Corona-Ausbruch bei den ZSC Lions: Ein Gegner zum Verzweifeln
Ein Klub scheut keinen Aufwand, um das Virus in Schach zu halten – und wird doch von einer Welle überrollt. Mit 13 positiv Getesteten mussten die Zürcher in die zweite Quarantäne dieser Saison. Das frustriert den Mannschaftsarzt.
Ulrich Pickel (NZZ)
Die Meldung erstaunt: Als sich die ZSC Lions im November erstmals in Quarantäne begaben, waren vier Spieler positiv auf Covid-19 getestet worden. Diesmal nun spricht der Klub von dreizehn Fällen. Zwölf Spieler plus der Trainer Rikard Grönborg. Alle scheinen glimpflich davongekommen zu sein, sie hatten nur milde oder zum Teil gar keine Symptome. Wie aber konnte ein Klub, der keine Mühen scheut, dieses Virus abzuwehren, auf einmal zu einem regelrechten Corona-Cluster werden?
Gibt es ein Risiko auf dem Eis?
Zwei Tage nach dem Spiel Lugano - ZSC Lions (28. November) gingen die Tessiner mit diversen positiv Getesteten in Quarantäne. Am selben Tag spielten die Zürcher den Cup-Viertelfinal in Langenthal. Der Schwede Marcus Krüger fehlte, weil er sich krank fühlte. Am Tag nach dem Cup-Match fühlten sich weitere Spieler unwohl, dann kam die Quarantäne. Die Vermutung liegt nahe, dass das Virus während des Spiels in Lugano übertragen wurde. Was bei dieser Argumentation aber stutzig macht, ist der Umstand, dass es so auch die Langenthaler hätte erwischen müssen. Sie seien von den Lions sofort informiert worden, sagt der Sportchef Sven Leuenberger. Doch Langenthal blieb von einer Quarantäne verschont.
Gery Büsser steht vor einem Rätsel. Er ist der langjährige ZSC-Mannschaftsarzt, Chefarzt Sportmedizin und Leiter des Swiss Olympic Medical Center an der Zürcher Schulthess-Klinik sowie Teil der Corona-Task-Force des Schweizer Eishockeys: «Man weiss nicht, wie die Übertragungen geschehen konnten. Es ist so schwierig, dies nachzuweisen. Wir machen wirklich viel, aber wir müssen alle nochmals über die Bücher.» Übertragungen auf dem Eis gelten als eher unwahrscheinlich, weil die Kontakte zeitlich sehr kurz sind. Aber unwahrscheinlich heisst nicht unmöglich. Ein Risiko ist die Spielerbank. Von der Netto-Spielzeit von 60 Minuten verbringen die Spieler dort 40 Minuten und mehr, die Unterbrechungen nicht eingerechnet. Die Zürcher haben extra mobile Plexiglaswände aufgestellt, eine Idee Büssers. Die zusätzliche Barriere soll die Ausbreitung des Virus behindern.
Im Bus herrscht Maskenpflicht, er ist doppelstöckig, mit topmoderner Klimaanlage. Auch im Trainingszentrum, genannt Olymp, sind die Regeln streng. Die Garderobe verteilt sich auf drei Räume. Jeder verhalte sich so, als ob er hochinfektiös wäre, erläutert Büsser. Dazu sind 20 UV-Strahler in den Garderoben, im Kraftraum und im Trainer-Büro aufgestellt worden, die Viren abtöten. Die gemeinsamen Essen vor und nach den Spielen finden nicht mehr statt. Die meisten Spieler lassen sich ihre Mahlzeiten einpacken. Im Privatleben gilt für die Spieler, die Kontakte auf das Minimum zu reduzieren. «Und das tun sie auch», sagt Büsser. «Das ist nicht einfach, es sind junge Leute.»
Der Zürcher Arzt macht kein Hehl aus seiner Gemütslage: «Ich bin schon frustriert, das muss ich sagen. Man meint, man macht so viel. Und alle ziehen mit. Aber ich glaube auch nicht, dass wir einen Systemfehler haben. Es ist einfach Covid. Punkt. Es verhält sich so unberechenbar, wie wir es nicht mögen. Wir wollen ja gerne alles kontrollieren.»
Aufgeben ist keine Option
Wenn selbst umfangreiche Schutzmassnahmen einen Massenausbruch des Virus nicht verhindern, wäre es dann nicht am besten, den ganzen Aufwand zu vergessen und eine Durchseuchung der Mannschaft einfach zuzulassen? Schliesslich handelt es sich um gesunde, junge und durchtrainierte Leute. Büsser winkt ab. «Das würde ich nicht empfehlen. Da wäre ich als Arzt fehl am Platz. Es gibt auch schwere Fälle. Man muss wissen: Wenn jemand drei, vier Wochen mit dieser Krankheit kämpft, dann ist die Saison praktisch vorbei. Man kommt nicht mehr an das beste Leistungsniveau heran. Man darf Covid nicht unterschätzen. Es kann jeden auf die Intensivstation holen. Wirklich jeden.»
Aufgeben ist für Büsser keine Option: «Jetzt, kurze Zeit vor einer möglichen Impfung, müde zu werden, wäre verheerend.» So bleibt den ZSC Lions nichts übrig, als zu überlegen, wo sie ihr Verhalten verbessern können. Und der Massenausbruch hat letztlich auch eine positive Seite. 16 Spieler und der Trainer sind bisher vom Virus heimgesucht worden. Damit sind die Zürcher schon ziemlich durchseucht, ohne bisher erkennbar gravierende Folgen. Beim nächsten Mal wird es sie wohl weniger hart treffen.
Und das nächste Mal wird kommen. Ein Eishockeyteam besteht mit Trainern und Staff-Mitgliedern aus rund 30 Personen. Auch mit begrenzten Kontakten in den Familien und Freundeskreisen kommt täglich einiges an Risikopotenzial auf engem Raum zusammen. Solange die Fallzahlen im Land hoch bleiben, ist es nur eine Frage der Zeit, bis das Virus dieses Team wieder in eine Quarantäne zwingt. Oder ein anderes.