Tagi 2:
Mit offenen Augen durchs Leben
ZSC-Spielmacher Ryan Shannon behält nicht nur auf dem Eis die Übersicht.
Von Simon Graf
Auf dem Twitter-Konto umschreibt sich Ryan Shannon in vier Worten: «Hockeyprofi. Vater. Ehemann. Bewusst.» Bewusst? Er lächelt, hat die Frage, was er damit meint, wohl schon oft beantworten müssen. Er zögert kurz, dann sagt er: «Ich finde es wichtig, dass man sich hellwach durch sein Leben bewegt. Nicht wie ein Roboter tut, was man tun sollte. Man sollte den Moment geniessen und sich bewusst sein, was um einen herum vor sich geht. Offen sein für alles, dazulernen, sich entwickeln, wachsen.» Dann schaut er einen an mit seinem durchdringenden Blick, der einen verunsichern kann, und sagt: «Macht das Sinn?»
Der Amerikaner hat bei den ZSC Lions ein neues Kapitel in seinem Leben aufgeschlagen. Und er ist bereit zu lernen. Nicht nur auf dem Eis, auch daneben. Mit seiner Frau nimmt er Deutschlektionen, um die Sprache zu lernen in dem Land, das zumindest für drei Jahre sein Zuhause sein soll. «Wenn ich eine Zeitung anschaue, habe ich inzwischen eine Ahnung davon, wovon ein Artikel handelt. Aber mit der Konversation tue ich mich noch schwer.» Zumal der Mix aus Hoch- und Schweizerdeutsch, mit dem er im Alltag konfrontiert wird, schwer zu entwirren ist. Die 18-monatige Tochter Emma, die bereits eine Krippe besucht, dürfte ihre Eltern sprachlich wohl bald links überholen.
Ein Entscheid für die Familie
Womit wir bei einem wichtigen Faktor sind, wieso sich der 29-Jährige entschied, seine NHL-Karriere abzubrechen und nach Zürich zu kommen. «In der NHL zu spielen, war ein Traum, der wahr wurde», sagt er. «Aber jetzt habe ich eine Familie, und meine Prioritäten haben sich verschoben.» ZSC-Sportchef Edgar Salis wollte Shannon schon 2011 in die Schweiz lotsen. Doch der unterschrieb, gerade Vater geworden, einen Einjahresvertrag bei Tampa. Im Verlaufe jenes Winters sei es für ihn aber immer schwieriger geworden, so lange weg von zu Hause zu sein, erzählt er. «Ich bekam Mühe, meine Emotionen zu managen. Wenn du ein Baby hast und zwei Wochen auf einem Roadtrip bist, hat es sich komplett verändert, wenn du zurückkommst.»
Dazu kam, dass sich der 1,73 Meter grosse Stürmer in der NHL Saison für Saison einen neuen Vertrag verdienen musste. Dass er es mit seiner Grösse überhaupt auf über 300 NHL-Spiele brachte, ist bemerkenswert. Und 2007 wurde er mit Anaheim auf Anhieb Stanley-Cup-Sieger. Sein Tag mit der imposanten Trophäe ist gut dokumentiert. Er bestätigt, dass er, den Cup neben sich, seiner Freundin in einer Disco in Manhattan einen Heiratsantrag machte. «Es waren so viele Leute um uns herum, da konnte sie gar nicht Nein sagen», erzählt er schmunzelnd. «Aber wir sind immer noch zusammen. Also hat es gepasst.»
Geld sammeln für den Ex-Coach
An jenem Tag nutzte er die Publizität des Stanley-Cups auch, um erstmals Geld zu sammeln für die Stiftung seines früheren Eishockeycoachs Obie Harrington. Der hatte bei einem Badeunfall eine Rückenmarkverletzung erlitten, sitzt seit 15 Jahren im Rollstuhl und gründete eine Organisation, um jenen, die ein ähnliches Schicksal heimgesucht hatte, ein noch lebenswertes Leben zu ermöglichen. Und weil Shannon nicht jedes Jahr den NHLPokal zur Verfügung hat, rief er danach jeweils im Sommer ein Benefizspiel zugunsten der Stiftung ins Leben. In diesem August fand dieses mit NHL-Cracks wie Martin St. Louis, Max Pacioretty oder Matt Moulson zum vierten Mal statt.
In der wohlhabenden Kleinstadt Darien, Connecticut, aufgewachsen, eine 45-minütige Zugfahrt von Manhattan entfernt, begann Shannon mit vier mit dem Eishockey. Er fieberte mit den New York Rangers mit, besuchte mit seinem Vater deren Spiele und sah Wayne Gretzkys letzten Auftritt. Wie die Nummer 99 ist er ein Spielmacher und ein kreativer Geist und passt so gut ins Schweizer Eishockey. Und wenn man ihn erzählen hört, merkt man schnell: Nicht nur auf dem Eis hat er die Augen offen.