Die ZSC Lions liegen im Soll der hohen Erwartungen – doch ein bisschen mehr Mut täte dem Klub gut
Der Zürcher Eishockeyklub spielt bis anhin eine solide Saison, doch zuletzt fehlte es den ZSC Lions an Dynamik. Und eine Serie von Abgängen junger Spieler weckt Zweifel an der Nachwuchsförderung des Klubs.
Ulrich Pickel (NZZ)
Derweil im Schweizer Eishockey die Diskussion um die Liga-Reform die Gemüter erhitzt, läuft der Alltag weiter, trotz Corona-Turbulenzen ist die Liga bei der Hälfte der Qualifikation angelangt. Übers Ganze gesehen, bewegen sich die ZSC Lions im Soll der hohen Erwartungen, wobei sie jüngst von Rückschlägen nicht verschont geblieben sind. Chris Baltisberger zog sich am vergangenen Freitag eine Unterschenkelfraktur zu, was für den 29-Jährigen das Saisonende bedeutet. Sein Wert für die Mannschaft liegt weniger im Umgang mit dem Puck begründet als in der Kampfkraft, mit der er Räume aufreisst. Sein Fehlen wird das Team von Rikard Grönborg spüren.
Auch die Resultate waren in letzter Zeit nicht nur positiv. So resultierten etwa überraschende Niederlagen in Langnau und Ambri. Die schwankenden Leistungen haben auch mit Pius Suter zu tun, der nun im Vorsaison-Camp der Chicago Blackhawks auf bestem Weg ist, sich einen Platz im NHL-Team zu sichern. Der letztjährige Liga-Topskorer verlieh den Zürchern ein höheres Mass an Unberechenbarkeit. Gleichzeitig zeichnet sich ein weiterer Abgang ab. Offizialisiert ist er zwar noch nicht, doch Raphael Prassl wird die ZSC Lions in Richtung Davos verlassen. Der Center, derzeit verletzt, aber bald wieder einsatzbereit, folgt damit Axel Simic, der auf Ende Saison hin ebenfalls ins Bündnerland wechseln wird.
Serie von Abgängen
Die Causa Prassl ist an sich nichts Aussergewöhnliches. Was sie allerdings zu mehr als einer Randnotiz macht, ist der Umstand, dass sie Teil einer Reihe ist. Mit Simic und Prassl sehen zwei weitere junge Spieler (21 bzw. 23 Jahre alt) anderswo offenbar bessere Entwicklungsmöglichkeiten als in jenem Klub, der besonders stolz auf seine Nachwuchsförderung ist. Auf die Saison 2019/20 hin war das auch schon bei Jérôme Bachofner (Zug), Marco Miranda (Genf) und beim Verteidiger Roger Karrer (ebenfalls Genf) der Fall gewesen. Keiner dieser fünf Spieler war (und ist) derart gut, dass ein Klub alle Hebel in Bewegung setzen müsste, um ihn vielleicht doch halten zu können.
Dennoch stellen solche Abgänge für den Ruf der ZSC Lions eine Herausforderung dar. Sie lassen sich den Nachwuchs sehr viel kosten und müssten nur schon deshalb eine Adresse sein, die jungen Spielern eine Perspektive bieten kann. Der ZSC-Sportchef Sven Leuenberger wendet ein, es fehle den Jungen leider oft an Geduld. Und tatsächlich lässt der ZSC sie nicht nur links liegen. In einem so stark besetzten Kader ist es ungemein schwierig, in die ersten zwei Sturmlinien zu gelangen. Dennoch beweisen beispielsweise die Stürmer Justin Sigrist (21 Jahre) und Dominik Diem (23) mit ihrer Spielintelligenz immer wieder, wie wichtig sie für das Team sind.
Fehlende Dynamik
Mit Blick auf die letzten, durchzogenen Resultate könnte den Zürchern ein bisschen mehr Dynamik aber nicht schaden. Diese ist in der Vergangenheit oft von jungen Spielern ausgegangen. In der zweiten Saison mit Rikard Grönborg dürfte jeder Spieler gut genug wissen, was von ihm erwartet wird und wie er sich auf dem Eis bewegen muss. Der Trainer überlässt nichts dem Zufall. Es herrschen klare Verhältnisse, ähnlich wie seinerzeit unter Harold Kreis. Experimentierfreude in der Aufstellung, der Mut, die Hierarchie hin und wieder durcheinanderzuwirbeln und damit die eigenen Leute wie auch die Gegner auf Trab zu halten wie einst unter Marc Crawford – das sind gegenwärtig nicht die Charakteristiken der ZSC Lions. Schaden tut ihnen das nicht. Doch manchmal kann ein Trainer nur schon mit einem kleinen, überraschenden Eingriff, in dem er vom gewohnten Pfad abweicht, viel bewirken.