Heute dürfte der Bundesrat die konkreten Bedingungen für Anlässe mit mehr als 1000 Personen bekannt geben. Wir berichten live von der Medienkonferenz um 15 Uhr.
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Fans in Stadien und Konzerthallen
Die Schweiz geht im Vergleich wohl am weitesten
Ob Bundesliga, Super League oder Konzerte: Es geht wieder los mit Grossevents. Unter welchen Bedingungen? Das planen Deutschland, Italien, Frankreich und Österreich – der grosse Überblick.
Ab dem 1. Oktober sind Grossveranstaltungen hierzulande wieder erlaubt. Der Bundesrat entscheidet höchstwahrscheinlich heute, unter welchen Bedingungen wieder Matchs und Konzerte vor grossem Publikum möglich sein sollen. Die wichtigste Frage ist jene nach der Kapazitätsbeschränkung: Gesundheitsminister Alain Berset schlägt vor, dass bei Freiluftveranstaltungen wie Fussballmatchs zwei Drittel der Plätze besetzt sein dürfen (lesen Sie hier mehr dazu), bei Innenveranstaltungen die Hälfte. Wie unsere Übersicht zeigt, wäre die Schweiz damit im Vergleich mit den Nachbarländern sehr grosszügig. (azu)
Deutschland: Nur mit Sondererlaubnis
Mitte Mai war Deutschland das erste grosse Land Europas, in dem Profis wieder Fussball spielten, wenn auch ohne Zuschauer. Nun könnte die Bundesliga eine der letzten Ligen werden, die wieder Fans in nennenswerter Zahl in die Stadien lassen darf. Bundesregierung und Bundesländer – letztere sind rechtlich zuständig – haben letzte Woche beschlossen, dass bis mindestens Anfang November Sportstadien und -hallen leer bleiben müssen. Inmitten steigender Infektionszahlen Fans zuzulassen, wäre ein «falsches Signal», sagte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder.
Grossveranstaltungen, bei denen keine Kontaktnachverfolgung möglich ist, wie etwa Volksfeste, Festivals oder Grosskonzerte, bleiben bis mindestens zum 31. Dezember verboten. Eine Arbeitsgruppe von Bund und Ländern soll bis Ende Oktober Vorschläge erarbeiten, unter welchen Umständen Stadien ab November wenigstens teilweise mit Zuschauern gefüllt werden könnten. Vereine bieten, abgesehen von umfangreichen Hygieneauflagen und Maskenpflicht, Verbote von Stehplätzen, Gästefans und Alkoholausschank an, wenn sie im Gegenzug Fans zulassen dürfen.
Ziemlich sicher wird es schon zum Saisonauftakt der Bundesliga in zweieinhalb Wochen regionale Ausnahmen geben: RB Leipzig hat am Dienstag vom Gesundheitsamt der sächsischen Grossstadt die Erlaubnis erhalten, für das Auftaktspiel gegen Mainz bis zu 8500 Fans im Stadion zuzulassen. Das entspricht einem Fünftel der Kapazität. Die Plätze kommen nicht in den Verkauf, sondern werden unter den Saisonkartenbesitzern ausgelost. Die Erlaubnis bleibt überdies abhängig von der Entwicklung des lokalen Infektionsgeschehens. Auch in Berlin und in Frankfurt verhandeln Clubs mit den Gesundheitsämtern über Ausnahmeregelungen. Allerdings ist Leipzig – mit 3 Neuinfektionen pro 100'000 Einwohner innerhalb der letzten sieben Tage – von der Pandemie derzeit erheblich weniger betroffen als Berlin (12), Frankfurt (19) oder München (30).
Die Handballprofis wollten eigentlich am 1. Oktober wieder mit der Meisterschaft in der Halle beginnen, Basketballer sowie Eishockeyaner im November. Ohne Zuschauer mache der Betrieb aber ökonomisch keinen Sinn, heisst es bei Verbänden und Vereinen einhellig.
Dominique Eigenmann, Berlin
Frankreich:5000er-Regel für Grossanlässe
In Frankreich sind Grossveranstaltungen mit bis zu 5000 Personen möglich. Das heisst, dass auch wieder Fussballspiele mit Zuschauern durchgeführt werden können. Als erste europäische Topliga hat die Ligue 1 ihren Meisterschaftsbetrieb am 21. August wieder aufgenommen. Bilder des Auftaktspiels zwischen Girondins Bordeaux und dem FC Nantes zeigten Masken tragende Zuschauer, die in grösseren Abständen zueinander im weitgehend leeren Stadion sassen.
Ungewohnte Bilder liefert auch die Tour de France, die am letzten Wochenende in Nizza gestartet ist. Für die Landesrundfahrt, die normalerweise Ende Juni beginnt, gelten verschiedene Auflagen: eine beschränkte Zuschauerzahl, die Gewährleistung von Sicherheitsabständen sowie Desinfektionsmassnahmen. Zudem sollen die Zuschauer Masken tragen. Die Tour führt auch durch Regionen, die als Corona-Risikogebiete gelten. Landesweit steigt die Zahl der Neuinfektionen. Verschärft sich die Pandemielage dramatisch, ist ein Abbruch der Tour nicht ausgeschlossen.
Andere sportliche Grossveranstaltungen wie etwa der Marathon von Paris finden dieses Jahr definitiv nicht statt. Kultur- und Unterhaltungsanlässe wie Musikfestivals können unter strengen Hygieneauflagen durchgeführt werden. Für Indooranlässe gelten jedoch rigidere Restriktionen.
Die für Grossanlässe maximal zulässige Zahl von 5000 Personen gilt bis mindestens Ende Oktober. Ausnahmen von dieser Regel sind zwar möglich. Eine Anfrage eines Fussballclubs der Ligue 1, versuchsweise 10’000 Zuschauer zuzulassen, wurde aber zuletzt abgewiesen.
Vincenzo Capodici
Italien: 1000 Zuschauer, mit strengen Auflagen
Die Meisterschaft der Serie A, wie Italiens höchste Fussballliga heisst, startet am 19. September, also in weniger als drei Wochen. Doch wann und unter welchen Vorgaben wieder Calcio mit Publikum stattfinden darf, ist noch völlig unklar. Die Vereine würden die Stadien gern für eine begrenzte Anzahl Zuschauer öffnen – je nach Grösse der Arenen, wie das auch in anderen Ländern praktiziert wird. Als Muster gilt das Sicherheitsprotokoll aus Deutschland. Politisch ist die Angelegenheit aber umstritten: Es gibt da eine starke Lobby, die findet, viel wichtiger als Fussball mit Zuschauern sei es, dass Kinder und Jugendliche wieder in aller Sicherheit zur Schule gehen können.
Theoretisch sind seit dem 1. September gemäss dem jüngsten Regierungsdekret wieder sportliche und kulturelle Anlässe vor maximal 1000 Zuschauern möglich, mit strengen Auflagen. Doch vor grösseren Lockerungen warnt das «Comitato tecnico scientifico», das technisch-wissenschaftliche Komitee, das die italienische Regierung berät. Und dies, obschon die Zahl der Neuinfektionen in Italien im Moment proportional zur Bevölkerung unter dem Niveau der Schweiz liegt.
Der Chefvirologe des Mailänder Spitals Luigi Sacco, Massimo Galli, ein Star in Italien, gibt zu bedenken, dass eine Öffnung der Stadien ähnliche Folgen haben könnte wie jene der Discotheken – und das wäre verheerend: In den Sommerferien haben sich Hunderte Gäste und Mitarbeiter von vorschnell geöffneten Nachtclubs und Tanzlokalen vor allem auf Sardinien mit dem Virus angesteckt. Das Aufflackern der Pandemie wird zu einem beträchtlichen Teil auf dieses Phänomen zurückgeführt.
Oliver Meiler, Rom
Österreich: 10’000 Besucher – wenn es die Corona-Ampel zulässt
Österreichs Gesundheitsminister Rudolf Anschober ist Fussballfan. Und so freue er sich, dass Spiele ab nun wieder mit Publikum möglich sein würden, sagt Anschober am Dienstag an einer Medienkonferenz. An diesem Dienstag, dem 1. September, hat die österreichische Regierung die Corona-Massnahmen für Grossveranstaltungen stark gelockert. In Hallen sind nun wieder Veranstaltungen mit bis zu 5000 Besuchern gestattet, im Freien mit bis zu 10’000 Besuchern. Voraussetzung ist allerdings, dass die Veranstalter ein Präventionskonzept vorlegen. Alle Besucher müssen registriert sein und einen Sitzplatz zugewiesen bekommen. Je ein Sitzplatz muss dazwischen frei bleiben. Stehplätze sind verboten.
Voraussetzung ist auch, dass die sogenannte Corona-Ampel die Farbe Grün zeigt. In Betrieb geht diese Ampel erst Ende dieser Woche. Dann wird jeder Region des Landes eine von vier Farben zugewiesen, abhängig von Infektionszahlen, Anzahl der Tests und Clusteranalysen: Grün für niedriges, Gelb und Orange für mittleres und Rot für extrem hohes Corona-Risiko. Welche Massnahmen dann bei Grossveranstaltungen getroffen werden, will die Regierung jedoch erst heute Mittwoch bekannt geben.
Für zukünftige Kulturveranstaltungen sieht Gesundheitsminister Anschober die Salzburger Festspiele als Vorbild für ganz Europa. Ein besonders strenges Sicherheitskonzept mit verpflichtenden Corona-Tests für alle Schauspieler und Mitarbeiter machte es möglich, dass in vier Festspielwochen mit über 76’000 Besucherinnen und Besuchern keine einzige Corona-Infektion bekannt wurde. Ob im kommenden Winter neben Konzerten und Opernaufführungen auch grosse Bälle möglich sein werden, will der Gesundheitsminister allerdings noch nicht sagen. Weitere Lockerungen stellt Anschober für Anfang des kommenden Jahres in Aussicht. Dann könnte man, wenn alles gut laufe, mit Corona-Impfungen beginnen.
Die Herbstsaison der österreichischen Fussball-Bundesliga beginnt am 11. September. Über 10’000 Besucher kamen zu den Matchs schon vor der Corona-Krise kaum. Durchschnittlich hatten die Spiele im vergangenen Jahr 6500 Zuseher.
Bernhard Odehnal