Eishockey statt Autostopp
Er wolle Gilbert Brulé sein, sagte U2-Sänger Bono, nachdem ihn der NHL-Spieler im Auto mitgenommen hatte. Nun stürmt Brulé für den ZSC und möchte wieder sportlich für Aufsehen sorgen.
Von Philipp Muschg
Es gibt Schlimmeres für einen Sportler, als unter 65 000 Zuschauern von einem weltberühmten Rockstar zu hören, dass er gerne wäre wie man selbst. Und trotzdem ist die minutenlange Ansprache, die Bono am 1. Juni 2011 während eines Konzerts in Edmonton hielt, nicht nur eine Lobrede: Einer mit den Möglichkeiten von Gilbert Brulé sollte nicht in erster Linie als Pointe einer Show von U2 bekannt sein. Schliesslich galt der 25-Jährige noch vor wenigen Jahren als eines der grössten Talente in Kanada. Nachdem die Columbus Blue Jackets ihn 2005 an sechster Stelle im Draft gezogen hatten, gewann er als Topskorer und wertvollster Spieler die nationale Juniorenmeisterschaft. Er war ein kreativer Stürmer, der mit seinem verwegenen Stil über hundert Strafminuten pro Saison sammelte. Brulé war der Traumspieler jedes NHL-Managers.
Sieben Jahre später sitzt er auf einer Bank in der Kunsteisbahn Oerlikon und atmet schwer. Am Sonntag ist der neueste ZSC-Transfer aus Vancouver in die Schweiz gekommen, gerade hat er sein erstes Eistraining absolviert. «Es war hart», sagt Brulé, noch immer vom Jetlag gezeichnet, «ich habe kaum geschlafen in den letzten Tagen.»
Brulé wirkt erschöpft, aber glücklich. Er steht vor seiner ersten Saison in Europa, ist erstmals in Zürich, vom Team kannte er nur Trainer Marc Crawford, mit dem er einst im selben Club spielte, und Jeff Tambellini, dessen Vater in Edmonton sein General Manager war.
«Das ist Bono!»
Es macht ihm nichts aus, als Erstes auf die Begegnung mit Bono angesprochen zu werden. Zu erzählen, wie er mit Freundin Kelsey und Hund Bella im Westen von Vancouver unterwegs war, als er im strömenden Regen zwei Autostopper entdeckte. Wie Kelsey zuerst vorbeifuhr, er «Das ist Bono! Das ist Bono!» rief, ehe sie kehrtmachten und die beiden durchnässten Touristen aufnahmen. Wie Bono und sein Assistent mit Labrador Bella im Fond Platz nahmen. Wie Bono die beiden als Dank für die Taxidienste am nächsten Tag zum Konzert in Edmonton einlud und Brulé dafür seine Tickets fürs Auftaktspiel des Stanley-Cup-Finals verkaufte. Der Rest ist auf Youtube zu sehen. «Ich will Gilbert Brulé sein!», spricht Bono ins Mikrofon. «Dabei müsste ich doch wie er sein wollen», sagt Brulé in Oerlikon.
In Wahrheit will Brulé vor allem er selber sein – so, wie er früher war. Der produktive, gefürchtete Erstlinien-Stürmer seiner Juniorenzeit, nicht der Mann für den vierten Sturm, der er tatsächlich immer mehr wurde. Weder in Columbus noch in Edmonton oder Phoenix kam er über diese Rolle hinaus. Als ihn ZSCSportchef Edgar Salis im Januar beobachtete, stürmte er in der AHL für Oklahoma City. Am Saisonende stand er mit Phoenix im Stanley-Cup-Halbfinal, an seiner Rolle aber ändert sich nichts. «Ich bin nach Zürich gekommen, um meine Hände und das Gefühl für den Puck wiederzufinden», sagt Brulé.
Die Tattoos: Nicht nur Schmuck
Daran, dass das möglich ist, glaubt nicht nur Salis. Brulé hatte mehrere Angebote aus der Schweiz, vor allem Zug zeigte grosses Interesse. Am Ende habe Trainer Crawford den Ausschlag gegeben, erklärt der Kanadier: «Er ist ein NHL-Coach, ich bin vertraut mit ihm und seinem Stil.»
Salis freut sich über seinen Transfercoup. «Er ist ein guter Skorer und pflegt einen Kamikazestil», beschreibt er die neue Nummer 9, die am Freitag im Test gegen IFK Helsinki debütieren soll.
Bis dann dürfte der Jetlag verklungen sein und Brulé bereit für neue Taten. Die Vorfreude ist ihm ins Gesicht geschrieben, als nach dem Training seine neuen Mitspieler einer nach dem andern in die Garderobe kommen. Der Kanadier sitzt, schweisstriefend und im ärmellosen Hemd, an einem Tisch, sein Körper mit zahlreichen Tätowierungen bedeckt.
Manche wirken wie reiner Schmuck, andere zeugen von mehr. «Das ist sie», sagt Brulé und deutet mit dem Zeigefinger auf seinen rechten Oberarm, wo ein Kindergesicht prangt. Es ist Leah, seine Schwester, die mit zwölf an Zerebralparese starb. Brulé war damals neun, und die Erfahrung wirkt bis heute nach: «Ein hartes Training oder ein schlechter Tag sind nichts im Vergleich zu dem, was sie durchmachte.»
Gilbert Brulé hat viel erlebt für einen 25-Jährigen. Vielleicht ist das ein Grund für seine Körperkunst: Im Gegensatz zu Schicksalsschlägen und Erwartungen kann er über seine Tattoos selbst bestimmen. Seine Wade zieren die Namen zweier Rockstars: Jimi Hendrix und Kurt Cobain. Bono ist nicht dabei.
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