Analyse Der Abgang von Denis Hollenstein markiert das Ende einer Ära, Klotens Aderlass geht weiter. Von Philipp Muschg
Fatales Signal für die Flyers
Hollenstein geht. Mit dieser Botschaft begann am 29. Juni die Ära von Investor Philippe Gaydoul bei den Flyers. Hollenstein geht: Mit dieser Nachricht wurde gestern Montag das Ende der Ära Hollenstein in Kloten endgültig besiegelt. Fünf Monate nachdem Vater Felix den Verein seines Herzens nach fast drei Jahrzehnten schockartig verlassen musste, geht auch Sohn Denis. Er entschied sich gegen einen Club, mit dem ihn unzählige Erinnerungen und persönliche Beziehungen verbinden, und unterschrieb für viel Geld bei Leader Servette. Er wolle «eine neue Herausforderung», begründet der Nationalspieler seinen Schritt in eine andere Eishockeykultur.
Überraschend kommt der Wechsel nicht, und doch ist er ein fatales Signal. Klotens Topscorer entschied sich für den Club mit dem besten sportlichen Leistungsausweis, mit der straffsten Führung, mit dem lukrativsten Vertragsangebot. Rachemotive für die Behandlung, die seinem Vater widerfuhr, darf man ihm nicht unterstellen – auch wenn dieser Aspekt das Verhältnis zur Clubführung sicher nicht verbesserte. Hollenstein wählte einfach jenen Arbeitsplatz, der ihm in den nächsten vier Jahren die besten Perspektiven bietet. Nicht nur geografisch hätte er keine Wahl treffen können, die weiter von den heutigen Klotener Realitäten entfernt ist.
Eine leichte Entscheidung war es wohl dennoch nicht für den 23-Jährigen, der wie schon Vater Felix seine gesamte NLA-Karriere in der Flughafenstadt verbrachte. Er lässt Ende Saison nicht nur Teamkollegen zurück, sondern auch Freunde, mit denen er noch vor wenigen Monaten gemeinsam ums Überleben des Arbeitgebers kämpfte.
«Wir bedauern diesen Abgang sehr», sagt Flyers-Geschäftsführer Wolfgang Schickli, «wir sind mit unserer Offerte an die Grenzen des Budgets gegangen.»
Das mag stimmen, und es mag ebenfalls stimmen, dass die Chancen auf den Verbleib Hollensteins aufgrund von dessen besonderer Vorgeschichte von Anfang an klein waren. Doch das ändert nichts am miserablen Eindruck, den Klotens Personalpolitik macht, seit Philippe Gaydoul und sein Freund Thomas Matter im Sommer den Club übernahmen. Die beiden haben mit ihrem finanziellen Engagement die Rettung des überschuldeten Clubs erst ermöglicht, doch den eigenen Ansprüchen hinkt die sportliche Wirklichkeit immer weiter hinterher.
Denn angetreten war die neue Führung ja, «um aus Kloten wieder eine gute Adresse zu machen», wie Schickli ankündigte. Dass Talente wie Damien Brunner, Reto Suri oder Dominic Lammer mangels Perspektive wegziehen, sollte nicht mehr vorkommen, es wurde die Vision eines Clubs propagiert, in dem Spieler wie Trainer aus der eigenen Juniorenabteilung kommen. «Die Flyers sind eine Familie», hiess das bei Schickli.
Nun zerfällt diese Familie. Zwölf Tage nach Bekanntwerden von Samuel Walsers (20) Wechsel zu Davos bereitet mit Hollenstein das nächste eigene
Talent den Abgang vor. Wie sonst nur Simon Bodenmann verkörpern Walser und Hollenstein jenen Spielertyp, den Kloten eigentlich unbedingt halten wollte; mit Roman Wick wurde ein weiterer aus Kostengründen abgegeben. Der Club verliert doppelt: an sportlicher Substanz sowie an Attraktivität als Transferdestination. Und zu allem Überfluss ist beim Nachwuchs niemand in Sicht, der die jüngsten Lücken füllen könnte. Daran, dass entgegen aller Ankündigung kein einziger Junior in der ersten Mannschaft stürmt, hat man sich fast schon gewöhnt.
Die Geister des «totalen Neuanfangs», den Schickli mit dem Segen Gaydouls ausrief, werden die Flyers nun nicht mehr los. Denn wer von seinem Club als Familie redet, darf sich nicht wundern, wenn er an diesem Massstab gemessen wird – von der Vertreibung des Übervaters Felix Hollenstein bis zum Umgang mit dem Nachwuchs. Wer streng aufs Geld achtet, darf sich nicht wundern, wenn das Personal das ebenfalls tut: indem es geht, oder indem es sich, wie zuletzt Matthias Bieber, mit marktunüblich langen Verträgen binden lässt.
Welche der beiden Varianten der von Zug umworbene Eric Blum wählt, wird sich Ende Woche zeigen, wohl vorher schon präsentiert der Club nach monatelanger Suche einen Sportchef. Doch eigentlich ist es dafür viel zu spät.
«Wer von seinem Club als Familie redet, darf sich nicht wundern, wenn er an diesem Massstab gemessen wird.»
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