Der Grössenwahn ist in Bern angekommen:
YB will an der Welt Mass nehmen
Die Investoren ersetzen überraschend CEO Stefan Niedermaier, der den Traditionsklub in den letzten Jahren wieder an die Spitze führte, durch Ilja Kaenzig, der zuletzt Sportchef beim «Blick» war.
Von Claudia Blasimann und Markus Dütschler, Bern
«Wir wollen Erfolg, und wir wollen perfekt sein, wir orientieren uns nicht nur an Schweizer Verhältnissen.» Ilja Kaenzig, Delegierter YB-Verwaltungsrat
Der Medientermin wurde kurzfristig angesetzt im Stade de Suisse in Bern. Es gehe um «einen wichtigen Personalentscheid», ergreift Andy Rihs das Wort. Wie sein Bruder Hans-Ueli ist er Mitbesitzer der Sport- und Eventholding AG, der sowohl das Stadion wie auch die Young Boys gehören. Neben den RihsBrüdern sitzt Verwaltungsratspräsident Benno Oertig. «Wir öffnen nach der Pionierphase eine neue Türe», sagt Andy Rihs, nun strebe die Unternehmung eine stärkere Professionalisierung an. «Wir sind keine Fussballexperten», sagt er über den Verwaltungsrat, «aus Freude am Fussball haben wir ins Nationalstadion investiert».
Für den nicht anwesenden StadionCEO Stefan Niedermaier, der den Klub in den vergangenen Jahren sportlich wieder an die nationale Spitze geführt hat, muss dies ein bitterer Moment sein, den er nicht kommentieren will. «Wir trennen uns von ihm in gegenseitigem Einvernehmen», sagt Rihs. Niedermaier stehe dem Verwaltungsrat noch sechs Monate «zur Verfügung».
Eine «viel stärkere Konzentration auf den Fussball» kündigt Oertig an. Angestrebt werde eine «Professionalität, wie man sie in der Schweiz selten sieht». Man werde sich mit ausländischen Klubs messen und wolle sich bezüglich Spielertransfers, Strukturen und Kontakten zur Fussballwelt steigern. Dafür habe man erstmals den Posten eines Delegierten des Verwaltungsrats geschaffen.
Manager mit Ambitionen
Der Mann, der all das leisten soll, sitzt ebenfalls am Tisch: Ilja Kaenzig, 37-jährig. Als Manager von Bayer Leverkusen und dann als Geschäftsführer von Hannover 96 war er zehn Jahre in der Bundesliga tätig, bevor er «Blick»-Sportchef wurde. Er habe Respekt vor der grossen Erwartungshaltung, gesteht er, doch werde er bei seiner Arbeit gut unterstützt. «Es ist ein Karriereschritt, wie es ihn in der Schweiz wohl noch nie gab.» Auch Kaenzig geizt nicht mit ambitionierten Zielen: «Wir wollen Erfolg, wir wollen perfekt sein, wir orientieren uns am Weltmassstab, nicht nur an Schweizer Verhältnissen.» Das Stade de Suisse müsse weiterentwickelt werden.
Wortkarg reagieren die Verantwortlichen auf die Frage, weshalb der Bisherige, Niedermaier, offenbar diesem Anforderungsprofil nicht genüge. «Wir sagen nichts zur Trennung», so Andy Rihs. Niedermaier habe in den fünf Jahren seit der Eröffnung des Stadions 2005 viel geleistet. Er habe «die zweite Phase des Wachstums eingeläutet», die nun «positiv abgeschlossen» sei, heisst es in der Medienmitteilung. Oertig tönt am Rand der Medienkonferenz an, dass Niedermaier sein Pflichtenheft – Infrastruktur, Sicherheit und Betrieb – «hervorragend» erfüllt habe. «Aber das endet halt einmal.» Es sei eigentlich von Anfang an klar gewesen, dass der erste Abschnitt im neuen Stadion etwa fünf Jahre dauern werde. Der 48-jährige Thuner Niedermaier galt als Berner Integrationsfigur, unter der der Jahresumsatz von 28 auf 38 Millionen und die Anzahl verkaufter Saisonkarten auf 15 200 stieg. Eine unglückliche Figur machte die Stade de Suisse AG im Zusammenhang mit einem Vermarktungsvertrag, den Niedermaier vorzeitig auflöste. 2009 kam es deshalb zu einem Gerichtsprozess, den die AG vor dem Handelsgericht verlor und vor Bundesgericht ziehen wollte. Laut Thomas Wernli, Mitinhaber der betroffenen Vermarktungsagentur V+F AG, kam es vergangene Woche zu Gesprächen, die zu einer aussergerichtlichen Einigung führen sollen.
«Wie bei Bayern München»
Verwaltungsratspräsident Benno Oertig skizzierte gestern, wohin die Reise führen soll. Angestrebt wird eine Hochphase «von 20 bis 30 Jahren wie bei Bayern München». Es gebe eine Aufwärtsspirale: Mehr Erfolg spüle mehr Geld in die Kasse, und damit kaufe man wiederum bessere und teurere Spieler, was erneut mehr Erfolg bringe. Er sagt, dass das knappe Verfehlen des Meistertitels bedauerlich sei: «Wir hätten den Pokal gerne berührt.» Daran wolle man arbeiten. «Wir wollen nachhaltigen Erfolg.»