GC-Analyse André Dosé ersetzt Roland Leutwiler als Präsident – doch ist er auch besser? Von Thomas Schifferle
Verzweiflungstat auf der Grossbaustelle
In der Not und Krise reifen manchmal die seltsamsten Einfälle. Die Grasshoppers liefern dafür das neueste Beispiel: Sie befördern aus dem Nichts heraus André Dosé zu ihrem neuen Verwaltungsratspräsidenten.
Dosé ist der Name zum nächsten und auch verzweifelten Anlauf des Vereins aus Niederhasli, den Weg zu altem Glanz oder zumindest zu neuer Glaubwürdigkeit zu finden. Dosé ist nicht berühmt als Fussballfachmann, im Gegenteil, und doch passt er mit seiner Geschichte zu diesem GC: Der Rekordmeister ist diese Saison so gegroundet, wie es die Swissair mit dem darauf in der Not eingesetzten Chef Dosé im Herbst 2001 war.
Morgen Samstag wird er sich der Öffentlichkeit vorstellen, vier Stunden vor dem Meisterschaftsspiel gegen Sion. Geld im neuen Amt verdient er nicht, zumindest ist das nicht vorgesehen. Entscheidender in seinem Fall ist aber, ob er wirklich ein Krisenmanager ist oder bei GC nur sein Bedürfnis nach Öffentlichkeit auslebt.
Gegenüber Radio 24 hat Dosé gestern gesagt, er spiele noch immer bei den Veteranen Fussball. Und dass Fussball schon immer seine Leidenschaft gewesen sei. Für GC ist zu hoffen, dass er mehr zu bieten hat als ein paar Belanglosigkeiten.
Leutwilers und Sutters Einsicht
Dosé wechselt zu einem Verein, der sportlich, führungs- und imagemässig am Boden liegt. Aufbauarbeit ist gefordert nach dem kurzen Zwischenspiel unter Roland Leutwiler, der von sich aus gemerkt hat, dass er als Präsident am falschen Ort war. Bevor er sich selbst zurückzog, kam er einer letzten Pflicht nach und teilte CEO Marcel Meier die Kündigung mit. Auf diese Trennung hatten die Owner gedrängt, denen der Club gehört. Und weil der frühere Nationalspieler Alain Sutter merkte, dass er von den Entscheidungsfindungen ausgeschlossen wurde, reichte er gestern Morgen seinen Rücktritt als Vizepräsident ein.
Leutwiler war ein schwacher Präsident, als Führungskraft nicht spürbar – nicht öffentlich und, was noch fataler war, schon gar nicht intern. Meier war ein CEO ohne Leistungsausweis; Sutter würde dieser Einschätzung widersprechen, er hätte sich nie von ihm getrennt, aber Meier galt bei den entscheidenden Kräften der Owner als Blender, als Produzent von Worthülsen.
Präsident und CEO hatten im vergangenen Herbst die Idee, den FC Winterthur innert vier Jahren schrittweise zu übernehmen. Meier stellte sich deshalb auch bei FCW-Präsident Hannes W. Keller vor und tat das auf eine selbstgefällige Art, die Keller, der erfolgreiche Unternehmer, noch heute als Beleidigung empfindet. Meiers letzter Akt war auch sein zweifelhaftester: Aus Spargründen sprach er gegen zwölf Mitarbeiter vom Campus vorsorgliche Kündigungen aus.
Kein CEO, kein Coach, kein Team
Sutter wiederum, für sein 60-ProzentMandat mit rund 120 000 Franken entschädigt, verlor den Rückhalt bei den Besitzern, weil er gerade diesem Meier zu nahe war. Er nun vermutet hinter der neuesten Entwicklung einen radikalen Kurswechsel: weg von der von Leutwiler beschworenen House-ofTalent-Strategie zu einer Strategie der Investitionen, weg also vom bedingungslosen Setzen auf die hauseigene Jugend hin zur Bereitschaft, das Budget deutlich zu erhöhen. «Dieses Umdenken wäre für einen Erfolgsverein wie GC das einzig Richtige», sagt er. Und schiebt nach, das sei seine Spekulation.
Er irrt, zumindest nach Aussagen aus Owner-Kreisen. Da ist kein Investitionsschub geplant, kein Erkaufen von Erfolg, wie es einst zu diesem Verein gehörte. Wünschenswert wären frische Mittel einzig, um die aktuelle Strategie besser umsetzen zu können.
Die Owner bestimmen, was im Verein passiert. Und dieser Verein ist eine riesige Baustelle. Der Verwaltungsrat besteht noch aus drei Leuten, weil aus Solidarität zu Leutwiler auch Daniel Schweizer zurücktrat. Es gibt keinen CEO und keinen Sportchef, es braucht einen neuen Trainer und nicht zuletzt eine neue Mannschaft.
Stephan Anliker, Owner und Verwaltungsrat, Architekt und Präsident des Eishockey-B-Meisters Langenthal, führt nun eine Arbeitsgruppe (neudeutsch Taskforce), welche die Aufgaben des CEO übernimmt. Dazu gehört Thomas Gulich, der schon jetzt Arbeiten für den Verwaltungsrat erledigt hat. Gulich war einst selbst Präsident von GC, vor allem ein überforderter. Dass er jetzt wieder im Dunstkreis auftaucht, verleitet zu einem Eindruck: Den Leuten bei GC fällt nichts Neues und Besseres ein.
Die Zeit mit Ciriaco Sforza als Trainer hat gezeigt, wie schädlich es für den Verein ist, keinen vollamtlichen – und fachkundigen Sportchef zu haben. Die Transfers unter Sforza sind, abgesehen von ein paar Ausnahmen wie Innocent Emeghara, Roman Bürki und Amir Abrashi ein Desaster. Sie sind ebenso Ausdruck fehlender Geldmittel wie der Inkompetenz.
Yakin als Wunschtrainer
Ein Sportchef, wie es ihn zuletzt bis Sommer 2009 mit Erich Vogel gab, ist nun trotzdem nicht erwünscht. Die Gedanken der Owner gehen dahin, eine Kommission zu bilden – bestehend aus Leuten mit GC-Vergangenheit. Erste Namen kursieren, von Peter Meier, Marcel Cornioley, Heinz Hermann. Es wäre eine fatale Lösung, weil sie nur eine halbe Lösung ist. Sie dokumentiert auch das Dilemma, dass es in der Schweiz an fähigen Sportchefs fehlt.
Im Hintergrund schwirrt der Name eines alten Geistes herum, von Erich Vogel. Dank seiner Nähe zu Owner und Verwaltungsrat Heinz Spross ist sein Kontakt zu GC nie abgebrochen. Sein Rat soll jetzt wieder gefragt sein – wenn auch nicht in offizieller Funktion. Auch und gerade das ist eine dieser Dissonanzen, die den proklamierten Neuanfang bei GC stören. Vogel hat zuletzt kaum einen Stadionbesuch ausgelassen, ohne über alle und alles bei GC zu lästern.
Der Trainer ist bis im Sommer noch Sforza (TA vom 17. 3.). Für die alte Führung war klar, dass er dann gehen muss. «Definitiv», wie Sutter weiterhin festhält. Es gibt jetzt keinen Grund, daran etwas zu ändern. Sforza hat bei GC genug Chancen gehabt, sich als Trainer zu beweisen, und sie alle nicht genutzt. Er hat es bis heute nicht gelernt, mit Spielern verlässlich umzugehen. Von ein paar Ausnahmen abgesehen hat er sie nicht weitergebracht. Sforza macht unter dem Einfluss eines Mentaltrainers den Eindruck, als lebe er in einer anderen Welt. Er weiss um sein nahendes Ende. Sonst hätte er nicht selbst versucht, sich beim FC Zürich ins Gespräch zu bringen. Murat Yakin gilt als einer der Wunschkandidaten für seine Nachfolge bei GC.
Da ist noch die Mannschaft, schlecht zusammengestellt und betreut, überschätzt und überfordert. Es braucht keinen Smiljanic und De Ridder mehr, beide mit einer halben Million Franken masslos überbezahlt. Es braucht wieder Spieler, die nach Qualität und Konzept ausgewählt werden.
Und da sind schliesslich auch die finanziellen Probleme, die GC drücken. Der Campus bleibt eine schwere Belastung. GC sei «eine Restrukturierungsaufgabe», sagt Dosé. Schonungsvoller lässt sich das nicht ausdrücken.
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