Es kommt zur vierten Zürcher Stadionabstimmung
Die Gegner des Fussballstadions wollen die Überbauung des Hardturm-Areals im letzten Moment noch verhindern.
Thomas Zemp (TA)
Ihre Hoffnung ist so gross, wie die Gärten auf der Stadionbrache momentan grün sind: Die Mitglieder der IG Freiräume Zürich-West wollen das Fussballstadion samt den Wohnüberbauungen im letzten Moment noch verhindern. Sie haben beschlossen, das Referendum gegen den Gestaltungsplan zu ergreifen.
Der Gemeinderat wird diesen voraussichtlich am 23. Oktober verabschieden. Die IG wird gemäss Jean-Marc Heuberger und Lisa Kromer am 30. Oktober mit der Unterschriftensammlung starten. Innerhalb von 60 Tagen muss sie mindestens 2000 Unterschriften zusammenbringen. Dass sie das schafft, ist sehr wahrscheinlich, helfen im Komitee doch erfahrene Unterschriftensammler aus der Grünen Partei wie Gabi Petri und Markus Knauss mit. Die Abstimmung darüber wird wahrscheinlich im ersten Halbjahr 2020 stattfinden.
Damit stimmt Zürich bereits zum vierten Mal über ein Fussballstadion ab. Im vergangenen November hatten 53,8 Prozent der Stadtzürcher Ja gesagt zum Stadion mit 18'000 Sitzplätzen, einer gemeinnützigen Überbauung und zwei Wohn- und Geschäftshäusern. 2003 hatten die Zürcher das privat finanzierte Projekt Pentagon an der Urne bewilligt, das aber nie zustande kam. 2013 lehnten sie ein städtisch finanziertes Projekt ab.
Klimafrage zentral
Heuberger und Kromer fordern nun eine aus ihrer Sicht sozial- und klimaverträglichere Entwicklung des Areals. Die Situation habe sich in den letzten Monaten grundlegend verändert. «Seit einem Jahr geht die Klimajugend auf die Strasse, der Kanton hat den Klimanotstand ausgerufen und die Stadt den CO2 von netto null beschlossen», sagt Kromer. Diesen Paradigmenwechsel berücksichtige das Projekt nicht. Das Bauprojekt Ensemble entspreche in keiner Weise der Grünstadt-Initiative und der Stossrichtung des kommunalen Richtplans, der kompensatorische Grünflächen in verdichteten Quartieren verlange. Die Stadt habe im Weiteren fast sämtliche Einwendungen abgewiesen.
Die IG befürchtet, dass mit der fast kompletten Versiegelung des 55'000 Quadratmeter grossen Areals im Quartier im Sommer eine neue Hitzeinsel entsteht. Schon heute seien die Temperaturen an Sommerabenden gemäss ETH und dem Klimamodell des Kantons Zürich in Zürich-West fünf Grad höher als am Stadtrand. Ein paar Bäume in Blumentöpfen und das Gras auf dem Stadiondach seien eine wirkungslose Geste dagegen.
«Wir sagen nicht, dass auf dem Hardturm-Areal nichts passieren soll», sagt Kromer. Die IG habe eine Vision mit viel Grünraum, der nicht nur für den Klimaschutz wichtig sei, sondern auch für das Zusammenleben in der Nachbarschaft. «Hier trifft man sich, hier spricht man miteinander, hier lebt man miteinander.» Gleiches sei auf Plätzen rund um den nahen Prime Tower nicht zu sehen.
«Wir sagen nicht, dass auf dem Hardturm-Areal nichts passieren soll.»
Lisa Kromer, IG Freiräume Zürich-West
Ihr Referendum halten Heuberger und Kromer nicht für eine Zwängerei. «Bei der Abstimmung vor knapp einem Jahr ging es um die Finanzierung», sagt Kromer. Nun gehe es um die konkrete Gestaltung. Die IG kann sich auf dem Areal eine Blockrandsiedlung mit Innenhöfen vorstellen, wie sie die Genossenschaft Nena vorsehe, die das Referendum unterstützt.
Die Stadt solle das Areal definitiv von der Credit Suisse abkaufen, fordert die IG. Diese könne sowieso nicht bauen, was sie wolle, wie immer wieder behauptet werde. «Die Stadt kann Auflagen beim Anteil gemeinnütziger Wohnungen sowie Grün- und Freiräumen machen.»
Stadtrat ist zuversichtlich
Wenig überrascht vom Referendum zeigt sich Stadtrat André Odermatt (SP). «Kommt es zustande, wird es sicher Verzögerungen geben. Ich bin aber zuversichtlich, dass sich die Bevölkerung auch ein zweites Mal für das Stadion aussprechen wird.»
Obwohl einige Grüne im Komitee mitmachen, werde sich die Grüne Partei an der Unterschriftensammlung nicht beteiligen, sagt Parteipräsident Felix Moser. Er geht davon aus, dass das Referendum zustande kommt. «Die Mitgliederversammlung entscheidet, ob wir es unterstützen oder nicht.» Für ihn nutzt die IG Freiräume mit dem Referendum ein demokratisches Recht.
Ganz anderer Meinung ist FDP-Präsident Severin Pflüger. Die Abstimmung sei deutlich ausgefallen, die Gestaltung des Stadions sowie die Wohnüberbauungen mit den Türmen seien Bestandteil der Vorlage gewesen. Die Wohnbauten seien verdichtet, was ganz im Sinne der Stadt sei, die möglichst wenig Ressourcen brauchen sollte. Zürich weise im internationalen Vergleich viel Grünraum aus.
SP-Präsident Marco Denoth geht nicht davon aus, dass die SP das Referendum unterstützen wird. «Wir haben nach der Abstimmung gesagt, dass wir dem Projekt keine Steine mehr in den Weg legen. Die SP akzeptiert den Volksentscheid – auch mit den unbezahlbaren Wohnungen.»
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Die Absurdität der Demokratie
Die Opposition gegen das neue Fussballstadion in Zürich missachtet den Wählerwillen und strebt eine neuerliche Abstimmung an.
Thomas Schifferle (TA)
Die Schweiz hat Banken und Kühe, Berge und Käse. Sie hat die Demokratie. Und die Gegner eines neuen Fussballstadions in Zürich.
Einmal sind es die Anwohner, die dagegen opponieren, oder der VCS, ein anderes Mal ist es die SP der Stadt Zürich oder ein Kreis saturierter Bürger aus dem FDP-Kreis Höngg. 2003 erfinden sie den Begriff des Schattenwurfs, um ein Projekt zu bodigen, zu dem die Stimmbevölkerung mit 63,3 Prozent zugestimmt hat; und reizen den damaligen Stadtpräsidenten Elmar Ledergerber dazu, von «Ökoterror» zu reden.
Am 25. November 2018 sagt das Stimmvolk wieder Ja zu einem neuen Stadion auf dem Hardturmgelände, trotz heftigen Widerstands, trotz Befürchtungen wegen der Hooligan-Problematik. Die Präsidenten der beiden Clubs, Ancillo Canepa vom FCZ und Stephan Anliker damals noch von GC, setzen für die Fotografen zum Jubelsprung an. Das sieht wenig elegant aus, aber drückt ihre Erleichterung aus: Endlich am Ziel! Endlich bekommt der Zürcher Fussball, was er dringend braucht.
«Die IG Freiräume tut so, als würde ein Stadion im Kreis 5 dem Weltklima so schaden wie das Abholzen des Amazonas.»
Das Pech der Präsidenten zumindest in diesem Fall ist, dass sie in der Schweiz leben, im Land der Demokratie und der Referenden. Jetzt, zehn Monate nach der Abstimmung, kommt die IG Freiräume Zürich-West aus dem Busch und wehrt sich gegen das neue Projekt. Sie tut gerade so, als würden ein Stadion und zwei Hochhäuser im ohnehin dicht überbauten Kreis 5 dem Weltklima ungefähr so schaden wie das Abholzen des Amazonas. Sie kann froh sein, dass nicht mehr der Vulkan Ledergerber mit einem Ausbruch droht.
Die IG liefert wieder einmal ein Beispiel dafür, welch absurde Wendungen die Demokratie nehmen kann, wie sie gebraucht werden kann, um die eigenen Interessen durchzusetzen. Beim Trotzen hilft ihr die lächerlich kleine Hürde von 2000 Unterschriften, um eine neuerliche Abstimmung zu erzwingen. Dabei gehört zum politischen Verständnis von Demokratie nicht zuletzt eines doch auch: die Meinung der Mehrheit zu akzeptieren und damit die Niederlage.