Der «Löwenkönig» Michel Zeiter im EHC Winterthur: eine Trainerentlassung als Erlösung
Eine spezielle Konstellation machte Michel Zeiter im EHC Winterthur während Jahren de facto unantastbar. Nun ist der langjährige Nationalspieler nach zehn Niederlagen in den letzten elf Partien trotzdem entlassen worden.
Nicola Berger (NZZ)
Ein Donnerstag Ende November. Michel Zeiter sitzt in der Trainergarderobe der Zielbau-Arena in Winterthur und sagt mit bekümmertem Gesichtsausdruck: «Für die Arbeit hier braucht man Energie wie der Teufel, es ist pickelhart.» Zeiter, 45 Jahre alt, ist nie müde geworden, jedes offene Ohr mit einer Art Singsang zu beschallen, in dem er ausschweifend betont, wie schwierig die Arbeit im EHC Winterthur sei. Er sagt: «Wir haben das kleinste Budget der Liga, wir kämpfen jeden Tag, wir geben alles. Und dann kommt wieder die Sirene, und es heisst: zero points. Das ist extrem frustrierend, man leidet wie ein Schwein.» Und auch: «Die Ergebnisse sind nicht da, Punkt.»
Zu diesem Fazit ist inzwischen auch der Verwaltungsrat des Klubs gelangt, am Sonntag sprach er die Entlassung des Trainers aus. Ein bisschen macht es den Anschein, als hätten die Verantwortlichen damit beide Parteien erlöst.
Zeiter hatte die Stelle in Winterthur im Sommer 2016 angetreten, was für Irritationen sorgte, weil es bedeutete, dass Markus Studer weichen musste. Jener Coach, der das Team in die Swiss League geführt hatte. Doch Zeiter hatte die besseren Argumente; er brachte den wichtigsten Sponsor mit, jene Bauunternehmung, die dem Klub für die Namensrechte des Stadions jährlich 100 000 Franken überweist. Die Firma hatte einst das Haus des Privatmanns Zeiter gebaut.
Die Konstellation machte Zeiter unantastbar, jahrelang. Bei seiner Anstellung hatte sich der Trainer «drei bis fünf Jahre» ausbedungen, um Winterthur in die Play-offs zu führen, um seine Visionen umzusetzen. Jetzt, im vierten Jahr, ist eine Platzierung in den Top 8 bereits wieder ausser Reichweite. Die Play-offs hat Winterthur unter Zeiter nie erreicht, die beste Phase erlebte der Verein in der Premierensaison, als er zu Saisonbeginn kurzzeitig Leader war. Seither jedoch enttäuschte das Team beständig, auch jetzt wieder, von den letzten elf Partien hat Winterthur zehn verloren und dabei mehrere Kanterniederlagen kassiert. Zeiter hat es nie geschafft, dem Kollektiv eine Struktur zu geben, gegnerische Trainer stellten immer wieder mit Erstaunen fest, wie leicht es sei, diese Defensive auszuhebeln. In 27 Partien hat Winterthur 125 Gegentreffer erhalten, es ist ein einsamer Spitzenwert.
Ein Teil des Problems des EHCW ist fraglos die fehlende Qualität auf der Torhüterposition und in der Defensive. Doch der Trainer Zeiter konnte die Verantwortung dafür auf niemanden abwälzen – er firmierte auch als Sportchef. In dieser Funktion gelang es ihm, ein angesichts der Mittel durchaus respektables Team zusammenzustellen; Winterthur ist beispielsweise substanziell besser besetzt als das besser klassierte Farmteam EVZ Academy. Doch als Coach vermochte Zeiter das Potenzial dieser Mannschaft nie auszuschöpfen.
Dennoch fühlte sich Zeiter stets zu Höherem berufen, er bewarb sich auf praktisch jede freie Trainerstelle in der National League, er rechnete sich etwa Chancen darauf aus, Nachfolger von Arno Del Curto im HC Davos zu werden. Beim Gespräch in Winterthur sagte er, er hoffe, irgendwann werde jemand erkennen, dass er gute Arbeit abliefere und Spieler weiterentwickle. Sein Assistent, das frühere Nationalliga-A-Raubein Misko Antisin, sagte, er traue sich und seinem Chef «auf jeden Fall» die Betreuung eines National-League-Teams zu.
Antisin und Zeiter verbindet, dass sie als Spieler über Jahre zur Elite des Landes gehörten, der Ostschweizer Zeiter war Publikumsliebling bei den ZSC Lions, er wurde liebevoll als «Löwenkönig» bezeichnet. Doch in der zweiten Karriere als Trainer fehlt beiden die Fortune. Antisin, 55, suchte zuletzt zwei Jahre einen Job. Zeiter stieg mit den Rapperswil-Jona Lakers ab, in Visp und Winterthur wurde er entlassen.
Mit einer möglichen Ablösung beschäftigte Zeiter sich schon länger, er sagt: «Es wird auch ohne mich weitergehen.» In Winterthur haben sie beschlossen, es damit gleich einmal zu versuchen. Ein Nachfolger soll während der bevorstehenden Nationalmannschaftspause bestimmt werden.