Ancillo Canepa Der Präsident des FC Zürich hat kein Glück, und ohne Glück zeigen sich seine Schwächen. Von Thomas Schifferle
Am Tiefpunkt
Der FC Zürich hatte zwanzig Jahre lang Sven Hotz. Er war der Präsident mit den langen Koteletten und dem langen Atem. Die Niederlagen, auch die schwersten, ertrug er stilvoll. Die Fans liebten ihn und seine Fehler. Im Ärger auf die Spieler konnte er sagen: «Ich würde sie am liebsten ungespitzt in den Boden hauen.» Am nächsten Tag gab er ihnen trotzdem bessere Verträge.
Sven Hotz war der FCZ. Und der FCZ unter ihm auch Folklore. Hotz ging auf dem Höhepunkt: mit dem Meistertitel 2006, dem ersten nach 25 Jahren.
Ancillo Canepa übernahm, erfolgreich als Wirtschaftsprüfer, im Herzen immer Fussballer. Er redete sofort von der Champions League als Ziel.
Canepa ist ein Vollblutpräsident, und eigentlich wäre er nur eines lieber als das: Spieler. Sein Talent als Dribbler aber reichte nie, um ihn über Rüti hinaus bekannt zu machen.
Sechs Jahre trägt er inzwischen die Verantwortung für den FCZ. Unter ihm gab es zwei Meistertitel und die Qualifikation für die Champions League. Er schwebte im Erfolg, und als vor einem Jahr der FC Bayern Europacupgegner war, genoss er die grosse Oper an der Seite der Bosse aus München.
Canepa hat seine Emotionen immer gelebt. An einem Tag möchte er die Fans der Kurve am liebsten mit kaltem Wasser abspritzen, am nächsten erklärt er sie zu den Besten in Europa. Er lebt zwischen den Extremen. Nur fast nie in der Mitte davon.
Als Präsident arbeitet er vollamtlich für den Verein, er bekommt dafür kein Geld, er zahlt nur. Was nach der perfekten Lösung klingt, hat auch seine dunklen Seiten. Canepa ist immer und überall dabei, 24 Stunden am Tag, er lässt eigentlich nie los. Wer so ist wie er, setzt sich schnell dem Vorwurf der Besserwisserei aus.
Ein Einzelkämpfer
Der Ehrgeiz treibt ihn an, und mit jedem Erfolg steigen seine Erwartungen. Das Problem im Fussball ist, dass der Erfolg seine Kinder frisst. Spieler zieht es weg, zu grösseren Clubs, zu besseren Verträgen. Sie müssen ersetzt werden, und ihre Nachfolger garantieren zuerst einmal nur eines: Kosten. Transfers sind oft wie Roulette. Hannu Tihinen war für den FCZ der Hauptgewinn, Ludovic Magnin ein Reinfall. Die Grenze zwischen Triumph und Scheitern ist oft unendlich schmal. Nun steht Canepa am Tiefpunkt seines Schaffens. «Ich bin doch nicht Obama», sagt er diesen Dienstag, angeblich überrascht über das Interesse der Medien nach der Entlassung von Trainer Rolf Fringer. Doch ein Profi wie Obama hätte kaum einen so schwachen Auftritt hingelegt wie Canepa.
Der FCZ-Präsident sitzt allein vor den Medien. Was er so will. Und es passt zu seiner Situation. Er ist Einzelkämpfer geworden, Verwaltungsräte ziehen sich zurück, der Sportchef freut sich auf seine Zukunft in Bern. Canepa ist ein Präsident ohne Glück, und ohne Glück zeigen sich die Schwächen seiner Leidenschaft, wie letzte Woche. Als er vor die Mannschaft tritt, natürlich allein, will er sie an ihre Pflichten erinnern. Was als Ansprache geplant ist, wird zur Anklage der Spieler gegen den Trainer. Canepa opfert Fringer wenige Tage später unter fadenscheinigen Vorwürfen.
Im «Tages-Anzeiger» sagt er, dass er nur sich selbst vertraue. Deutlicher lässt sich das Misstrauen den Mitarbeitern gegenüber nicht formulieren. Selbstkritik könnte Canepa jetzt helfen, aus seiner tiefen Formkrise zu finden. Sie gehörte bislang aber nicht zu seinen Stärken.
Powered by © Tages Anzeiger