Analyse Die Grasshoppers zeigen sich neben dem Platz und beim 0:2 gegen Thun in schlechter Verfassung. Von Thomas Schifferle
Das doppelte Versagen
An einem Montagabend im Oktober traf GC auf St. Gallen, der Zweite auf den Ersten. 14 400 Zuschauer kamen in den Letzigrund, und vor allem jene in der Kurve sorgten dafür, dass es im Stadion brodelte. GC gewann 1:0 und wurde Leader. Es ist die Erinnerung an eine unbeschwerte Zeit.
Jetzt gab es diesen Samstagabend, als GC den FC Thun empfing, GC als Zweiter gegen die formstarken Berner. Vor dem Spiel hiess es über Lautsprecher, für den Cupfinal seien schon fast 7000 Karten abgesetzt. Im Letzigrund verloren sich 4100 Zuschauer, es gab ein 0:2, leise Pfiffe und Anzeichen der Ernüchterung.
Die Niederlage gegen Thun war kein Zufallsprodukt, denn der Gegner verblüffte am Anfang mit seiner spielerischen Souplesse und in der zweiten Halbzeit mit seiner Ruhe und Abgeklärtheit. Sein Sieg war, trotz Chancen für Zuber, Abrashi und Bauer, sehr verdient.
«Das war eine relativ klare Sache», sagte GC-Goalie Davide Taini. Er hatte den gesperrten Roman Bürki vertreten und war chancenlos gewesen gegen die Tore von Renato Steffen und Marco Schneuwly.
9061 Zuschauer kamen im Herbst durchschnittlich, 6600 sind es, ohne das zugkräftige Derby, im Frühjahr. In der Vorrunde gewann GC einmal neun Spiele in Folge, jetzt hat es von den letzten sechs Spielen noch eines für sich entschieden. Der Glanz ist weg, die Gegenwart mühsam.
Der fehlende Stil
Der Verein gibt sich alle Mühe, sich neu zu positionieren, sich seinen (potenziellen) Kunden ins Gedächtnis zu rufen. Das tut er via Medienmitteilungen, die manchmal von nerviger Penetranz sind. So die fehlende Nähe zur Stadt zu überwinden, ist aber schwierig. Der Campus in Niederhasli ist weit weg. Der FCZ ist in Zürich wirklich spürbar, GC nicht.
In der Aufregung verliert sich deshalb GC das eine oder andere Mal erheblich. Der Vorfall von letzter Woche dient dafür als bestes Beispiel: diese Medienmitteilung zur nachträglichen Sperre von Bürki durch den Disziplinarrichter der Swiss Football League (TA vom Freitag). «Skandalentscheid der SFL» war der Titel, obschon Bürkis Tritt gegen Luzerns Kasami zu Recht als grobe Unsportlichkeit geahndet worden war. Danach ging es immer so weiter: Von «skandalösem Präzedenzfall» war die Rede, von «willkürlichem» Handeln und «krasser Meisterschaftsverfälschung».
Es war ein Communiqué, das bei gut geführten Vereinen den Medienverantwortlichen die Stelle gekostet hätte. Bei GC ist das aus einem einfachen Grund nicht der Fall: Präsident André Dosé und Sportchef Dragan Rapic segneten zusammen mit Anwälten die Verlautbarung ab. So lässt das der Medienund Marketingverantwortliche Adrian Fetscherin zumindest via Facebook wissen. Dass die Führung involviert ist, macht es nicht besser, im Gegenteil. Die Grasshoppers verleiten so nur zum Eindruck, dass es ihnen an Stil fehlt.
Immer wieder wurden sie im alten Jahr für ihre Neuerfindung gelobt: für die Transfers von Grichting, Vilotic und Salatic, die zum neuen Gewissen und Rückgrat der Mannschaft wuchsen; für die Arbeit von Uli Forte, dem Trainer; für ihr Spiel, für ihre Resultate und Spielweise. Für alles eben.
Im Winter holte GC für eine Million Franken den spielerisch ungelenken Anatole Ngamukol aus Thun und band Roman Bürki für 750 000 Franken (plus Beteiligung an einem Weitertransfer) fest an sich. Es sollten Zeichen des Aufbruchs sein, Zeichen, dass man sich in der Spitze wieder etablieren will. Das Geld für solche Anstrengungen war beim unverändert klammen Verein eigentlich nicht vorhanden, alte Gönner mussten es deshalb einschiessen.
Die Position von Dosé hat das nicht gestärkt. Zumindest gibt es immer wieder die Gerüchte, dass einflussreiche Leute mit seiner Arbeit, vor allem mit seiner Geldbeschaffung, unzufrieden seien.
Fakt ist nun, dass der Club mit Communiqués wie von letzter Woche das aufs Spiel setzt, was die Fussballer mit ihren Leistungen im Herbst aufgebaut haben oder mit der Qualifikation für den Cupfinal. GC beraubt sich mit Angriffen auf die Swiss Football League seiner Glaubwürdigkeit, vor allem, wenn – wie im Fall Bürki – sachlich falsch argumentiert wird.
Das Prinzip Hoffnung
Das 0:2 gegen Thun war die passende Fortsetzung der Aussetzer in der Führung. Kaum etwas war mehr von dem zu erkennen, was das Team einmal ausgezeichnet hatte, von der Stabilität in der Defensive und der Aggressivität in den Zweikämpfen. Grichting sah bei den Gegentoren unglücklich aus, Salatic hatte nicht die Präsenz eines Bättig oder Zuffi bei Thun. Diese Meinung hat sich gegen Thun aber nur verfestigt. Beide, Grichting wie Salatic, haben von ihrer Souveränität verloren. Die Mannschaft muss das mit der Zeit zu spüren bekommen.
Ob GC die Luft ausgehe, wurde Taini am Samstag gefragt. «Vielleicht sieht das so aus», antwortete er. Und bemühte schnell das Prinzip Hoffnung: «Wir stehen wieder auf.» Eine knappe Woche bleibt Zeit, sich auf den Match gegen Servette vorzubereiten – eine Woche, um sich bei GC wieder auf den Fussball zu konzentrieren.
(Print Tagi)