KOMMENTAR
Die Spielerlöhne im Eishockey müssen sinken
Am Montag beschliesst die Eishockey-Nationalliga Notmassnahmen für die nächste Saison. Doch soll der Sport mittelfristig überleben, brauchen die Klubs mehr als Planungssicherheit. Der Ruf nach Bundeshilfe verlangt die Bereitschaft, das eigene Wirtschaften zu überdenken. Das muss bei den Spielersalären beginnen.
Daniel Germann (NZZ)
Am Montag treffen sich die Vertreter der 24 Eishockey-Klubs der National League und der Swiss League zu einer ausserordentlichen Sitzung in Bern, um ein Corona-Paket für die nächste Saison zu verabschieden. Schon jetzt ist klar, worauf dieses herauslaufen wird: In der Saison 2020/21 wird keiner aus den beiden Ligen absteigen. Der Meister der Swiss League darf aufsteigen, sofern er plausibel belegen kann, dass er in der Lage ist, ein National-League-Budget von rund 10 Millionen Franken zu stemmen. Im Frühjahr 2021 wird es ein sogenanntes Pre-Play-off geben, in dem der Siebente gegen den Zehnten und der Achte gegen den Neunten in einer Best-of-three-Serie um die letzten beiden Play-off-Plätze spielen.
Doch das sind nur die Notmassnahmen. Die Corona-Krise hat im Eishockey und auch im Fussball schonungslos offengelegt, wie fragil das System ist. Bereits nach wenigen Monaten ohne Einnahmen droht der Hälfte der Klubs der Konkurs. Rückstellungen zur Kompensation der Ausfälle hat kaum jemand. Stattdessen rufen die Profiligen nach der Unterstützung des Bundes. Sollte im Eishockey die gesamte kommende Saison ohne Zuschauer gespielt werden müssen, was im Bereich des Möglichen liegt, würden jedem einzelnen der zwölf National-League-Klubs je nach Einnahmestruktur zwischen 10 und 15 Millionen Franken fehlen.
Eishockey und Fussball sind in der Schweiz Wirtschaftsfaktoren. Die Top-Ligen setzen pro Saison zwischen 300 und 400 Millionen Franken um und bieten einigen tausend Menschen Arbeit – auf und neben den Spielfeldern. Doch sollte sich die Politik zu Stützungsmassnahmen durchringen, wird sie das an Auflagen knüpfen. Ins Visier werden vor allem die Löhne der Spieler geraten, die in den letzten 20 Jahren insbesondere im Eishockey richtiggehend explodiert sind.
Der Durchschnittslohn in der National League tendiert heute gegen 250 000 Franken, Topverdiener kommen inklusive Erfolgsprämien auf Saläre von einer Million Franken. Doch die Bereitschaft der Spieler, Hand zu einer Lohnreduktion zu bieten, ist bis jetzt gering. Die Spielervereinigung, in der rund 80 Prozent der National-League-Akteure organisiert sind, antwortete auf die entsprechende Anfrage der Liga, es sei Sache jedes einzelnen Klubs, mit seinen Spielern über eine Lohnreduktion zu verhandeln.
Die hohen Saläre sind seit Jahren ein Dauerthema im Eishockey. Rund drei von vier eingenommenen Franken fliessen direkt an die Spieler und ihre Agenten weiter. Sie profitieren vom abgeschotteten und ausgetrockneten Schweizer Markt. Deshalb ist die Einigkeit unter den Klubs mittlerweile gross wie noch nie, die Ausländerbeschränkung auf die Saison 2021/22 fallen zu lassen und damit das Quasimonopol der Schweizer Spieler zu brechen.
Mehr Ausländer schaffen zwar zusätzliche Konkurrenz im Markt, doch sie garantieren nicht automatisch sinkende Lohnkosten. Die Eishockey-Nationalliga hat im Gegensatz zur Fussball-Super-League den Vorteil, dass sie im Werben um die besten Spieler kaum Konkurrenz hat. Ausserhalb der NHL lässt sich nur in der russischen KHL besser verdienen als in der Schweiz. Es wäre für die Klubs deshalb ein Leichtes, gemeinsam Leitlinien zu setzen und die Lohnspirale zu stoppen. Doch entsprechende Absichtserklärungen sind bisher nicht mehr als Lippenbekenntnisse geblieben, die in dem Moment nicht mehr gelten, wenn es darum geht, das Ego mit einem sportlichen Erfolg zu schmücken.
Vor 30 Jahren waren es der HC Lugano und der SC Bern, die die Löhne in die Höhe trieben, dann kamen die ZSC Lions. Momentan kennen der EV Zug und der Lausanne HC weder Scham noch Grenzen. Doch mit jedem weiteren Exzess wächst die Dringlichkeit, den Markt im Interesse der sportlichen Fairness zumindest ansatzweise zu regulieren. Eine Salär-Obergrenze, wie sie die US-Profiligen kennen, galt in der Schweiz über Jahre als illusorisch. Die Corona-Krise hat es nun möglich gemacht, dass führende Exponenten eine solche zumindest in Betracht ziehen. Ein Meinungsführer aus dem Eishockey sagt: «Die Spielerlöhne müssen um mindestens 30, besser noch um 50 Prozent fallen. Alles andere ist nicht finanzierbar.»
Die Nationalliga-Konferenz vom Montag dürfte der Auftakt eines heissen Schweizer Eishockey-Sommers in der National League werden. In der Not gibt es keine Tabus mehr. Die Abspaltung vom Verband steht ebenso zur Diskussion wie die Idee, die gesamte Liga in Konkurs gehen zu lassen, um sie ohne Altlasten und Verträge neu aufzubauen. So weit wird es kaum kommen. Ein Kollektivkonkurs ist eine Radikallösung, die mit einem immensen Imageschaden verbunden wäre. Doch die Eishockeyklubs haben es verpasst, die Kontrolle über ihr Produkt mit einer klugen Geschäftspolitik zu behalten. Die Corona-Krise hat ihnen die Zügel aus den Händen genommen.
Nun brauchen sowohl das Eishockey als auch der Fussball Bundeshilfe, um überleben zu können. Doch die Politik muss ihre Hilfe an rigide Auflagen binden. Und die erste davon lautet: Die Spielerlöhne müssen sinken. Alles andere wäre angesichts des schwierigen wirtschaftlichen Umfelds, auf das die Schweiz zusteuert, sozialpolitisch unverantwortlich. Doch um dieses Ziel zu erreichen, müssen die Klubs untereinander endlich jene Solidarität zeigen, die sie seit Jahren predigen. Solange es keine Kostenwahrheit und Lohntransparenz gibt, darf kein Steuerfranken ins Eishockey oder in den Fussball fliessen