Grösse des Herzens entscheidet
Der Zürcher Sven Andrighetto ist mit 1,77 Metern eher klein, aber eines der grössten Schweizer Talente.
Von Silvan Schweizer
Minus 24 Grad herrschen derzeit in Ufa, der Erdölstadt etwas westlich des Urals. Es gibt durchaus angenehmere Orte, um ein WM-Turnier zu bestreiten. Zumindest einer der Schweizer Junioren, die gestern ins Herz von Russland reisten, ist sich die eisige Kälte aber gewohnt: Sven Andrighetto. Auch in RouynNoranda, der Kleinstadt in der Provinz von Quebec, die zum zweiten Zuhause des 19-Jährigen geworden ist, wird es im Winter gut und gerne minus 30 Grad.
Im letzten Jahr zog das Talent aus der Organisation der ZSC Lions nach Übersee. Schon als Kind war es sein innigster Wunsch gewesen, einmal das kanadische Eishockey und die Begeisterung rundherum zu erleben. Er sei ziemlich nervös gewesen, Freunde und Familie zurückzulassen, erzählt Andrighetto. Doch sei er dann von seinen Gasteltern, die eine Tochter und einen Sohn in seinem Alter haben, liebevoll aufgenommen worden: «Ich habe mich nie einsam gefühlt.» In Rouyn-Noranda gibt es ein Kino und eine kleine Shoppingmall, sonst aber bewegt sich im Ort nur wenig. Andrighetto sieht das positiv: «So kann ich mich ganz auf den Sport konzentrieren.»
In seiner ersten Saison führte sich der Ustermer ausgezeichnet ein, erzielte 76 Punkte in 66 Partien. Die Spielanlage behagt ihm: Die Québec Major Junior Hockey League (QMJHL) ist die offensivste der drei kanadischen Juniorenligen – im Schnitt fallen 7 Tore pro Match.
Dass Andrighetto diesen Juni im NHLDraft dennoch übergangen wurde, habe ihn zunächst enttäuscht, sagt er, aber schon bald auch angespornt. Diesen Winter belegt der Stürmer nun mit 50 Punkten aus 28 Partien einen Spitzenplatz in der Skorerliste. Und seine Huskies spielen im Gegensatz zum Vorjahr vorne mit. In der letzten Saison war Andrighetto einer von zehn Neulingen im Team, nun ist es mit ihm erfahrener geworden: «Ich wusste, was mich erwartet, wie das Spiel läuft und vor allem, was ich verbessern musste», erklärt er.
Vergleiche mit Marian Gaborik
In der Saisonvorbereitung mühte er sich deshalb täglich vier Stunden mit Kraftund Ausdauerübungen ab, schleppte zur Unterstützung auch seinen Bruder Tobias mit. Auf dem Eis wollte er an seinem Defensivspiel arbeiten – und schneller werden auf den ersten paar Metern. «Ich bin eher ein Kleiner, ich muss alles mit meinem Tempo machen», sagt er. 1,77 Meter misst er, was viele NHL-Verantwortliche abschreckt. Andrighetto aber schöpft Hoffnung, wenn er sieht, dass auch ein Martin St. Louis mit seinen 1,73 Metern grosse Erfolge feierte. Er sagt: «Ich glaube, dass nicht die Körpergrösse entscheidet, sondern jene des Herzens. Also der Wille. Und den habe ich.» Seine Kollegen in Rouyn-Noranda loben ihn als Spielertyp wie Marian Gaborik, den athletischen und treffsicheren Antreiber der New York Rangers.
Doch ab nächstem Jahr wird Andrighetto vorerst auf Schweizer Eis wirbeln. Sein Agent Daniel Giger fädelte nach dem Nordamerika-Abenteuer den nächsten Karriereschritt ein: Andrighetto unterzeichnete diese Woche einen Dreijahresvertrag bei Servette. «Ich kann nicht darauf setzen, dass ich gedraftet werde. Ich wollte meine Zukunft vorher regeln», begründet er. Auch der ZSC hatte sich um ihn bemüht. Doch am Ende lockte die neue Erfahrung in Genf mehr, wo Andrighetto seine frisch gewonnenen Französischkenntnisse unter Beweis stellen kann. Manager Chris McSorley, der zuletzt bei fast allen Spielern gehobener Klasse auf dem Markt mitbot, zeigt sich begeistert von seinem neuesten Transfer: «Andrighetto ist ein Typ mit einer hohen Spielintelligenz, der die Gabe hat, Partien zu entscheiden.»
Die Bühne vor dem NHL-Draft
McSorley ging auch gerne das Risiko ein, dass Andrighetto doch noch abspringt – immerhin besitzt er eine Ausstiegsklausel für die NHL. Sie bleibt das grosse Ziel des jungen Stürmers. Und die WM in Ufa, die für die Schweiz heute in einer Woche beginnt, bietet ihm eine wichtige Bühne vor dem Draft, um sich noch einmal den Scouts zu zeigen. Andrighetto ist sich dessen bewusst. Aber er hat in Nordamerika eines gelernt: «Ich will mir keinen Druck machen. Wenn ich beginne, auf die Tribüne zu schauen, kommt es nicht gut.»
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