Denis Malgin schreibt Play-off-Geschichte –und der EV Zug sieht nur noch schummriges Licht
Mit fünf entscheidenden Treffern in diesem Play-off stellt der Tausendsassa Denis Malgin einen Rekord ein. Und ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt: Der EV Zug braucht in diesem Play-off-Final jetzt nicht weniger als ein Wunder.
Nicola Berger (NZZ)
Zurzeit der beste Stürmer auf Schweizer Eis: der ZSC-Stürmer Denis Malgin.
Christian Merz / Keystone
Vor 36 Jahren ist im Schweizer Eishockey mit dem HC Lugano erstmals ein Meister via Play-off gekürt worden. Das Format hat viele Geschichten geschrieben, hier ein Drama, da ein Heldenepos. Es gibt Spieler, die sich unsterblich gemacht haben. Und Rekorde aufstellten, bei denen man nicht weiss, ob sie in der Moderne je gebrochen werden können.
Die Stürmer Bill McDougall und Wes Walz etwa, die kanadischen Meistermacher des EV Zug, erzielten 1998 je 16 Tore. Es ist eine Marke, die seither nie gewackelt hat. Die Spielweise hat sich gewandelt, der Fokus liegt bei den Teams gerade im Final oft darauf, sich mit allen erdenklichen taktischen Kniffen zu neutralisieren. 1998 siegte der EVZ in Spiel 3 gegen Davos 11:4. Es ist ein Resultat, das heute undenkbar ist.
In der Finalserie zwischen Zug und den ZSC Lions sind bisher nie mehr als fünf Tore gefallen. Dem als Favoriten gestarteten EVZ gelangen in drei Partien nur vier Treffer, er befindet sich in einer sehr misslichen Lage, mit gleich 0:3-Siegen in Rücklage nach dem 1:2 vom Samstagabend.
Noch nie in der Schweizer Play-off-Geschichte ist ein Team im Final nach einem 0:3 noch Meister geworden. In der NHL gelang es einmal: 1942 den Toronto Maple Leafs gegen die Detroit Red Wings. In der langen Geschichte der drei nordamerikanischen Sportligen NHL, MLB und NBA ist ein solches Comeback in der gesamten Play-off-Geschichte – nicht nur im Final – fünf Mal geglückt.
Der EVZ braucht nicht weniger als ein Wunder. Die sind per Definition wahnsinnig selten, doch der EVZ-Trainer Dan Tangnes sagte: «Ich habe den Glauben nicht verloren. Wenn es irgendjemand schaffen kann, dann die Jungs in dieser Garderobe. Wenn wir das hinkriegen, schaffen wir Erinnerungen, die für immer halten werden.» Tangnes, dieser sonst so nüchterne Zuger Vordenker, verlor sich sogar kurz im Pathos, als er sagte: «Als wir letztes Jahr Meister wurden, konnten unsere Fans wegen der Pandemie nicht dabei sein. Ich wünsche mir aus meinem tiefsten Herzen, dass wir es für unsere phantastischen Fans noch einmal schaffen.»
Malgin ist so dominant wie einst Chomutow
Das Problem der Zuger ist nicht nur die ins Stottern geratene eigene Torproduktion. Sondern auch der Umstand, dass sie den ersten Block des ZSC einfach nicht in den Griff bekommen. Am Samstag war es erneut das Trio Denis Malgin - Sven Andrighetto - Denis Hollenstein, das für die Entscheidung sorgte.
Andrighetto besorgte mit einem abgelenkten Schuss zehn Minuten vor dem Ende den Ausgleich zum 1:1. 92 Sekunden später gelang Malgin das goldene Tor zum 2:1. Es war Malgins fünfter entscheidender Treffer der Play-offs, er hat damit Geschichte geschrieben, denn er hat einen Rekord egalisiert. Fünf Game-Winner, das ist zuvor nur zwei Spielern gelungen: den Gottéron-Stürmern Andrei Chomutow 1991/92 und Julien Sprunger 2016/17. Dann folgt der frühere Schweizer Nationalspieler Andy Ton, dem 1988/89 für Lugano vier Treffer gelangen. Die Heldentaten dieses Trios genügten jeweils nicht zum Meistertitel, was Malgins famosen Frühling noch kostbarer macht.
Malgin, 25, ist derzeit der beste Spieler der Liga, sein Zuzug einen Tag vor Saisonbeginn hat die ohnehin schon exzellent besetzten ZSC Lions auf ein neues Plateau gehoben. Er kann jede Partie in neue Bahnen lenken, so talentiert und in Form ist er, was den Teamkollegen ein anscheinend unzerstörbares Selbstvertrauen verliehen hat. «Es hilft, wenn du weisst, dass wir eine Linie haben, die in jedem Einsatz dazu fähig ist, den Match zu entscheiden», sagt der Verteidiger Yannick Weber.
Drei Mal lag der ZSC in dieser Serie in Rückstand, drei Mal drehte er die Partie. Der Ursprung dieser neu entwickelten Qualität, sich wie einst Harry Houdini aus den scheinbar perfidesten Fallen und Situationen zu befreien, datiert vom 2. April. Knapp sieben Minuten fehlten damals, und die Saison des ZSC wäre zu Ende gewesen, die Zürcher lagen in Biel im sechsten Viertelfinalspiel 0:1 zurück. In der Not und mit der mutmasslichen Entlassung vor Augen presste der Trainer Rikard Grönborg seine besten Offensivkräfte in eine Linie, woraufhin mit drei Treffern die furiose Wende gelang. Es war der Auftakt zu einer beispiellosen Siegesserie, die mittlerweile bei fast beängstigenden neun Partien angelangt ist.
Als Knirps war Sven Andrighetto im Hallenstadion Passivraucher
Am Montag kann der ZSC mit einem Sieg vielerlei beenden: die Serie, die Saison und nach 72 Jahren die Hallenstadion-Ära. Ein Heimsieg wäre ein würdiger Schlusspunkt für die sagenumwobene Heimstätte, auch wenn sie seit der Totalsanierung von 2004/05 nicht mehr annähernd den Charme von einst verströmt. «Das wäre eine coole Sache», sagt Andrighetto, der als Knirps noch das alte Hallenstadion erlebte und sagt: «Ich kann mich zwar nicht mehr daran erinnern, welches mein erster Match dort war. Aber ich weiss noch, dass heftig geraucht wurde.»
Diese Epoche ist lange vorbei, aber dem ZSC bietet sich die grosse Gelegenheit, den Kreis zu schliessen und sich mit einem letzten Opus magnum nach Altstetten zu verabschieden.
Der EVZ wird sich nach Kräften darum bemühen, dies zu verhindern, doch bei den Zugern macht sich nach drei Partien ohne jegliche Fortune auch ein wenig Ratlosigkeit breit. «Wir machen vieles gut, wir haben genug Chancen, um die Spiele zu gewinnen», sagt der Stürmer Grégory Hofmann. Auch der Zuger Topskorer scheint darüber ins Grübeln geraten zu sein, was er noch tun muss, um den exzellenten ZSC-Goalie Jakub Kovar zu überlisten. Der Coach Tangnes sagt: «Wir sehen noch Licht am Ende des Tunnels.» Doch es ist sehr schummrig geworden, die ZSC-Dämmerung könnte schon am Montag abgeschlossen sein.