Ohne den Mut der Verzweiflung
Der ZSC verpasste beim 2:3 nach Penaltys gegen Bern die Chance, sich wieder nach vorne zu orientieren.
Von Simon Graf, Zürich
Die Festtage sind vorbei. Auch für die ZSC Lions. Doch leider merkten sie das etwas zu spät. So reichte es gegen den SCB nach einer späten Aufholjagd und einem verlorenen Penaltyschiessen nur zu einem Punkt. Zu wenig, um für zufriedene Zürcher Gesichter zu sorgen. «Wenn man nur das letzte Drittel gut spielt, hat man den Zusatzpunkt auch nicht verdient», resümierte Captain Seger. Und Coach Marc Crawford stellte nach dem 2:3 mit einer Deutlichkeit fest, wie man sie von ihm noch nicht gehört hatte, dass sich die Mannschaft auf einem gefährlichen Weg befinde. Erkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung. Aber der Kanadier steht nicht auf dem Eis, sondern nur an der Bande.
Crawford vermisst bei seinen Spielern die «desperation» – ein Wort, das im nordamerikanischen Profisport oft benützt wird und mit Verzweiflung nur mangelhaft übersetzt ist – man müsste eher vom Mut der Verzweiflung reden. Crawford hatte gehofft, dass die Zürcher, die die Chance gehabt hatten, sich mit einem Sieg über den SCB vor diesen zu schieben, entschlossen auftreten würden. Zumal wieder über 10 000 Zuschauer die Arena füllten. Doch davon war in den ersten zwei Dritteln nichts zu sehen. Die Berner waren fast immer einen Schritt schneller und gedanklich voraus, nur Goalie Flüeler war es zu verdanken, dass es lediglich 0:2 stand.
NHL-Star Brown als Hypothek
Er habe in der ersten Drittelpause deutliche Worte gefunden, verriet Crawford später. Diese zeitigten eine verzögerte Wirkung: Kenins, Cunti und Wick rissen das Team im Finish mit und schafften noch den Ausgleich. Der Coach kritisierte explizit Blindenbacher und Maurer, die zu viel Zeit gebraucht hätten, um in Schwung zu kommen. Er hätte auch Brown erwähnen können, der zusehends zur Hypothek wird. Auch nach fast zwei Monaten wirkt der Playoff-Held der Kings träge. Und die grosse Eisfläche verleitet ihn zu Dribbelversuchen, die nicht seinen Qualitäten entsprechen. Inzwischen ist er seit vier Spielen ohne Scorerpunkt. Trotzdem wagt es Crawford nicht, ihn bei wichtigen Situationen auf der Bank zu lassen.
Zu reden gab auch der Exodus der letzten Wochen. Monnet und Ambühl haben in Freiburg und Davos unterschrieben, Brulé und Tambellini das Team verlassen. Für Letzteres habe er kein Verständnis, sagte Seger: «Transfers wie jene von Monnet und Ambühl sind normal in diesem Business. Und Brulé fühlte sich nie wohl. Aber dass Tambellini einfach davonlief, ist inakzeptabel. Wir betreiben hier einen Teamsport. Es kann sein, dass ein Spieler einmal etwas untendurch muss, vielleicht nicht so viel Goodwill hat beim Trainer. Aber da muss man sich durchkämpfen.»
Kontakte zu Nilsson junior
Gut möglich ist indes, dass bald ein Neuer dazustösst: Der Name Robert Nilsson geisterte durchs Hallenstadion. Der Sohn des «Magic Man» Kent, der in Kloten seine erste Lizenz löste und als Hockeyschweizer gilt, steht in Kontakt mit dem ZSC. Der 27-Jährige wurde Ende November vom KHL-Club Nowgorod verabschiedet und ausbezahlt, nachdem er einen Monat zuvor eine schwere Gehirnerschütterung erlitten hatte – er ist momentan ohne Club. Der Flügel, der in der NHL auf 252 Spiele (118 Punkte) kam, gilt als offensiv hoch talentiert, jedoch nicht als unkompliziert. Und hinter seiner Gesundheit steht ein Fragezeichen. Ein positives Signal nach den zahlreichen Abgängen würde jedenfalls nicht schaden.
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