8 Fan-Typen an der WM
Wer sitzt da eigentlich im Publikum? Ein Augenschein
Keine Fussballkultur, keine Stimmung, keine echten Fans: Die europäische Meinung über das Turnier ist gemacht. Der Blick vor Ort zeigt: Das stimmt im Ansatz – und ist doch anders.

Florian Razaus Doha, David Borja aus Doha (TA)
Publiziert heute um 16:21 Uhr
Die Einheimischen – fast bis zum Abpfiff

Genug gesehen: Katarische Anhänger verlassen während des Spiels ihres Teams gegen Senegal das Stadion.
Foto: Alex Grimm (Getty Images)
Es sind für westliche Augen irritierende Szenen, die sich in den ersten Runden der WM auf den Rängen abspielen. Schon zur Pause kommen Zuschauer nicht mehr zurück, spätestens ab der 60. Minute leeren sich die Stadien rapide.
Kenner der katarischen Fankultur kann das nicht irritieren. Als Katar kurz nach dem Zuschlag für die WM zu Hause den Asiencup eröffnete, kamen die Zuschauer teilweise erst während der ersten Halbzeit auf die Plätze. Es herrschte während des Spiels ein reges Kommen und Gehen. Nach der Pause machten sich viele wieder auf den Heimweg. Oder schauten das Spiel auf ihren Displays in ihren klimatisierten Limousinen auf dem Parkplatz.
Auffällig ist, wie sich das Verhalten während der WM geändert hat. In den ersten Runden begannen sich die Stadien spätestens nach einer Stunde zu leeren. Inzwischen bleiben auch Katarerinnen und Katarer bis zum Schlusspfiff. Oder fast.
Die Frauen – auch ein Akt der Befreiung

In Saudiarabien dürfen Frauen seit 2018 in Fussballstadien – in Katar ist der Anteil weiblicher Fans ähnlich gross wie bei allen anderen Teams.
Foto: Amin Jamali (ATP Images)
Sie sind wie bei jedem Männerfussballspiel auf dieser Erde in der Unterzahl. Aber es hat auffällig viele Frauen auf den Tribünen dieser WM. Und das auch aus Ländern, in denen der weiblichen Bevölkerung bis vor kurzem der Besuch von Fussballstadien verboten war.
Aus dem Iran sind Frauen angereist, die ohne Kopftuch die Proteste in der Heimat unterstützen. Und solche im Tschador, die nicht in die Protestrufe einstimmen.
Auch Saudiarabien hat weibliche Unterstützung. Erst seit drei Jahren erlaubt das Königshaus Frauen Auslandsreisen ohne ausdrückliche Zustimmung ihres männlichen Vormundes.
Als Journalist ist es nicht einfach, mit Frauen aus Saudiarabien ins Gespräch zu kommen. Anfragen werden höflich abgelehnt. Dem «Guardian» sagt Mariam, die ihren Ehemann bei den Kindern in Riad gelassen hat: «Als Kind habe ich alle Spiele des Nationalteams im TV gesehen. Jetzt gehe ich zum ersten Mal ins Stadion. Das ist der grossartigste Tag meines Lebens.»
Die Araber – es ist ihre Weltmeisterschaft

Tunesische Fans im Souq Waqif. Viele von ihnen leben und arbeiten schon seit Jahren in Doha.
Foto: Raul Arboleda (AFP)
Ja, es sind Menschen aus Europa angereist. Aber das hier ist keine WM der Europäer, es ist eine der arabischen Welt. Spielen Marokko, Tunesien und vor allem Saudiarabien, steigt die Stimmung nicht nur im Stadion, sondern auch in Zentrum um den Souq Waqif. Das liegt an Migranten wie Enis. Der Tunesier verdient sein Geld als Kellner und weiss aus dem Stegreif alle Details zur Doppeladler-Affäre von 2018.
Als Einwohner von Katar konnte er sich für zwei Spiele Tunesiens Tickets der günstigsten Kategorie kaufen. Macht zusammen rund 21 Franken oder umgerechnet vier Hauptgänge in einem der kleinen Restaurants in Doha. Zur Feier reist ein enger Freund an.
Der kann bei Enis schlafen – und umgeht damit die überteuerten Hotelpreise. Selbst Absteigen, die sonst ihre Zimmer für 80 Franken vermieten, verlangen derzeit bis zu 1000 Franken für eine Nacht.
Aus Saudiarabien sind viele auch ohne Karten für Spiele ihres Teams angereist. Die Grenzen sind offen, die Anreise mit dem Bus ist günstig. Warum also nicht wie Nassim für drei Nächte etwas WM-Luft schnuppern? Er hat seinen Helden Cristiano Ronaldo gegen Uruguay live im Stadion gesehen und ist überzeugt: «Er war dran am Ball. Das ist sein Tor!»
Viel wichtiger aber ist Nassim seine Botschaft am Ende des Gesprächs. Damit sie richtig ankommt, nutzt er lieber Google-Translate: «2030 wird die WM in Saudiarabien stattfinden. Ich freue mich, wenn du dann auch kommst!»
Die Inder – Fans wie aus der TV-Werbung

Argentinien-Trikots und südafrikanische Vuvuzelas? In Doha gilt für viele Fans: Anything goes.
Foto: Alex Pantling (Getty Images)
Die trommelnden Inder, die kurz vor WM-Beginn auf Instagram als Fans von Deutschland, England oder Brasilien tanzten, fanden in Europa alle lustig. Fakt ist, dass geschätzte 700’000 Menschen aus Indien in Katar leben. Die meisten sind aufgrund der Migrationsgesetze männliche Singles.
Viele von ihnen mögen Fussball und laufen in Doha mit dem Leibchen ihres Lieblingsnationalteams herum. Dazu kommt bei Matchs gern eine lustige Kopfbedeckung oder sonst ein Gimmick. Und so sind viele ausstaffiert wie die Schauspieler, die in Werbespots jene Art von Fussballfans spielen, die es nur in der Fantasie von Marketingmenschen gibt.
Das macht Sinn, weil die meisten von ihnen Fussball nur aus dem TV kennen. Jaswant jedenfalls ist vor Argentinien gegen Mexiko begeistert, weil er zum ersten Mal in seinem Leben ein Spiel im Stadion sehen wird. Wie viele indische Fans sieht er das mit der Uniformierung nicht so eng. Er trägt ein Messi-Shirt und einen mexikanischen Sombrero.
Die angereisten Fans – Jagd nach den «Big Five»

Ganz seltene Exemplare: Der Fanclub der deutschen Nationalmannschaft wohnt nicht in Doha, sondern in Dubai.
Foto: Anne-Christine Poujoulat (AFP)
Wo es so viele gibt, die mit einer Nation mitfiebern, mit der sie nur eine Fernbeziehung pflegen, steigt die Aufregung bei der Sichtung sogenannt echter Fans. Tauchen argentinische Argentinier oder niederländische Niederländer auf, die vielleicht auch noch singen, werden sofort die Mobiltelefone gezückt.
Es ist eine Art WM-Safari. Nur, dass die «Big Five» nicht Löwe, Elefant, Büffel, Nashorn und Leopard sind. Sondern Engländer, Brasilianer, Argentinier, Holländer und Deutsche. Wobei Letztere am schwierigsten zu erwischen sind. Der Fanclub des deutschen Nationalteams fliegt jeweils für die Spiele aus dem Camp in Dubai ein.
Natürlich wird wie bei jeder guten Safari für die Sicherheit der Gäste gesorgt. Singen und tanzen die Brasilianer etwas zu fest, werden sofort Abteile in Metrozügen gesperrt. Motto: Frauen und Kinder zuerst.
Die Lateinamerikaner – keine Berührungsängste

WM in Katar, na und? Mexikos Anhänger sehen da eher kein Problem.
Foto: Alex Grimm (Getty Images)
Für sie macht es keinen Unterschied, ob die WM in Europa oder in Katar stattfindet. «Teuer ist es sowieso», findet Dina. Sie sagt, sie gehöre zum mexikanischen Mittelstand, und lächelt bei der Vermutung, es sei wohl der gehobene Mittelstand.
Dina ist eine der ganz vielen angereisten Fans aus Lateinamerika, die weder ein Problem mit den steilen Hotelpreisen haben («sogar höher als Dubai») noch mit der Menschenrechtsfrage: «In Mexiko gibt es auch harte Arbeitsbedingungen.» Und das mit dem Alkohol? Dina lächelt: «Den gibt es vor und nach dem Spiel in der Hotelbar.»
Die Zuschauerzahlen – ausverkauft mit leeren Sitzen

Die Schweiz zieht nicht: So sieht es aus, wenn laut Fifa 39’089 Zuschauer in einem Stadion sitzen, das Platz für 44’325 Personen hat.
Foto: Dan Mullan (Getty Images)
Am Anfang herrscht Verwirrung. Da werden Zuschauerzahlen gemeldet, die höher sind als das offizielle Fassungsvermögen einzelner Stadien, während viele freie Sitze zu sehen sind. Dann meldet die Fifa erst neue Stadionkapazitäten. Und dann, dass sie fast alle Tickets verkauft habe. Was die Sitze in den Stadien nicht weniger leer macht.
Allerdings nehmen die freien Plätze mit Fortdauer des Turniers ab. Zu beobachten war nach den ersten Runden mit bedenklichen Lücken auf den Rängen, wie die Fifa unter ihren freiwilligen Helferinnen eifrig Gratistickets verteilte.
Klar ist, dass die Spiele mit Schweizer Beteiligung keine Renner sind. Gegen Kamerun ist das Stadion maximal zu drei Vierteln gefüllt. Und selbst gegen Brasilien bleiben viele Sitze hochgeklappt.
Die very, very important persons – Langeweile im Sessel

Noch mehr Beinfreiheit als in der Businessklasse: Die Sitze der VVIP an der WM in Katar.
Foto: Matthias Hangst (Getty Images)
Ins Al-Bayt-Stadion haben sie ihnen eine vierspurige Autobahn bis kurz vor die Loge gebaut. In den anderen Stadien müssen die very, very important persons tatsächlich noch ein paar Meter zu Fuss bis ins Stadion hinter sich bringen.
WEITER NACH DER WERBUNG
Um sie von dieser Zumutung etwas abzulenken, schwebt dann auf ihrem Weg zum Beispiel eine Frau im Rokokokleid zwei Meter über dem Boden und tut so, als würde sie auf einem fliegenden Flügel spielen. In der prallen Sonne bei 30 Grad. Stundenlang. «Sie hat einen verrückten Job», stellt der Sicherheitsmann fachkundig fest, der ein paar Meter daneben im Schatten steht.
Im Stadion sitzen die VVIP in Sesseln mit Armlehnen, die fast so breit sind wie Xherdan Shaqiris Waden. Und langweilen sich. Zumindest sieht es jeweils so aus, wenn die Kamera wieder einen der einstigen Fussballstars einfängt, der in sein Handy starrt, während unten Fussball gespielt wird.
Nur einer sieht auf den Sesseln jeweils recht gut gelaunt aus: Fifa-Präsident Gianni Infantino.