Ausverkauf – mit 50 Prozent für den FCZ
Mit Alphonse’ Abgang verlieren die Zürcher weiter an Substanz. Und nur die Hälfte der Transfer-Gesamteinnahmen geht an den Klub.
Von Peter Bühler
Fredy Bickel, wie viel Spass macht es, über eine volle Kasse und ein Spielerkader ohne Perspektiven zu verfügen? Der Sportchef des FC Zürich fühlt sich ob der Frage weder provoziert noch brüskiert. Er versteht die Bedenken und Ängste unter den Anhängern, Sponsoren und Gönnervereinigungen wegen des Ausverkaufs der letzten Wochen. Anderseits bemerkt er, dass die Klubführung in der Winterpause nur das getan habe, was sie schon lange angekündigt hatte: Die Veränderung der Mannschaft, den Umbau des Kaders. Nur sagt Bickel: «Ich hätte nie erwartet, dass die Wechsel in dieser hohen Kadenz erfolgen würden.»
Fünf Stammspieler verliessen den Klub in den letzten zwanzig Tagen – und jeder Transfer hatte seine eigene Geschichte. Ein Wechsel von Admir Mehmedi hatte sich seit der U-21-EM im Sommer abgezeichnet, der Abgang von Ricardo Rodriguez wurde im Verlauf der Vorrunde immer wahrscheinlicher. Sie verdienen in Kiew respektive Wolfsburg ein Vielfaches ihres Gehalts beim FCZ. Bickel hätte beide gern noch bis Sommer in Zürich gehalten, gleichwohl sagt er nicht ohne Stolz: «Wir verlieren zwei Spieler, die im Verein gross geworden sind. Und auch wenn der FCZ damit ein weiteres Stück seiner Zürcher Identität einbüsst, sprechen die Transfers für die gute Nachwuchsarbeit im Klub.» Dusan Djuric entliess der FCZ aus seinem bis Sommer laufenden Vertrag, weil der Schwede in Gesprächen mit dem Verein stets bekräftigt hatte, er werde den FCZ im Sommer auf jeden Fall verlassen. Dann wäre er ablösefrei gewesen.
Hunger, aber kaum Erfahrung
Nicht unbedingt gerechnet hatte Bickel mit den Abgängen von Xavier Margairaz und Alexandre Alphonse, obwohl auch deren Verträge per 30. Juni 2012 endeten. Der 28-jährige Spielmacher verliess die Mannschaft Hals über Kopf im Trainingslager in der Algarve, weil ihm Sion einen Vertrag über dreieinhalb Jahre anbot – offenbar mit einem Fixum von 700 000 Franken pro Saison. Damit sei seine Zukunft abgesichert, liess er die Klubverantwortlichen und vor allem seinen Zimmerkollegen Alexandre Alphonse wissen. Der bald 30-jährige Stürmer unterschrieb am Dienstagabend mit ähnlicher Begründung wie Kumpel Margairaz kurzerhand für zweieinhalb Saisons in Brest. Bickel zieht ein schonungsloses Fazit: «Der FCZ hat innerhalb von nur drei Wochen sehr viel an spielerischer Substanz verloren.»
Den fünf Abgängen stehen bis anhin drei Zuzüge gegenüber. Der Montenegriner Asmir Kajevic soll Margairaz ersetzen, der Brasilianer Pedro den Schweden Djuric. Beide sind erst 21-jährig, aber Bickel ist von ihnen überzeugt: «Sie werden beim FCZ eine gute Zukunft haben.» Am schwersten zu beurteilen ist für ihn der neue 1,93 m grosse Stürmer Ramazotti (23), auch er Brasilianer. Ihm fehlen nach zweimonatiger Pause Spielpraxis und Fitness. «Er wird Zeit benötigen», weiss der Sportchef. Er sieht in den vielen Veränderungen durchaus die Chance, die Genügsamkeit und den Minimalismus, die sich während der Vorrunde in breiten Teilen des Kaders eingenistet hatten, zu vertreiben. Bickel ist überzeugt: «Die neuen Spieler sind viel hungriger nach Erfolgen als die meisten, die uns verlassen haben.»
Glarner als nächster Kandidat
Gleichzeitig kündigt er weitere Transfers an. Ein Stürmer soll noch verpflichtet werden, dazu ein Allrounder für die Aussenpositionen im Mittelfeld. Erster Kandidat dafür ist Stefan Glarner von Sion, den der FCZ vorerst leihweise bis Saisonende verpflichten möchte. Um den ehemaligen Thuner buhlt auch St. Gallen. Die Ostschweizer sollen 300 000 Franken für eine definitive Übernahme bieten. Bickel lässt sich nicht verdriessen: «Wenn Glarner nicht kommt, dann hat der FCZ genügend Zeit, Alternativen zu finden.» Die Frist für Transfers aus dem Ausland endet am Dienstag, in der Schweiz sind Übertritte bis Mitte Februar möglich.
Sicher zwei Saisons schuldenfrei
Geld genug für weitere Zuzüge sollten die Zürcher haben – auf den ersten Blick. Auf rund 17 Millionen Franken belaufen sich die Transfer-Gesamteinnahmen. Nur: Beileibe nicht der ganze Betrag fliesst in die FCZ-Kasse. Verschiedene Privatpersonen, darunter der langjährige Präsident Sven Hotz und der frühere Vizepräsident René Strittmatter, hatten den FCZ bei der Finanzierung der fünf Spieler nachhaltig unterstützt. Nun partizipieren sie auch entsprechend an den Einnahmen aus dem Weiterverkauf. Der Klub wird sich mit rund der Hälfte des Ertrags zufriedengeben müssen. Immerhin genügen die gut acht Millionen Franken, um zwei Saisons ohne Europacup-Teilnahme schuldenfrei zu überstehen. Doch das könne kein Ziel sein, sagt Bickel: «Der FCZ will jede Saison in den Europacup – sogar noch in dieser.»
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