Beiträge von Larry

    Die Underdogs der Tampa Bay Rays – Aschenputtel auf der Resterampe des Baseballs

    Die Baseballer der Tampa Bay Rays haben das drittkleinste Budget der Liga – und greifen trotzdem nach dem World-Series-Titel. Ihre Geschichte erzählt von Romantik, von Desperados – und davon, was geschehen kann, wenn man kühl rechnet.

    Nicola Berger (NZZ)

    2007 haben die Tampa Bay Devil Rays das Wort Devil aus ihrem Namen streichen lassen, aber teuflisch gut sind sie eigentlich erst jetzt. Tampa steht verblüffenderweise in der World Series und greift im Play-off-Final der Major League Baseball (MLB) gegen die Los Angeles Dodgers nach dem ersten Titel der Klubgeschichte.

    Tampa ist ein Sorgenkind der Liga, seit Jahren reissen die Gerüchte nicht ab, dass das Team in eine andere Stadt verpflanzt werden könnte, nach Montreal etwa. Denn das Interesse an den Rays ist überschaubar, das Stadion Tropicana Field liegt in St. Petersburg so abgelegen, dass sich viele Menschen im Grossraum Tampa nicht die Mühe machen, eine Partie zu besuchen. 2019 lag der Zuschauerschnitt bei 14734 Besuchern. Das ist weniger, als in der Schweiz der SC Bern anlockt – und gut dreimal weniger Eintritte, als die Los Angeles Dodgers zählen, der Krösus der Liga. Anders als die Schwergewichte der Liga haben die Rays keinen lukrativen TV-Vertrag, sie sind in der MLB nicht mehr als Füllmaterial. Eigentlich. Denn letzte Woche musste Brian Cashman, der General Manager der stolzen New York Yankees, des Baseball-Teams mit der grössten globalen Strahlkraft, eingestehen: «Momentan sind die Rays eine bessere Franchise, als wir es sind.»

    Die teuren Stars der Dodgers

    Das ist bemerkenswert, denn die Yankees, von den Rays im Play-off gerade eliminiert, lassen sich ihr Kollektiv im Vergleich mehr als dreimal so viel kosten. Die Rays haben mit 28,2 Millionen Dollar die dritttiefsten Lohnkosten der Liga, dies für ein 28-Mann-Kader. Es ist ein Betrag, mit dem die Dodgers knapp ihre zwei teuersten Stars zahlen können, Mookie Betts und Clayton Kershaw.

    Nun haben die Rays die deutlich zahlungskräftigere Konkurrenz trotzdem düpiert; die Underdogs von Tampa Bay schreiben auf der Resterampe gerade eine erstaunliche Cinderella-Story. Die Rays sind zu grossen Teilen eine Ansammlung von Desperados, anderswo verkannt und geopfert. Ein Beispiel dafür ist Charlie Morton, der beste Werfer der Rays, dem die miserabel gemanagten Philadelphia Phillies vor drei Jahren lieber ein Buyout von einer Million zahlten, damit er nicht mehr für sie spiele. Philadelphia hat das Play-off trotz grössten finanziellen Anstrengungen schon wieder verpasst, während Morton nach dem Titel greift. Es gibt viele Charlie Mortons bei den Rays – Tampa Bay ist so etwas wie eine moderne Version der Oakland Athletics um die Jahrtausendwende, die mit dem «Moneyball»-Prinzip kompensierten, was ihnen an Geld fehlte. Sie vertrauten auf die Kraft von «Analytics», von vertieften Statistiken – wie jetzt auch die Rays. «Moneyball» wurde später mit Brad Pitt verfilmt und zu einem Hollywood-Blockbuster.

    «Wall Street Journal» jubiliert

    Das «Wall Street Journal», das mediale Flaggschiff des Turbokapitalismus, jubilierte, die Rays würden «mit der Effizienz eines Hedge-Fund» operieren und «Unschärfen im Markt sofort ausnutzen». Vielleicht ist das nicht der schlechteste Vergleich – die Teambesitzer Stuart Sternberg und Matthew Silverman verdienten ihre Millionen einst als Investmentbanker bei Goldman Sachs.

    Es wäre einfach, den Erfolg der Rays als zufällig abzukanzeln, als Produkt einer in jeder Hinsicht aussergewöhnlichen Saison. Die Qualifikationsphase betrug nur 62 statt 162 Spiele, es waren keine Zuschauer zugelassen, der Spielplan war teilweise eine Zumutung, die Play-off-Serien werden in neutralen Stadien ausgetragen. Aber mit Zufall hat das alles nichts zu tun – die Rays gehörten schon 2019 zur Elite der Liga, damals mit dem tiefsten Budget der Liga.

    Die Frage ist, ob sich die Rays krönen können, gegen den Favoriten Los Angeles, der seit 32 Jahren nichts mehr gewonnen hat und seit Jahren grösste Anstrengungen unternimmt, daran etwas zu ändern. Es hätte etwas Romantisches, sollte Tampa Bay der Coup gelingen, es wäre ein Signal für die anderen vermeintlich schwachen MLB-Teams –einschliesslich der Rays gibt es noch immer sechs titellose Organisationen.

    Und es würde auch den Aufstieg von Tampa Bay, einer sozial schwachen und von einer hohen Kriminalitätsrate geplagten Metropolregion, zur sportlichen Hauptstadt der USA bedeuten. Im Eishockey haben die Lightning gerade den Stanley-Cup gewonnen, die Footballer der Buccaneers erleben mit dem Quarterback Tom Brady eine Renaissance. Der Rest des Landes kann froh sein, stellt Tampa kein Basketballteam.

    1000er-Regelung in Bern

    Was bedeutet das für die Fans? Was droht dem ZSC?

    Dass die Berner Kantonsregierung Grossanlässe auf 1000 Zuschauer beschränkt, hat fatale Folgen fürs Eishockey. Es drohen Frustration und Millionenschulden.


    Simon Graf, Marco Oppliger, Philipp Rindlisbacher (TA)

    Was bedeutet das für die Fans im Kanton Bern?

    Die SCL Tigers und Biel müssen bereits heute Dienstag nach den neuen Vorgaben spielen. Erst im Verlaufe des Montags wurde indes bekannt, dass der Kanton verlangt, dass die Clubs die 1000 Besucher auf Sektoren mit je 100 Fans aufteilen müssen. Diese Sektoren innert weniger Stunden zu erstellen, dürfte kaum möglich sein. Langnau wird versuchen, die Fans so gut wie möglich zu verteilen. Sollte ein Kontrolleur anwesend sein und Mängel feststellen, könnten rechtliche Konsequenzen drohen.

    Bei 1000 Personen sind auch alle Spieler, Funktionäre, Helfer, Journalisten eingerechnet. Für die Dienstagspartie konnten im Emmental knapp 900 Saisonkartenbesitzer via Onlineregistrierung ein Ticket ergattern. Die Schnellsten bekamen eines.

    Derweil arbeitet das Ticketing-Team des EHC Biel ohne Pause – Nachtübung inklusive. Weil man sich fürs heutige Derby gegen den SCB für eine andere Lösung als die Tigers entschied. Die Abonnenten, die das Spiel besuchen wollen, müssen sich online registrieren. Sind es mehr als 1000, wird eine Auslosung durchgeführt. Der SC Bern, der am Freitag erstmals wieder zu Hause spielt, priorisiert aus finanziellen Erwägungen die Sponsoren, womit nur noch rund 300 Tickets pro Partie an Saisonkarteninhaber verlost werden.

    Wie ist die Stimmungslage bei den Berner Clubs?

    Zwischen sehr aufgebracht und entrüstet. Der SCB und die Young Boys wandten sich in einem offenen Brief an die Kantonsregierung und bezeichneten die Entscheidung als «Frontalangriff» auf den Sport. Und weiter: «In der jetzigen Situation sind alle Vorsichtsmassnahmen, welche zur Eindämmung der Pandemie beitragen, zu unterstützen. ­Dabei gilt es, unbedingt Mass zu bewahren und das normale Leben mit gesundem Menschenverstand aufrechtzuerhalten.»

    SCB-Geschäftsführer Marc Lüthi, der selten um Worte verlegen ist, tritt heute im «Club» des Schweizer Fernsehens auf und wird sich mit dem Berner Gesundheitsdirektor Pierre Alain Schnegg verbal duellieren.

    Was plant die Liga?

    Der Ärger ist bei Ligadirektor Denis Vaucher auch 24 Stunden nach dem Entscheid der Berner Kantonsregierung nicht verraucht: «Der Kanton hat geschlafen beim Contact-Tracing, und wir werden nun dafür abgestraft. Ohne Vorwarnung. So kann man nicht agieren. Dabei haben sich unsere Schutzkonzepte bewährt.» Vaucher hofft, dass nicht weitere Kantone dem Berner Beispiel folgen, und freut sich insbesondere über das Bekenntnis aus Genf zu Grossanlässen.

    Im Verlaufe der Woche gelte es, mit den Clubs eine Lagebeurteilung zu machen, so Vaucher. Das Ziel sei, bis zur Nationalteam-Pause ab dem 2. November unverändert durchzuspielen. Bis dann stehen in der National League noch 28 Partien auf dem Programm.

    «Für die Zukunft unserer Liga, unseres Sports und unserer Partnerschaften gilt es, wenn möglich weiterzuspielen», sagt Vaucher. «Aber auf Dauer ist das mit der Begrenzung auf 1000 Zuschauer nicht möglich. Dann müssten wie in der Kultur auch für den Eishockey-Profisport A-fonds-perdu-Beiträge gesprochen werden, ansonsten gehen wir zugrunde.» Vom Bundeskredit konnte bisher noch kein Club profitieren – die Rahmenbedingungen müssen erst noch in der ersten Novemberhälfte vom Bundesrat abgesegnet werden.

    Die Beschränkung der Zuschauer in einzelnen Kantonen verschärft das finanzielle Ungleichgewicht in der Liga. Ein ­Finanzausgleich unter den Clubs sei aber zum heutigen Zeitpunkt nicht praktikabel, sagt Vaucher. «Jeder Club muss zur Zeit der Pandemie primär selber ums Überleben kämpfen. Wenn uns jemand helfen kann, dann ist es die öffentliche Hand, welche die wirtschaftlichen Einschränkungen ja verfügt hat.»



    Was droht den Zürcher Clubs?

    Die Zürcher Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli (SVP) kündigte ja schon am Sonntag an, dass auch sie nicht mehr über 1000 Personen bei Grossveranstaltungen zulassen möchte. Die Entscheidung der Kantonsregierung steht aber noch aus. «Ich habe mit verschiedenen Stellen das Gespräch gesucht», sagt Peter Zahner, CEO der ZSC Lions. «Aber ich kann derzeit noch keine Tendenz erkennen.» Im ersten Heimspiel waren ­Sicherheitsdirektor ­Mario Fehr und Bruno Keller, Kommandant der Kantonspolizei, im ­Hallenstadion anwesend, um das Konzept der Zürcher zu überprüfen. «Ihr Feedback war sehr ­positiv», so Zahner.

    In bisher vier Heimspielen ist noch kein Fall einer Ansteckung unter den Zuschauern bekannt. Wie beim EHC Kloten auch nicht. Zahner sagt: «Ich war beeindruckt, wie gross die Disziplin im Publikum ist. Wir mussten erst sehr wenige Leute ermahnen und nur einmal jemanden aus dem Stadion begleiten, weil er sich uneinsichtig zeigte.» Es helfe, dass im Kanton Zürich seit geraumer Zeit Maskenpflicht herrsche.

    Die ZSC Lions würden weit mehr tun, als gefordert sei, ­betont Zahner. Der Versuch mit PET-Boxen auf der Bank, um die Spieler während der Partie voneinander abzugrenzen, habe sich bewährt und werde weitergeführt. Er hoffe, dies werde bald ­ligaweit eingeführt. Zudem ­haben die Zürcher 20 UV-Lampen bestellt, um die Luft in den Garderoben zu «reinigen». Vor Ansteckungen sind aber auch sie nicht gefeit: Weil sich zwei Spieler der GCK Lions mit Covid-19 infiziert haben, befindet sich das Farmteam seit gestern für zehn Tage in Quarantäne.

    Wie gravierend die Auswirkungen einer Beschränkung auf 1000 Zuschauer wären, kann Zahner nicht genau beziffern. Im schlimmsten Fall, wenn die Saison nicht fertig gespielt werden könne, sei mit einem Verlust von acht bis zehn Millionen Franken zu rechnen.


    Klar; überall auf der Welt ist in Sachen Grossveranstaltungen mehr möglich als in der Schweiz ...

    Es geht darum das man den SCB hat 500'000.- ausgeben lassen für ein Schutzkonzept das nachweislich funktioniert und dem Club nun wieder den Stecker zieht! Und das ohne wirkliche Argumente!



    KOLUMNE

    Klubs gegen Nationalteam: Dem Schweizer Eishockey droht ein überflüssiger Machtkampf

    Die Eishockey-Klubs wollen keine Spieler für kommende Nationalmannschafts-Zusammenzüge abstellen. Sie befürchten, dass eine Durchmischung zu einer Art Superspreader-Ereignis werden könnte. Doch der Verband steht unter Druck.

    Daniel Germann (NZZ)

    Das Coronavirus trifft auch Swiss Ice Hockey. Anfang September kommunizierte der Verband einen Verlust von 143 909 Franken, der in erster Linie der Pandemie geschuldet ist. Der Jahresumsatz sank um 5,5 Millionen Franken auf 62,5 Millionen Franken. Mit verschiedenen Sparmassnahmen senkte Swiss Ice Hockey den Verlust um rund 5,7 Millionen Franken.

    Die Krise ist damit alles andere als ausgestanden. Ob im kommenden Mai eine Weltmeisterschaft stattfindet, steht in den Sternen. Kein Wunder, wehren sich die National-League-Klubs dagegen, ihre Spieler im November und Dezember für Nationalmannschafts-Zusammenzüge abzustellen. Sie befürchten, dass eine Durchmischung von Spielern sämtlicher Teams zu einer Art Superspreader-Ereignis werden könnte, das die ganze Meisterschaft zum Stillstand bringt. Es wäre der wirtschaftliche Totalschaden für alle.

    Die Ängste der Klubs sind nachvollziehbar, ebenso der Widerwille des Verbandes, Zusammenzüge zu streichen. Auch er hat Fernsehverträge und Sponsorenvereinbarungen zu erfüllen. Die finanzielle Zukunft von Swiss Ice Hockey sieht ohnehin düster aus. Der Vertrag mit dem wichtigsten Partner, der Zurich, wird nicht verlängert. Der Verband verliert dadurch Einnahmen von 1,8 Millionen Franken. Im momentanen Umfeld wird es schwer, die zu ersetzen. Dazu hat sich die National League vom Verband abgenabelt und will die TV-Rechte künftig selber vermarkten. Bisher hat Swiss Ice Hockey mit 6,7 Millionen Franken an den Erträgen von rund 35 Millionen partizipiert.

    Es ist absehbar, dass der Verband Corona-Hilfe wird beanspruchen müssen. In der ersten Lesung hat Swiss Olympic ihm 1,535 Millionen Franken aus dem 100 Millionen Franken schweren Hilfspaket des Bundes zugesprochen. Das ist ein Viertel von dem, was etwa Swiss Cycling oder der Turnverband erhalten. Der CEO Patrick Bloch sagt, er erwarte, dass der Betrag erhöht werde. Doch die Hilfe schreibt vor, dass zwei Drittel des Geldes in den Breitensport fliessen müssen. Was bleibt, reicht in keiner Art und Weise, um die Lücken zu stopfen. In den kommenden Monaten wird der Verband auf die Solidarität von Liga und Klubs angewiesen sein. Da ist ein Machtkampf um ein paar Länderspiele von zweifelhaftem sportlichem Wert das Letzte, was es braucht

    Danke Ralf! Aber obwohl ich mich mit meinem VPN Programm nun mehrmals in D und der CH eingeloggt habe läuft es nicht! Das funzt normalerweise immer!

    Zurück zur 1000er-Grenze

    «­Dieser Entscheid ist eine Panikreaktion»

    Der Kanton Bern verbietet Grossanlässe mit über 1000 Zuschauern. Die Vertreter der betroffenen Sportclubs sind erstaunt und entrüstet.


    Adrian Ruch, Marco Oppliger, Philipp Rindlisbacher, Dominic Wuillemin (TA)

    Aus Erleichterung wurde ganz schnell grosser Frust. Kurz nachdem sich Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga an einer von SRF live übertragenen Pressekonferenz positiv über die Schutzkonzepte der Sportclubs geäussert hatte, verschickte der Kanton Bern eine Medienmitteilung, in der er ein Verbot von Grossveranstaltungen mit über 1000 Personen ab Montag ankündete. Wenig überraschend fallen die Reaktionen denn auch heftig aus.

    «Der Entscheid des Kantons Bern ist für uns ein ‹Chlapf zum Gring›», sagt Denis Vaucher. Der Eishockey-Ligadirektor hält fest, es gebe keinen einzigen nachgewiesenen Corona-Fall aus einem Stadion. «Daher verstehe ich das Vorpreschen der Berner Behörden nicht.»

    Damit geht es ihm genau gleich wie Marc Lüthi. «Wir haben eine halbe Million in unser Schutzkonzept investiert, und es funktioniert bisher tadellos. Das Ansteckungsrisiko im Stadion ist nicht null, aber es ist deutlich geringer als anderswo», sagt der CEO des SC Bern. Und ergänzt: Er habe an den SCB-Heimspielen leider nie einen Regierungsrat angetroffen, der sich ein Bild habe machen wollen.

    Lüthi betont, ihm sei bewusst, «dass die Volksgesundheit ein hohes wichtiges Gut ist». Ähnlich formulierte es Wanja Greuel, der bei den Young Boys die gleiche Funktion bekleidet wie Lüthi beim SCB. «Wir wurden vom Entscheid überrumpelt und sind schockiert. Wir steckten in den letzten Monaten sehr viel Arbeit und Geld in die Schutzkonzepte, dementsprechend frustriert sind wir», sagt Greuel.

    Die Grossclubs hatten in den letzten Wochen einen engen Austausch mit den Behörden gepflegt, daher sind sowohl Greuel als auch Lüthi irritiert, wurden die Clubvertreter erst fünf Minuten vor Veröffentlichung der Medienmitteilung über die Massnahme informiert.

    «Ein Alleingang kann keine Lösung sein»

    Lüthi ist bekannt als Mann der markigen Worte. Doch diesmal äussern sich andere noch dezidierter. «Für mich ist der Entscheid eine Panikreaktion, weil die Kantonsregierung völlig überfordert ist», sagt Daniel Villard, Geschäftsführer des EHC Biel.

    Peter Jakob, Verwaltungsratspräsident der SCL Tigers, spricht derweil von «einem falschen Schnellschuss. Ein Alleingang kann in dieser Sache keine Lösung sein. In einer nationalen Liga kann man so etwas nicht föderalistisch lösen.»

    Moderat reagieren die Entscheidungsträger des FC Thun. In einem Pressecommuniqué wird der Entscheid «bedauert» und die Überzeugung vertreten, «dass ein optimaler Schutz der Matchbesucherinnen und -besucher dank des vom Regierungsstatthalter abgenommenen Stadionschutzkonzepts auch mit einer höheren Besucherobergrenze möglich gewesen wäre».

    «Das wird gewaltig Ärger geben»

    Der Beschluss des Regierungsrats stellt die Vereine kurzfristig vor grosse organisatorische Probleme: Schon am Dienstag empfängt Biel den SCB zum Derby, Langnau Rapperswil-Jona und Thun Winterthur. «Wer darf kommen? Wer muss daheimbleiben, obwohl er schon eine Zusage für die Partie gegen Rapperswil erhalten hat?», nennt Jakob dringende Fragen.

    «Das wird gewaltig Ärger geben. Und in gastronomischer Hinsicht ist es auch ein Desaster: Vieles ist schon gebucht oder bestellt worden.» Bei YB gastiert am Donnerstag die AS Roma – es ist die attraktivste Affiche im Rahmen der laufenden Europacupkampagne. 8200 Saisonkartenbesitzer hatten sich mit Erfolg für die Tickets beworben.

    Doch gravierender sind die mittel- und langfristigen Folgen. «Wir sehen die Existenz des Schweizer Profifussballs in Gefahr, sollte es den Clubs erneut über einen längeren Zeitraum nicht möglich sein, Zuschauerinnen und Zuschauer in den Stadien zu begrüssen», steht in der Mitteilung von YB.

    Und Vaucher von der Eishockeyliga sagt: «Irgendwie muss es weitergehen, sonst gibt es uns bald nicht mehr. Dieser Entscheid gefährdet die Sportorganisationen und dadurch zahlreiche Arbeitsplätze sowie die Nachwuchsarbeit.»

    «Bezüglich Budget können wir alle Pläne wegwerfen»

    In der Tat geht es dem Profisport in der Schweiz ähnlich wie der Reisebranche: miserabel. Obwohl in diversen Clubs die Spieler markante Lohneinbussen in Kauf nehmen, erwarten fast alle Vereine rote Zahlen. Mit den neuen Vorgaben lassen sich die Kosten erst recht nicht mehr decken.

    «Bezüglich Budget können wir jetzt alle Pläne wegwerfen – das ist ein Blindflug», erzählt Jakob. Den Vereinen droht wegen des Entscheids des Kantons Bern, dass Abonnenten und Sponsoren Geld zurückfordern. Dies würde zu Liquiditätsengpässen führen und wäre letztlich existenzgefährdend. Villard spricht in Zusammenhang mit der 1000er-Regel von einem «finanziellen Brandbeschleuniger».

    Die Vereinsvertreter wollen mit den Regierungsräten das Gespräch suchen. Jakob glaubt freilich nicht an eine baldige Rückkehr zur bisherigen Regel. Lüthi hingegen sagt: «Die Kantonsregierung wird über die Bücher gehen müssen, davon bin ich überzeugt.»

    Mit YB trifft es einen finanziell robusten Club; anders sieht es beim nicht nur sportlich gebeutelten FC Thun aus. Und im Eishockey muss man sich die Sinnfrage stellen: Zwei Mannschaften befinden sich in Quarantäne, drei Klubs verlieren künftig mit jedem Heimspiel eine Stange Geld.

    «Wir müssen nun eine Analyse machen», sagt Vaucher. Unabhängig von den Resultaten hat die Führung des SC Bern entschieden, bis zum kurzen Meisterschaftsunterbruch Anfang November trotz ungeliebten Voraussetzungen zu spielen. Ist auch denkbar, die Saison mit maximal 1000 Zuschauern durchzuziehen? Lüthis Antwort ist kurz und klar: «Das können wir uns nicht leisten.»

    us em Blick:
    ....schildert Liga-Boss Vaucher. «Von Seiten des Bundesrats wurde uns attestiert, dass die Schutzkonzepte im Eishockey gut sind und die Umsetzung in der Praxis erfolgreich war. Wir hatten bisher noch keinen nachgewiesenen Fall einer Ansteckung in den Stadien.»

    So wettern Berner Sportvereine über den Kanton!

    Unglaublich was in der Schweiz wieder abgeht! Da kann ich nur den Kopf schütteln! Denke nicht das ich im Frühling ein PO Spiel im Stadion sehen werde!

    Macht je länger je mehr auch keinen grossen Sinn mehr hier etwas zu schreiben, es geht immer mehr in jedem Fred nur noch um Corona.

    Bern verbietet Grossveranstaltungen mit über 1‘000 Besuchern. Wie weiter mit der Hockeysaison?

    Zürich:

    So rasch wie in Bern geht das in Zürich aber nicht . Hier muss der Regierungsrat entscheiden. Und dieser will nun erstmal zusammen mit dem Sonderstab Covid-19 prüfen, «wie die bestehenden Massnahmen mit den neuen Vorgaben des Bundes justiert werden müssen», wie er am Sonntag mitteilte. Über das Resultat will der Regierungsrat in der kommenden Woche informieren.

    Mit Waeber hat SL wieder einen guten Griff gemacht. Flüeler braucht seit jeher Druck, nur dann bringt er seine beste Leistung. Ausserdem ist er verletzungsanfällig. Ich weine Schlegel keine Träne nach, in Bern hat es ja schon mal nicht geklappt. Ich mag ihm aber die paar guten Spiele in Lugano gönnen.

    Ungleicher Kampf der Giganten

    Weshalb der ZSC dem SCB davonzieht

    Vor dem Duell auf dem Eis am Freitagabend vergleichen wir die ZSC Lions und den SC Bern. Das Verdikt ist eindeutig – derzeit.

    Adrian Ruch, Reto Kirchhofer (TA)

    Der SC Bern und die ZSC Lions sind die Schwergewichte des Schweizer Eishockeys. Seit 2012 hiess der Meister mit einer Ausnahme SCB oder ZSC. Einzig 2015 ging der Meisterpokal nach Davos – und nach einem Missgeschick von Teamleiter Paul Berri noch vor der Garderobe in die Brüche.

    Mittlerweile ist die Dominanz der Berner weg. Während der ZSC in dieser Saison als erster Titelanwärter gilt, wird dem SCB in den Prognosen ein harter Kampf ums Playoff prognostiziert.


    Nun sind Prognosen wie Laternen für Betrunkene: Sie geben Halt, aber nicht immer Erleuchtung. Dennoch steht ausser Diskussion, dass die Giganten momentan nicht in derselben Gewichtsklasse spielen. Wir nennen sieben Faktoren.

    Corona und dessen Folgen

    Die Pandemie trifft alle professionellen Eishockeyclubs, doch die finanziellen Einbussen sind beim SC Bern am grössten. Mit der Gastronomie lassen sich derzeit keine Gewinne realisieren, mit denen die Sportabteilung alimentiert werden kann. Auch die Lions wirtschaften seriös, aber deren Geschäftsmodell basiert unter anderem auf den Finanzspritzen des Milliardärs Walter Frey. Diese Geldquelle dürfte weitersprudeln, zeigten die Beratungsgesellschaft PWC und die Grossbank UBS doch kürzlich mit einer Studie auf, dass die Vermögen der Superreichen seit Beginn der Corona-Krise im Durchschnitt noch zugenommen haben.

    Zudem verliert der SCB durch die Einschränkungen am meisten Matchbesucher. 19-mal in Folge waren die Mutzen der Zuschauerkrösus Europas, und jetzt sind sie nicht einmal mehr die Nummer 1 im Land. Diesen Platz nimmt nun der Rivale aus Zürich ein. Im Hallenstadion wurde die Kapazität von 11’200 auf 7762 Personen beschränkt. Der SCB darf statt 17’031 maximal noch 6750 Menschen beherbergen.

    Struktur und Perspektiven

    Der ZSC war in der Vergangenheit bei der Spielansetzung oft benachteiligt, weil im Hallenstadion andere Events durchgeführt wurden. Doch im August 2022 ziehen die Lions in die Swiss-Life-Arena um – in mehrhafter Hinsicht ein Quantensprung. Das neue Stadion wird 12’000 Besucher fassen, über ein zweites Eisfeld sowie eine 460 Quadratmeter grosse ZSC-Garderobe verfügen.

    Bern spielt zwar in der grössten Eishockeyarena des Landes, aber diese gehört bald zu den ältesten. SCB-Boss Marc Lüthi sieht den SCB deswegen nicht im Nachteil. Ja, mittelfristig müsse das Klimaproblem gelöst werden, aber die Seite mit dem Arena-Restaurant und dem VIP-Bereich sei topmodern, sagt er. Nach der Pandemie sollen Stehrampe und Gästesektor wieder geöffnet werden. «Das macht uns aus; für viele Fans ist unsere Halle nach wie vor der Tempel.»

    Das Geschäftsmodell des SCB war schon vor dem Auftauchen des Coronavirus an seine Grenzen gestossen. Trotzdem ist Lüthi nicht neidisch auf den ZSC, der über einen treuen Mäzen verfügt. «Wir müssen neue Wege finden, Geld zu verdienen. Die derzeitige Situation hat kurz und vielleicht mittelfristig Einfluss auf die Qualität der Mannschaft. Aber ich bin überzeugt, dass wir uns nach der Krise in einem Jahr oder in zwei Jahren erholen werden und dann wieder angreifen können.»

    Die Qualität im Kader

    So viel vorneweg: Es wäre ein Fehler, die Mannschaft des SCB abzuschreiben. Der Kern ist intakt. Etliche Akteure sind mehrfache Meisterspieler, zählen in ihren Rollen noch immer zu den Besten der Liga. Doch nach drei Titeln in vier Saisons hat Bern den Zenit überschritten. Es bedarf eines Umbruchs. Zudem geht der aktuellen Equipe das Skorerpotenzial ab.

    Das Kader des ZSC ist formidabel in Qualität und Quantität. Die Zürcher können es sich gar leisten, auf den temporären Rückkehrer Pius Suter zu verzichten (er spielt stattdessen im Farmteam GCK Lions) und sich so die Option offen zu lassen, gemäss neuer Regelung einen fünften Ausländer zu verpflichten und einzusetzen. Der SCB hingegen setzt aus Spargründen zurzeit nur auf zwei ausländische Feldspieler plus Goalie Tomi Karhunen.

    Und noch ein Vergleich: Der ZSC vereint im Kader die Erfahrung aus 749 NHL-Partien und 290 WM-Spielen – der SCB erreicht Werte von 195 respektive 212.

    Die Transfers

    Es gab eine Zeit, da wurde dem SCB mit dem Begriff «Königstransfer» die Krone aufgesetzt: 2008 dank der Verpflichtung von Martin Plüss, im Oktober 2015 nach der Unterschrift Leonardo Genonis. Jüngst standen die Berner bei grossen Transfers auf der Verliererseite. Mit Genoni ging der beste Goalie, mit Mark Arcobello der konstanteste Ausländer der Liga. Die Arcobello-Lücke wurde nicht geschlossen: Dustin Jeffrey und Ted Brithén sind formidable Spielmacher, sie können den Amerikaner hinsichtlich der Skorerpunkte aber nicht ersetzen.

    Das Label des Königstransfers des Sommers trägt aber nicht Arcobello, sondern Sven Andrighetto. Der NHL-erprobte Flügel unterschrieb für fünf Saisons … bei den ZSC Lions.

    Die sportliche Führung

    ZSC-Coach Rikard Grönborg führte Schweden zweimal zum Weltmeistertitel. ZSC-Sportchef Sven Leuenberger ist Architekt mehrerer Meisterteams. Und in Bern? Steht mit Don Nachbaur ein Trainer in der Verantwortung, dessen Name bis vor wenigen Monaten im Schweizer Eishockey den wenigsten geläufig war – selbst wenn er unvergesslich scheint. Und Florence Schelling spricht im Zusammenhang mit ihrer Ernennung zur SCB-Sportchefin selbst von einem «unglaublich grossen Karriereschritt» und einer «komplett neuen Herausforderung». Zwar ist Erfahrung nicht immer gleich Kompetenz, aber die Diskrepanz ist augenfällig.

    Kommt hinzu, dass der SCB zurzeit weder einen zweiten Assistenten noch einen Videocoach beschäftigt. Was wenig zeitgemäss ist – Corona-Sparkurs hin oder her.

    Die jüngsten sportlichen Leistungen

    Quizfrage: Wer ist amtierender Meister? Genau: Bern, das im Frühling das Playoff verpasste. Nach dem Abbruch der Saison entschied die Ligaversammlung, keine Titel zu vergeben. SCB-Geschäftsführer Marc Lüthi hatte vergeblich für den überzeugenden Qualifikationssieger ZSC als Meister votiert: «Nun bleiben wir amtierender Meister, und das haben wir nicht verdient.» Womit er richtig liegt.

    In dieser Saison haben beide Teams zweimal verloren, wobei der ZSC bereits fünf und Bern erst drei Partien bestritten hat. Die Favoritenrolle für den ersten Vergleich auf dem Eis in der Saison 2020/21 ist verteilt.

    Nachwuchs und Farmteam

    Der ZSC hat mit den GCK Lions in der Swiss League ein Farmteam, auf dessen Spieler er im Bedarfsfall zurückgreifen kann. Das kann sich Bern nicht leisten, doch die Zusammenarbeit mit dem Partnerteam aus Visp funktioniert gut. Dass der SCB über keine Frauenabteilung verfügt, fällt für die erste Mannschaft nicht ins Gewicht. Etwas anderes hingegen schon: Der Talentpool des ZSC ist deutlich grösser als jener der Mutzen. In der Nachwuchsabteilung der Lions spielen über 1000 Kinder und Jugendliche, beim SCB sind es rund viermal weniger.

    Während die Zürcher in jeder Altersklasse und innerhalb dieser auf jedem Niveau mit mindestens einem Team vertreten sind, setzen die Mutzen auf ein Pyramidensystem. Auf Stufe U-17 und U-20 hat der SCB nur noch je eine aus leistungsorientierten Spielern bestehende Equipe. U-20-Meister ist der SCB letztmals 2016 geworden, die GCK Lions holten ihren letzten Titel ein Jahr später. In der Qualifikation hatten die Mutzen zuletzt allerdings fast immer die Nase vorn. Entscheidend ist letztlich, wie viele der Talente den Sprung ins Fanionteam schaffen.