Der staatliche FC Valencia
Von Oliver Meiler, Barcelona
Spaniens Fussball erlebt eine Premiere: ChampionsLeague-Achtelfinalist Valencia kann seine Schuldzinsen nicht mehr bezahlen und wird staatlich.
In der Regel ist es ja auch in Spanien so, dass sich die Regionalregierungen um die zentralen Bedürfnisse ihrer Bürger kümmern: vor allem um Bildung und um Gesundheit, um Transport und Umwelt. Die Generalitat Valenciana, die Exekutive der Region Valencia, bedient nun bald auch die Herzen der Fans. Nicht ganz freiwillig, muss man dazu sagen. Aber auch nicht schuldlos.
Der stark verschuldete FC Valencia, Stolz der Stadt, ewige Nummer 3 im Land mit sechs Meisterschaftstiteln und sechs europäischen Trophäen in seiner Vereinsgeschichte, Gegner von Paris St-Germain in den Achtelfinals der Champions League, muss verstaatlicht werden. So etwas hat es auch in Spanien, wo man schon mancher Pleite beigewohnt hat und wo etliche Vereine am Rand des Ruins stehen, noch nie gegeben. Die Geschichte des staatlichen FC Valencia handelt von einem barocken Mass an Grössenwahn, sportlichem wie politischem.
Zu fragil für einen Kredit
Vor zwei Jahren war die finanzielle Lage einmal mehr so angespannt, dass der Club nach einem Grosskredit suchte. Die Grossbank Bankia, selber arg geschüttelt in der Krise, gewährte dem Verein 75 Millionen Euro, verlangte dafür aber eine Bürgschaft: Allzu fragil schien ihr die Verfassung des Schuldners. Dafür sprang die Regierung in der Gestalt ihres Instituto Valenciano de Finanzas ein. Und dieses Institut wird nun, da der FC seine Zinsen nicht mehr bezahlen kann, zum Grossaktionär mit 70 Prozent des Kapitals am Club – und zum Besitzer, auch der Schulden. Oder anders: Die Bürger Valencias zahlen jetzt mit. Die «Ches» unter ihnen, wie sich Fans und Spieler nennen, mögen womöglich noch damit leben können, obschon sie das Sparprogramm der Generalitat schon in anderen, wichtigen Bereichen erdulden müssen. Aus Liebe. Aber die anderen?
Die Bürgschaft war eine der letzten Amtshandlungen von Valencias langjährigem, einst euphorisch gefeiertem Ministerpräsidenten Francisco Camps. Der konservative Politiker hatte sich immer gerne mit den Erfolgen des Vereins geschmückt. Berühmt ist das Foto, das ihn im Mai 2004 nach Valencias Finalsieg gegen Marseille mit der UefaCup-Trophäe zeigt. Er lächelt darauf, als hätte er das entscheidende Tor geschossen. Er war es auch, der die Formel 1 nach Valencia brachte, obschon Spanien im nahen Barcelona schon einen Grand Prix austrug. Camps hatte nationale Ambitionen für sich, er wollte spanischer Premierminister werden. Der Sport diente ihm als zweite Bühne.
Die Stadionruine in der Stadt
Er schaute auch wohlwollend zu, als der FC Valencia trotz finanzieller Schwierigkeiten grosse Bauprojekte lancierte. Im Boom schien alles möglich. Eine neue Trainingsstätte sollte her und mit den Standards jener der weltbesten Klubs mithalten können. Und vor allem: Ein neues Stadion sollte das Mestalla ersetzen. Für Hunderte Millionen. Vor zwei Jahren wurden die Arbeiten eingestellt. Das halb fertige Stadion steht seither wie eine altrömische Ruine in der Stadt.
Der Verein häufte 387 Millionen Euro Schulden an und musste jedes Jahr seine besten Spieler verkaufen. Die Banken bestimmten, wer Clubpräsident wurde. Die geschassten Spitzenleute gingen mit fetten Entschädigungen. Fast gleichzeitig zerbrach die politische Karriere von Francisco Camps. Er geriet in den Strudel eines Skandals um Korruption und Kommissionen bei der Vergabe von öffentlichen Aufträgen, der seine Partei bis heute erschüttert. 2011 trat Camps ab, entzaubert. Der Glanz war weg. Die Formel 1 macht 2013 keinen Halt mehr in Valencia. Das Geld reicht nicht mehr aus.
Zurück bleibt ein vergiftetes Geschenk: der staatliche FC Valencia. Und die Hoffnung der Fans, dass die Mannschaft die Ehre rettet. Wenigstens sportlich, in der Liga von Europas Besten.
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Dass sowas kommt war klar, die Frage ist nur wo und wann hört es auf?
Und das betrifft nicht nur Spanien!