Ausländer-Diskussion im Eishockey
«Wir können Schweizern nun eher Nein sagen»
Nach der Ausländer-Revolution ist der Unmut im Schweizer Eishockey gross. Und doch gibt es einige markante Gegenstimmen. Biels Sportchef Martin Steinegger zum Beispiel.

Kristian Kapp (TA)
Publiziert heute um 15:35 Uhr

Gedanken über das Schweizer Eishockey: Biels Sportchef Martin Steinegger.
Foto: Urs Lindt (Freshfocus)
Seit dieser Saison dürfen die Clubs der höchsten Schweizer Liga sechs statt vier Ausländer pro Spiel einsetzen. Das hat bereits Auswirkungen für die Schweizer Spieler. Einerseits auf die Goalies, denn 5 der 14 Teams setzen auf Importspieler im Tor. Andererseits bei den begehrten Plätzen im Powerplay, von denen nun 15 weniger für Schweizer zur Verfügung stehen – «nur» 15, da nicht alle Teams jeden ihrer Ausländer im Überzahlspiel einsetzen. Das Gespräch mit Martin Steinegger in voller Länge im «Eisbrecher»-Podcast.
Beim Verband und in der Nationalmannschaft, bei den Schweizer Spielern, aber auch bei vielen Fans stösst die Erhöhung der Importplätze auf Ablehnung. Nicht aber bei vielen Clubverantwortlichen. Martin Steinegger zum Beispiel ist ein Befürworter von sechs Ausländern pro Team. Der Sportchef des EHC Biel erklärt im «Eisbrecher», dem Eishockey-Podcast von Tamedia, warum dies der Fall ist.
Die Niveaufrage
Es ist dieser eine Punkt, der sich auch von den grössten Gegnern von sechs Ausländern nicht wegdiskutieren lässt: «Dass Aufsteiger Kloten eine so gute Rolle spielt, hat auch mit den Ausländern zu tun. Das Niveau ist höher geworden», nennt Steinegger ein Beispiel.
Die Kostenfrage
Ursprünglich war die Idee hinter der Erhöhung der Wille, die Spielerlöhne nach unten zu treiben. Billigere Imports hätten Druck auf die häufig sehr gut oder gar überbezahlten Schweizer Spieler machen sollen. Nun ist es anders gekommen. Wegen des Ukraine-Kriegs waren plötzlich vor allem massenhaft Top-Schweden und -Finnen aus der russischen KHL zu haben, die sich die Schweizer Clubs normalerweise nicht leisten könnten. Billig sind sie immer noch nicht, aber erschwinglich für die NL-Budgets.
Auch Steinegger gesteht, dass darum die Gesamtlohnsumme nicht tiefer wurde. Er verweist aber auch darauf, dass dafür, wie in einer ursprünglichen Lösung geplant, deutlich mehr Ausländer hätten verpflichtet werden müssen. «Nur mit deren zehn oder sogar der totalen Öffnung kann man da etwas bewirken: Weil du dann wirklich auch billigere ausländische Rollenspieler holen kannst.»
Dennoch sieht Steinegger auch mit «nur» sechs Imports bereits Tendenzen, um angepasste Verhandlungsgespräche mit Spielern führen zu können: «Die Clubs können nun eher Schweizer Spielern Nein sagen, weil wir einen grösseren Markt haben für die wichtigen Positionen.»
Die Ausgeglichenheit auch als Druckmittel

Ausländer, die ohne Ukraine-Krieg kaum aus der KHL in die Schweiz gekommen wären: Klotens finnischer Stürmer Miro Aaltonen ist einer dieser Spieler.
Foto: Salvatore Di Nolfi (Keystone)
Die Anforderung gerade an junge Schweizer ist höher geworden. Da im Kader zwei Plätze weniger zur Verfügung stehen, müssen sie heute besser sein für die gleiche Rolle. Steinegger geht einen Schritt weiter: «Das gilt nicht nur für die Jungen. Um nur schon in ein NL-Team zu kommen, braucht es nun mehr. Ich finde, das ist für die Gesamtentwicklung positiv.»
Auch darum hätten sich Gespräche mit Spielern verändert: «Um von einer Tendenz zu sprechen, ist es noch zu früh. Aber die Spieler fragen nun schon vermehrt nicht nur nach dem Lohn, sondern8 auch nach der Rolle, die ein Club anbieten kann.» Steinegger prophezeit darum künftig noch grössere Ausgeglichenheit: «Die Jungen müssen sich nun überlegen, ob sie die gewünschte Rolle nicht zunächst eher in einem kleineren Club wie Langnau, Ambri oder Biel erhalten. Eine gute Karriereplanung wird extrem wichtig. Und auch das ist für mich eine positive Entwicklung für das Schweizer Eishockey.»
Die Rolle der Löhne in der Schweiz
Schweden hat gegenüber der Schweiz dank guter TV-Verträge aufgeholt, zumindest was die Löhne der Top-Spieler angeht. In der Breite oder im Gesamtvergleich mit Finnland verdient man in der National League aber nach wie vor deutlich besser. Nach der NHL und der KHL ist die NL die Liga mit den dritthöchsten Durchschnittslöhnen.
«Finnland ist ein gutes Beispiel für den Antrieb der jungen Spieler. Sie wollen raus aus ihrer Liga, wollen in die NHL oder in die Schweiz», sagt Steinegger. «Der finanzielle Antrieb ist nicht leistungsschädigend, wenn du weiterkommen willst. In der Schweiz hingegen ist es vergleichsweise einfacher, zu einem guten Lohn zu kommen.»
Die Schweizer Nationalmannschaft
Der Grund für die Sorge bei Nationalmannschaft und Verband ist bei sechs Ausländern klar: Die Anzahl potenzieller Nationalspieler könnte immer kleiner werden, wenn in der Liga die guten Rollen vermehrt von Ausländern eingenommen werden. Auf gewissen Positionen wie Goalie, Powerplay-Verteidiger an der blauen Linie oder Center teilt Steinegger diese Sorgen: «Dass im Moment nicht viel an jungen Spielern nachkommt, hat aber nichts mit den sechs Ausländern zu tun, sondern eher mit Versäumnissen in der Ausbildung.»
Sportchefs und Cheftrainer der NL-Teams sind in erster Linie Clubangestellte mit der Aufgabe, sportlichen Erfolg zu haben. Mit einer Portion Zynismus lässt sich sagen, dass es nicht sie sind, die für eine gute Nationalmannschaft zu sorgen haben. Doch wie wird die Situation in fünf bis zehn Jahren für die Clubs sein, wenn sie sich zu sehr auf die Gegenwart konzentrieren und nur den aktuellen Erfolg suchen würden?
«Wir müssen weiterhin auch durchaus schmerzhafte Diskussionen führen», sagt Steinegger. «Wie sieht die Zukunft der zweithöchsten Liga aus? Wie unsere älteste Juniorenstufe? Wir müssen Lösungen finden, wie wir Spieler bis zu 24 Jahren ausbilden können.» Denn so sehr die Besten von der grösseren Konkurrenz durch noch mehr gute Ausländer profitieren dürften, stellt sich die Frage, ob die «Spätzünder», die in der Schweiz immer wieder vorkamen, und generell die Breite nicht darunter leiden.


