Schweizer Fans an der WM
«Sehr schön ist es hier, alles passt: die Architektur, der ÖV, die Leute, das Essen»
Schweizer Fans sind fasziniert von Katar. Zwischen den Spielen gehen sie auf Touren, Hafenrundfahrten oder Safari. Von Kritik am Gastgeberland wollen sie wenig wissen.

Ueli Kägi (TA)
Publiziert heute um 11:39 Uhr

Vier vom «Swiss Fans Club Lumino» aus dem Tessin: Davide, Gianmarco, Michele und Toma an einem Match in Katar.
Foto: Selfie
Lumino ist ein kleines Dorf bei Bellinzona, ganz im Süden des Misox, keine 2000 Einwohner hat es. Der «Swiss Fans Club Lumino» zählt trotzdem 250 Mitglieder. Sie kommen aus dem ganzen Tessin und aus dem Kanton Graubünden. Nach Katar haben es acht von ihnen geschafft, sechs Männer und zwei Frauen.
«Sehr schön ist es hier», sagt Michele Garbani, «alles passt: die Architektur, der öffentliche Verkehr, die Sauberkeit, die Leute, das Essen.» Das klingt ein wenig wie bei einer Städtereise nach Valencia. Und das ist vielleicht auch nicht zufällig. Michele findet, die Medien hätten mit ihrer kritischen Berichterstattung zur WM in Katar übertrieben.
Die Spiele der Schweizer hat die Tessiner Reisegruppe bisher gesehen, am Freitag folgt der Serbien-Match. Schafft es die Schweiz in den Achtelfinal, möchten sie bleiben. Zwischen den Spielen sind sie auf Tour. Laufen durch die Stadt, machen eine Hafenrundfahrt, gehen auf Wüsten-Safari.
Begeistert sind sie, wenn die südamerikanischen Fangruppen für das passende Ambiente sorgen, auch beim gemeinsamen Public Viewing auf dem Kreuzfahrtschiff, das im Hafen von Doha vor Anker liegt und auf dem sie während der WM wohnen. Was sie stört an diesem Turnier? Nicht sehr viel. Die vielen Sicherheitskontrollen. Und vielleicht die 14 bis 15 Franken für ein Glas Weisswein.
Fasziniert von den Gegensätzen

Die EM 2021 hat ihnen Lust auf die WM 2022 gemacht: Trix und Daniel Zimmermann aus Visperterminen im Wallis.
Foto: Privat
Sie ist Trix. Er heisst Daniel. Vergangenes Jahr reiste das Ehepaar Zimmermann aus dem Wallis dem Schweizer Team erstmals an einer EM hinterher – bis nach Aserbeidschan. Es hat ihnen so gut gefallen, dass sie jetzt an ihrer ersten WM sind. Trix sagt: «Bestimmt ist hier nicht alles gut. Aber das ist bei uns auch nicht der Fall.»
Sie sind auf das zweite Schweizer Spiel hin nach Katar geflogen. Sie ist fasziniert von den Gegensätzen in Doha. Hier die imposante Skyline, in den vergangenen 20 Jahren aus dem Boden gestampft. Und gleich daneben vergleichsweise winzige Häuser wie auf dem Souq Waqif, dem 2006 restaurierten traditionellen Markt. Hier 300’000 Einheimische, dort rund 3 Millionen Gastarbeiter.
Nur in einem hat sie sich getäuscht. Die Stadien liegen zwar alle relativ nah, die Anreise mit Taxi oder U-Bahn braucht aber doch Zeit. Sie sagt: «Ein Matchbesuch ist aufwendiger, als ich gedacht habe.»
Schreckmoment vor dem Stadion

Zwei Herzen: Leda und Rolf Schellenberg auf der Tribüne beim Spiel Brasilien - Schweiz.
Foto: Privat
Leda und Rolf Schellenberg sind keine riesigen Fussballfans. Sie haben sich sehr spontan und nach der Gruppenauslosung entschieden, an die WM zu reisen. Sie ist gebürtige Brasilianerin, er ist Schweizer. Seit 30 Jahren sind sie verheiratet.
2006 sind die beiden von Wallisellen nach München gereist, um die WM-Atmosphäre zu geniessen, an einem Match waren sie damals aber nicht. Bei der Partie zwischen der Schweiz und Brasilien waren sie nun erstmals im Stadion. Sie mussten dafür einen Schreckmoment überstehen. Durch ein Malheur wurde das Handy mit den gespeicherten elektronischen Tickets nass und setzte einen Moment lang aus.
Rolf hat die Berichterstattung rund um diese WM intensiv verfolgt, er ist selbst kritisch gewesen gegenüber dieser Veranstaltung. Nach drei Tagen in Doha traut er sich noch keine Einschätzung zu, was er nun von diesem Turnier und dem Land halten soll. Was er bisher gesehen hat, gefällt ihm aber: Das Klima findet er wunderbar, und die Leute seien ausserordentlich freundlich.
Leda hätte sich über ein 1:1 im Match zwischen ihrer alten und der neuen Heimat gefreut, jetzt hofft sie auf ein zweites Spiel zwischen der Schweiz und Brasilien – im Final. Weil es ihr in Doha gut gefällt, möchte sie die Reise gerne verlängern. Gebucht haben sie eigentlich nur bis nach dem Match gegen Serbien.
Der Routinier: 19 Spiele in 19 Tagen

Viel mehr WM geht nicht: Peter Meier (im weissen Hemd) und seine Freunde beim Spiel zwischen England und Wales. Das Selfie schiesst Roman Hangarter, früherer Nachwuchschef von GC und jetzt beim FC Lugano.
Foto: Privat
Peter Meier ist aus Südamerika eingeflogen, um die WM in Katar zu erleben. Meier ist ein WM-Routinier. Aufgrund der Begleitumstände nicht nach Katar zu gehen, hat er sich nicht vorstellen können. Dafür ist er zu sehr Fussballfan.
Seit seiner Pensionierung vor anderthalb Jahren lebt Meier in Brasilien, der Heimat seiner früheren Frau. Es ist sein zwölftes grosses Turnier, die sechste WM. Die Schweizer Partien nimmt er gerne mit, dann trägt er auch das rote Trikot, sie stehen aber nicht im Zentrum.
Er möchte Spiele mit grossen Teams und guter Atmosphäre sehen. Möglichst viele Spiele. 19 Mal in 19 Tagen wird er bis zu den Viertelfinals im Stadion sein, dann reist er wieder ab. Irgendwann wird es auch für ihn zu lang. Nur einmal ist er bisher bis zum Final geblieben, 2014 in Brasilien, als er 21 Spiele sah. Das war damals auch sehr praktisch: Er besitzt eine Wohnung in Rio.
Vier Freunde aus dem Raum Schwamendingen, Dietlikon, Dübendorf sind mit Meier in Katar, sie reisen schon seit Jahren zusammen an Welt- und Europameisterschaften. Mit dabei ist auch Roman Hangarter, bis in diesem Frühjahr Nachwuchschef bei GC, jetzt Leiter Academy beim FC Lugano. Knapp 7000 Franken kostet die Reise pro Person inklusive Tickets und ohne Mahlzeiten, wobei Hangarter etwas günstiger wegkommt, weil er früher abreist. Die Gruppe übernachtet in zwei Wohnungen mit je drei Schlafgelegenheiten, Meier hat wie immer die Reise und Tickets organisiert.
Wenn die Verkaufsportale öffnen, sitzt er stundenlang vor dem Computer, vor sich die Kreditkartennummern von sich und seinen Kollegen. Für Katar sei es vergleichsweise einfach gewesen, Karten zu bekommen. Und was Meier nicht in der ersten oder zweiten Verkaufsphase ergattern konnte, sichert er sich auch in diesem Tagen noch auf dem offiziellen Wiederverkaufsportal.
Eine Hälfte Rot, die andere Hälfte Gelb

Fussball, Familie und Pokal: Daniel, seine Frau Edien und die beiden Kinder.
Foto: Privat
«Ich liebe Fussball über alles, und für Fussball würde ich alles geben», sagt Daniel. Er ist Unternehmer und wohnt mit seiner Familie im Appenzell. Jetzt ist er zusammen mit seiner brasilianischen Frau Edien und den kleinen Kindern Eric und Elen in Doha. Für ihn ist es die dritte WM. Edien hat er am Turnier 2014 kennen gelernt. 2018 war er in Russland.
Beim Brasilien-Match sass die gesamte Familie im Stadion, die eine Hälfte im Schweizer Rot, die andere Hälfte im brasilianischen Gelb. Sonst geht Daniel alleine, gebucht hat er die Schweizer Spiele. Bleibt die Mannschaft im Turnier, werden die Ferien verlängert. Ist kein Fussball, macht die Familie Ausflüge, zum Beispiel mit dem Taxi zum Kamelreiten in die Wüste. Auch er ist nicht gekommen, um Kritik zu üben am Gastgeberland. Die Zeit in Doha findet er «sensationell».













