem nicht entziehen. Im Juli 2022 diskutierten sie öffentlich mit dem katarischen Botschafter und zwei Fanvertretern über die Menschenrechtslage in Katar. Der FC Bayern wird von Qatar Airways gesponsert. Kritische Fans fordern, dass dieser Vertrag nicht verlängert wird.

    Dass ein sportliches Grossereignis die Kraft hat, das Gastgeberland zu demokratisieren und zu liberalisieren – eine Wandel-durch-Handel-Theorie –, behauptet heute öffentlich wohl nur noch der Fifa-Präsident Infantino, der sich auf die «beste Weltmeisterschaft der Geschichte» freut. Die meisten anderen werden wohl eher an Putins Russland denken, zuletzt Ausrichter einer WM und olympischer Winterspiele, das mittlerweile die Ukraine angegriffen hat.

    Auffällig viele «Suizide», kaum Entschädigungen

    Beim Länderspiel Deutschland gegen Italien, das im Juni 2022 stattfand, reckten einige ein Banner in die Luft, das für die Zuschauer vor den Fernsehern gut zu lesen war: «15’000 Tote für grosse Kulissen – Fifa und Co. ohne Gewissen».

    Wie viele Menschenleben hat die WM in Katar gekostet? Eine Frage, die die grosse Party, zu der die WM werden soll, tatsächlich stören könnte. Dass Arbeiter auf den Baustellen und in den Massenunterkünften gestorben sind, bezweifeln auch die Katarer nicht. Die Frage ist, wie viele Tote es sind. Und warum sie starben. Lag es an den Arbeitsbedingungen?

    Die Zahl 15’000 stammt aus einem Bericht von Amnesty International. Viele Medien verbreiteten sie, ohne zu erwähnen, wie ungenau die Zahl ist. Denn sie umfasst sämtliche Ausländer, die in den Jahren 2010 bis 2019 in Katar gestorben sind. Also Wanderarbeiter wie Touristen, Kinder wie Männer. In dem Amnesty-Bericht wird explizit auf diese Ungenauigkeit hingewiesen. Die Daten, die Katar veröffentlicht, ermöglichten keine genauere Analyse.

    Oft zitiert wird auch die Zahl 6500. Etwa so viele Wanderarbeiter aus Indien, Pakistan, Nepal, Bangladesh und Sri Lanka sind laut einer Recherche von «The Guardian» zwischen 2011 und 2020 in Katar gestorben. Der «Guardian» bezieht sich auf Daten aus diesen Ländern.

    Unter den 6500 Gestorbenen sind 1641 Nepalesinnen und Nepalesen, fast alle sind Männer. Die Zahl wird greifbarer, wenn man sie in einen Durchschnittswert umrechnet: Demnach starb jeden dritten Tag ein Nepalese in Katar.

    Diese Männer hinterlassen Ehefrauen und Kinder, Brüder und Schwestern, Mütter und Väter, die von dem Geld lebten, das die Männer in Katar verdienten und nach Nepal überwiesen. Ihr Tod stürzt die Familien nicht nur in emotionalen Schmerz.

    So ist es auch bei Sikindar Mandal, dessen Leichnam in der Holzkiste lag, die mit dem Flug QR 644 Kathmandu erreichte. Ein paar Tage nach der Feuerbestattung erzählt der Bruder am Telefon, dass Sikindar Mandal Vater zweier Söhne und einer Tochter gewesen sei. Er habe sich in seiner Unterkunft in Katar erhängt. Warum? Das weiss der Bruder nicht.

    Laut Zahlen des nepalesischen Foreign Employment Board sterben auffallend viele Wanderarbeiter durch Suizide. In Katar war es demnach zwischen 2008 und 2019 die fünfthäufigste Todesursache.

    Ich habe im Juli 2022 fünf Familien in Nepal besucht, deren Ehemänner in Katar gestorben sind oder, in einem Fall, schwer verletzt wurden. Den Bruder von Sikindar Mandal habe ich am Flughafen in Kathmandu getroffen und später mit ihm telefoniert. Sämtliche Männer haben laut Aussagen der Hinterbliebenen auf Baustellen gearbeitet und im Monat umgerechnet rund 220 Franken nach Nepal überwiesen. Die meisten starben an Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

    Ich habe in jedem bis auf einen Fall Sterbeurkunden und Reisepässe eingesehen, um Angaben der Familien zu prüfen. Keine Familie hat laut eigenen Aussagen bisher eine Entschädigung von den Arbeitgebern in Katar oder dem katarischen Staat erhalten.

    Geld bekamen sie nur vom nepalesischen Foreign Employment Board, umgerechnet jeweils etwa 5300 Franken, und der Versicherung, die sämtliche nepalesische Wanderarbeiter vor ihrer Reise abschliessen müssen, umgerechnet jeweils etwa 10’600 Franken. Für diese Summe hätten die Männer rund sechs Jahre in Katar arbeiten müssen.

    Jal Maya Tamang sitzt auf einem Plastikstuhl. Sie ist dreiundvierzig, ihr Mann ist neunundvierzig Jahre alt geworden. 2018 begann seine letzte Reise nach Katar.

    Sechs Jahre Lohn für ein Leben. Die Beispiele zeigen, wie gross das Leid für die Hinterbliebenen ist, wie ungenügend in Katar die Todesursachen ermittelt werden – und warum die Männer trotz der Risiken nach Katar gingen.

    Es sollte seine letzte Reise nach Katar werden, so hatten sie es vereinbart. Das Stückchen Land war gekauft, ihr Haus darauf war im Bau. Es reichte. Fünfzehn Jahre Fernbeziehung, oder waren es siebzehn? Jal Maya Tamang erinnert sich nicht, wann genau ihr Mann Desh Bahadur zum ersten Mal ins Ausland ging, um dort Geld zu verdienen. Anfangs arbeitete er in Saudiarabien, später in Katar. Jedes dritte Jahr kam er zurück, um zwei Monate mit seiner Familie zu verbringen.

    So erzählt es Jal Maya Tamang in ihrem Haus, das noch immer ein Rohbau aus roten Ziegeln ist, unverputzt, weil seit zwei Jahren das Geld aus Katar fehlt. Wenn es regne, sagt sie, dringe das Wasser durch die Steine und Ritzen in die Zimmer ein. Jal Maya Tamang sitzt auf einem Plastikstuhl und trägt einen leuchtend gelben Sari, goldene Ohrringe und einen goldenen Nasenstecker. Sie ist dreiundvierzig Jahre alt, ihr Mann ist neunundvierzig Jahre alt geworden. 2018 begann seine letzte Reise nach Katar.

    Im Juni 2020 kam er im Frachtraum eines Flugzeugs zurück. Jal Maya Tamang hat die Kiste mit seinem Leichnam am Flughafen in Kathmandu abgeholt und hineingeschaut. Sein Gesicht sei seltsam schwarz gewesen, sagt sie, trotzdem habe sie ihn gleich erkannt. Sie muss weinen. Die Tränen wischt sie sich mit einem rosa Tuch von den Wangen.

    Jal Maya Tamang und ihr Mann stammen aus einem Bergdorf nordwestlich von Kathmandu. Eine felsige Gegend, schlecht für die Landwirtschaft und deshalb sehr arm. Die Lebenswege dort waren seit Generationen vorbestimmt. Jal Maya Tamang und ihr Mann haben weder Lesen noch Schreiben gelernt. Ihre Ehe wurde von ihren Eltern arrangiert. «Doch ich hatte Glück», sagt sie. «Wir verliebten uns wirklich.»

    Gemeinsam gingen sie dann einen eigenen Weg, der sie ins nepalesische Flachland führte, ins sogenannte Terai. Mehr als die Hälfte aller Nepalesinnen und Nepalesen wohnen mittlerweile in diesem fruchtbaren Streifen Land an der Grenze zu Indien.

    Früher war hier alles von Dschungel überwuchert, heute blickt man kilometerweit über Reisfelder, in denen das stehende Wasser den Himmel spiegelt. Im Juli ist Regenzeit. Es ist 35 Grad heiss. Jal Maya Tamang wischt sich den Schweiss von der Stirn und dann wieder die Tränen von den Wangen. «Wenn mich mein Mann geschlagen hätte, wäre es nun einfacher für mich», sagt sie. «Weil ich ihn nicht so vermissen würde.»

    Ihre Kinder – drei Söhne und eine Tochter – sah ihr Mann auf Fotos aufwachsen. Jal Maya Tamang und er hielten übers Mobiltelefon Kontakt, sie sprachen fast täglich. Textnachrichten konnten sie ja nicht schreiben.

    Auffallend viele nepalesische Wanderarbeiter starben in Katar an Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Sie hatten vor der Abreise einen Gesundheitscheck absolviert.

    Über das Land, in dem ihr Mann so viele Jahre gelebt hat, weiss sie trotzdem wenig: Katar sei sehr klein und sehr reich, sagt sie. Ihr Mann habe dort auf Baustellen gearbeitet. Sie wisse aber nicht, was genau er tat und für welche Firma. Auf dem Lieferschein, den sie am Flughafen mit der Holzkiste bekam, ist als Absender das Unternehmen Qatar Building Company eingetragen, eines der grössten Bauunternehmen in Katar, das neben vielen anderen Projekten am Bau des neuen U-Bahn-Systems beteiligt war. An der WM-Infrastruktur also.

    Auf dem Totenschein, ausgestellt vom katarischen Gesundheitsamt, ist als Todesursache «akutes Herz-Lungen-Versagen» eingetragen, aufgrund von «natürlichen Ursachen».

    Auffallend viele nepalesische Wanderarbeiter starben an Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Katar (wie auch in anderen Golfstaaten). Im Fachmagazin «Cardiology» erschien 2019 ein Artikel darüber. Die Forschenden beziehen sich (wie der «Guardian») auf Zahlen des Foreign Employment Board und anderer nepalesischer Behörden.

    Sie betrachten die Jahre 2009 bis 2017, in denen demnach 1354 nepalesische Arbeiter in Katar starben – fast jeder Zweite davon an Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die meisten Verstorbenen waren zwischen fünfundzwanzig und fünfunddreissig Jahren alt und hatten, wie jeder registrierte Wanderarbeiter aus Nepal, vor der Abreise einen Gesundheitscheck absolviert.

    In dieser jungen und gesunden Altersgruppe seien normalerweise maximal 15 Prozent der Todesfälle auf Herz-Kreislauf-Krankheiten zurückzuführen, schreiben die Forschenden. Bei den nepalesischen Wanderarbeitern in Katar seien es jedoch 22 Prozent während der kühlen Jahreszeit von Dezember bis Ende Februar – und 58 Prozent während der heissen Monate von Juni bis Ende August.

    Tödliches Schuften bei 40 Grad

    Im Kern zeigt diese Studie, dass viele der tödlich verlaufenen Herz-Kreislauf-Erkrankungen vermutlich durch Hitzestress ausgelöst wurden, nicht durch «natürliche Ursachen», wie es auf vielen Totenscheinen vermerkt ist.

    Das ist wichtig, denn damit hinge der Tod eines Arbeiters in den meisten Fällen wohl mit seinen Arbeitsbedingungen zusammen – und die Hinterbliebenen könnten für eine Entschädigung streiten. Dafür muss nach katarischem Recht ein Mensch «aufgrund der Arbeit» oder infolge «rechtswidriger Handlungen» gestorben sein, wenn zum Beispiel Arbeitsschutzvorschriften missachtet wurden.

    Im Juni, Juli und August liegt die durchschnittliche Höchsttemperatur in Doha bei rund 40 Grad. In Spitzenzeiten kann es selbst im Schatten 50 Grad heiss werden. In dieser Hitze zu arbeiten ist lebensgefährlich.

    Bis vor einem Jahr bestand der Arbeitsschutz in Katar im Grunde darin, in diesen heissen Monaten (15. Juni bis 31. August) die Arbeit in der Sonne zwischen 11 und 13 Uhr zu verbieten. Im Mai 2022 wurden die Vorschriften erweitert, wohl auch wegen der zahlreichen Berichte über das Leid der Wanderarbeiter und des daraus gewachsenen öffentlichen Drucks: Unter anderem wurden die Arbeitspausen verlängert und die Arbeitgeber verpflichtet, «angemessene Schutzkleidung» und «jährliche Gesundheitschecks» anzubieten.

    Ein grundsätzliches Problem besteht aber weiter: Weil die Todesfälle der Wanderarbeiter nicht tiefgründig untersucht würden, könne auch nicht festgestellt werden, ob Gesetze verletzt wurden, heisst es in einem Bericht von Amnesty International.

    «Alle unsere Nachbarn leben von dem Geld, das die Männer im Ausland verdienen», sagt Jal Maya Tamang.

    Jal Maya Tamang sagt, ihr Mann sei bis zuletzt gesund und fit gewesen. Seit seinem Tod lebt sie von den Überweisungen ihrer Tochter, die in Jordanien in einer Textilfabrik arbeitet, und von denen ihres Sohnes, der in Saudiarabien als Hotelpage Geld verdient. Auch ihre beiden anderen Söhne planen, bald ins Ausland zu gehen. Jal Maya Tamangs Schwester, die nebenan wohnt, hat ihren Ehemann bereits vor fünfzehn Jahren verloren. Er starb in Saudiarabien, wo er als Gärtner arbeitete.

    «Alle unsere Nachbarn leben von dem Geld, das die Männer im Ausland verdienen», sagt Jal Maya Tamang. In ihrem unverputzten Haus wohnt sie wohl bald allein. Das einzige Foto, das ihre Schwester Sita Lama von ihrem Ehemann hat, klebt auf dessen nepalesischem Personalausweis. Es ist so verblasst, dass man den Mann kaum erkennt. Sie muss heute nicht mehr weinen, wenn sie das Foto betrachtet. «Es ist so lange her», sagt sie. «Ich habe mich daran gewöhnt.»

    Vor dreizehn Jahren flog ihr Mann nach Katar, um dort auf dem Bau zu arbeiten. Er starb einen Monat nach seiner Ankunft durch einen Verkehrsunfall. Neben Sita Lama sitzen ihre Tochter Jyoti (18) und ihre Schwiegermutter Hari Maya Rumba (75). Im Hintergrund rauscht ein Bach an ihrem Haus vorbei, das an eine bunt gestrichene Datsche erinnert. Mangobäume spenden Schatten. Ein matschiger Trampelpfad führt ins Dorf.

    Ihre Tochter Jyoti erzählt, dass vor einiger Zeit in der Schule nach dem Namen ihres Vaters gefragt wurde. «Aber der Name fiel mir nicht ein», sagt sie. Sie hatte ihn vergessen. Die Schwiegermutter Hari Maya Rumba hat noch einen Sohn in Katar verloren. Er starb dort vor zwei Jahren an einem Herzinfarkt.

    Ist sie wütend? «Natürlich», sagt sie. «Auf meine Söhne. Ich habe beiden gesagt, dass sie nicht gehen sollen. Uns gehört etwas Land, darauf können wir Reis, Mais und Senfsamen anbauen. Um etwas Geld zu verdienen, hätten sie im Dorf als Rikschafahrer arbeiten können. Aber sie wollten das nicht. Die Arbeit war ihnen nicht gut genug.»

    Katar hat sich für die Familie nicht ausgezahlt. Nur Leid, kein Gewinn. Die Tochter Jyoti möchte auch ins Ausland, aber auf keinen Fall in die Golfstaaten.

    Vor vier Tagen passierte es wieder: Es regnete fast den gesamten Tag. Der kurze Hang oberhalb ihres Grundstücks wurde zu einem Sturzbach. Das Wasser füllte erst ihren Innenhof und spülte ihre Kochstelle fort, dann stieg es weiter und floss in die drei kleinen Zimmer, in denen ihre Betten stehen.

    So erzählt es Somitra Devi Mandal (die nicht mit Sikindar Mandal verwandt ist, Mandal ist ein verbreiteter Name in Nepal) und zeigt dann auf ihrer Hauswand den dunklen, immer noch feuchten Streifen, etwa 30 Zentimeter hoch vom Boden aus. Bis dorthin sei das Wasser diesmal gestiegen, sagt sie. Während der Regenzeit erlebten sie solche Fluten mehrere Male. Jedes Jahr.

    Ihre Familie und sie sind den Naturgewalten fast schutzlos ausgeliefert: Die Wände ihres Hauses bestehen aus ineinander geflochtenen Bambusstöcken, die mit Lehm beschmiert sind. Die Sonne hat diesen getrocknet und gehärtet. Ihre Kochstelle war ebenfalls aus Lehm geformt. Sie haben nun eine neue gebaut. Weil der nächste Wald einige Kilometer entfernt ist und sie kein Geld haben, um Feuerholz zu kaufen, verbrennen sie darin getrocknete Blätter.

    Schulden abzahlen mit dem Geld aus Katar

    Somitra Devi Mandal ist dreiundvierzig Jahre alt und muss seit dem Tod ihres Mannes vor zwei Jahren – er starb laut Totenschein an den Verletzungen durch einen Sturz – eine Tochter, zwei Söhne und ihre Schwiegermutter versorgen. Zwei andere Töchter sind verheiratet und ausgezogen.

    Seitdem gibt es mehr Platz in ihrem Haus aus Lehm, aber Somitra Devi Mandal ist auch hoch verschuldet, denn sie habe die Familien der Ehemänner ausbezahlen müssen, sagt sie. Umgerechnet rund 5800 Franken jeweils, eine gängige Summe in dieser Gegend im Südosten von Nepal, in der es die Tradition den Familien der Bräute vorschreibt, eine Mitgift zu zahlen.


    Diese Tradition ist in Nepal eigentlich längst verboten, sie besteht jedoch vor allem im Terai weiter. Familien mit Töchtern haben deshalb im Grunde keine Chance auf etwas Wohlstand, ausser: sich Arbeit im Ausland zu suchen. Das war auch der Plan von Somitra Devi Mandal und ihrem Mann.

    Mit dem Geld, das er seit 2012 aus Katar schickte, bezahlten sie erst den Kredit für die Gebühren der nepalesischen Agentur, die ihm die Arbeit in Katar vermittelt hatte. Jeder nepalesische Wanderarbeiter wendet sich an so eine Agentur. Somitra Devi Mandal erinnert sich an die Summe nicht mehr, laut Recherchen von Amnesty International lag sie damals, 2012, im Durchschnitt bei rund 1600 Franken (nach damaligem Wechselkurs).

    Für die Mitgift nahmen sie weitere Kredite auf, für deren Tilgung das Geld am Ende nicht gereicht habe, sagt Somitra Devi Mandal. Auch weil die Zinsen sehr hoch seien: 30 Prozent. Laut Recherchen von Amnesty International ist das eine gängige Zinsrate für nepalesische Wanderarbeiter, weil sie sich das Geld nicht bei einer Bank, sondern bei Händlern aus ihrem Dorf leihen.

    So taten es auch Somitra Devi Mandal und ihr Mann. Die beiden lebten also schon vor dem Tod des Mannes in einer Schuldenfalle. Die nepalesische Regierung hat 2015 die Höhe der Gebühren, welche die Agenturen verlangen dürfen, auf rund 115 Franken beschränkt (zum damaligen Wechselkurs) und die Rechte der Wanderarbeiter generell gestärkt.

    Aber es ist wohl wie beim Verbot der Mitgift: Es existieren Gesetze, aber niemand befolgt sie. So formuliert es jedenfalls Anurag Devkota, ein nepalesischer Anwalt, der seit Jahren zur Ausbeutung der Wanderarbeiter recherchiert, auch für internationale Organisationen. Wohl niemand kennt die aktuelle Lage so gut wie er. «Es gibt rund 800 registrierte Agenturen in Nepal, die mit rund 80’000 lokalen Agenten in den Dörfern zusammenarbeiten», sagt er im Gespräch mit mir. «Für die Kontrolle dieses Netzes sind in der dafür zuständigen Behörde aber nur insgesamt vier Mitarbeiter verantwortlich.»

    «Wie sollen wir ohne einen Mann leben?», fragt Somitra Devi Mandal vor ihrem Haus aus Lehm.

    Selbst wenn die Gesetze befolgt würden, dann würde das den nepalesischen Wanderarbeitern kaum helfen, glaubt Anurag Devkota: weil die nepalesischen Agenturen dann nicht mehr wettbewerbsfähig seien. Auch sie müssten Gebühren bezahlen: an Agenturen auf der anderen Seite, in Katar und den übrigen Golfstaaten. Agenturen aus Indien, Bangladesh oder Sri Lanka seien dann im Vorteil. «Mit nepalesischem Recht allein kommt man nicht weiter», sagt Anurag Devkota.

    «Wie sollen wir ohne einen Mann leben?», fragt Somitra Devi Mandal vor ihrem Haus aus Lehm. Die Entschädigung von der nepalesischen Regierung und das Geld von der Versicherung hätten geholfen, aber nicht gereicht. Noch immer habe sie Schulden, umgerechnet rund 7200 Franken.

    Sie und ihr älterer Sohn arbeiten auf den Reisfeldern rund um ihr Dorf. Mit dem Lohn könnten sie Lebensmittel kaufen: Reis und Linsen. Die gebe es meistens zum Frühstück, zum Mittag, zum Abend, sagt sie. Jeden Tag. Ihre Schwiegermutter hat ihren Teller bereits vor sich stehen. Sie hockt an die Hauswand gelehnt auf dem Lehmboden und schiebt sich mit einer Hand das Essen in den Mund, mit der anderen verscheucht sie die Fliegen, die wie eine schwarze Wolke um ihren Teller kreisen.

    Die Schwiegermutter ist zweiundachtzig Jahre alt. Zu Beginn unseres Gesprächs weinte sie minutenlang im Hintergrund. Somitra Devi Mandal erklärt dann, ihre Schwiegermutter habe vier Töchter und zwei Söhne geboren. Alle seien in der Kindheit gestorben, bis auf einen Sohn. Doch auch ihn habe sie schlussendlich überlebt.

    Sie sei um vier Uhr aufgestanden, um ihre Ziegen auf die Weide zu treiben, so wie immer. Danach habe sie im Reisfeld Setzlinge gepflanzt. Dann das Frühstück für ihre Mutter und ihre drei Kinder gekocht: Reis mit Linsen.

    Nun ist es 15 Uhr, und Sarita Kumari Chaudhari (38) fällt es sichtlich schwer, sich auf die Fragen zu konzentrieren. Sie antwortet langsam und leise. In den langen Redepausen blickt sie abwesend an einem vorbei. Auch ihre Hütte, vor der sie in einem schmalen Streifen Schatten sitzt, besteht aus Bambus und Lehm. Das Dach ist aus Wellblech. Die anderen Hütten in ihrem Dorf sehen ähnlich windschief aus. In den Gassen riecht es nach Vieh. Sarita Kumari Chaudhari wurde in diesem Dorf geboren.

    Während sie von ihren ewig gleichen Tagen erzählt, kommen mehr und mehr Nachbarn, um ihr zuzuhören. Zeitweise stehen fünfzehn Menschen hinter ihr und entziehen dem Gespräch die letzte Energie. Wach wird Sarita Kumari Chaudhari dann aber doch noch: als sie über ihre Ehe redet. Es sei eine Liebesheirat gewesen, keine arrangierte Ehe. Ihre Tochter läuft in die Lehmhütte und holt ein Foto des Paares.

    Sarita Kumari Chaudhari weiss nichts über das Land, in dem ihre Liebe zu Ende ging. Nicht einmal, dass dort die Fussball-WM stattfinden wird.

    Sarita Kumari Chaudhari ist darauf etwa zwanzig Jahre alt, ihr Mann ist ein Jahr älter. Sie trägt eine blaue Hose und Tunika, er eine lässige schwarze Hose und ein weisses T-Shirt. Das Bild sei in einem Fotostudio in Kathmandu gemacht worden, sagt Sarita Kumari Chaudhari. Nach ihrer Hochzeit seien sie für drei Jahre in die Hauptstadt gezogen. Ihr Mann habe als Tischler gearbeitet, sie habe sich um den Haushalt und ihre damals gerade geborene Tochter gekümmert. «Wir waren gemeinsam im Zoo und in den Tempeln», sagt sie. «Die drei Jahre waren die besten meines Lebens.»

    2018 ging ihr Mann nach Katar, um als Tischler auf dem Bau zu arbeiten. 2020 starb er dort, laut Totenschein an einem Herzinfarkt. Sarita Kumari Chaudhari weiss nichts über das Land, in dem ihre Liebe zu Ende ging. Nicht einmal, dass dort die Fussball-WM stattfinden wird.

    Indra Narayan Mandal hat hingegen überlebt und doch fast alles verloren. 20 Meter stürzte er in die Tiefe, «durch das Dach eines Warenlagers». So steht es in einem Bericht seiner Ärzte aus Katar. Die Sanitäter fanden ihn mit dem Gesicht nach unten liegend in einer Blutlache. Sein rechtes Schulterblatt war gebrochen und sein linker Oberarmknochen. Dazu mehrere Rippen, seine Hüftgelenkspfanne und seine Wirbelsäule an verschiedenen Stellen. Auch schwere Hirnverletzungen erlitt er. Was er auf dem Dach getan hatte und warum er stürzte, wird in dem Bericht nicht beschrieben. Nur, dass es ein Arbeitsunfall gewesen sei.

    Als ich ihn besuche, liegt er in einem Bett im Schlafzimmer seines Hauses in Rajbiraj, einer Stadt in Südosten von Nepal. Ein massiger, bewegungsloser Körper. Er blickt in Richtung Decke, an der sich ein Ventilator dreht, sein linkes Augenlied ist halb geschlossen. Sie müsse ihn füttern, waschen und auf dem Weg zur Toilette stützen, erzählt seine Frau Chandana Mandal (nicht verwandt mit den anderen Familien namens Mandal in diesem Text).

    Sie ist neununddreissig Jahre alt, er ist vierzig. Sie greift seinen linken Arm, hebt ihn wie einen Stock und erklärt, dass er ihn nicht anwinkeln könne. Dann deutet sie auf die Narben auf seinem Kopf, leuchtet mit der Lampe ihres Smartphones darauf, weil der Raum nur von einer Energiesparlampe beleuchtet wird. Zieht sein T-Shirt hoch, auf dem ausgerechnet für die WM in Katar geworben wird, um auch die Narben auf seinem Oberkörper zu zeigen. Ihr Mann wirkt weiter teilnahmslos, als bekäme er nicht mit, dass über ihn geredet wird.

    Plötzlich spricht er dann doch: «Mir geht es okay, aber ich kann meinen Arm, meinen Rücken und meine Füsse nicht gut bewegen», sagt er. An den Unfall habe er keine Erinnerung. Er habe oft Kopfschmerzen. Im Krankenhaus in Katar sei ihm oft schwindelig gewesen. Welche Prognose ihm die Ärzte dort gaben? «Ich habe sie nicht verstanden», sagt er. «Es gab keinen Übersetzer.» Dann erzählt er von einer Frau, die mal neben ihm gesessen habe, aber sein Sohn unterbricht ihn. «Wenn mein Vater zu viel redet», erklärt der Sohn, «hält er uns später die ganze Nacht wach, weil er dann ruhelos wird.»

    Kampf um Entschädigungen

    Drei Jahre ist der Unfall nun her. Zweieinhalb Jahre lang lag Indra Narayan Mandal anschliessend im Krankenhaus in Katar, dann in der Arbeiterunterkunft, in der er vor dem Unfall gewohnt hatte. Pfleger versorgten ihn dort. Vor zwei Monaten flog er zurück nach Nepal und liegt seitdem in diesem Bett in diesem Raum mit den unverputzten Wänden.

    Das Haus haben er und seine Frau mit dem Geld bezahlt, das er in Katar seit 2008 verdient hatte. Auch sie sind nicht fertig geworden mit dem Bau. «Jetzt brauchen wir auch noch Geld für Medikamente und Arztbesuche», sagt seine Frau. In Katar seien die Behandlungskosten übernommen worden, und die Firma, für die ihr Mann arbeitete, habe zudem seinen Lohn weiter überwiesen. Seit seiner Rückkehr müssten sie alles selbst zahlen und bekämen kein Geld mehr aus Katar. Sie hoffe, dass die Firma zumindest noch eine Entschädigung zahle, weil es ja laut Arztbericht ein Arbeitsunfall gewesen sei.

    440 Millionen US-Dollar forderte Amnesty International im Mai von der Fifa. Eine symbolträchtige Summe, denn sie ist so hoch wie das Preisgeld bei der WM.

    Das Unternehmen, Al Maher Construction & Services, reagiert auf mehrere Anfragen nicht. Auch Menschenrechtsorganisationen konzentrieren sich jetzt, wo die WM-Stadien und der grösste Teil der Infrastruktur gebaut sind, auf die Entschädigung der Arbeiter, die ausgebeutet oder verletzt wurden oder die gestorben sind. 440 Millionen US-Dollar forderte Amnesty International dafür im Mai 2022 von der Fifa. Eine symbolträchtige Summe, denn sie ist so hoch wie das Preisgeld bei der WM.

    Der Anwalt Anurag Devkota wünscht sich für die Zukunft vor allem, dass die Todesursachen genauer ergründet werden, auch wegen möglicher Entschädigungen. «Wir sollten die toten Wanderarbeiter wie die Opfer eines Verbrechens behandeln», sagt er. «Wenn die Katarer nicht genau ermitteln, obwohl es in ihrer Verantwortung liegt, sollten wir die Leichen in Nepal noch einmal untersuchen.»

    In dem unverputzten Haus verlässt der Sohn Ajay Kumar Mandal irgendwann den Raum, während sein Vater weiter in Richtung Ventilator starrt und seine Mutter ihre Sorgen ausbreitet. Ajay geht in sein Zimmer und nimmt sich ein Schulbuch, unser Fotograf begleitet ihn. Ajay lernt die Programmiersprache C++, er besucht ein Internat in einer Grossstadt in der Nähe. Gerade sind Ferien. Die Schulgebühren, rund 1900 Franken, könnten seine Eltern im kommenden Jahr wohl nicht bezahlen, sagt er. Aber Ajay glaubt, dass er aufgrund seiner guten Leistungen ein Stipendium bekommt.

    Er ist sechzehn Jahre alt und optimistisch.

    Tagi:

    «Wir lassen uns von niemandem unter Druck setzen»

    Der FCZ-Präsident erklärt die Entlassung von Franco Foda und das Anforderungsprofil für den neuen Trainer. Trotz Krise sieht er seinen Club als attraktive Adresse.

    Warum machen Sie jetzt nicht den Constantin und stehen fürs Erste selbst an die Linie?

    Tatsächlich habe ich die Trainer-Grundausbildung absolviert. Allerdings müsste ich zur Erlangung der Uefa-Pro-Lizenz noch einige Jahre investieren. Diese Zeit habe ich aufgrund meiner fortschreitenden Lebensuhr wahrscheinlich nicht mehr.

    Wenn nicht Sie, wer wird dann die Mannschaft im Derby gegen GC betreuen?

    Unser U-21-Trainer Genesio Colatrella wird bis auf weiteres das Training der ersten Mannschaft übernehmen. Wer im Derby die Mannschaft führen wird, ist im Moment noch offen.

    Welche Anforderungen muss der neue Trainer erfüllen? Es ist zu hören, dass er einfach günstig sein soll …

    Freundlich formuliert bewegen Sie sich mit dieser Frage schon sehr weit weg von der Realität. Wir suchen primär einen Trainer, der unserem Anforderungsprofil entspricht. Ich bin zuversichtlich, dass wir eine gute Wahl treffen werden.

    Und wie sieht dieses Profil aus?

    Das bleibt unser Geheimnis …

    Eigentlich hat Ihr Club bereits im September keine Ziele mehr, um die er spielen kann: raus im Cup, in der Liga abgeschlagen, aber dank Winterthur ohne grössere Abstiegsgefahr – das Überwintern im Europacup in weiter Ferne. Wie attraktiv ist der FCZ unter diesen Voraussetzungen für Trainer?

    Wenn ich die Dutzenden von Bewerbungen in Betracht ziehe, die innerhalb von nur 24 Stunden eingegangen sind, ist der FCZ offenbar immer noch eine sehr attraktive Adresse.

    Viele Bewerbungen sind noch nicht gleichbedeutend mit viel Qualität.

    Sie würden staunen, welche Namen sich darunter befinden.

    «Ja, Franco Foda hatte einen Führungsstil, mit dem nicht alle Spieler gleich gut umgehen konnten.»

    Wieso braucht der FCZ schon so schnell wieder einen Ersatz? Was werfen Sie Franco Foda vor?

    Wir haben Franco Foda als kompetente, sehr fleissige und loyale Person kennen gelernt. Ja, er hatte einen Führungsstil, mit dem nicht alle Spieler gleich gut umgehen konnten. Das muss nicht zwingend ein Problem sein. Auch in der Schule konnte man sich den Lehrer nicht aussuchen und bei Missfallen einfach zu Hause bleiben.

    Nochmals, was werfen Sie Foda konkret vor?

    Was soll ich ihm vorwerfen? Dass er in den letzten drei Partien jeweils in letzter Sekunde noch Tore zuliess? Dass er die vorhandenen Torchancen nicht verwertete? Dass er einen matchentscheidenden Penalty nicht verwandelte? Dass er gegen Arsenal nicht gewann?

    Trotzdem hat die Mannschaft nie ein wirkliches Gesicht bekommen. Liegt das nur an Foda? Oder hat die Entwicklung nicht auch mit fehlender Eigenverantwortung der Spieler zu tun?

    Es sind verschiedene Gründe, die zu dieser negativen Entwicklung beigetragen haben. Zwar liegt die Hauptverantwortung beim Cheftrainer, die Resultate auf dem Platz liefern müssen allerdings die Spieler.

    Wo liegt Ihre Verantwortung? Müssen Sie sich eingestehen, dass Sie sich in ihm geirrt haben?

    Wir sind ein Team. Jeder von uns steht in der Verantwortung. Vielleicht haben wir die Nachwehen des Titelgewinns mit seinen vielen Facetten etwas unterschätzt. Hätten wir aber das erste Spiel gegen YB nicht verloren, was ja aufgrund des Spielverlaufs mehr als möglich gewesen wäre, müssten wir heute vielleicht nicht über den Trainer sprechen. Es lief dann vieles gegen uns.

    Haben Sie zu lange gezögert, bevor Sie die Notbremse gezogen haben?

    Von aussen betrachtet könnte man diesen Eindruck erhalten. Die Realität sah anders aus. Es ging nicht zuletzt auch um die Loyalität unserem Trainer gegenüber. Ausserdem haben wir in den letzten Wochen zahlreiche Analysen gemacht und waren im regelmässigen Dialog mit dem Trainer. Und: Der FCZ hat auch gute Spiele gezeigt. Leider konnte sich die Mannschaft oft nicht belohnen und war, aus welchen Gründen auch immer, nicht clever genug, die möglich gewesenen Punkte einzufahren.

    Woher kam der grösste Druck, Franco Foda und seine Assistenten zu entlassen: von den Spielern, dem bisherigen Trainerstab – oder gar von den Fans?

    Es ist naiv, zu glauben, dass wir uns von irgendjemanden unter Druck setzen lassen. Wir sind erfahren und kritisch genug, um die Entwicklung und allfällige Lösungsansätze selber beurteilen zu können.

    «Ich bleibe dabei: Die Qualität der einzelnen Spieler ist im Durchschnitt besser als im Vorjahr.»

    Was ist mit der Qualität der Spieler, die Sie im Sommer zusammen mit Sportchef Marinko Jurendic verpflichtet haben? Sind sie wirklich alle so gut?

    Ich bleibe dabei: Die Qualität der einzelnen Spieler ist im Durchschnitt besser als im Vorjahr. Was man hätte besser machen können, wäre gewesen, den neuen Spielern von Beginn an mehr Spielpraxis zu verschaffen.

    War die letzte Saison des FCZ bloss ein Ausreisser nach oben?

    Die Mannschaft hat bewiesen, dass sie sich als Spitzenclub etablieren kann. Das Potenzial ist nach wie vor vorhanden.

    Und wie sieht das Budget für die nächste Saison aus? Rechnen Sie und Ihre Frau präventiv mit einer Trainerentlassung, um die nötigen Mittel zu haben?

    Wenn ich wie von Ihnen vorgeschlagen das Traineramt selber übernähme, würde uns meine Entlassung nichts kosten, da ich ja ohnehin gratis arbeite.

    Usem Tagi:

    Kaum ist Kloten zurück, herrscht Unruhe

    Acht Kündigungen in zehn Monaten und ein Sportchef auf dem Absprung – das wirft Fragen auf. Im Brennpunkt beim Aufsteiger: Die Rolle des Präsidenten.

    Eine Medienmitteilung vier Tage vor dem Saisonstart bringt den Stein ins Rollen. Der Inhalt? Geschäftsführer Christian Fontana – er verantwortet die neu geschaffene Sparte «EHC Kloten Business» – werde durch den 30-jährigen ehemaligen Unihockey-Spitzenspieler Anjo Urner ersetzt. Zudem wolle sich Sportchef Patrik Bärtschi neu orientieren und werde den Club Ende Saison verlassen.

    Das Wort Neuorientierung stösst dem ehemaligen Profi sauer auf. «Ich bin an einem Punkt angelangt, an dem ich keine andere Lösung mehr sah, als zu kündigen», so der 38-Jährige gegenüber Mysports. Der Boulevardpresse ist später zu entnehmen, der Sportchef habe mit der grossen Kelle anrühren wollen und schon im letzten Jahr das Budget überzogen. Insider sagen, ein Budget habe nie existiert.

    Brisant? Bärtschis Abgang reiht sich ein in eine ganze Liste von Kündigungen, angefangen beim ehemaligen Geschäftsführer Pascal Signer, der mitten in der letzten Saison das Handtuch warf. Gerüchte, wonach Signer und Präsident Mike Schälchli das Heu nicht mehr auf der gleichen Bühne hatten, halten sich bis heute hartnäckig.

    Acht Abgänge in zehn Monaten

    Nach Signer haben auch der Finanzchef, die HR-Mitarbeiterin, der Sicherheitschef, die für den Spielbetrieb zuständige Person, Teamchef Beat Equilino und nun Bärtschi ihre Jobs quittiert. Die eben erst eingestellte Marketing- und Kommunikationsleiterin hat bereits während der Probezeit gekündigt. Acht Abgänge innerhalb von zehn Monaten? Das wirft Fragen auf.

    Hört man sich im und um den Club um, fällt immer wieder der Name Schälchli. Seit drei Jahren steht der umtriebige Event-Veranstalter dem EHC als Präsident vor, obwohl ihm aufgrund von möglichen Interessenkonflikten einst davon abgeraten wurde. Grund? Schälchlis Tit-Pit GmbH holt seit 2012 für Kloten die Sponsorengelder ein.

    Als Schälchli 2018 von Hans-Ueli Lehmann beauftragt wird, die Nachfolge zu regeln, übernimmt Rolf Tresch. Doch der starke Mann bleibt Schälchli. Sieben Monate später, just an Heiligabend, übernimmt er das Präsidium. Er sehe sich als leisen Präsidenten, sagt Schälchli. Und stützt Kloten dank seines grossen Netzwerks breiter ab. Der Club kommt zur Ruhe. Doch Schälchli eckt auch an.

    Der Vorwurf? Der Präsident mische sich überall ein, wolle alle wichtigen und auch unwichtigen Entscheidungen selbst treffen. «Er wurde gefährlich mächtig, holt seine Kumpels an Bord und baut ein System auf, das ihn unentbehrlich macht», sagt ein Insider, der anonym bleiben will. Auffallend? Viele der auf der Geschäftsstelle beschäftigten Personen haben einen Bezug zu Tit-Pit. Auch der neue CEO.

    Anjo Urner fungierte als Head of Sports bei Tit-Pit, die wiederum vor Jahresfrist von der Swiss League mit der Vermarktung beauftragt wurde. Das Mandat wurde jedoch im Sommer aufgelöst. Einnahmen wurden keine generiert. Stattdessen fehlten den Clubs 375’000 Franken.

    «Hirnverbrannter Blödsinn»

    Schälchli selbst will sich nicht äussern. Dass der Präsident zu mächtig sei, sorgt bei Aktionär und Beirat Jan Schibli für Kopfschütteln. «Ein hirnverbrannter Blödsinn», sagt der Elektrounternehmer, dessen Firma den EHC seit Jahrzehnten unterstützt. «Wir haben 18 Eigentümer, zwei stiessen neu dazu. Es gibt viele Interessen. Mike versucht, das Ganze zu orchestrieren, was nicht immer einfach ist.» Schibli, der beim Beinahe-Konkurs 2012 viel Geld verlor, spricht von klaren Strukturen. Viele würden ein finanzielles Risiko tragen. Da könne keiner schalten und walten, wie er wolle. «Nie in den letzten 15 Jahren war es sauberer und transparenter.»

    Die Nähe zu Tit-Pit stelle kein Problem dar. «Mike ist nicht Alleininhaber dieser Agentur und als Privatperson Präsident des EHC», so Schibli. Urner, der nun bei Kloten unter Vertrag steht, spricht von einem Vorteil, würden einige auf Mandatsbasis für den EHC arbeiten. «Sie stehen im Sommer, wenn wenig los ist, nicht auf der Lohnliste.»

    Laut Schibli stammt Urner aus seinem Kreise, was der CEO bestätigt. «Ich bin nicht Mikes Kollege. Ich lernte ihn über Jan (Schibli, die Red.) kennen, dessen Firma den UHC Uster unterstützt», sagt Urner. Auch andere Kandidaten seien zur Wahl gestanden. Er habe sich dem Verwaltungsrat vorstellen müssen. Dass nun von Unruhe die Rede ist, trifft Urner. 13 Angestellte würden gerade gemütlich beim Feierabendbier oder vor einem Aperol Spritz sitzen. Die Stimmung sei super.

    Offen bleibt die Frage, wie es mit Bärtschi weitergeht. Offenbar soll ihm die Medienmitteilung vor dem Versand vorgelegt worden sein. Doch er habe zu spät reagiert. «Wir haben ihm im Hinblick auf die nächste Saison keine verlässlichen Zahlen geben können. Zu gross sind die Unsicherheitsfaktoren. Wir haben aus der Vergangenheit gelernt», so Schibli.

    Eine Freistellung des Sportchefs stehe nicht zur Debatte. Schibli: «Er verfügt über eine Kündigungsfrist und ist sehr wertvoll. Es gibt keine Bad Feelings.» Trotzdem braucht man kein Prophet zu sein, um zu erahnen, dass Bärtschi kaum bis April 2023 in Kloten tätig sein wird.

    Herr Frey wird so schnell keinen Trainer entlassen, er gat es da wie Herr Canepa… von daher wird mit Grönborg die Saison gespielt. Auf die neue Saison hoffe ich dass SL eine Nachfolge findet wo man die Quali und CL nicht lustlos durchwurstelt.