Alles anzeigenZSC-Neuzuzug Lucas Wallmark
Das Zeichen gegen Putins Krieg war ihm eine Million wert
Als Russland die Ukraine überfiel, wollte der Schwede nur noch eines: weg aus Moskau. Nun bereichert er den ZSC, weil er viel mehr ist als nur ein begnadeter Eishockeystürmer.
Kristian Kapp (TA)
Publiziert heute um 20:10 Uhr
«Mir sind Züri» statt Russland: Lucas Wallmark steht bis 2025 beim ZSC unter Vertrag. Foto: Sabina BobstLucas Wallmark war erst gerade zurück in Moskau von den Olympischen Spielen in Peking. Doch dann, am 24. Februar, als Russland die Ukraine überfiel, wollte er nur noch eines: wieder weg. Für immer. Eishockey spielte für ihn keine Rolle mehr. Auch nicht, dass sein Club ZSKA in ein paar Tagen als einer der Favoriten ins Playoff starten würde.
«Es gingen mir nur noch alle möglichen Dinge durch den Kopf, so kannst du dich auch nicht mehr auf deinen Sport fokussieren», sagt Wallmark. «Natürlich war ich nur zum Eishockeyspielen dort. Doch ich wollte kein Teil dieses Ganzen sein, ich fühlte mich nicht mehr glücklich.»
Es war natürlich bloss ein kleiner Nebenaspekt des Krieges. Doch plötzlich stand ausserhalb Russlands auch die ganze Liga im Fokus als Propagandavehikel Wladimir Putins – und damit auch alle im Playoff involvierten Spieler. Wallmarks Situation mit seinem Arbeitgeber erhielt noch eine weitere symbolische, aber unangenehme Dimension: ZSKA Moskau, das ist mit 32 Titeln nicht nur der frühere Rekordmeister der Sowjetunion, es ist auch der ehemalige Armeeclub der UdSSR mit dem Kult-Jersey und dem grossen roten Stern auf der Brust.
Der Vorwurf aus der Heimat an die Verbliebenen
Wallmark wurde beim Club vorstellig, mithilfe seines Agenten verhandelte er die Auflösung seines Vertrags, der auch noch für 2022/23 gültig gewesen wäre. Es ging um eine Millionensumme. «Ich musste dennoch nicht nachdenken», sagt der Schwede. «Was in der Ukraine passiert, ist so traurig. All die Sorgen der Leute kann man nicht vergleichen mit mir und wo ich Eishockey spiele. Ich wollte in keiner Weise mehr irgendetwas damit zu tun haben.»
Nach zwei Playoff-Spielen war man sich einig: ZSKA liess ihn ziehen. «Der Club zeigte Verständnis für meine Situation, dafür bin ich dankbar.» Wallmark hatte zwar einen «Komplizen» unter den Teamkollegen: Joakim Nordström, der mittlerweile in Davos spielt, verliess ZSKA zusammen mit ihm. Es war aber Wallmark, der schon bald öffentlich über seine Geschichte sprach und sich als einer der ersten Eishockeyspieler gegen ein Engagement in der KHL stellte.
Das ist bis heute nicht selbstverständlich. Wallmark und Nordström verliessen Russland, diverse skandinavische Spieler (wie auch viele Nordamerikaner) blieben in der KHL, spielten die Saison zu Ende. Finnen und Schweden bekamen den Druck aus der Heimat zu spüren: Wie kann man nur? Es gibt aber auch Spieler, die sich gegen solche Vorwürfe wehren. Man hörte zum Beispiel aus Minsk, dass auf die Dinamo-Spieler massiver Druck ausgeübt worden sei und sie auch nach dem Saisonende für Trainings zum Bleiben gezwungen worden seien.
Im mittlerweile eher berüchtigten Kult-Jersey des früheren Sowjet-Armeeclubs: Lucas Wallmark feiert am 29. September 2021 als Spieler von ZSKA Moskau einen Treffer gegen Sibir Nowosibirsk. Foto: Sergey Guneev (Imago Images)Mikko Lehtonen, wie Wallmark ebenfalls neu beim ZSC, sagt es so: «Es war nicht überall gleich. Bei SKA war es fast unmöglich, einfach so zu gehen.» Der finnische Verteidiger blieb bei seinem Team aus St. Petersburg, er verlor den Playoff-Final gegen ZSKA – Wallmark verzichtete also nebst viel Geld auch auf Meisterehren.
WEITER NACH DER WERBUNG
Und Wallmark machte sich wohl auch nicht nur Freunde in der Eishockeyszene mit seiner klaren und öffentlichen Meinung zum Abgang. In der kürzlich gestarteten neuen KHL-Saison finden sich nach wie vor knapp 100 Spieler, die nicht aus Russland oder anderen früheren Sowjetstaaten stammen – darunter zwar nur noch sechs Schweden und ein Finne, dafür aber 44 Kanadier. Erhält Wallmark darum auch negative Reaktionen? «Ich habe mir darüber keine Gedanken gemacht», sagt er. «Jeder denkt da anders, aber für mich persönlich war meine Entscheidung die beste.»
Der Saisonstart naht: Lucas Wallmark im Abschlusstraining des ZSC vor dem ersten NL-Spiel in Rapperswil-Jona am Mittwoch. Foto: Sabina BobstWallmark gilt in Schweden nun als jener Spieler, der als Erster seine Stimme gegen Russland erhob. Dabei ist er gar kein Lautsprecher. Seine Geschichte erzählt er in Zürich vor dem Saisonstart der ZSC Lions mit ruhiger und sanfter Stimme. Und für einen Eishockeyspieler ist er auch keine imposante Erscheinung. Mit seinen 1,80 Metern und 80 Kilogramm verkörpert er in diesem physischen Sport höchstens Durchschnitt.
Dass er sich von 2016 bis 2021 dennoch fünf Jahre lang im rauen nordamerikanischen Eishockey festsetzen konnte, lag an seiner bemerkenswerten Spielintelligenz – in seiner schwedischen Heimat nennen sie den Mittelstürmer auch den «Hockey-Denker». Gedanken, das hat sein Abgang aus Moskau gezeigt, macht sich der 27-Jährige auch über das Geschehen ausserhalb des Eishockey-Rinks.
Die Vorzüge der Schweiz
Seither ist mehr als ein halbes Jahr vergangen. Wallmark hat in der Zwischenzeit bei den ZSC Lions einen Vertrag bis 2025 unterschrieben. Natürlich war eine Rückkehr in die KHL kein Thema mehr für ihn – wie auch für Lehtonen nicht. Nun ist all das Vergangenheit, Wallmark lebt in Zürich, gemeinsam mit Ehefrau Matilda und Mops Lovis. Als er in Moskau spielte, wohnte er allein.
Er erlebt auch andere Vorzüge in der Schweiz. Nach jedem Auswärtsspiel im eigenen Bett schlafen statt im Hotel oder im Flugzeug? Das konnte er weder in Nordamerika oder Russland noch früher in Schweden, wo er im hohen Norden in Skelleftea und Lulea spielte und darum alle Gegner weit weg waren.
Der ZSC hat Wallmark als Leader geholt, er soll seinen nach Schweden zurückgekehrten Landsmann Marcus Krüger ersetzen – auf dem Eis, aber auch in der Kabine. Dass dies keine leere Phrase ist, hat er bewiesen: «Auch ich erhebe meine Stimme in der Garderobe.» Er sei immer jemand gewesen, der seine Meinung preisgebe. «Ich will auch, dass sich alle Teamkollegen an den Diskussionen beteiligen, dass sich dann auch jeder gut fühlt. Das war in jeder erfolgreichen Mannschaft, in der ich spielte, der Fall.»
Die ZSC Lions haben zwar keinen Lautsprecher geholt. Aber einen Spielmacher und Leader, auf den alle hören werden.
Spannender Bericht. Bin gespannt ob er sein Potential bzw. seine Hockey Denker Qualitäten umsetzen kann. Dann werden wir viel Freude haben.



