Zürcher Derby extrem
Die ZSC Lions besiegten die Kloten Flyers 1:0 – dank einem Tor 4 Sekunden vor Schluss.
Von Philipp Muschg und Isabelle van Beek, Kloten
Er fühle sich ausgezeichnet, sagte Ryan Keller. «Ich fühlte mich während des ganzen Matchs wie in einem Film», sagte Tim Wolf. Immer wieder mussten der kanadische Siegtorschütze und der makellose ZSC-Goalie über ihre Befindlichkeit Auskunft geben nach einem packenden, aufwühlenden Derby, das trotz zahlloser Kapitalchancen lange ohne Treffer geblieben war – und dann nach 59:56 Minuten abrupt entschieden wurde. Keller hatte von einem Klotener Puckverlust profitiert und Torhüter Michael Flückiger aus der Halbdistanz bezwungen. Der Stürmer riss die Arme empor, Flückiger blieb regungslos liegen, allen war klar: Es war die Entscheidung. Während die ZSC-Fans feierten, blickten die Klotener Anhänger ungläubig aufs Eis hinunter. Konnte wirklich wahr sein, was sie gerade erlebt hatten?
Für Keller war sein 10. Saisontreffer keine komplizierte Sache. «Ich habe einfach versucht, den Puck aufs Tor zu bringen.» Der Versuch war erfolgreich und bedeutete das dritte 1:0 in einem Derby seit Einführung des Playoffs – das dritte zugunsten des ZSC und auch das späteste. 2010 war Thibaut Monnet das goldene Tor schon im Mitteldrittel gelungen; 2001 liess Peter Jaks den Flyers immerhin noch drei Minuten Zeit zur Reaktion. Aber vier Sekunden? Das schien fast unbarmherzig. Dass Flückiger noch einem sechsten Feldspieler wich, war bloss eine Formalie.
Dass die Partie überhaupt so lange torlos geblieben war, kommt allerdings einem Wunder gleich. Dank dem Sieg am Samstag gegen die Lakers hatten sich die Flyers auf den zweiten Tabellenrang vorgearbeitet, und der Affiche Spitzenkampf wurde das 183. Zürcher Derby von der Intensität her voll gerecht.
Wolfs Werbung in eigener Sache
Das fing an mit den Goalies, die ja beide nicht die Nummer eins in ihrem Club sind. Flückigers Leihvertrag läuft Ende Monat aus, und Wolf kam bloss zum Einsatz, weil Lukas Flüeler krank ausfiel. Den Tag nach seinem 22. Geburtstag nutzte er für Werbung in eigener Sache und gewann erstmals einen NLA-Match, bei dem er von Anfang an im Tor stand. «Wolfie war grossartig», lobte auch Keller, «besonders im Schlussdrittel, als die Flyers viel Druck machten.»
Tatsächlich gewann der Leader die drei Punkte ausgerechnet in jener Phase, in der er am wenigsten vom Spiel hatte. Besonders im Mitteldrittel, als die wenig überzeugenden Schiedsrichter gleich zehn kleine Strafen aussprachen und die Lions ein Schussverhältnis von 14:5 aufwiesen, belagerten sie Flückiger phasenweise regelrecht. Doch das beste Powerplay der Liga blieb für einmal stumpf, näher als beim Lattenschuss von Roman Wick (31.) kam es der Führung nicht.
So mussten die Stadtzürcher zittern. Über zwei Drittel wirkten sie kompakter, laufstärker, stilsicherer – bloss im Abschluss fehlte die Entschlossenheit und mit dem ebenfalls erkrankten Robert Nilsson eine Offensivkraft, die das vielleicht hätte ändern können. Dass mit Cunti und Wick zwei der vier besten NLA-Skorer das ZSC-Dress trugen, war kaum spürbar, im Gegenteil: Die besseren Chancen hatten die Klotener.
So wurde Ersatzmann Wolf zum eigentlichen Schlüsselspieler an diesem Nachmittag. Einen solchen Auftritt habe er sich erträumt, sagte er nach seinem Shutout, und er kann ihn auch bei der Zukunftsplanung brauchen. Seine Vertragssituation nächste Saison ist noch offen, Wolf will sich «einen Ort suchen, an dem ich auch spielen kann».
Aufseiten des ZSC kannte der vierte Sieg im sechsten und letzten Derby dieser Qualifikation eben nur Gewinner.
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