Borussia Dortmund entlässt den Trainer Lucien Favre – es ist das Ende einer Zweckbeziehung
Lucien Favre ist nicht länger BVB-Coach. Der Zeitpunkt der Entlassung mag überraschen, die Gründe für die Trennung sind allerdings nachvollziehbar.
Stefan Osterhaus, Berlin (NZZ)
Nun ist es zu Ende, das dritte Bundesliga-Engagement des Fussballtrainers Lucien Favre. Am Sonntag, am Tag nach der 1:5-Niederlage im Heimspiel gegen den VfB Stuttgart, vollzog Borussia Dortmund die Trennung. Warme Worte begleiteten den Trainer; für die Stilnote war Hans-Joachim Watzke, der Klubchef, zuständig. Für zweieinhalb Jahre «hervorragende Arbeit» dankte der Sauerländer: «Als Fachmann und als Mensch ist Lucien Favre über jeden Zweifel erhaben.»
In der Erklärung des Sportchefs Michael Zorc überwog dagegen Skepsis. Gewiss sei dem BVB der Entscheid, Favre zu entlassen, schwergefallen: «Gleichwohl sind wir der Meinung, dass das Erreichen unserer Saisonziele aufgrund der zuletzt negativen Entwicklung in der gegenwärtigen Konstellation stark gefährdet ist und wir deshalb handeln müssen.»
Zwar mag Favres Entlassung so kurz nach einer Niederlage selbst Insider überraschen. Doch unbegründet ist sie nicht. In elf Saisonspielen in der Liga hat der BVB bereits viermal verloren, gegen den Abstiegskandidaten aus Köln ebenso wie gegen den Aufsteiger aus Stuttgart. Zum einen war die von Zorc skizzierte Tendenz deutlich genug, zum anderen ist die Konkurrenz zahlreicher als in den Jahren zuvor. Nicht nur Bayern und Leipzig, sondern auch Gladbach und Leverkusen drängen in die Champions League.
Harte Kritik aus dem Team
Er sei überzeugt gewesen, erneut eine erfolgreiche Saison zu spielen, so lässt sich Favre in einer Mitteilung zitieren: «Ich finde es sehr schade, dass sich unsere Wege hier trennen.» Eine Verabschiedung von der Mannschaft hat es nicht gegeben. Dass Favre danach der Sinn gestanden hätte, ist nach den Reaktionen seiner Leader allerdings zu bezweifeln. Marco Reus, der Captain, nahm die Entlassung Favres vorweg, indem er das Team nach dem Desaster gegen Stuttgart für nicht titeltauglich erklärte: «Jeder weiss, dass wir eine Mannschaft sind, die nicht gut verteidigen kann. Das muss man so klar sagen. Wenn wir die nächsten drei Spiele so spielen, holen wir nichts mehr.»
Mats Hummels, dem als Innenverteidiger die Organisation ebenjener Defensive obliegt, formulierte die Kritik an Favres System auf Sky ebenso drastisch. Er sprach der Spielidee schlicht die Sinnhaftigkeit ab: «Es geht darum, Automatismen zu haben und sinnvollen Fussball zu spielen. Sinnvoll heisst: Risiken da, wo es angebracht ist, und nur da, wo es einen Ertrag gibt, wenn es klappt.» Stattdessen versuche das Team «immer, klein-klein durch enge Räume durchzuspielen. Das klappt in den seltensten Fällen. Es war einfach zu viel Geschnicke.»
Eine solche Fundamentalkritik hat Seltenheitswert. Sie stellt dem Trainer ein ungenügendes Zeugnis aus. Erfolgreich, so Hummels, ist die Mannschaft nicht wegen der Idee, das Spiel zu organisieren, sondern allein der Geistesblitze der meist jungen Individualisten wegen: «Oft können wir das irgendwie kaschieren, durch individuelle Klasse etwa.»
«Geschnicke»: das Sich-Verlieren in Details, das unablässige Tüfteln, das das grosse Ganze aus dem Blick geraten lässt. Dabei galt doch gerade Favre als ein Trainer, der sich glänzend darauf versteht, einem Team eine Idee zu vermitteln. An jeder seiner Stationen wurde diese Fähigkeit des Trainers gepriesen, der zudem nicht zu Unrecht im Ruf stand, grössten Wert auf eine solide Defensive zu legen. Auch in Dortmund stellten sich in seinem ersten Jahr bald Effekte ein. Nicht die Bayern, sondern die Borussia spielte den besten Fussball in der Bundesliga – und zwar bis zu jenem Zeitpunkt, als es darum ging, Ansprüche auf den Titel zu formulieren.
Nun aber sind die Ansprüche in Dortmund nicht eben gering. Sich als Konkurrent der Bayern zu begreifen, bedeutet auch: bald einmal wieder den Titel zu gewinnen. Hierzu unternimmt die Borussia allerhand Anstrengungen. Das Scouting-System gilt nicht nur in Deutschland als vorbildlich. Immer wieder erspähen die Dortmunder früh brillante Talente.
Nur zweiter Sieger
In dieser Saison konnte der 18-jährige Giovanni Reyna ebenso auf sich aufmerksam machen wie der ein Jahr jüngere Jude Bellingham. Ein anderer aus dem Kreis der Hochbegabten ist längst eine feste Grösse: der Norweger Erling Haaland. Es lässt sich also durchaus behaupten, dass der BVB alles Erdenkliche tat, um Favre das bestmögliche Team zur Verfügung zu stellen für einen Titelkampf, der zwar ambitioniert, aber sicher nicht aussichtslos ist.
Favre hingegen gab immer wieder recht unmissverständlich zu verstehen, dass er zwar ein passables Kader habe, die Borussia mit ihrem Personal aber dennoch bloss zweiter Sieger sein könne. Das kann auch als ein Affront gegenüber dem Management begriffen werden, das seine Anstrengungen nicht gewürdigt sah. Der einzige Trainer in der Liga, der bessere Voraussetzungen vorfindet als Favre, ist Hansi Flick in München.
Favres Scheitern in der Bundesliga folgt einem Muster: Er ist zwar – wie in Berlin und Gladbach – in der Lage, binnen kurzer Zeit ein Team voranzubringen. In den wegweisenden Momenten allerdings fehlen dem Coach die richtigen Worte. Den entscheidenden Schritt Richtung Titel vermochte er in Dortmund nicht zu tun. Der Hinweis, dass das Team nicht die Qualität dafür habe, ist gleichsam ein Alibi: Wer wollte bestreiten, dass die Bayern ein Kader von aussergewöhnlicher Klasse haben? Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Borussia ihre Titelchancen nicht in Matches gegen direkte Konkurrenten einbüsste. Es war vor allem der Alltag, in dem jene Punkte verloren wurden, die die Meisterschaft kosteten. So lässt sich trefflich darüber spekulieren, ob Favre am Ende nicht eine sich selbst erfüllende Prophezeiung ausgesprochen hat.
Ambivalent wie das Verhältnis des Trainers zu seinem Personal war auch jenes zur Klubspitze. Schon in seiner ersten Saison, als Favre den Bayern um neun Punkte enteilte, diese aber Meister wurden, war die Enttäuschung in Dortmund gross; eine Entlassung galt als nicht unwahrscheinlich. Die Begeisterung, die der zeitweilig dynamische Stil des Teams hervorrief, wurde immer wieder kontrastiert durch Niederlagen gegen Abstiegskandidaten.
Im Schatten Klopps
Die Beziehung zur Klubführung korrespondierte mit den bisweilen erratischen Auftritten des Teams. Im Oktober 2019 brachte es der Klubchef Watzke fertig, seine Biografie vor BVB-Fans zusammen mit der Überfigur des Dortmunder Gegenwartsfussballs zu präsentieren: Jürgen Klopp. Die folkloristisch-sentimentale Art, mit der Watzke den zweimaligen Meistercoach idealisierte, hatte manche Irritationen hervorgerufen. Favre schwieg dazu in der Öffentlichkeit.
Allerdings bemerkten die Dortmunder offenbar, was sie damit angerichtet hatten – und schwenkten um. Rückhalt für ihren betreuungsintensiven Strategen liessen sie seitdem nicht mehr vermissen. Wann immer Favre Gefahr lief, falsch verstanden zu werden: Er konnte sich auf den BVB verlassen. Und noch am Tag des Debakels gegen Stuttgart war in den «Ruhr-Nachrichten» zu lesen, dass der Klub mit dem Trainer Ende Januar über eine Vertragsverlängerung reden wolle.
Der Überzeugung, dass beide Parteien ideal zusammenpassen, dürfte dies weniger entsprochen haben als der Einsicht, dass eben keine passendere Lösung verfügbar ist als der fachlich hochangesehene Trainer, der schon im Augenblick der Vertragsunterzeichnung vor allem eines war: nicht der Wunschkandidat, sondern der am besten verfügbare Trainer. Nun soll Favres Assistent Edin Terzic das Team übernehmen, zunächst bis zum Saisonende. Wie weit man mit einer solchen Lösung kommen kann, hat in der letzten Saison Bayern München mit dem früheren Co-Trainer Hansi Flick gezeigt.