7 Niederlagen nach 14 Spielen: Die Zeit der Ausreden ist für die hochgerüsteten ZSC Lions abgelaufen
Statt zu begeistern, dümpelt die auf dem Papier stärkste Mannschaft des Landes mit kümmerlichen Leistungen vor sich hin. Bereits werden Erinnerungen an die magere letzte Saison wach – gelingt dem Trainer Rikard Grönborg und seinen zahlreichen Stars nicht bald die Trendwende, wächst sich die Baisse zu einer Krise aus.
Ulrich Pickel (NZZ)

Was ein goldener Herbst hätte werden sollen, ist zu einer Enttäuschung geworden: hängende Köpfe bei den Lions-Stürmern Reto Schäppi (links) und Denis Malgin nach der 1:4-Niederlage gegen Biel.
Patrick B. Kraemer / Keystone
Die Liste der schlechten Nachrichten reisst nicht mehr ab. Am Samstag verloren die ZSC Lions zu Hause gegen Biel 1:4. Tags zuvor unterlagen sie in Rapperswil-Jona 1:3. In der Woche davor verloren sie 2:4 gegen die SCL Tigers. Der SC Bern reiste mit einem 1:0-Sieg aus Zürich ab, Freiburg bezwang den ZSC mit dem gleichen Resultat. Gegen den EV Zug und Ambri-Piotta resultierten zwei Overtime-Niederlagen.
Sieben Siege, sieben Niederlagen. Die ZSC Lions liegen auf dem fünften Platz in der Tabelle, einen Punkt vor den Rapperswil-Jona Lakers und zwei Punkte vor Ambri. In den letzten fünf Meisterschaftsspielen gewannen Rikard Grönborgs Spieler nur noch ein Mal.
Was ist los? Dass es hin und wieder Niederlagen gibt, war von Anfang an klar. In der weitgehend ausgeglichenen National League erwischt es jeden ab und zu. Aber in dieser Häufung und bei einer solchen Mannschaft? Die Zürcher dürfen fünf Ausländer einsetzen, hinzu kommen der NHL-Rückkehrer Yannick Weber sowie Denis Malgin, letztes Jahr Topskorer in Lausanne. Sogar für Zürcher Verhältnisse ist dieses Kader so hochgerüstet wie noch selten zuvor. Und was geschieht? Die ZSC Lions geben mittlerweile ein derart kümmerliches Bild ab, dass auch die treuen Fans das unsägliche Geschehen auf dem Eis mit Pfeifkonzerten quittieren.
Viele Worte, kaum Taten
Nüchtern betrachtet, handelt es sich um einen klassischen Fall: Ein auf dem Papier starkes Kader ergibt nicht automatisch eine gute Mannschaft. Man könnte das, was den Zürchern geschieht, als einen Findungsprozess sehen: Eine Ansammlung von Einzelkönnern wächst zu einer Einheit zusammen, viel weniger reibungslos als erwartet, aber am Ende wird es schon klappen.
An diese Version klammert sich der Klub. Grönborg etwa sagte nach dem 1:4 gegen Biel, er glaube an diese Mannschaft und zusammen werde man die Probleme lösen. «Es ist eine Kombination aus Frustration und fehlendem Selbstbewusstsein im Abschluss», lautete die Analyse des 53-Jährigen. Er ist ein Trainer, der klar und strukturiert mit der Mannschaft kommuniziert und die Spieler auch in die Problemlösung einbindet – dass dieses Vorgehen bis jetzt von durchschlagendem Erfolg gekrönt worden ist, kann nicht behauptet werden.
Der Captain Patrick Geering wiederum sagte am Samstag: «Ich habe das Gefühl, wir gehen viel zu wenig dorthin, wo es weh tut, wir sind zu wenig konsequent im Abschluss.» Dieser Befund ist zutreffend. Nur: Geering legt hier eine Platte auf, die so oder ähnlich häufig aus der ZSC-Garderobe zu hören ist. Die Spieler geben sich gerne selbstkritisch, doch ihren Worten folgen allzu oft keine Taten.
Es gibt Gründe, daran zu zweifeln, dass hier nur ein mühsamer Selbstfindungsprozess im Gang ist, der bald einmal zu einem guten Abschluss gebracht werden kann. Blickt man zurück auf die vergangene Saison, wird klar, dass das, was derzeit geschieht, ein Déjà-vu ist: Vor dem Cup-Final Ende Februar zum Beispiel hatten sich Geering und seine Kollegen kämpferisch gegeben. Als dann die Partie begann, wurden die ZSC Lions wie eine übermotivierte Schülermannschaft von einem entschlossenen SCB mit 5:2 an die Wand gespielt.

Immer ungemütlicher wird die Lage auch für den Trainer Rikard Grönborg, der es bisher nicht geschafft hat, dem Team zu einem stabilen Hoch zu verhelfen.
Patrick B. Kraemer / Keystone
Nur bis zum Jahreswechsel spielte die Mannschaft stark, dann kam ein Leistungsabfall, der nie wirklich überwunden wurde. Im Januar 2021 hatte der ZSC drei Mal gegen den Aussenseiter Langnau verloren, auch gegen Ambri setzte es drei Niederlagen ab. Mit dem Play-off-Halbfinal wurde noch das Minimalziel erreicht, doch insgesamt blieb der Eindruck eines verlorenen Jahres.
Die Zeit der Erklärungen und Ausreden ist abgelaufen. Grönborg befindet sich in seiner dritten Saison in Zürich. Folgen nun ähnlich quälende Monate wie zu Jahresbeginn, wird die Trainerfrage gestellt werden müssen. Der schwedisch-amerikanische Doppelbürger hat einen Vertrag bis 2023, mit einer NHL-Ausstiegsklausel per Ende 2021 – man darf gespannt sein, wie lange es mit Grönborg weitergehen wird.
Jeder lieber für sich
Es wäre aber zu einfach, nur mit dem Finger auf den Coach zu zeigen. Ausreden gibt es auch für die Mannschaft keine. Es geht um die Art, wie die Niederlagen zustande kommen. Die Spiele sind mittlerweile so unansehnlich, dass sie dem Publikum Argumente liefern, lieber nicht mehr ins Hallenstadion zu gehen. Gelungene Spielzüge über mehrere Stationen sind selten, jeder versucht das Beste, aber nur für sich allein. Der Spielaufbau, die ganze Spielkultur ist Stückwerk. Dem Team fehlt jede positive Ausstrahlung. Tempo, Dynamik, Leidenschaft, Spielfreude? Meist nur beim Gegner zu sehen. Das unrühmlichste Beispiel ist Sven Andrighetto, ein grosser Einzelkönner, der versucht, mit dem Kopf durch die Wand zu gehen, und in den eigenen Reihen mehr Verwirrung stiftet als beim Gegner. Ein von ihm ohne Not gespielter Fehlpass leitete am Samstag die Niederlage ein.
Wenn es den Spielern nicht gelingt, ihre Egos in den Dienst der Sache zu stellen, werden sie weiterhin scheitern. Die hohen Erwartungen nach der Transferoffensive im Sommer sind bis jetzt nur enttäuscht worden. Die Ansammlung von prominenten und teuren Einzelspielern ist noch keine Einheit geworden. Fest steht vorderhand nur etwas: Mit dem, was sie bis jetzt gezeigt haben, sind die ZSC Lions auf dem Holzweg.
