Analyse zu Sport und Omikron
Und wieder begehen sie dieselben Fehler
Aus der Pandemie nichts gelernt: Der Sport stellt wirtschaftliches Überleben über alles. Der HC Davos bezahlt nach der Absage des Spengler-Cups teuer – und Peking 2022?
David Wiederkehr, Tages Anzeiger
Publiziert 26.12. um 07:30 Uhr
Die kurzfristige Absage des Spengler-Cups nur einen Tag vor dem Turnierstart trifft den HC Davos ins Mark. Und mit ihm all jene, die sich Tickets beschafft, ein Hotel reserviert und sich auf eine aufregende Altjahreswoche in Davos gefreut haben. Daraus wird nun nichts, und dem HCD entgehen Einnahmen durch Tickets, Gastronomie und Sponsoren. Ohne die Unterstützung von Gemeinde, Kanton und Bund wird der Club diese Absage nicht einfach so überstehen. Und selbst die, sagt Präsident Gaudenz Domenig im Interview mit dieser Zeitung, werde «nicht reichen, um alles zu decken».
Dass der HCD bis zuletzt an der Durchführung des Traditionsturniers festgehalten und nach den Corona-bedingten Absagen der beiden Teilnehmer Ambri-Piotta und Team Canada sogar schon Ersatzmannschaften verpflichtet hatte, war eigentlich frei von Vernunft. Und auch frei von gesellschaftlicher Verantwortung, weil Zuschauer ohne Kapazitätsbeschränkungen zugelassen gewesen wären. Aber es war auch verständlich: Die Davoser sind ohne den Spengler-Cup nicht lange lebensfähig, und es sind die Zuschauereinnahmen, die dafür sorgen, dass sich der Anlass wirklich lohnt.
Wie die Bar offen bleiben möchte, versucht der Profisport, sein Geschäftsmodell am Laufen zu halten.
Das Dilemma des HCD steht im Kleinen, was für den Sport im Grossen gilt, seit im März vor fast zwei Jahren die Pandemie begonnen hat, die Welt in Atem zu halten. Und für die Allgemeinheit überhaupt, die sich treiben lässt von wirtschaftlichen Sorgen. Wie die Bar offen bleiben möchte und der Blumenladen weiterhin Blumen verkaufen will, versucht der Profisport, sein Geschäftsmodell am Laufen zu halten. Auch der Dachverband Gastrosuisse schaut weder rechts noch links, wenn er sich für seine Branche einsetzt. In der Krise ist erst recht jeder sich selbst der Nächste.
Die Situation jetzt ist vergleichbar mit den hektischen Tagen im Frühling 2020, wie damals das neuartige Coronavirus rast Omikron wie eine Welle durch die Länder. Und wieder glaubt jeder Club und jede Liga und jeder Organisator, es werde schon noch irgendwie gehen. Dabei wäre ein Marschhalt längst wieder angebracht. «Fertig lustig», titelte diese Zeitung am 12. März 2020, als die ersten Ligen ihren Spielbetrieb einstellten, andere dagegen sogar auf vollen Tribünen beharrten. Die Bundesliga zum Beispiel. Wir schrieben: «Fussballdeutschland gibt sich dieser Tage wie ein trotziges Kind, dem man das Spielzeug wegnehmen will.»
Heute zeigt sich: Der Sport ist nicht viel weiter. Davos ist ein Beispiel dafür. Auch das Vereinigte Königreich. Da grassiert die Omikron-Variante wie kaum sonst irgendwo, mehr als 120’000 Engländer infizieren sich derzeit – jeden Tag. Doch nachdem am vergangenen Wochenende fast alle Premier-League-Partien abgesagt worden sind, finden heute Sonntag nun fast alle statt. Aber jetzt steht eben der Festtagsfussball an, der Boxing Day. Traditionell schaut die Fussballwelt an diesen einmaligen Tagen noch gebannter und faszinierter nach England. Beste Quoten in den Stadien, beste Quoten vor dem TV. Goldtaler für die Clubs und die Liga – ohnehin steinreich. Die TV-Partner freuts. Und nur das Portemonnaie zählt.
Um die Gesundheit der Spieler und Athletinnen oder der des Publikums geht es dabei kaum. Liverpool-Captain Jordan Henderson sagt: «Ich mache mir Sorgen um das Wohlergehen der Spieler – und dass es keinen interessiert, wie es uns geht. Es fehlt in dieser Diskussion der Respekt vor den Spielern.» Immerhin: Der heutige Match von Hendersons FC Liverpool gegen Leeds wurde abgesagt: zu viele Corona-Fälle und Verletzte beim Gegner.
Unbeirrt gefeiert wird dagegen an der Darts-WM in London. Und die Bilder ungezügelter Horden mehr oder weniger angetrunkener Fans im Alexandra Palace wirken reichlich absurd angesichts der weltweiten Schlagzeilen. Auch die Footballstadien in den USA sind voll, auf den Tribünen herrscht nicht einmal Maskenpflicht. Während die National Hockey League die Meisterschaft ausgesetzt hat. Nicht aus purer Fürsorge allerdings: Es sind schlicht zu viele Spieler krank.
Diese Laisser-faire-Stimmung ist gefährlich und könnte den Verantwortlichen noch leidtun. Und sie ist auch vernehmbar, wenn es um den nächsten Grossanlass geht: die Olympischen Winterspiele. Weniger als sechs Wochen dauert es, ehe diese am 4. Februar in Peking eröffnet werden sollen, und die ersten Sportlerinnen und Sportler dürften schon sehr bald den Flieger nach China besteigen. Längst gibt es Stimmen, die einen Abbruch der Übung fordern oder wenigstens auch diesmal eine Verschiebung. Schon Tokio 2020 wurde um ein Jahr verlegt, allerdings war da die Vorlaufzeit grösser: Zwischen der Absage und dem geplanten Beginn lagen vier Monate.
Chinas konsequente Strategie
Diesmal scheint das Internationale Olympische Komitee (IOK) am Plan festhalten zu wollen. Das Organisationskomitee zeigt sich bereit, trotz «gewaltiger Herausforderungen», wie OK-Vizepräsidentin Han Zirong vor ein paar Tagen eingestand. Nur: Was ist der Preis? China verfolgt eine konsequente No-Covid-Strategie und wird positiv getestete Sportlerinnen und Sportler, Trainerinnen und Trainer, Funktionäre und Journalistinnen nach einem positiven Test isolieren. Von bis zu drei Wochen ist die Rede. Kürzlich verhängte die Regierung in der Millionenstadt Xian strenge Ausgangssperren – wegen 63 Erkrankter.
Dass es während der Olympischen Spiele zu Fällen kommen wird, hält Zirong für «höchstwahrscheinlich». Die Anforderungen der Behörden müssten deshalb «energisch umgesetzt» werden, um die Sicherheit der Olympiateilnehmer und der chinesischen Öffentlichkeit zu wahren. Klingt nicht besonders verlockend für die Gäste aus aller Welt. Oder sinnvoll, unter diesen Bedingungen ein Sportfest durchführen zu wollen. Die NHL hat ihren Spielern die Reise zu Olympia deshalb bereits verboten. Zu gross ist die Gefahr, noch Wochen nach dem Ende der Spiele isoliert in China festzusitzen.
«The show must go on»
Laut einer Studie hat die Verschiebung der Tokio-Spiele rund 3 Milliarden Dollar gekostet, darin eingerechnet sind 800 Millionen, die aus dem Ticketverkauf zusammengekommen wären. Auch in Peking sind zumindest internationale Zuschauer nicht zugelassen. Die Organisatoren sind jedoch gegen den Verlust abgesichert, wie die Nachrichtenagentur Reuters schreibt. Und doch ist von Thomas Bach, dem Präsidenten des IOK, nichts zu vernehmen, das auf eine Verschiebung hindeutete.
«The show must go on» – dieses Rezept hat sich wieder und wieder bewährt. Nicht nur im Sport, generell. Weil Menschen vergessen. Dafür lernen sie, immerhin, nicht hinzu.