Die ZSC Lions verleben bis jetzt eine Saison fast ohne Sorgen – wäre da nicht das Politikum Chris Baltisberger
Die ZSC Lions trotzen ihrem Mammutprogramm, siegen auch in Davos und stürmen weiter Richtung Tabellenspitze. Das einzige Fragezeichen betrifft die Zukunft der Identifikationsfigur Chris Baltisberger.
Nicola Berger 04.12.2022, 19.00 Uhr (NZZ)
Publikumsliebling und ZSC-Identifikationsfigur: Chris Baltisberger.
Jean-Christophe Bott / Keystone
Am Sonntag siegten die ZSC Lions in Davos 4:1, es war ein bemerkenswerter Schlusspunkt nach einem Mammutprogramm mit sechs Partien innert acht Tagen. Der ZSC muss Spiele aufholen, die er im Herbst nicht absolvieren konnte, weil die neue Swiss-Life-Arena noch nicht bezugsbereit war. Für den Januar sind 13 Spiele angesetzt, zurzeit versuchen die Verantwortlichen im Dialog mit der Liga, den Dichtestress mittels Spielverschiebungen zu verringern.
Die Anstrengungen der letzten Woche hat sich der ZSC in Davos nicht anmerken lassen. Generell verlebt der Klub bisher eine sorgenfreie Saison; es ist kein Vergleich mit dem Vorjahr, als der Trainer Rikard Grönborg im Dezember nach einer Reihe miserabler Auftritte beinahe entlassen worden wäre. Inzwischen hat der Coach seinen Abschied per Saisonende selber forciert, er wird zum finnischen Rekordmeister Tappara Tampere wechseln. Die Suche nach einem Nachfolger läuft, es gibt kein Zeitfenster. Der Sportchef Sven Leuenberger sagt nur: «Wenn wir den richtigen Mann finden, werden wir ihn unter Vertrag nehmen. Das ist bis jetzt noch nicht passiert.»
Der Transfer von Dean Kukan ist bis jetzt ein Volltreffer
Der ZSC wirkt seit der Ankündigung von Grönborgs Abschied von Ende Oktober wie ein Team, das befreit aufspielt. Und auffallend oft gewinnt: Nach Verlustpunkten ist der ZSC Leader. Er stellt hinter Genf/Servette das zweitbeste Powerplay der Liga, gewinnt am meisten Bullys und kann sich mit Simon Hrubec auf jenen Torhüter verlassen, der die höchste Fangquote aufweist. Die Abhängigkeit in der Offensive von einem einzigen Akteur, wie 2021/22 von Denis Malgin, scheint passé. Mit Lucas Wallmark, Sven Andrighetto sowie den Verteidigern Mikko Lehtonen und Dean Kukan hat ein Quartett bereits die Marke von 20 Skorerpunkten erreicht. Der Nationalspieler Kukan, 29, im Sommer aus Columbus zurückgeholt, hat sich als Volltreffer erwiesen, er war in dieser ersten Saisonhälfte der wahrscheinlich beste Verteidiger der Liga.
Auch was die Zukunft anbelangt, läuft bis jetzt alles nach Plan: Die Verträge von Patrick Geering, Denis Hollenstein und Willy Riedi wurden frühzeitig verlängert. Gerade im Seilziehen um Riedi, bisher die Entdeckung der Saison, hatten sich mehrere Konkurrenten in Stellung gebracht. Der junge Angreifer aber sagt: «Das Gesamtpaket in Zürich war am besten. Ich habe momentan die perfekte Rolle. Ich fühle mich dem Klub verbunden und habe hier meine Familie und Freunde. Man kann mit dem ZSC jedes Jahr Meister werden. Es ist schwierig, diesen Mix zu toppen.» Riedi, 24, wirbelt derzeit neben den Ausländern Wallmark und Alexandre Texier, er hat in 21 Partien 16 Skorerpunkte gesammelt.
Es gab eine Zeit, in der diese Rolle von Chris Baltisberger bekleidet worden wäre. Baltisberger, 31, ist in diesen Tagen so etwas wie das einzige sportliche Politikum im Verein. Er hat seine ganze Karriere im ZSC verbracht und steht in seiner 13. Saison. Baltisberger ist ein verdienter Spieler, ein Vorkämpfer und Publikumsliebling. Als der ZSC vor zwei Wochen ein Champions-Hockey-League-Heimspiel absolvierte, entrollten Anhänger zwei Spruchbänder: «Söldner über Identifikationsfigure stelle & dänn vo ‹Mir sind Züri› rede.» Und dann: «De Chris ghört zum ZSC.»
Ohne Lohnverzicht dürfte es mit einem Verbleib von Chris Baltisberger schwierig werden
Es war eine ziemlich unverhohlene Aufforderung, den auslaufenden Vertrag mit Baltisberger, der am Sonntag in Davos der Siegtorschütze war, zu verlängern. Der ZSC würde das grundsätzlich gerne tun, doch es gibt Hindernisse. Unter Grönborg ist Baltisberger derzeit die Nummer 12 in der Stürmerhierarchie, er erhält durchschnittlich nur knapp elf Minuten Eiszeit. Es ist eine Rolle, die nicht mit dem Salär des kräftigen Flügelstürmers korrespondiert. Und niemand weiss, ob sich das im Herbst der Karriere noch einmal ändern wird – Verletzungen haben ihm zugesetzt und sein Tempo beeinträchtigt.
Niemand bestreitet die Bedeutung dieses Spielers für den Team-Kitt, seinen Wert als emotionaler Leader, der die Gabe hat, diese Mannschaft mit Checks oder Toren aufzuwecken. Aber es ist nachvollziehbar, dass das ZSC-Management ihn nicht wie einen Zweitlinienspieler bezahlen will. Es ist nicht einfach einzuschätzen, welchen Marktwert Baltisberger hat – zumal in der aktuellen Situation, in der ganzen Liga herrscht Zurückhaltung wie nie zuvor, im Hinblick auf die nächste Saison steht erst ein einziger Transfer fest. Doch klar scheint: Ohne Lohnverzicht dürfte es für Baltisberger mit einem Verbleib in Zürich schwierig werden.