Sport ohne Publikum – Der ZSC-CEO Peter Zahner warnt vor Schäden in Milliardenhöhe und sagt: «Betroffen sind nicht nur wir, sondern auch andere Unternehmer, die von uns abhängig sind»
Sollte der Bundesrat am Mittwoch am Veranstaltungsverbot mit über 1000 Zuschauern festhalten, werde es im Schweizer Mannschaftssport zu einer Konkurswelle kommen, sagt Peter Zahner. Der volkswirtschaftliche Schaden wäre gemäss dem ZSC-CEO immens.
Daniel Germann (NZZ)
Peter Zahner, am Mittwoch soll der Bundesrat entscheiden, ob ab Anfang September wieder Grossveranstaltungen mit mehr als 1000 Zuschauern erlaubt sind oder nicht. Welche Konsequenzen hätte die Verlängerung des Verbots für Eishockey- und Fussballklubs?
Verheerende. Es käme zu einer Konkurswelle. Der volkswirtschaftliche Schaden wäre immens. Ich rechne mit mehreren Milliarden Franken, die die Aufrechterhaltung des Veranstaltungsverbots die Schweiz kosten würde.
Ist das nicht ein wenig schwarzgemalt?
Keineswegs. Allein im Eishockey drohen rund 4000 Arbeitsplätze verloren zu gehen. Ich spreche da nicht nur vom Profibetrieb, sondern auch von den verschiedenen Nachwuchsabteilungen, die über diesen mitfinanziert werden und deshalb von ihm abhängen. Doch betroffen sind nicht nur wir, sondern auch eine ganze Reihe andere Unternehmer, die von uns abhängig sind: Hallenvermieter, Bühnenbauer, Werbeagenturen, Sicherheitsunternehmen, Bäcker, Metzger, Getränkelieferanten. Natürlich spielt es eine Rolle, wie lange das Veranstaltungsverbot aufrechterhalten wird. Eine ganze Saison mit nur 1000 Zuschauern pro Match kann sich kein Klub in der Schweiz leisten.
Wie viel würde die ZSC Lions eine Saison ohne Zuschauer kosten?
Unser Geschäftsmodell fusst auf fünf Säulen. Drei davon würden ganz wegbrechen: die Einnahmen von Zuschauern, Gönnern und aus der Gastronomie. Die Sponsorenverträge sind zum Teil an Zuschauerzahlen gebunden und wären auch tangiert. Keinen Einfluss hätte eine solche Situation einzig bei den TV-Einnahmen. Ich habe es überschlagsmässig hochgerechnet und rechne mit einem Schaden von gegen 15 Millionen Franken. Und weil wir im Hallenstadion eingemietet sind und die Gastronomie nicht selber betreiben, gehören wir in dieser Hinsicht eher noch zu den kleineren Klubs. Andere trifft das viel härter.
Eishockey und Fussball haben ähnliche Schutzkonzepte ausgearbeitet. Maskenpflicht im Stadion, nur Sitzplätze und keine Gästesektoren, um zusätzliche Reiseströme zu verhindern und die Bedürfnisse des eigenen Anhangs so weit wie möglich zu befriedigen. Reicht das?
Ich denke schon. Wir haben Dutzende von Massnahmen definiert. Ihre Akzeptanz und Notwendigkeit haben sich mittlerweile im Bewusstsein der Menschen festgesetzt. Ich erwarte keine Opposition dagegen. Und sollte sich jemand dagegen sträuben, soll er zu Hause bleiben.
Die Gesundheitsdirektoren der Kantone möchten das Verbot für Grossveranstaltungen bis Ende März 2021 aufrechterhalten. Was geschieht dann? Würden die Saisons im Eishockey und im Fussball in diesem Fall überhaupt begonnen?
Ich kann nur für das Eishockey sprechen. Sollte der Bundesrat am Mittwoch so entscheiden, dann werden die Telefonleitungen am Donnerstag heisslaufen. Wir haben am Freitag eine ausserordentliche Nationalligaversammlung, an der wir entscheiden müssen, wann und wie wir die Saison beginnen. Viel Zeit bleibt uns nicht. Im Prinzip wollen wir am 18. September beginnen. Ich weiss, dass eine Mehrzahl der Klubs nicht ohne Zuschauer in die Saison starten möchten. Doch wir haben Verträge mit Spielern und Mitarbeitern, mit Hallen und Zulieferern, die trotzdem weiterlaufen. Selbst wenn wir nicht spielen, bleiben die fixen Kosten hoch.
Für was werden die Lions votieren?
Das entscheidet der Verwaltungsrat. Letztlich hängt unser Entscheid von zwei Faktoren ab. Erstens: Vor wie vielen Zuschauern dürfen wir spielen? Und zweitens: Wie lange gelten die Limitierungen? Sollte der Bundesrat etwa entscheiden, dass wir die Stadionkapazität bis Ende Dezember nur zu 50 Prozent ausschöpfen dürfen und dass die Lage dann neu beurteilt wird, wäre das ein zwar kostspieliger, aber allenfalls noch verkraftbarer Weg. Aber noch einmal: Eine ganze Saison ohne Zuschauer kann sich niemand leisten.
Wir haben bisher nur von dem Ausfall von Einnahmen gesprochen. Ist es nicht auch möglich, Kosten zu senken?
Es gibt einen gewissen Spielraum. Doch der ist beschränkt. Die ZSC und GCK Lions haben inklusive Nachwuchs 125 festangestellte Mitarbeiter. Nur 46 davon sind professionelle Eishockeyspieler. Und auch die verdienen längst nicht alle Topsaläre. Der Grossteil unserer Mitarbeiter bezieht einen ganz normalen Lohn, den man nicht einfach von einem Tag auf den anderen um 80 Prozent kürzen kann.
Die Fussball-Super-League hat am Freitag entschieden, den Darlehensvertrag für die Bundeshilfe nicht zu unterschreiben. Werden Sie in der National League dem Beispiel folgen?
Für mich ist klar: Man kann dieses Hilfspaket nicht unterschreiben. Die Bedingungen und Sicherheiten wie die Solidarhaftung, die wir im Gegenzug leisten müssten, sind unerfüllbar. Niemand haftet für einen anderen: nicht die UBS für die CS, nicht die Allianz-Versicherung für die Mobiliar, und auch nicht Sie für mich.
Der Absichtserklärung haben Sie aber zugestimmt.
Wir wurden damals unter grossen Druck gesetzt. Wir hatten zehn Minuten, um den Entwurf durchzulesen und ihm zuzustimmen. Ich habe bereits da die Bedenken der ZSC und GCK Lions deponiert, ihm dann aber zugestimmt, um ein Zeichen der Solidarität gegenüber der Politik zu setzen. Doch es war nur eine Absichtserklärung.
«Selbst wenn wir nicht spielen, bleiben die fixen kosten hoch.»
Der Fussball setzt auf eine Neuverhandlung des Vertrags.
Darauf hoffen natürlich auch wir. Auch wenn man uns gesagt hat, das Paket sei nicht mehr weiter verhandelbar. Doch was heisst verhandelbar? Wir, die Direktbetroffenen, wurden ja gar nie angehört. Man hat uns etwas vorgelegt und gesagt: Unterschreibt oder geht unter.
Fühlen Sie sich von der Politik im Stich gelassen?
Wir stören uns im professionellen Mannschaftssport an einer gewissen Ungleichbehandlung. Die meisten Bereiche des öffentlichen Lebens funktionieren heute mit Auflagen wieder fast normal. Wir setzen uns beispielsweise mit Masken in öffentliche Verkehrsmittel und pendeln in engen Viererabteilen eine Stunde von Bern nach Zürich. Weshalb soll es nicht möglich sein, mit einer Maske in einem Fussball- oder einem Eishockeystadion zu sitzen, in dem ganz andere räumliche Verhältnisse herrschen und wo die Sicherheitsabstände weitgehend eingehalten werden können?
Sie sind auch Mitglied des Exekutivrats von Swiss Olympic. Der übrige Sport erhält Direkthilfe vom Bund. Weshalb die Fussball- und die Eishockey-Liga nicht?
Swiss Olympic und auch das Bundesamt für Sport haben sich ehrlich bemüht, dem Sport zu helfen. Das Problem war: Man richtete den Blick zu sehr auf den Breitensport. Man hat unterschätzt, wie wichtig der Profisport auch für die Breitenbewegung ist. Wir im Fussball und im Eishockey litten von Anfang an unter dem Klischee, dass wir überhöhte Löhne zahlen und alle im Geld schwimmen. Das ist grundfalsch. Ja: Es gibt in den Profiligen einige Topverdiener. Doch es sind nur wenige. Und ja: Der grösste Kostenpunkt eines professionellen Sportklubs sind die Personalkosten. Aber das ist auch in jedem anderen Unternehmen nicht anders.
Das heisst: Das Eishockey und der Fussball können nicht ohne Staatshilfe überleben?
Wenn man uns die Zuschauerzahl weiterhin so drastisch reduziert, dann nein. Wir dürfen trainieren, wir dürfen spielen, und wenn wir das tun, ist es uns nicht möglich, Kurzarbeitsentschädigungen zu beantragen. Restaurants oder Hotels haben sich teilweise entschieden, ihren Betrieb weiterhin ruhen zu lassen, weil die Einnahmemöglichkeiten mit den Schutzmassnahmen zu gering sind und der Schaden kleiner ist, wenn das Personal weiterhin auf Kurzarbeit gesetzt ist. Wir haben diese Möglichkeit nicHt.