Vom ZSC-Star zum NHL-Reservisten: Für Denis Malgin ist sein zweites Abenteuer in Nordamerika auch eine Geduldsprobe
Nach einem herausragenden Jahr bei den ZSC Lions ist Denis Malgin im Herbst in die NHL zurückgekehrt – und verfolgt seinen Traum vom Durchbruch, obwohl er in Toronto weniger verdient als in Zürich.
Nicola Berger, Los Angeles01.11.2022, 11.34 Uhr (NZZ)
Wichtiges Erfolgserlebnis: Denis Malgin erzielt in Anaheim sein zweites Saisontor.
Alex Gallardo / AP
Es ist Samstagnachmittag in der Crypto.com-Arena in Los Angeles, und Denis Malgin sagt etwas verwundert: «Hm, Fiala in der dritten Linie?» Malgin, 25, gastiert mit den Toronto Maple Leafs in Kalifornien, das Duell gegen die Los Angeles Kings und seinen Nationalmannschaftskollegen Kevin Fiala steht an.
Doch während Fiala auf dem Eis herumkurvt und zwei Skorerpunkte produziert, sitzt Malgin im feinen Zwirn auf der Medientribüne. Zehn Partien hat Toronto in dieser Saison bestritten, vier Mal war Malgin überzählig. Er lächelt und sagt: «Ich kann nicht mehr machen als versuchen, mich aufzudrängen.»
Malgin, 25, ist im Sommer nach zwei überragenden Jahren in der National League in die NHL zurückgekehrt. Bei den ZSC Lions war er 2021/22 der beste Schweizer Skorer der Liga, an der WM in Helsinki sammelte er am meisten Punkte aller Spieler seines Teams. Es war ein eindrückliches Bewerbungsschreiben für die NHL. Toronto nahm ihn für ein Jahr unter Vertrag, Malgin verdient 750 000 Dollar, die Hälfte davon entfällt für Steuern.
Finanziell wäre es für Malgin lukrativer gewesen, im ZSC zu bleiben, doch er sagt: «Ich bin nicht wegen des Geldes hier. Die NHL ist mein Traum.» Gerade sei er vier Tage in Las Vegas gewesen, «eine wahnsinnige Stadt», es mangelt in der NHL nicht an Reizen. Und natürlich ist einer davon, sich mit den besten Spielern der Welt zu messen.
Es ist sein zweiter Anlauf, der erste begann 2016 bei den Florida Panthers, dem Team, das ihn einst in der vierten Runde gedraftet hatte. 19 war Malgin bei seinem Debüt, ein Teenager mit mehr Talent als Muskeln. Heute, sagt er, sei fast alles anders: «Ich bin viel reifer geworden. Und nicht mehr nervös. Ich mache mir nicht zu viele Gedanken, ob ich spiele. Vielleicht liegt es daran, dass ich inzwischen schon habe zeigen können, dass ich etwas kann.» Es wirft ihn heute nicht aus der Bahn, wenn man ihm sagt, dass er einmal nicht spielen werde.
In der Nacht auf vergangenen Montag erzielte Malgin gegen die Anaheim Ducks ein Tor.
Youtube/NHL
Die Toronto Maple Leafs haben seit 2004 keine Play-off-Serie mehr gewonnen – der Druck ist enorm
Malgins Pech ist, dass er sich den Arbeitgeber nicht frei aussuchen konnte, weil seine Rechte noch zwei Jahre bei den Maple Leafs liegen. Einer Organisation, die unter enormem Druck steht und nicht die Zeit hat, mit jüngeren Spielern Geduld zu haben. Der letzte Titel datiert von 1967, die letzte gewonnene Play-off-Serie von 2004. Es ist ein Armutszeugnis für den neben Montreal leidenschaftlichsten, traditionsreichsten und lukrativsten Eishockeymarkt der Welt.
Die Warteliste für Saisonabonnements ist so lang, dass es oft mehr als fünfzig Jahre dauert, bis man zum Zug kommt. Der Druck auf den 2018 eingesetzten General Manager Kyle Dubas und dessen Trainer Sheldon Keefe ist enorm, was sich auch im Umgang mit den Spielern niederschlägt. Die Leine ist kurz, wer nicht sofort und konstant gute Leistungen abliefert, wird ausgetauscht, auch wenn der Coach Keefe vor einigen Wochen sagte, Malgin werde «eine faire Chance erhalten, sich zu beweisen».
Malgin begann die Saison an der Seite des Star-Centers John Tavares. Zum Saisonauftakt gegen Montreal erzielte er einen Treffer, dann blieb er drei Spiele ohne Punkt. Und fand sich auf der Tribüne wieder. Er sagt: «Der Coach hat mir mitgeteilt, dass er rotieren wolle.» Das war die ganze Erklärung; kein: Hier musst du dich verbessern, darauf sollst du achten. Aber es läge Malgin fern, sich zu beschweren, er sagt: «So ist das in der NHL, es ist für alle überzähligen Spieler gleich.»
«Nach Hause kommen kann ich immer»
Malgins Situation könnte von jener im ZSC nicht weiter entfernt sein. In Zürich war er der wichtigste Stürmer, der unumstrittene Erstlinien-Center mit 20 Minuten Eiszeit pro Abend. Wenn er in Toronto spielt, ist es auf dem Flügel meist nur die Hälfte davon. Es ist nicht einfach, so einen Rhythmus zu finden und Leistung zu erbringen. Die Frage ist, ob er die Saison auch dann durchzieht, wenn sich den Winter über nichts ändert. Oder ob er zum ZSC zurückkehrt, wo er noch immer einen Vertrag hat. Es wäre ein Transfer, der die Meisterschaft entscheiden kann.
Malgin überlegt kurz, dann sagt er: «Im Moment denke ich nicht so weit voraus. Ich kann auch nicht in die Zukunft blicken und sagen: Das würde ich machen, wenn dies und das passiert. Ich will mich hier durchsetzen und gebe mir dafür auch Zeit, ich bin erst 25. Nach Hause kommen kann ich immer.»
Den Sommer hat er in Zürich verbracht, zusammen mit Fiala und den anderen Zürcher NHL-Exporten Jonas Siegenthaler (New Jersey Devils) und Pius Suter (Detroit Red Wings) hielt er sich unter anderem bei den GCK Lions fit. Er sagt, er habe Zeit gebraucht, um das schmerzhafte Saisonende mit dem ZSC zu verarbeiten, diesen historischen Kollaps im trotz einer 3:0-Führung noch verlorenen Play-off-Final gegen den EV Zug. Er sagt: «Es war alles so bitter. Wenn du 3:0 führst, darf dir das einfach nicht passieren.»
Das Wiedersehen mit Auston Matthews, dem Weggefährten aus alten ZSC-Tagen
Es lässt sich nicht mehr ändern, der Fokus liegt auf der Zukunft, darauf, mit den Leafs Geschichte zu schreiben. Das Team ist erstklassig besetzt, vor allem im Angriff, unter anderem mit Auston Matthews, dem letztjährigen Torschützenkönig der NHL. Auch Matthews ist 25, als er 2015/16 eine Saison lang in Zürich stürmte, war Malgin einer seiner Teamkollegen.
Die beiden verstehen sich gut, Matthews nannte den Schweizer kürzlich einen «knackigen Spieler», und Malgin sagt, sie würden regelmässig über den ZSC reden, über die Schweiz. Matthews, Tavares, Mitchell Marner, William Nylander: Vier Plätze an der Sonne sind in diesem Leafs-Team schon vergeben, der Konkurrenzkampf ist enorm. Doch einen Tag nachdem er in Los Angeles nicht berücksichtigt worden ist, spielt Malgin wieder – und erzielt bei einer neuerlichen Leafs-Niederlage sein zweites Saisontor. Er trifft nach einer famosen Vorlage Nylanders und überwindet Anaheims Goalie John Gibson, einen der besten seiner Zunft, mit einem Backhand-Schuss so stilsicher, als hätte er nie etwas anderes getan.
Malgins Saison ist bis anhin eine Achterbahnfahrt, ein wilder Ritt ohne Netz und doppelten Boden. Er hat einige Fürsprecher in der Branche; Chuck Fletcher, der General Manager der Philadelphia Flyers, nannte ihn an der WM einen «dynamischen Spieler». Es ist nicht auszuschliessen, dass Malgin, dieser elegante, tempofeste Edeltechniker, in der NHL bald Feuer fängt – sei das in Toronto oder anderswo. Und dass in ein paar Jahren bei einem nächsten Rendez-vous in Los Angeles Kevin Fiala beim Studium eines Matchblatts die Augenbrauen hochzieht und sagt: «Hm, Malgin nur in der dritten Linie?»