Der Wert des Musterschülers
Zum Playoff-Start bewies Reto Schäppi, dass er bereit ist, beim ZSC mehr Verantwortung zu übernehmen.
Von Etienne Wuillemin, Zürich
Es ist Zeit für erste Frühlingsgefühle. Bob Hartleys Laune ist am Tag nach dem gelungenen Playoff-Auftakt so blendend wie die Sonne. «Ich will das Wetter geniessen, gehen wir nach draussen», weist der ZSC-Trainer die Journalisten nach dem freiwilligen Vormittagstraining an. Das 4:2 in Davos zum Viertelfinalauftakt zeugt von der ansteigenden Formkurve seines Teams. Etwas, worauf Hartley gern verweist. 8 der letzten 11 Spiele haben die Zürcher gewonnen. «Darunter ein Sieg in Kloten, ein Sieg in Zug und nun einer in Davos.» Er gerät ins Schwärmen, sagt, «ich denke, wir sind das am härtesten arbeitende Team der Liga. Nun ist es Zeit für die Dividende.»
Hartleys gute Laune hat viel mit Reto Schäppi zu tun. Der Stürmer rückte in Spiel 1 nach dem Ausschluss von Domenico Pittis auf, riss das Spiel an sich und schoss das 2:2. «Es war unser wichtigstes Tor dieser Saison», lobt Hartley. Und auch Pittis sagt anerkennend: «Schäppi ist aufgestanden, hat die Lücke geschlossen und das Team zum Sieg geführt. Erstaunlich für sein Alter.»
«Ich bin kein Opfer»
21 Jahre jung ist Schäppi, doch er wirkt schon erstaunlich ruhig und überlegt. Und es fällt ihm leicht, die Bescheidenheit auch so zu wahren, dass es nicht aufgesetzt wirkt. Er fühle sich auch in der defensiveren Rolle der vierten Linie wohl, betont er. «Zumal ich viel Boxplay spielen darf.» Zwei Saisons verbrachte Schäppi im Farmteam GCK Lions. So richtig Fahrt auf nahm seine Karriere dann unter Bengt-Ake Gustafsson, der ihm vor einem Jahr viel Verantwortung übertrug, weil er seine defensive Verlässlichkeit schätzte. «Die Zeit mit Gustafsson war wichtig für mein Selbstvertrauen. Er hat mir Schub verliehen», blickt Schäppi zurück.
Davon profitierte er auch zu Beginn dieser Saison. Er war einer der Besten in einem Team, das lange enttäuschte. Doch es kamen auch für ihn schwierige Wochen. Luca Cunti kehrte von einer Verletzung zurück, Andres Ambühl wechselte vom Flügel in die Mitte, der ZSC verpflichtete Michael Nylander. Die Folgen: Schäppis Eiszeit reduzierte sich drastisch. Zudem schmerzte nach der U-20-WM seine Hüfte, die schon seit geraumer Zeit seine Schwachstelle ist. «Ich bin kein Opfer der Umstände», sagt der Zürcher. «Es fehlte mir der Saft. Niemand anders ist schuld an meiner Situation.» Dieser Satz ist typisch für den gross gewachsenen Center, der die Matura besitzt und sich überlegt, ab Sommer neben dem Eishockey ein Studium aufzunehmen. «Seine Einstellung verdient Respekt», sagt Pittis, der heute in Spiel 2 im Hallenstadion wieder dabei ist. Auch die Rückkehr von Mittelstürmer und Konkurrent Morris Trachsler zum ZSC auf die nächste Saison spornt Schäppi höchstens an.
Für Hartley ist dieser ein Musterschüler. «Wenn ich ihm ein Video zeigen will mit einem Fehler, weiss er schon im Vornherein, was kommt», sagt der Trainer. Schäppi erzählt, er schaue sich vor allem von einem Schweizer Spieler viel ab: von Reto von Arx. Wann die beiden wieder aufeinandertreffen, ist wegen der Fingerverletzung des Davoser Antreibers fraglich. Aber für Schäppi ist klar, dass die Duelle zwischen ZSC und HCD nur noch intensiver werden. «Wir müssen sie weiterhin überrumpeln, aggressiver und härter sein», sagt er, «dann kommt es gut.» Dem widerspricht Trainer Hartley nicht. «Aber», fügt er noch an, «wir brauchen weiterhin einen grosszügigen Genoni.»
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