INTERVIEW
Der FCZ-Captain Yanick Brecher sagt: «Ich hätte überhaupt kein Problem damit, mein ganzes Fussballerleben im FC Zürich zu verbringen»
Der FC Zürich wird bald den 13. Meistertitel der Vereinsgeschichte feiern. Sein Goalie Yanick Brecher spricht darüber, wie er sich als Führungsspieler entwickelt hat. Und warum seine Frau im Haushalt in Geldfragen die Expertin ist.
Fabian Ruch (NZZ)
Wie Yanick Brecher erzählt, haben sie beim FCZ einen Spruch, der sie gern trainieren lässt – auch wenn es schneit.
Michael Buholzer / Keystone
Wann dachten Sie erstmals: In dieser Saison kann der FC Zürich tatsächlich Meister werden?
Das ist nicht so lange her, ein paar Wochen vielleicht. Wir hatten zwar auch in der Winterpause einen grossen Vorsprung, aber ich erwartete ebenfalls, dass der FC Basel und vor allem YB schon noch zur Siegesserie ansetzen würden.
Bis vor einer Woche wurde beim FCZ fast übertrieben defensiv kommuniziert, wenn es um meisterliche Ambitionen ging. War das auch eine Art Spielchen des Vereins?
Überhaupt nicht. Wir wollten unsere Lockerheit behalten und keinen Druck aufbauen, weil wir dann etwas zu verlieren gehabt hätten. Es gab auch keinen speziellen Workshop, keine geheimen Zettel, nichts. Wir fokussierten uns immer auf die nächste Aufgabe. Uns begleitet ein Spruch durch die Saison, da geht es darum, dass man sich den Erfolg verdienen muss. Hört sich banal an, aber wenn man sich das jeden Tag in Erinnerung ruft, hilft das schon, geerdet zu bleiben und auch dann mit Leidenschaft zu trainieren, wenn es schneit oder man sich einmal nicht besonders wohlfühlt.
Vor einem Jahr gaben Sie in einer mal wieder schwierigen Phase für den FCZ Interviews, in denen Sie von «tiefer Krise» und «dummen Gegentoren» sprachen. Und davon, dass diese Leistungen in der Super League nicht genügen würden. Inwiefern hat sich Ihre Rolle als Captain in den letzten zwölf Monaten verändert?
Die Rückrunde vor einem Jahr war extrem nervenaufreibend. Diese Zeit war sehr intensiv, die grosse Leere nach den vielen Niederlagen vermisse ich überhaupt nicht. Aber wir haben damals auch profitiert, weil wir gesehen haben, dass es Veränderungen braucht. Vor einem Jahr versuchte ich, die Mitspieler zu pushen und zu motivieren, wir mussten ständig Brände löschen, das raubte uns viel Energie. Diesmal geht es mehr darum, dass wir demütig bleiben, uns nicht ausruhen, trotz Vorsprung konzentriert sind. Und was angenehmer ist: Gespräche mit Journalisten.
Yanick Brecher im Januar 2020, als die Zeiten für den FCZ noch schwieriger waren.
Karin Hofer / NZZ
Im letzten Sommer prophezeiten wir dem FCZ eine komplizierte Saison und erwarteten Ihren Verein zwischen Rang 7 und 9. Wie waren Ihre Erwartungen?
Nicht viel anders. Wenige Tage vor dem Saisonstart bestritten wir am gleichen Tag zwei Testspiele. Jene Mannschaft, in der ich war, verlor gegen Xamax 1:4, wir bekamen richtig eins aufs Dach. Da machten wir uns schon Gedanken, auch wenn man Testspiele nicht überbewerten sollte. Wenn wir danach nicht ideal in die Saison gestartet wären, hätte es auch anders herauskommen können. So läuft das manchmal im Fussball.
Und warum lief es so grandios für den FCZ?
Für mich gibt es zwei Punkte, die zentral sind. Einerseits der Trainer André Breitenreiter mit seiner Philosophie und seiner Persönlichkeit. Dem Trainerstab ist es gelungen, quasi jeden Spieler besser und selbstbewusster zu machen. Anderseits stimmt die Zusammenstellung der Mannschaft. Keiner stellt sich quer, selbst wenn wir starke, international erfahrene Fussballer haben, die auf der Bank oder sogar auf der Tribüne Platz nehmen müssen. Der Teamgeist ist exzellent, und das ist wirklich keine Floskel, weil ich das noch nie in dieser Form erlebt habe.
Was zeichnet den Trainer aus?
Ich wusste am Anfang auch nicht viel mehr, als dass ein deutscher Trainer mit Erfahrung in der Bundesliga in die Schweiz kommt. Für mich war klar gewesen, dass sich viel ändern muss, damit es nicht eine weitere unbefriedigende Saison gibt. André Breitenreiter war vom ersten Tag an sehr offen, sehr transparent, er hat frischen Wind ins Team gebracht, die Vergangenheit interessierte ihn nicht. Schon am zweiten Tag führte ich ein längeres Gespräch mit ihm. Und abgesehen von seinen unbestrittenen fachlichen Qualitäten ist es eine Gabe von ihm, wie umsichtig er die Mannschaft führt und allen Spielern ihre Wichtigkeit für den Erfolg aufzeigen kann.
Es gibt widersprüchliche Aussagen darüber, wann der Trainer den Spielern das erste Mal gesagt haben soll, dass in dieser Saison viel möglich sei für den FCZ.
Den genauen Zeitpunkt weiss ich nicht mehr, aber es war wirklich sehr früh. Das irritierte mich damals schon ein wenig. Doch der Trainer war in den letzten Jahren nicht dabei gewesen, er hatte keine Steine im Rucksack. Er sagte uns, dass wir etwas Schönes erreichen könnten, wenn wir hart arbeiten und unsere Spielidee stark umsetzen würden.
Der Ball rollte in dieser Saison oft für den FCZ. Wie sehr spürt man als Spieler, dass man einen Lauf hat?
Es gab in dieser Saison viele Spiele, die wir in den letzten Jahren vermutlich nicht gewonnen hätten. In den engen Begegnungen setzten wir uns meistens durch, das Momentum kippte auf unsere Seite. Ich denke beispielsweise an die zwei Heimsiege gegen YB. Diese kamen aber nicht aus heiterem Himmel, wir erarbeiteten uns dieses Glück, unser Selbstvertrauen stieg enorm. Manchmal stand ich auf dem Rasen und spürte regelrecht, dass wir in der Schlussphase noch ein Tor erzielen würden.
Stimmt es eigentlich, dass Sie als Jugendlicher in der Südkurve standen?
Das kam vor. Ich wuchs in der Region auf, mein Götti nahm mich früh an Spiele in den Letzigrund mit. Den letzten Meistertitel des FC Zürich 2009 erlebte ich in der Südkurve, weil meine besten zwei Freunde glühende FCZ-Fans waren. Ich spielte damals schon beim FC Zürich im Nachwuchs. Für mich war der Gewinn der Meisterschaft ein Ansporn, weil ich sah, was man in diesem Verein erreichen kann.
Der FCZ-Präsident Ancillo Canepa sagte 2015, Sie seien das grösste Goalietalent der Schweiz. Es dauerte dann ein paar Jahre, bis Sie durchstarteten. Sie wurden einmal an den FC Wil ausgeliehen, 2016 warf sie ein Kreuzbandriss zurück. Damals sprach sich der heutige Nationaltrainer Murat Yakin im Challenge-League-Verein Schaffhausen gegen Ihre leihweise Verpflichtung aus. Wie haben Sie diese Rückschläge verarbeitet?
Ich hörte als Kind oft, dass ich irgendwann Stammgoalie beim FC Zürich sein werde. Das war mein Ziel. So wie es mein Ziel war, einmal in der Bundesliga zu spielen. Ich war jedoch nie ein Träumer, selbst wenn ich früh und dann jahrelang für die Schweizer Nachwuchsauswahlen nominiert wurde. Ich verstand Murat Yakin damals, ich war noch nicht fit genug, durfte dann beim FCZ in der zweiten Mannschaft Spielpraxis sammeln. Für viele Fussballer bricht nach einem Kreuzbandriss die Welt zusammen, aber meine gute Mentalität war immer eine Stärke von mir. Ich verschwende keine Energie mit Dingen, die ich nicht verändern kann, diese Einstellung hilft mir. Mir ist aber auch klar, dass sich das heute locker sagen lässt, weil ich ein gestandener Spieler in meinem Herzensverein bin.
Und vielleicht klappt es mit einem Engagement in der Bundesliga ja doch noch.
Das sehe ich total entspannt. Ich werde im Mai 29, habe mir hier etwas aufgebaut, mein Vertrag läuft bis 2023. Ich hätte überhaupt kein Problem damit, mein ganzes Fussballerleben im FC Zürich zu verbringen. Dann hätte ich auch nicht das Gefühl, etwas verpasst oder zu wenig herausgeholt zu haben.
Mit seinen Paraden in dieser Saison hat Yanick Brecher Anteil am Höhenflug des FC Zürich.
Manuel Geisser / Imago
In einem Zeitungsporträt über Sie vor zehn Jahren hiess es, Sie seien eher introvertiert. Was hat Sie auf Ihrem Weg zur Leaderfigur geprägt?
Ich bin immer noch ein eher ruhiger Typ. Darüber sprach ich kürzlich auch mit unserer Klubbesitzerin Heliane Canepa. Sie sagte, ich sei grundsätzlich noch der gleiche Mensch wie vor ein paar Jahren, sei aber an meinen Aufgaben gewachsen und hätte mich entwickelt. Es tönt vielleicht kitschig, aber ich war nie ein in Anführungszeichen normaler Fussballer, selbst wenn ich schon im Alter von 17 Jahren den ersten Profivertrag unterschrieb. Die vierjährige Berufslehre als Polymechaniker war wertvoll, weil ich sah, dass es auch eine Welt abseits des Fussballs gibt.
Bei Ihnen zu Hause stehen also nicht zwei Ferraris in der Garage . . .
. . . nein, nein . . .
Kürzlich erfuhren wir im SRF-Dokumentarfilm «Frauen und Geld», dass sich Ihre Frau als Betriebsökonomin, Bloggerin und selbständige Finanzberaterin in Ihrem Haushalt ums Geld kümmert.
Das hat viele Leute erstaunt, die Reaktionen waren durchwegs positiv. Ich kenne die Klischees über Fussballer und über Spielerfrauen, die nur teure Kleider shoppen sollen. Es war gut, sah man auch einmal ein anderes Rollenbild, meine Frau ist Expertin in finanziellen Angelegenheiten. Mir ist wichtig, dass wir vernünftig leben und unseren beiden Kindern ein Vorbild sind. Fussballer ist man vielleicht von 18 bis 35, das zweite Berufsleben dauert deutlich länger. Darüber mache ich mir längst viele Gedanken.
In welche Richtung soll es gehen?
Das finde ich gerade heraus. Ideal wäre ein Wirtschaftsstudium, das sich vereinbaren lässt mit meiner Karriere als Profi. Ich könnte mir sehr gut vorstellen, später in der Privatwirtschaft zu arbeiten und meine Leaderqualitäten und meine Persönlichkeit in einer Führungsrolle einzubringen.
Sie erwähnten vorhin Ihre zwei kleinen Kinder. Man hört, es gebe beim FCZ im Team einen regelrechten Baby-Boom. Ist es eigentlich besser, wenn nicht zu viele Junggesellen in einem Team sind?
Das ist Ansichtssache. Wir haben sicher weniger Spieler, die zwei Tage vor einer Begegnung noch an Partys gehen. Wobei: Der Schlaf mit kleinen Kindern ist auch nicht immer ungestört. (lacht)