«Ich glaube nicht an Komplexe»: Patrick Fischer, die Schweiz und der tiefe Frust nach dem jähen WM-Ende
Nach dem bitteren Aus an der Eishockey-WM gegen die USA verliert der Nationalcoach Patrick Fischer kurz die Contenance. Und der Torhüter Leonardo Genoni überrascht mit schonungsloser Selbstkritik.
Nicola Berger, Helsinki (NZZ)
Seltener Ausbruch: der Nationalcoach Patrick Fischer in Helsinki.
Peter Schneider / Keystone
Bevor Patrick Fischer im Dezember 2016 Eishockey-Nationaltrainer wurde, war er kurz zuvor beim Tabellenletzten HC Lugano entlassen worden. Letzter mit Lugano: Das nährte Skepsis, was Fischers Befähigung angeht, dieses Amt auszuüben. Es hatte ihn wahnsinnig geärgert, wie kritisch er betrachtet wurde. Aber ein paar Medientrainings halfen ihm, souveräner aufzutreten. Und nach der Silbermedaille von Kopenhagen 2018 war er ohnehin das strahlende, unbestrittene Aushängeschild von Swiss Ice Hockey.
Nun hat Fischer an drei Weltmeisterschaften und zwei Olympia-Turnieren in Folge seine eigene Zielsetzung nicht erreicht. Als er am Donnerstag, nach dem bitteren 0:3 im WM-Viertelfinal gegen die USA, von einem Tessiner Radioreporter gefragt wurde, ob er die Ziele nicht allzu optimistisch abstecke und formuliere, platzte Fischer kurz der Kragen. Ob es denn vielleicht besser sei, wenn man wie in den zwanzig Jahren zuvor mit dem Einzug in den Viertelfinal zufrieden sei? Ob es das sei, was der Reporter wolle? Der schüttelte den Kopf.
Es war ein seltener Ausbruch des Trainers. Aber er hatte etwas Erstaunliches. Es hat in der Regel Konsequenzen, wenn ein Coach fünf Mal in Folge die Ziele verfehlt. Bei Fischer und Swiss Ice Hockey scheint es anders zu sein. Es gibt eine Reihe von guten Gründen, Fischer weiterzubeschäftigen. Der Umstand, dass sein Wesen und sein Wirken das Schweizer Eishockey in den letzten Jahren dynamisiert haben. Dass sein grosszügig dotierter Vertrag bis 2024 gilt. Dass nicht klar ist, welcher Nachfolger dieses Amt besser ausfüllen würde – nicht nur als Trainer, sondern auch als Botschafter für das Schweizer Eishockey.
Die Schweiz ist von den NHL-Spielern abhängig
Und doch fragt sich, welches Signal das aussendet, wenn es einfach ein bisschen egal ist, ob man die selber gesetzten Vorgaben jahrelang nicht umsetzen kann. Nach aussen, an die Fans und Sponsoren. Vor allem aber auch nach innen, im Tête-à-tête mit den Spielern. Denn was nicht vergessen werden darf: Die Schlagkraft der Schweiz steht und fällt mit ihren NHL-Spielern. Mit Nico Hischier, Timo Meier, Roman Josi, Kevin Fiala und Nino Niederreiter. Es sind Spieler, die nicht auf die Nationalmannschaft angewiesen sind, weil der Stellenwert der WM in Nordamerika an einem sehr kleinen Ort anzusiedeln ist.
Es ehrt sie, dass sie dem Ruf des Nationalteams oft folgen. Aber eine Selbstverständlichkeit ist es nicht. Auch sie sind aus ihrem Arbeitsalltag in den USA das Schlagwort «accountability» gewohnt, Verantwortlichkeit. Es ist eine seiner grossen Stärken, dass Fischer es bis jetzt geschafft hat, die NHL-Spieler bei Laune zu halten. Aber irgendwann wird der Moment kommen, an dem jemand die Verantwortung dafür übernehmen muss, wenn ein Team Jahr für Jahr an der gleichen Hürde scheitert.
Fischer wirkte unmittelbar nach der Niederlage kämpferisch. Aber es hatte auch etwas Ratloses, als er in die Runde fragte, was man denn hätte besser machen können; er und sein Team hätten doch alles unternommen und getan. Tatsächlich wäre es unfair, nach diesem Turnier, nach sieben Siegen aus acht Spielen, alles zu hinterfragen. Aber dass wieder im Viertelfinal wenig funktionierte und eine Verkrampftheit spürbar war, ist kein gutes Zeichen. Der Torhüter Leonardo Genoni sagte, nach seinem Ermessen sei das Team «überhaupt nicht nahe daran gewesen, weiterzukommen». Und er sagte auch: «Die ersten zwei Gegentreffer sind die Folge von Fehlern, die wir nicht mehr machen dürfen. Das betrifft auch mich.» Irgendetwas fehlte, sicher die Lockerheit, vielleicht auch die Überzeugung, den frühen Rückstand in einem K.-o.-Spiel noch umbiegen zu können.
Die Dernière für Andres Ambühl
Fischer sagte, er sei wahnsinnig stolz auf sein Team. Er sagt das eigentlich immer, auch nach Testspiel-Siegen gegen Frankreich. Man habe es weit gebracht, es sei doch noch vor kurzem undenkbar gewesen, dass die Schweiz jemals in einer solchen offensiven Herrlichkeit Spiele gewinne wie in Helsinki in der Gruppenphase. Das ist wahr, aber was sich eben nicht geändert hat, sind die ehrenvollen Viertelfinal-Niederlagen, die zwiespältigen Turnierbilanzen. Ob das ständige Scheitern in entscheidenden Spielen so etwas wie eine Blockade auslösen könne, wurde Fischer gefragt, und seine Replik lautete: «Ich glaube nicht an Komplexe.» Er dürfte 2023 am nächsten Turnier in Tampere und Riga noch einmal die Chance erhalten, zu beweisen, dass er mit dieser Einschätzung richtig liegt.
Das Team wird dann wohl anders aussehen als heute – es würde nicht überraschen, wenn der Coach den bereits eingeleiteten Verjüngungsprozess weiter vorantriebe, etwa bei den Torhütern Leonardo Genoni und Reto Berra, die 2023 35 beziehungsweise 36 Jahre alt sein werden. Für den 38-jährigen WM-Rekordspieler Andres Ambühl dürfte es der letzte Auftritt mit dem Nationalteam gewesen sein. Andere Kräfte werden der Schweiz dabei helfen müssen, ihre WM-Ziele wieder einmal zu erreichen.