Der ZSC-CEO Peter Zahner sagt: «Bricht eine Säule weg, kollabiert das ganze System»
Der Sport steckt immer fester in der Corona-Falle – eine Umschau in Schweizer Ligen, bei Veranstaltern und Verbänden. Die Ängste sind mancherorts gross, belastend ist vor allem die fehlende Planungssicherheit.
Daniel Germann, Peter B. Birrer, Remo Geisser, Andreas Kopp (NZZ)
Am Donnerstag die Absage der Leichtathletik-Europameisterschaften in Paris, am Freitag die Aussagen des Epidemiologen Marcel Tanner in der NZZ, wonach vor dem Sommer 2021 in der Schweiz keine Fussballspiele vor vollen Zuschauerrängen möglich sein sollen – der Sport steckt immer fester in der Corona-Falle. Und in den Publikumssportarten Fussball und Eishockey sinkt die Akzeptanz von Spielen ohne Zuschauer.
Leichtathletik: Weltklasse Zürich prüft Alternativszenarien
Der Weltverbandspräsident demonstriert verhaltenen Optimismus. Wenn es irgendwie möglich sei, werde es in der zweiten Jahreshälfte eine internationale Leichtathletik-Saison geben, sagt Sebastian Coe. Denkbar ist, dass diese bis in den Oktober hinein dauert.
Das wiederum hätte Auswirkungen auf Weltklasse Zürich, laut ursprünglichem Plan am 11. September Bühne des Diamond-League-Finals. Eine Verschiebung nach hinten ist für die Veranstaltung im Letzigrund laut dem Co-Meetingdirektor Christoph Joho jedoch ausgeschlossen. Weltklasse könnte aber am vorgesehenen Datum als normales Meeting mit deutlich weniger Disziplinen durchgeführt werden. Dadurch würde die erstmals geplante Bespielung des Sechseläutenplatzes mit fünf Disziplinen wegfallen.
Ob es jedoch überhaupt eine internationale Saison geben wird, ist völlig offen. Die Diamond League hat einstweilen die für den Juni geplanten Meetings abgesagt, in Zürich wartet man auf den für kommende Woche angekündigten Entscheid des Bundesrats bezüglich Grossveranstaltungen; der Ticketvorverkauf wurde vorläufig ausgesetzt. Das Weltklasse-Meeting ist für den Fall einer Absage versichert, aber es muss noch abgeklärt werden, was alles gedeckt ist.
Peter Bohnenblust, der Geschäftsführer von Swiss Athletics, erwartet, dass diese Saison kein Anlass in seiner bisherigen Form durchgeführt wird. Auch nicht regionale Meetings oder nationale Meisterschaften. Als eine Möglichkeit werden gleichzeitig an verschiedenen Orten stattfindende, in einer Gesamtrangliste gewertete Anlässe geprüft. Doch: Was ist mit dem Social Distancing auf den Mittel- und Langstrecken?
Die Corona-Krise trifft Swiss Athletics hart. Ohne Laufveranstaltungen und Meetings gehen dem Verband Abgaben an Startgeldern verloren. Bei einem Budget von 6 Millionen Franken drohen Mindereinnahmen von 1,5 bis 2 Millionen. Im Verband hofft man, dank Kurzarbeit und Kosteneinsparungen über die Runden zu kommen.
Eishockey: kein Saisonstart ohne Zuschauer
Die Aussage des Epidemiologen Marcel Tanner verbreitete sich in Eishockey-Kreisen wie ein Lauffeuer. «Stimmt das nur ansatzweise, dann bedeutet dies das Ende – nicht nur für einzelne Klubs, sondern für die ganze Liga», sagt der Nationalligadirektor Denis Vaucher. Ohne Zuschauereinnahmen sei es nicht möglich, eine Saison zu bestreiten. «Wir können keine ganze Meisterschaft ohne Zuschauer austragen. Das würde eine Kaskade von Konsequenzen nach sich ziehen. Nicht nur wir, auch die Fans, TV-Anbieter, Sponsoren und Medien wären davon extrem betroffen.»
Vaucher sagt, es gehe nun darum, eine Güterabwägung zu machen: «Es ist wie beim Abschluss einer Versicherung. Wir müssen uns die Frage stellen, wie viel uns die Stabilität unseres Gesundheitssystems wert ist. Sind wir bereit, dafür unsere ganze Wirtschaft zu opfern?»
Ähnlich argumentiert Peter Zahner, der CEO der ZSC Lions. Für ihn ist eine Saison ohne Zuschauer undenkbar. «Jeder Klub fusst finanziell auf drei bis vier Säulen: auf den Einnahmen aus der TV-Vermarktung, den Sponsoren- und den Zuschauereinnahmen sowie auf Nebengeschäften wie Gastronomieeinnahmen. Bricht eine Säule weg, kollabiert das ganze System.»
Für die National League ist es von existenzieller Bedeutung, möglichst rasch eine gewisse Planungssicherheit zu erhalten. Vaucher hofft, schon am nächsten Mittwoch vom Bundesrat erste Signale zu bekommen, wann und in welcher Form die Klubs wieder mit dem Training beginnen können und wie lange Grossveranstaltungen verboten bleiben.
Für die meisten Vereine ist klar: Ein Saisonstart am 18. September ohne Publikum ist keine Option. Gemäss Zahner würden da pro Match rasch 250 000 Franken ungedeckter Kosten entstehen. Bereits jetzt hat die Liga alternative Saisonstart-Szenarien bis spätestens am 1. Januar 2021 in Vorbereitung. Länderspiel- oder Spengler-Cup-Pausen würden je nach Szenario tangiert. Beginnt die Saison nicht vor dem 1. Dezember, ist kein voller Spielplan mehr möglich. Sollte die Meisterschaft gar nicht stattfinden, wird es im Schweizer Eishockey zu einer Konkurswelle kommen. Alle Verträge und Verpflichtungen würden damit hinfällig. «Dann», sagt Vaucher, «bleibt uns nichts mehr anderes übrig, als auf einem weissen Blatt Papier ganz neu zu beginnen.»
Fussball: Höhepunkt des Schreckens wohl noch nicht erreicht
«Implosion», «mittlere Katastrophe», «unfassbarer finanzieller Schaden» – das sind die Worte der Klubpräsidenten Markus Lüthi (Thun) und Matthias Hüppi (St. Gallen) sowie des YB-CEO Wanja Greuel für die nicht unrealistische Aussicht: bis Ende 2020 kein Fussballspiel mit Publikum. Keine Klientel, keine Einnahmen. Auffallend ist, dass Lüthi und Hüppi zuerst die emotionale Komponente betonen, die wegfällt. «Ohne Publikum fehlt dem Fussball die Essenz, das Benzin», sagt Hüppi. Nicht unbedingt für GC im Letzigrund, aber für den breit getragenen FC St. Gallen, der zu 50 Prozent von Ticketeinnahmen abhängig ist.
Die Lohnkosten werden von der Kurzarbeit, also von der öffentlichen Hand, abgefedert, solange nicht gespielt wird. Nur deshalb funktioniert der FC Thun weiter. Lüthi ist wie Hüppi gegen eine Vielzahl von Geisterspielen, weil dadurch Kosten erfolgen und ohne Kurzarbeit die letzten «Einnahmen» wegbrechen. In St. Gallen verzichten die besser Verdienenden zugunsten von anderen. Oder wie es Hüppi formuliert: «Wer mehr Lohn hat, gibt mehr; wer wenig Lohn hat, wird dadurch aufgefangen.»
Während das Gezänk um Lohnprozente im FC Basel vorerst beigelegt worden ist, beginnt bei YB die schwierige Phase erst im Mai. Bis und mit April überweisen die Berner dank ihren Reserven den Spielern die Löhne. Das ist passé. Bleibt monatelang die Kundschaft fern, muss die Lohnsumme runter. So einfach ist das.
Der Liga-CEO Claudius Schäfer hofft unvermindert, dass der schlimmste aller Fälle, also Fussball bis zum Jahresende ohne Publikum, nicht eintritt – «aber völlig unrealistisch ist das nicht». Der FCZ-Präsident Ancillo Canepa hat im «Tages-Anzeiger» gesagt, der FC Zürich gehe ohne Zuschauereinnahmen Ende Jahr in Konkurs. Greuel seinerseits sorgt sich weniger um YB, mehr um andere Klubs, weil YB nicht allein Fussball spielen kann. YB bis Ende Jahr ohne Publikum? «Fast alles, was wir zuletzt aufgebaut haben, wäre mit einem solchen Szenario verloren», sagt Greuel.
Belastend für die Klubvertreter ist die fehlende Planungssicherheit. «Irgendwann brauchen wir eine klare Ansage», sagt Hüppi. Viele denken darüber nach, fast niemand wagt es laut auszusprechen: Der Massensport Fussball hat den Höhepunkt des Schreckens, begleitet von existenziellen Fragen, vermutlich noch vor sich.
Tennis: eine Sandplatz-Saison im Herbst?
Der ATP-Event in Genf ist abgesagt, Gstaad (Männer) und Lausanne (Frauen) dürften folgen. Der Swiss-Tennis-Präsident René Stammbach, dessen Verband 50 Prozent am Gstaader Turnier hält, sagt, das Swiss Open könnte wohl nur dann stattfinden, wenn irgendein Immunologe herausfinde, dass das Coronavirus über 1000 Meter über Meer nicht überlebt. Das ist natürlich Galgenhumor. Doch selbst wenn dem so wäre, würde das dem Gstaader Turnier nicht helfen.
Tennis ist international wie kaum eine andere Sportart. In den Top 100 der Männer sind Spieler aus 34 verschiedenen Ländern klassiert. Sie alle unterliegen momentan restriktiven Reisebeschränkungen. Schon jetzt ist der Tenniszirkus bis nach Wimbledon Mitte Juli lahmgelegt. Und niemand rechnet damit, dass das US Open Ende August stattfinden kann.
Stattdessen planen ATP, WTA und ITF eine Sandplatz-Saison im Herbst, die im French Open gipfeln soll. Doch sollte sich die Prognose des Epidemiologen Tanner bewahrheiten, träfe der totale Ausfall der Saison weniger die Turniere als die Spieler, denen die Erwerbsmöglichkeiten wegbrächen.
Alle, die nicht zu den Top 100 gehören, leben bereits mehr oder weniger von der Hand in den Mund. Auch deshalb hat der ATP-Spielerrat einen Hilfsfonds für Spieler der Weltranglistenregionen zwischen 250 und 700 vorgeschlagen. Die Schweizer Stefanie Vögele (WTA 109), Viktorija Golubic (123) oder Henri Laaksonen (ATP 137) könnten davon allerdings nicht profitieren. Sie sind zu gut klassiert.